Wechselnd zwischen einer realen Reise, deren Episoden vielen Zeitsprüngen unterworfen sind, und der fiktiven Reise Laurentinas und ihrer Begleiter Mandume, Bartolomeu und Pouca Sorte, die sich zwar chronologisch entwickelt, dafür aber aus stets wechselnden und nicht immer (sofort) erkennbaren Perspektiven erzählt wird, unternimmt der Leser seine eigene Reise durch das südliche Afrika, von Angola über Namibia und Südafrika nach Mosambik. Dabei gelingen Agualusa immer wieder ganz wunderbare Passagen, mit denen er die Atmosphäre in Luanda genauso einzufangen vermag wie die nicht immer einfachen Beziehungen seiner Protagonisten untereinander. Allerdings stehen auch einige Episoden derart unverbunden neben der Geschichte, daß man sich schon fragt, was sie in diesem Roman verloren haben.
Überhaupt ist die Konzeption des Romans seine größte Schwäche, was sich an mehreren Punkten zeigt, die aber wohl zum Teil auch der Übersetzung anzulasten sind. Da wäre als erstes die Unterteilung in vier größere Abschnitte zu nennen, die in der deutschen Übersetzung, nicht aber im portugiesischen Original, mit Tempi-Bezeichnungen der klassischen Symphonie versehen sind. Dies ist doppelt ärgerlich, da es zum einen mit dem inneren Rhythmus der Erzählung nichts zu tun hat, zum anderen auf Faustinos Musik auch nicht paßt, da dieser eher im Jazz-Umfeld spielte. Kann man dies noch einigermaßen ignorieren, so sind die Häppchen, die Agualusa ansonsten präsentiert, oftmals leider nicht mehr als das: Appetithäppchen, die ein größeres Thema ahnen lassen, den Leser aber mit den paar Brocken alleine lassen. Der rote Faden, der sich durch Faustino im fiktiven Teil ergibt, ist dann doch eher dünn, und er gewinnt auch nicht an Bedeutung dadurch, daß er Dopplungen im realen Strang erfährt. So bleibt ein Bild, das aus vielen, nur bedingt einander ergänzender Puzzleteile besteht, so verwirrend und unbeständig, wie sich die von der Reise berührten Länder auch selbst dem Betrachter darstellen. Das hat durchaus seinen Charme, wird aber unter der Vielzahl der begleitenden Themen, am Ende kommen gar noch Kinderprostitution und die IRA (ja, genau die aus Nordirland) ins Spiel, etwas verschüttet.
Das ist ärgerlich, denn hätte sich Agualusa auf die Identitätsfragen konzentriert, die er in seinen vier Protagonisten angelegt hat, dann hätte es ein richtig spannendes Buch werden können. Schließlich bietet er schon verschiedene Positionen an: Mandume, angolanisch-stämmig, der seine Wurzeln negiert und sich ausschließlich als Portugiesen sieht, mit entsprechend „europäischem“ Blick auf das Heimatland seiner Eltern; Laurentina, auch in Portugal aufgewachsen und sozialisiert, aber mit einem vertieften Interesse daran, ihr afrikanisches Erbe wahrzunehmen, zu verstehen und für sich nutzbar zu machen; Bartolomeu, Angolaner mit Blick für sein Land, aber nicht davon frustriert; Pouca Sorte, mit weitgespannter Erfahrung auch aus anderen Ländern des südlichen Afrika, aber eher schulterzuckend alles betrachtend, was seine unmittelbaren Interessen nicht berührt. Aus dieser Konstellation ergeben sich genügend Reibungspunkte, die hier aber in ein paar kleineren Streitereien zwischen Mandume und Bartolomeu ihren maximalen Ausdruck finden. Schade, hier wurde eindeutig Potential verschenkt. Die Bewertung ist daher mehr von Agualusas Stil getragen, den ich gerne mag, in Teilen vom Inhalt, praktisch gar nicht von der Umsetzung.

Schönen Gruß
Aldawen