So da bin ich wieder.
Mittlerweile bin ich beim Buch "Wasserman" angelangt, aber zuerst nochmal zum Teil Bruno Kapitel 9.
Der Messias. Bruno Schulz hat diese Geschichte geschrieben, aber wenn ich es richtig verstanden habe, wurde sie nie veröffentlicht.
Der junge Bruno zeigt Neumann was geschieht, wenn der Messias kommt. Allen wird die Erinnerung genommen, sozusagen die Festplatte gelöscht und sie fangen bei Null an. Ohne Vergangenheit und vor allem ohne Bindungen aneinander. Bindungen werden immer wieder auf's neue eingegangen, aber sie haben keinen Bestand. Nichts hat Kontinuität, an nichts kann / muss man sich gewöhnen, denn es gibt nur das jetzt und die Zunkunft - und da wäre wieder das Thema Bindung, welches auch in Momiks Familie das große Problem darstellt. Warum will der Vater zu Momik und Momik zu seinem Sohn keine Bindung und Nähe aufkommen lassen. Weil Bindungen uns schwach und verletzlich machen. Emotionale Bindungen an Menschen machen uns sogar erpressbar. Ohne Bindungen sind wir frei nur - ich frage mich, was dann das reizvolle am Leben ist, wenn man keinen Punkt hat zu dem man kommen kann um zu Hause zu sein. Ist es es wert, nie Bindungen aufkommen lassen aus Angst davor, daran zu Grunde zu gehen, wenn sie gewaltsam getrennt werden? Ist es nicht eher so, dass wahre Nähe zu einem geliebten Menschen, unabhängig davon ob es sich um Eltern und Kind, Frau und Mann oder Bruder und Schwester handelt, das Leben einzig lebenswert machen.
Ich frage mich, wie sehr man gelitten haben muss, um dieses riesige Opfer zu bringen, auf Liebe zu verzichten.
Das folgende Buch "Wasserman" ist wieder sehr viel klarer geschrieben.
Einerseits ist es sehr erholsam, nach dem Abschnitt Bruno nun wieder ganze Abschnitte zu lesen, ohne sich den Kopf darüber zu zermatern welcher Metapher sie wohl entsprechen, aber andereseits ist diese Buch um so schreckender auf Grund seiner klaren, direkten und absolut schonungslosen Worte.
Anschel lernt den Nazi Neigel kennen. Zumindest der Grund für das kennen lernen der beiden Menschen ist eher mysteriös, verwirrend.
Anschle kann anscheinend nicht sterben, bzw getötet werden. Auf welceh Art auch immer man versuchte ihn umzubringen, er stirbt nicht. Auch dann nicht, als Neigel ihm die Pistole an den Kopf hält und abdrückt. Nichts geschieht, nichteinmal eine Wunde.
Während ich es las, dachte ich "Oh, was soll das nun wieder bedeuten. Ist es genauso zu sehen, wie es geschrieben steht, nämlich dass da ein Mensch ist, dem man nicht das körperliche Leben nehmen kann, oder steht etwas zwischen den Zeilen?"
Ich habe gerade an diesem ersten Kapitel wieder erkannt, dass ich dieses Buch nicht in "einem Rutsch" lesen kann. Anscheinende brauche ich nach jedem Kaputel ein wenig Zeit um es wirken zu lassen, darüber nachzudenken und immer öfter kommen ganz spontan Gedanken dazu, so auch hier.
Ich denke es ist nicht der Körper Brunos , nein ich meine Anschel (jetzt werde ich schon genauso verwirrt wie Momik), welcher nicht getötet werden kann. Es ist das was den Menschen Anschel ausmacht, bzw. das was jeden Menschen ausmacht, nämlich das was er hinterlässt durch seine reine Existenz. Jeder Mensch hinterlässt Spuren. Man kann einen Menschen töten, aj sogar ein ganzes Volk, aber man kann nicht die Erinnerung daran töten. Aus diesem Grund werden die Bestien letztendlich nie einen kompletten "Sieg" erreichen. Der mnsch hinterlässt Spuren, die ihn unvergessen machen und somit seine Seele am leben erhalten.
So auch bei Anschel. Was ist es, was Anschel ausmacht? Macht Anschel etwas aus? Ja und zwar in einem solchen Ausmaß, dass es sogar Neigel nicht abstreiten kann. Anschel hat Spuren hinterlassen und zwar sehr eindrückliche. So eindrücklich, dass die Nazibestie ihre Kindheit, sogar die positiven Seiten der Kindheit mit Anschel verbindet. Anschels Geschichten war ein Bestandteil von vielen Kindern, auch dem Kind Neigel. Es ist etwas in Neigel selbst, dass verhindert, dass Anschel getötet werden kann und das ist das einerseits skurrile aber auch völlig logische an der Sache.
Und .... Neigel selbst erkennt es, ja er gibt es in gewisser Weise sogar zu. Anschel selbst hat ihn in seinen frühen Lebensjahren sehr beeinflusst, positiv beeinflusst. Ein Mensch, der jetzt von diesem ehemaligen Kind getötet werden soll, weil man Anschel jetzt auf einmal als wertlosen, überflüssigen verabscheungswürdigen Menschen hält.
Allein die Vorstellung, dass sämtliche Diktatoren, Mörder und sadistischen Menschen einst unschuldige, liebe, vielleicht sogar süße entzückende Kinder waren, ist für uns oftmals unbegreiflich.
Ich habe schon Angst davor zu erfahren, was aus Sara und Anschels Tochter Tirza geworden ist. Man ahnt es schon, aber wenn man ehrlich ist, würde man vielleicht doch wünschen, Grossman wäre wie Momiks Eltern, würde es verschweigen und uns mit diesem Schweigen davor zu bewahren, die grausame Wahrheit zu erfahren.
Ich werde heute nicht mehr weiter lesen, sondern erst morgen abend wieder. Wie gesagt, dieses Buch kann ich nicht vor dem schlafen lesen, denn ich befürchte, es würde mich die gesamte Nacht innerlich nicht zur Ruhe kommen lassen.
Mich würde interessieren, wie Du Saltanah den Teil Messias siehst und natürlich auch das eben beschriebene Kapitel.
Liebe Grüße Tina