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Autor Thema: David Grossman - Stichwort: Liebe  (Gelesen 1716 mal)

tina

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Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #15 am: 11. Dezember 2010, 21:49:31 »

Ich habe jetzt das Kapitel 7 beendet.

Momik ist wieder in Israel und es ist einige Zeit vergangen. Er führt weiterhin seine Gespräche mit dem Meer und er ist mittlerweile Vater eines Sohnes.
Ich empfinde es erschütternd wie er sich seinem Kind gegenüber verhält. Er scheint die selbe Fehler zu machen wie vor vielen Jahren seine Eltern. Er kann einfach nicht mit der Vergangenheit seiner Eltern abschließen und nicht akzeptieren, dass das Naziregime nicht mehr existent ist. Die Shoa unter welcher seine Familie litt hat immer noch Einfluss auf sein gesamtes Leben. Sie steht sogar im Mittelpunkt seines Lebens. Anstatt froh zu sein, dass er und seine Familie nun in Frieden und Freiheit leben können, erwartet er nur das fürchterlichste vom Leben. Natürlich darf man den Holocaust nicht vergessen, aber er darf nicht jede Minute des Lebens beeinflussen.
Er zerstört seine Familie und die Chance sein Leben zu genießen. Am schlimmsten ist es, dass er keinerlei Nähe zu seinem Sohn zulassen kann oder will, weil er es nicht ertragen könnte zu leiden, wenn dieser im gewaltsam entrissen würde. Es ist sein Bestreben ihn emotional abzuhärten um ihn gegen potentielle Gegner zu wappnen. Leider ist dies der von grundauf verkehrte Weg nur ist er so besessen, dass er weder auf Verstand noch Familie hört.
Leider ist er generell nicht der Meinung seiner Familie aufgeschlossen und zieht stattdessen die "Meinung" des Meeres vor, welche wohl nur seine eigene wiederspiegelt.
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Saltanah

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Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #16 am: 12. Dezember 2010, 19:41:59 »

 :winken:

Bei mir ist auf der Arbeit mal wieder die Hölle los, so dass ich total erschöpft kaum zum Lesen und schon gar nicht zum Schreiben komme. Bevor ich gleich wieder los muss, werde ich aber doch versuchen, meine Gedanken zum 2. Teil wiederzugeben.

Ich habe ihn ja mit ziemlicher Faszination gelesen, aber verstanden habe ich ihn nicht wirklich. Vor allem ist mir unklar, wieso ausgerechnet Bruno Schulz eine so tragende Rolle bekommen hat. Das kann aber daran liegen, dass Schulz für mich bisher nur ein Name ist; wahrscheinlich muss man seine Geschichten kennen und mehr über sein Leben wissen, um zu verstehen, wieso Grossman ihn gewählt hat. Ich bin gespannt, was du zu den "Zimtläden" sagen wirst, Tina.

Auch wieso Schulz nun in einem Lachsschwarm durch die Meere schwimmt, ist mir nicht klar. Was soll das symbolisieren? Lachse = Menschheit, Meer = Welt? Oder Lachse = das jüdische Volk, das in der gesamten Welt beheimatat ist? Dazu passt aber nicht ganz, dass Guruk, der Hitlerlachs, der große Teile des Schwarmes verführt und dazu bringt, seine Nachbarn anzugreifen, ja einer von ihnen ist. Die Bedrohung kommt also nicht von außen, sondern von innen. Also doch Schwarm = gesamte Menschheit. Oder aber: die Nazibestie steckt in uns allen drin, wir alle könnten, wenn wir uns nicht dagegen wehren, von einem Demagogen verführt werden und zu blutrünstigen Monstern werden, gefeiht ist niemand, auch die "Guten" nicht - also eine Warnung auch an Grossmans israelische Landsleute.

Brunos neue Flossen (bekam er nicht auch Kiemen?) müssten ja eigentlich bedeuten, dass er seinen Platz gefunden hat. Ich meine gelesen zu haben - ob in diesem Buch oder im Nachwort zu Schulz eigenen weiß ich nicht mehr - dass er eine Außenseiterposition besaß und auch zu seinen jüdischen Mitmenschen ziemliche Distanz hatte. Nun hat er unter den Lachsen (Menschen) einen gleichberechtigten Platz gefunden. Nein - das überzeugt mich nicht. Vor allem passt dazu nicht, dass er sich später (S. 222) ja vom Schwarm, dem "wir" frei kämpft und ein eigenes "Ich" wird. Er lässt sich nicht mehr vom Schwarm lenken sondern bestimmt selbst über sich.

Kapitel 7 ist wirklich hart. Das Erbe des Holocaust, das Momik nun an Jariv weitergibt, wir hier sehr deutlich. Ich kann nachvollziehen, dass er so geworden ist, aber weniger tragisch, für ihn, wie auch für seine Familie und besonders seinen Sohn, wird es dadurch nicht.
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tina

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Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #17 am: 12. Dezember 2010, 23:31:33 »

Hallo Saltanah,

Ich habe jetzt Bruno Kapitel 8 beendet. Ich merke, dass ich dieses Buch nur in kleineren Etappen lesen kann, da es so viel zum nachdenken gibt. Ich habe mittlerweile "Die Zimtläden" gelesen, aber sehr viel weiter hat es mich nicht gebracht. Die Zimtläden haben meiner Ansicht nach einen sehr kafkahaften Touch. Teilweise sehr surreal. Zumindest kann ich mir ein Bild von Adele und ihren Pantöffelchen und dem Vater (der Tuchhändler) machen und auch warum Bruno Droschken malt. Auch die Korodilzähne erklären sich damit. Die Zimtläden sind wohl auch in einigen Bereichen fast biographisch. Mit dem Meer (was meine Hoffnung war) haben die Zimläden allerdings nicht ansatzweise zu tun.

Allerdings wurden mir aufgrund des Nachwortes, seitens des Herrausgebers, einige Dinge klar; zumindest glaube ich das.

Bruno Schulz und Anschel Wasserman haben einiges gemeinsam. Sie erlebten den Holocaust, beide kamen aus Osteuropa und was die wesentliche GEmeinsamkeit ist: Beide hatten mit einem ganz "persönlichen" Nazi zu tun. Anschel Wasserman, so wird ja am Beginn des Buches im Teil Momik angedeutet, war wohl so eine Art "Shehrazde". Er überlebte, weil er wohl unter dem "Schutz" eines Nazis stand, welchem er Geschichten erzählte, die diesem wohl gefielen. Bruno Schulz hatte eine ähnliche Beziehung. Allerdings erzählte er keine Geschichten, sondern er malte. Bruno Schulz war auch vorrangig Maler und nicht Schriftsteller. Allerdings hatte er nicht so viel Glück, wie Anschel. Der Nazi (SS-Hauptscharführer Landauer) für welchen er Fresken in seiner Villa malte hatte einen Feind, einen Gestapo Mann namens Günther, welcher Bruno Schulz am 19.November 1942 auf der Straße erschoss und anschließend zu Landauer ging mit den Worten "Ich habe Deinen Juden erschossen" )

In meinem Buch gibt es immer wieder Absätze die mit -- gekennzeichnet sind. Das sind die Stellen, an welcher die Geschichte von Bruno dem Fisch unterbrochen wird für einen Übergang in die reale Welt. Allerdings ist es einmal ein Gespräch zwischen Bruno und Landauer, dann wieder ein Gespräch zwischen Momik und dem Meer.
Mich verwirren auch die rasanten Ortswechsel zwischen Polen, dem Meer an sich und Tel Aviv.
Momi erzählt dem Meer die Geschichte von Bruno, welche Anschel dem Nazi erzählt. Also quasi eine Geschichte der Geschichte.

Ich denke dieser Teil ist so verworren, weil auch Momik innerlich so verwirrt und ruhelos ist. Vielleicht soll der Aufbau dieses Teils den Zustand von Momiks Seele verdeutlichen.

OK, ich gebe zu es sind viele "Vielleichts".


Auch wieso Schulz nun in einem Lachsschwarm durch die Meere schwimmt, ist mir nicht klar. Was soll das symbolisieren? Lachse = Menschheit, Meer = Welt? Oder Lachse = das jüdische Volk, das in der gesamten Welt beheimatat ist? Dazu passt aber nicht ganz, dass Guruk, der Hitlerlachs, der große Teile des Schwarmes verführt und dazu bringt, seine Nachbarn anzugreifen, ja einer von ihnen ist. Die Bedrohung kommt also nicht von außen, sondern von innen. Also doch Schwarm = gesamte Menschheit. Oder aber: die Nazibestie steckt in uns allen drin, wir alle könnten, wenn wir uns nicht dagegen wehren, von einem Demagogen verführt werden und zu blutrünstigen Monstern werden, gefeiht ist niemand, auch die "Guten" nicht - also eine Warnung auch an Grossmans israelische Landsleute.


Lachse haben ja auch die Angewohnheit sich gemeinsam zum Laichen an den Ort ihrer Geburt zu begeben. Da diese Reise sehr anstrengend ist, überleben es die meisten Lachse nicht. Sie gehen also gemeinsam in den Tod. Nur ganz wenige wirklich Starke schaffen diese Reise zweimal. Das war die Metapher, welche mir direkt durch den Kopf ging.

Also dieses Buch ist definitv keine leichte Kost. Ich kann es auch nur lesen, wenn ich wirklich Ruhe habe und das geht nur abends, wenn die Maus im Bett ist. Allerdings kann ich es auch nicht direkt vor dem schlafen lesen, denn Geschichte beschäftig mich so sehr, dass ich mit meinen Gedanken momikmäßig nicht zur Ruhe kommen würde. Also, wie gesagt, ich lese in kleinen Etappen, aber da Du, wenn ich es Recht in Erinnerung habe sowieso einige Zeit in Deutschland bist und auch mit dem Buch noch nicht fertig, sollten wir uns nicht hetzen.

Ich werde morgen wohl mit dem Teil "Wasserman" anfangen und dann mehr schreiben.

:winken:

Bei mir ist auf der Arbeit mal wieder die Hölle los, so dass ich total erschöpft kaum zum Lesen und schon gar nicht zum Schreiben komme.

Oh, Du arme Leidensgenossin. Bei mir geht es ab morgen wieder rund. Aufgrund des Wetters stapeln sich die Patienten in der Unfallchirurgie und somit auch im OP-Programm, welches an solchen Tagen open end ist. Routineprogramm bis Mitternacht, dannach die Notfälle. Zum Glück sind auch 24 Stunden irgendwann Mal vorbei. Schon Skurril mit welchen Gedanken man anfängt sich zu trösten.  :zwinker:

 :winken: Liebe Grüße Tina
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Saltanah

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Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #18 am: 13. Dezember 2010, 03:09:14 »

Lachse haben ja auch die Angewohnheit sich gemeinsam zum Laichen an den Ort ihrer Geburt zu begeben. Da diese Reise sehr anstrengend ist, überleben es die meisten Lachse nicht. Sie gehen also gemeinsam in den Tod. Nur ganz wenige wirklich Starke schaffen diese Reise zweimal. Das war die Metapher, welche mir direkt durch den Kopf ging.

Manchmal stehe ich wirklich auf dem Schlauch. Das Gemeinsam-in-den-Tod-Gehen erinnert natürlich stark an die Vergasung der Juden. Andererseits löst sich Bruno am Ende ja von dem Schwarm, geht nicht bis in den Tod mit den anderen. Lebt Bruno Schulz vielleicht weiter durch seine Werke? Ich möchte nämlich auch eine Verbindung zu den Künstlergedanken zu Beginn dieses Teils herstellen.


Zitat
Bei mir geht es ab morgen wieder rund.

Ach je, du Ärmste. Bei mir hat es sich heute nacht zum Glück etwas beruhigt und ich habe doch tatsächlich Zeit, mal ins Forum zu gucken. Das kam letzte Woche nicht vor.
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Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #19 am: 14. Dezember 2010, 00:51:32 »

So da bin ich wieder.

Mittlerweile bin ich beim Buch "Wasserman" angelangt, aber zuerst nochmal zum Teil Bruno Kapitel 9.
Der Messias. Bruno Schulz hat diese Geschichte geschrieben, aber wenn ich es richtig verstanden habe, wurde sie nie veröffentlicht.
Der junge Bruno zeigt Neumann was geschieht, wenn der Messias kommt. Allen wird die Erinnerung genommen, sozusagen die Festplatte gelöscht und sie fangen bei Null an. Ohne Vergangenheit und vor allem ohne Bindungen aneinander. Bindungen werden immer wieder auf's neue eingegangen, aber sie haben keinen Bestand. Nichts hat Kontinuität, an nichts kann / muss man sich gewöhnen, denn es gibt nur das jetzt und die Zunkunft -  und da wäre wieder das Thema Bindung, welches auch in Momiks Familie das große Problem darstellt. Warum will der Vater zu Momik und Momik zu seinem Sohn keine Bindung und Nähe aufkommen lassen. Weil Bindungen uns schwach und verletzlich machen. Emotionale Bindungen an Menschen machen uns sogar erpressbar. Ohne Bindungen sind wir frei nur -  ich frage mich, was dann das reizvolle am Leben ist, wenn man keinen Punkt hat zu dem man kommen kann um zu Hause zu sein. Ist es es wert, nie Bindungen aufkommen lassen aus Angst davor, daran zu Grunde zu gehen, wenn sie gewaltsam getrennt werden? Ist es nicht eher so, dass wahre Nähe zu einem geliebten Menschen, unabhängig davon ob es sich um Eltern und Kind, Frau und Mann oder Bruder und Schwester handelt, das Leben einzig lebenswert machen.
Ich frage mich, wie sehr man gelitten haben muss, um dieses riesige Opfer zu bringen, auf Liebe zu verzichten.

Das folgende Buch "Wasserman" ist wieder sehr viel klarer geschrieben.
Einerseits ist es sehr erholsam, nach dem Abschnitt Bruno nun wieder ganze Abschnitte zu lesen, ohne sich den Kopf darüber zu zermatern welcher Metapher sie wohl entsprechen, aber andereseits ist diese Buch um so schreckender auf Grund seiner klaren, direkten und absolut schonungslosen Worte.
Anschel lernt den Nazi Neigel kennen. Zumindest der Grund für das kennen lernen der beiden Menschen ist eher mysteriös, verwirrend.
Anschle kann anscheinend nicht sterben, bzw getötet werden. Auf welceh Art auch immer man versuchte ihn umzubringen, er stirbt nicht. Auch dann nicht, als Neigel ihm die Pistole an den Kopf hält und abdrückt. Nichts geschieht, nichteinmal eine Wunde.
Während ich es las, dachte ich "Oh, was soll das nun wieder bedeuten. Ist es genauso zu sehen, wie es geschrieben steht, nämlich dass da ein Mensch ist, dem man nicht das körperliche Leben nehmen kann, oder steht etwas zwischen den Zeilen?"

Ich habe gerade an diesem ersten Kapitel wieder erkannt, dass ich dieses Buch nicht in "einem Rutsch" lesen kann. Anscheinende brauche ich nach jedem Kaputel ein wenig Zeit um es wirken zu lassen, darüber nachzudenken und immer öfter kommen ganz spontan Gedanken dazu, so auch hier.

Ich denke es ist nicht der Körper Brunos , nein ich meine Anschel (jetzt werde ich schon genauso verwirrt wie Momik), welcher nicht getötet werden kann. Es ist das was den Menschen Anschel ausmacht, bzw. das was jeden Menschen ausmacht, nämlich das was er hinterlässt durch seine reine Existenz. Jeder Mensch hinterlässt Spuren. Man kann einen Menschen töten, aj sogar ein ganzes Volk, aber man kann nicht die Erinnerung daran töten. Aus diesem Grund werden die Bestien letztendlich nie einen kompletten "Sieg" erreichen. Der mnsch hinterlässt Spuren, die ihn unvergessen machen und somit seine Seele am leben erhalten.
So auch bei Anschel. Was ist es, was Anschel ausmacht? Macht Anschel etwas aus? Ja und zwar in einem solchen Ausmaß, dass es sogar Neigel nicht abstreiten kann. Anschel hat Spuren hinterlassen und zwar sehr eindrückliche. So eindrücklich, dass die Nazibestie ihre Kindheit, sogar die positiven Seiten der Kindheit mit Anschel verbindet. Anschels Geschichten war ein Bestandteil von vielen Kindern, auch dem Kind Neigel. Es ist etwas in Neigel selbst, dass verhindert, dass Anschel getötet werden kann und das ist das einerseits skurrile aber auch völlig logische an der Sache.
Und .... Neigel selbst erkennt es, ja er gibt es in gewisser Weise sogar zu. Anschel selbst hat ihn in seinen frühen Lebensjahren sehr beeinflusst, positiv beeinflusst. Ein Mensch, der jetzt von diesem ehemaligen Kind getötet werden soll, weil man Anschel jetzt auf einmal als wertlosen, überflüssigen verabscheungswürdigen Menschen hält.
Allein die Vorstellung, dass sämtliche Diktatoren, Mörder und sadistischen Menschen einst unschuldige, liebe, vielleicht sogar süße entzückende Kinder waren, ist für uns oftmals unbegreiflich.

Ich habe schon Angst davor zu erfahren, was aus Sara und Anschels Tochter Tirza geworden ist. Man ahnt es schon, aber wenn man ehrlich ist, würde man vielleicht doch wünschen, Grossman wäre wie Momiks Eltern, würde es verschweigen und uns mit diesem Schweigen davor zu bewahren, die grausame Wahrheit zu erfahren.

Ich werde heute nicht mehr weiter lesen, sondern erst morgen abend wieder. Wie gesagt, dieses Buch kann ich nicht vor dem schlafen lesen, denn ich befürchte, es würde mich die gesamte Nacht innerlich nicht zur Ruhe kommen lassen.

Mich würde interessieren, wie Du Saltanah den Teil Messias siehst und natürlich auch das eben beschriebene Kapitel.

Liebe Grüße Tina
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Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #20 am: 15. Dezember 2010, 23:49:04 »

Hallo,

ich bin jetzt mitten im 5. Kapitel von Wasserman und ich kann nicht mit dem schreiben warten, bis es zu Ende ist. Die Kapitel sind sehr lang und es gibt mittlerweile so viel was es dazu zu sagen gibt.

Wasserman beginnt Neigel seine Geschichte von den "alten Kindern des Herzens" zu erzählen. Man erfährt zu Beginn, dass Wasserman einen Plan hat, aber nicht welchen, doch ich ahne es. Er will mit dieser Geschichte etwas bewirken oder zumindest beweisen. Er möchte beweisen, dass Neigel (und er möchte es ihm selbst beweisen) ein Herz hat, Mitgefühl. Er hofft daran rühren zu können um etwas zu verändern.

Wasserman nutzt es aus, dass Neigel so versessen ist auf diese Geschichte. Er hat ihn, die Nazibestie, in gewisser Weise in der Hand, aber er muss vorsichtig, geschickt agieren. Zuerst sucht Wasserman nach allen Informationen, welche er sich irgendwie von Neigel beschaffen kann. Informationen privater Art. Er weiß, dass Neigel eine Frau und zwei Kinder hat. Also muss er vermuten, dass auch dieser Mensch Liebe oder Zuneigung empfinden kann.
Man bekommt den ersten Eindruck, als Wasserman in seiner Geschichte das Baby auftauchen läßt.
Es geht um den Duft, den Babys haben.

"Und der Arzt atmete diesen süßen Duft ein, der einzigartig ist auf der Welt." Neigel bestätigt mit einem Kopfnicken, dass auch er diesen unvergleichlichen, unnachahmlichen Duft kennt, und Wasserman klagt: "Wie eine Versengung traf dieser Duft sein Herz. Der Verband wurde abgerissen von der alten Wunde, die noch immer blutete." Und Neigel, nach einem Augenblick des Schweigens: "Schau mich nicht so an. Ich will dir etwas erzählen. Ich weiß schon jetzt, dass du das auf deine jüdische Art gegen mich verwenden wirst, aber das ist mir egal: Als mein Karl geboren wurde und ich auf Urlaub nach Hause kam, schlich ich mich jede Nacht leise an sein Bettchen, um ihn zu riechen. Es war, als liefen mir Ameisen über den Rücken." Und Anschel Wasserman: "Ich wußte es."

Dieser Abschnitt kommt, nachdem Wasserman erzählte was mit seiner Tochter geschah. Einem kleinen Kind. Zwei Jahre alt. Eigentlich erzählt er es nicht. Er deutet an, aber das alleine reicht schon aus. Man sieht es vor dem inneren Auge und es ist auch nicht in Worte zu fassen. Es gibt keine Worte, die es be- oder umschreiben können, so unfassbar ist es immer wieder.
Ich habe mich schon immer mit dem Thema Holocaust beschäftigt, aber jedes Mal, immer wieder auf's Neue muss ich feststellen, dass es immer wieder die selbe Fassungslosigkeit auslöst, das selbe Herzrasen, die selbe Übelkeit. Die Mord an Menschen und selbst an kleinsten Kindern, kalt, skrupellos entmenscht. Das Entsetzen läßt niemals nach, unabhängig davon, wie oft ich es lese und mich damit beschäftige.
Gerade das Unvermögen der Holocaustopfer an einem gewissen Punkt weiter zu reden, dieses fürchterliche Schweigen, weil die Worte fehlen und jedes Wort auch unangebracht erscheint, all das Grauen zu benennen, weil jedes Wort der Sprache zu gering, zu unbedeutend erscheint für das entsetzlichste was einem Menschen, einer Familie wiederfahren kann. Allein der Ausdruck in den Augen eines solchen schweigenden, der Worte nicht mehr zu sprechen fähigen, Menschen läßt nur annähernd erahnen was die Seele zerreißt.

Wie kann ein Mensch, der eine Frau hat die er liebt, Kinder die sein ein und alles sind, dem der Geruch seinen Babys eine wohlige Gänsehaut vermittelt, wie kann solch ein Mensch zu einer Bestie werden und selbst Kinder und erwachsene Menschen ermorden auf grausamste Weise? Wieso? Wie kann so etwas geschehen? Wie kann jemand, der zu solchen Taten fähig ist, fähig sein zu leben und seine Kinder anzusehen?
Für mich gibt es darauf keinen Antwort, weil ich mir gar keine Antwort darauf vorstellen kann, die solches Verhalten erklären könnte.

Ich gestehe dass ich froh bin, wenn dieses Kapitel zu Ende ist und ich zu meinem anderen Buch greifen kann. Wie gut geht es mir. Die Gefangenen in den Vernichtungslagern hatten keine Chance nach einem "Kapitel" eine Pause einzulegen. Sie mussten sich jede Sekunde ihres verbleibenden Lebens damit konfrontieren. Nichts kann grausamer sein.



« Letzte Änderung: 15. Dezember 2010, 23:52:35 von tina »
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Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #21 am: 16. Dezember 2010, 00:33:45 »

Noch ein Zitat aus dem Buch:

[... und Neigel, die Worte verschluckend: "Du hast bestimm auch Kinder, eh, Wasserman?" Wasserman senkt die Augen auf sein Heft, eine weiße Peitsche saust über sein Gesicht. ("Esau wußte nicht, dass ermir mit dieser Frage glühende Kohlen auf die Brust legte.") "Ein Mädchen, Euer Ehren", antwortete er schließlich. "Ich frage; weil man diese Dinge nur wissen kann, wenn man selbst Kinder hat." "Ihr habt zwei, sagtet ihr." "Ja. Karl undLeise. Kral ist dreieinhalb, Lieselotte zwei Jahre alt. Beides Kreigskinder." Und nach kurzem Nachdenken: "ich komme kaum dazu, sie zu sehen."...]

Kann Neigel wirklich vergessen haben, mit wem er sich da unterhält? Kann er wirklich vergessen haben, dass seine Männer Wassermans zweijähige Tochter vor seinen Augen erschossen haben?

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Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #22 am: 17. Dezember 2010, 12:45:43 »

Hallo,

ich habe das Buch Wasserman gestern beendet. Wasserman ließ das Baby in seiner Geschichte sterben, nach dem Neigel mithalf es zu "kreiren". Auf auf bitten Neigels hin, ließ sich Wasserman von diesem Vorhaben, dem Baby seiner Geschichte ein vorzeitiges Ende zu setzen, nicht abhalten. Es eskaliert, als Neigel Wasserman fast panisch anschreit: "Wehe Du rührst dieses Kind an!" Dies geschieht, nachdem Neigel durch Wasserman beiläufig erfuhr, dass seine kleine Tochter in seinem Lager ermordet wurde.
Wasserman hat ihn (fast) da, wo er ihn haben möchte.
Das Buch endet damit, als das Baby sagt "pa-pa"

Die eigentliche Geschichte endet hier, mit dem Buch Wasserman.
Nach wie vor fällt es mir schwer das Buch Bruno in irgendeinen sinnvollen Zusammenhang zu der Geschichte Anschel Wassermans zu bringen. Die verworrenen Geschichte aus dem Buch Bruno sind für mich nicht wirklich klarer geworden.

Nun kommt der letzte Teil mit dem Titel:

Das Leben Kasiks, mit Sitchwörtern enzyklopädisch erfasst.


Die Kinder des Herzens werden gleichgesetzt mit Partisanen, was sie ja auch letztendlich sind.
Interessant ist der Eintrag unter dem Stichwort Pistole:

Neben der allgemeinen Beschreibung dieser Handfeuerwaffe kommt in einem weiteren Absatz dazu:

[... 1. Die Schußwaffe mit der sich Neigel nach der Rückkehr aus seinem Urlaub im Schoße seiner Familie in München das Leben nahm. ..]

Auch das Stichwort Verrat verrät noch ein wenig über Wasserman und Neigel:

[..Neigel verwendet den Begriff immer öfter, je weiter die Geschichte, die Wasserman ihm erzählt, fortschritt.... Nach seiner Darstellung hatte Wasserman ihm verraten, da er erst in einem sehr späten Stadium "und noch dazu, nachdem du mich derart in die Geschichte verwickelt hast!" von dem Schriftsteller erfahren hatte, dass die Kinder des Herzens diesmal gegen die Nazis kämpften. ...]

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Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #23 am: 19. Dezember 2010, 16:14:16 »

Hallo,

mittlerweile bin kurz vor dem Ende des Buches. Soeben habe ich den Abschnitt Kasik - Plagiat beendet und nach und nach erfährt man immer mehr auch von Neigel und zwar seiner privaten Seite.
Die Geschichte wird von Wasserman weitererzählt und Neigel gerät immer mehr hinein. Im letzten Kapitel enthüllt sich, dass Neigel Wassermans Geschichte seiner Frau in seinen zahlreichen Briefen erzählte. Was Wasserman richt bestürzte war, dass Neigel dieses Geschichte als seine eigene ausgab. Seiner Frau Christine erzählte er, Wasserman sei tot und er versucht mit dieser Geschichte, welche er als seine eigene ausgibt seine Ehe zu retten. Hier erfahren wir, dass Christine eine Frau ist, die sich mit fortschreiten des nationalsozialistischen Terrors von ihrem Mann getrennt hat. Neigel kann nach wie vor seine Kinder sehen, aber Christine will nichts mehr mit ihm zu tun haben, einem Mann, an dessen Händen Blut klebt und sie erahnt noch nicht einmal ansatzweise wie viele Menschen Neigel ermordet hat.
Christine verehrt gebannt Schriftsteller wie Thomas Mann und ist wie es scheint ein sehr sensibler pazifistischer Mensch. Sie hegt wohl die Hoffnung, dass Neigel sich auf Grund der Geschichte geändert hat. Für Neigel ist es nach wie vor unverständlich, dass seine Frau nicht versteht, wie wichtig seine "Arbeit" ist.
Das sind Momente, die wir selbst nicht begreifen können. Ich denke immer nur "Wie kannst Du nur...", wohl wissend das Neigel einerseits eine fiktive Figur ist, andererseits aber auch nicht, denn genau solche Menschen gab es und sie haben Millionen von Juden, Zigeunern und Zeugen Jehovas ermordet.
In diesem Kapitel erzählt Wasserman Neigel, dass dieser seine Tochter vor seinen eigenen Augen erschossen hat. Neigel wird leichenblass und sagt "Glaube mir Wasserman, ich liebe Kinder."

Hier fragt man sich, kann ein Mensch wirklich so etwas ausblenden? Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich kann auch nicht verstehen, wie Wasserman es ertragen kann Tag für Tag Neigel gegenüber zu sitzen und ihm seine Geschichte zu erzählen unabhängig davon, was er damit zu bezwecken erhofft. Ich könnte den Anblick und die Anwesenheit einer solchen Bestie keine Sekunde ertragen.

Trotzdem, man merkt wie Neigel langsam, aber trotzdem anscheinend Zweifel bekommt. Er selbst muss immer wieder bestätigen, warum er das tut, was er tut. Wem bestätigt er es? Ich weiß es nicht, es ist eigentlich auch irrelevant, denn die Menschen die ermordet wurden, sind ihrer Familie und dem Leben entrissen. Die die überleben, haben genau genommen auch kein lebenswertes Leben mehr, denn mit diesem Horror kann wohl kein empfindsames Wesen abschließen. Es gibt keine Entschuldigung und keine Rechtfertigung für ie Taten der Nationalsozialisten und Menschen wie Neigel wünscht man dass sie möglichst schnell die Erde von ihrer Anwesenheit befreien.

Ich frage mich, wie viele Nationalsozialisten überhaupt Juden gekannt haben. Wie viele haben sich denn mit jüdischen Menschen unterhalten, haben ihre Familie kennen gelernt, ihren Humor, ihre Liebe und ihren Wunsch nach einem glücklichen zufriedenen Leben? Ich meine damit persönlich kennen gelernt, mit Namen, in einem gegenseitigen Gespräch. Es können wohl nicht viele gewesen sein, denn wie sonst hätte so etwas passieren können. Solch einen Hass und diese daraus folgenden Konsequenzen auf eine ganze Rasse kann man doch nur empfinden, wenn man Distanz dazu hat. Sobald man in irgendeiner Weise persönlich involviert ist, muss es doch unmöglich sein.
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Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #24 am: 19. Dezember 2010, 16:33:41 »

So, da bin ich noch mal, denn das nächste Kapitel greift noch einmal das eben gesagte auf.

Im nächsten Kapitel Groschenphilosophie, versucht Neigel noch einmal die Handlungsweise der Nazis zu erklären, bzw. zu rechtfertigen und die Argumentation ist wirklich interessant:

[...Er begründete seine Aussage mit einem irrelevanten Argument: „Tatsache ist, dass sich die ganze Welt damit abfindet. So viele Menschen können sich doch nicht irren, oder?...
...Alles brannte, alles ging kaputt. Wir tobten in den Straßen, töteten Menschen ohne Grund und ohne Prozess und ohne zu versuchen es zu verbergen. Ich erinnere mich noch genau, wie ich in den darauf folgenden Wochen auf irgendetwas wartete, ich weiß nicht auf was. Ich dachte, dass vielleicht doch noch eine Hand vom Himmel kommt und uns ins Gesicht schlagen würde. Aber du weißt ja, was geschah. Keine einzige Kirche, weder die katholische noch die protestantische sagte einen Ton. Kein einziger Bischof in ganz Deutschland trug einen gelben Stern aus Solidarität mit Euch....]


Allein der Satz „So viele Menschen können sich doch nicht irren“ sagt schon alles.
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