
Ich bin mal wieder stinksauer auf mich! Wieso kann ich mich nie aufraffen, was zu meiner Lektüre zu schreiben? Den ersten Teil "Momik" habe ich nämlich schon vor ein paar Tagen beendet und im zweiten Teil nähere ich mich auch dem Ende zu. Aber der Reihe nach:
Momik:
Jeder Zweifel daran, wie sehr auch Momik unter den Nachwirkungen des Holocaust leidet, werden hier genommen. Der Junge ist dabei, an seinem neuen Wissen und den unausgesprochenen Erwartungen der Eltern kaputtzugehen. Ich weiß garnicht, was mich am meisten entsetzt hat: Die Beschreibung des "Essens mit aller Kraft" der Eltern (S. 65), das bei Momik zur Folge hat, dass er kaum etwas anrührt, oder die Anstrengung, einen glücklichen Schlaf vorzutäuschen, um dem Eltern "zu zeigen, dass sie sich um ihn keine Sorgen zu machen brauchen und ihre Ängste und Sorgen nicht an ihn verschwenden müssen, sie sollen ihre Kräfte besser für die wirklich wichtigen Dinge aufheben, für das Abendessen und für ihre Alpträume und für das viele Schweigen" (S. 68). Welch ein Druck auf diesem Jungen lastet

! Kein Wunder, dass er unter diesen Voraussetzungen mit dem Wissen über die Gräueltaten der Nazis noch viel weniger fertig wird.
Kurz dachte ich ja, es gäbe noch Hoffnung, nämlich als Momik "Motl" liest und seine Eltern ein wenig über das Leben im Shtetl erzählen: "So redeten sie miteinander und beide zu Momik." (S. 81) Endlich! Hier begann ich zu hoffen, die Familie würde endlich anfangenm, wirklich miteinander zu sprechen, also über das Wichtige in ihrem Leben, nicht nur den Alltag, aber das währte nur kurz.
Ist euch auch aufgefallen, dass zweimal erwähnt wird, dass der Vaters Momik nicht berührt? Die erste Stelle habe ich mir leider nicht aufgeschrieben, die zweite findet sich auf S. 84 "(seine Finger berührten Momiks Hand nicht)". Was sich wohl dahinter für eine Geschichte verbirgt?
Als er schließlich völlig kaputt geht, stellt seine Mutter die richtige Diagnose: "... was Schlomo hat, da kann kein Arzt helfen, ich sag's dir, wir haben es von Dort mitgebracht, und es sitzt auf uns da und da und da, und nur Gott kann uns helfen". Dass er unter diesen Voraussetzungen schließlich von den Eltern auf ein Internat geschickt wird (oder ist das vielleicht kein Internat sondern eine Klinik?), hat mich erst schockiert, aber vielleicht ist es tatsächlich das Beste für ihn, von seinen Eltern getrennt zu werden. Aber ist es nicht schon zu spät, wie er zumindest selbst glaubt: er wusste "bereits mit dem ganzen Verstand seines
sltan koppes von neuneinhalb Jahren, dass er nicht mehr wiederherzustellen war."
Man hätte weniger Schaden angerichtet, hätte man mit dem Jungen offen über die Shoa geredet.
Wahrscheinlich stimmt das, nur denke ich, dass man den Eltern das nicht vorwerfen kann. Sie
konnten nicht darüber reden, so psychisch kaputt wie sie waren. Eigentlich wäre es besser gewesen, sie hätten nie ein Kind bekommen, mit der Last, die sie zu vererben haben. Andererseits dürften dann nicht viele Kinder geboren werden und die Menschheit wäre längst ausgestorben, wenn nur psychisch ganz heile Menschen Kinder in die Welt setzen würden.
So - zum nächsten Teil schreibe ich heute abend was.