Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren.

E-Mail: Passwort:

Autor Thema: David Grossman - Stichwort: Liebe  (Gelesen 1716 mal)

Saltanah

  • Hüterin der SUB-Mumien
  • Global Moderator
  • *
  • Offline Offline
  • Beiträge: 9946
  • Wir sind irre, also lesen wir!
David Grossman - Stichwort: Liebe
« am: 29. November 2010, 01:57:26 »

David Grossman, Stichwort: Liebe

Kurzbeschreibung:
Alle haben geglaubt, Großvater Anschel sei von einer »Nazi-Bestie« umgebracht worden, doch eines Tages steht er, aus einer Irrenanstalt entlassen, vor der Tür: ein alter, frierender Mann, der unverständliches Zeug vor sich hin murmelt. Als müßte er immer wieder (wie damals im Lager) dem Obersturmbannführer neue Abenteuer der berühmten Kinderbande erzählen, Geschichten, die ihn als Schriftsteller berühmt gemacht haben. Eine schier unglaubliche Geschichte – und doch nur die Hälfte dieses mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichneten Romans. Die andere gehört ganz dem neunjährigen Momik, der herauszufinden versucht, was der Großvater denn da murmelt, erzählt, erlebt haben könnte...

Teilnehmer:
Tina
Dubh
Saltanah

Viel Spaß!
Gespeichert

tina

  • Hardcover-Fetischist und LukeDanesDADAistin
  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 3283
Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #1 am: 29. November 2010, 23:41:57 »

Hallo,

ich habe heute Abend mit dem Buch begonnen und auch wenn ich erst ein paar Seiten gelesen habe, bin ich mir ziemlich sicher, dass es mir gefallen wird.

Ich finde es schwer ein Abschnitt zu finden um zu schreiben. Mein Buch ist in keine Kapitel gegliedert, sondern besteht aus Bücher, deren Abstände relativ lang sind. Ich habe die abbegildetet gebundene Ausgabe und sie hat 609 Seiten.
Ich werde also, wenn ich etwas schreibe, einfach die Seitenzahl angeben.

Ich bin jetzt auf Seite 25 und schon jetzt zeichnet sich ab, dass es eine Geschichte mit sehr interessanten Charakteren wird. Der Großvater kommt in die Familie und schon jetzt möchte ich seine Geschichte hören, auch wenn ich mich gleichzeitig davor fürchte sie zu hören. Dieses Menschen, welche sich um Großvater versammeln, sie haben alle eines gemeinsam: Eine grausame Vergangenheit und aus dieser Verletzungen davongetragen, die bis jetzt noch nicht verheilt sind. Sie fangen an sich miteinander zu unterhalten. Zu unterhalten über Dinge, über die man normalerweise schweigt, ja sich noch nicht einmal traut sie beim Namen zu nennen, so fürchertlich sind sie. Als könne man, in dem man Orte und Menschen nicht bei ihrem wahren Namen nennt, eine ganze Geschichte ungeschehen machen.

Ich muss schon jetzt immer wieder an die Dokumentation von Claude Lanzmann denken "Shoa" und an den Friseur in Tel Aviv. Das ist eine der fürchterlichsten Szenen. Diese Sprachlosigkeit, das Unvermögen für das Geschehene Worte zu finden. die Qualen, die sie bereiten, wenn sie ausgesprochen werden.

So ich werde jetzt weiterlesen.

Liebe Grüße Tina
Gespeichert
Ein Optimist ist ein Mensch, der weiß, wie kompliziert die Welt sein kann - ein Pessimist entdeckt das jeden Morgen aufs neue
Sir Peter Ustinov

 :buecherstapel: Mein SUB

:leser:
Erenst Cline - Ready Player One
Doris Lessing - Und wieder die Liebe

tina

  • Hardcover-Fetischist und LukeDanesDADAistin
  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 3283
Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #2 am: 30. November 2010, 01:47:55 »

Nun bin ich bei Seite 42 angelangt.

Momik versucht mit der Neugier eines Kindes herauszubekommen, was "dort" geschah und ich denke er wird erfolgreich sein. Ich denke mal er erahnt nicht, welcher Horror sich dahinter verbirgt. Die Eltern versuchen Momik vor diesen Erinnerungen zu beschützen, aber je mehr man ein Geheimnis um eine Sache macht, desto größer ist das Bestreben die Wahrheit dahinter herrauszubekommen. Nun ja, ich weiß nicht ob er sich dann wirklich der Tragweite der Geschehnisse bewußt wird. In seinem kindlichen Verständis hat er aber schon einen Kern an der Geschichte gefunden, nämlich dass der Großvater in seinem Inneren einen anderen Großvater versteckt hält. Momik ist mit seiner lieben unvoreingenommenen Art am ehsten dazu in der Lage zum Großvater druchzudringen und ihn vielleicht ein wenig wieder ins heutige Leben zu holen. Ob es gut ist oder nicht, wird sich zeigen.
Ich mag Momik, für den alles noch ein einziges spannendes Detektivspiel ist.
Ich finde es übrigens auch sehr schwer zu ermessen, wieviel "Wahrheit" ein Kind wirklich vertragen kann und wie dosiert man sie am besten nach und nach nahe bringt. Das ist in der Tat sehr scher. Natürlich darf man nicht die Vergangenheit verschweigen, aber man muss sehen, ab wann ein Mensch dazu in der Lage ist, einigermassen damit klar zu kommen.

So, ich werde nun Richtung Bett gehen. Bei uns hat es geschneit, was bedeutet, dass ich morgen um einiges früher als sonst auf den Weg zur Arbeit machen werde.

Solltet ihr Fragen zu jiddischen Ausdrücken haben, keine Hemmungen. Sie sind ab und an etwas verwirrend und ich helfe gerne sie zu verstehen.

Liebe Grüße Tina
« Letzte Änderung: 30. November 2010, 21:10:02 von tina »
Gespeichert
Ein Optimist ist ein Mensch, der weiß, wie kompliziert die Welt sein kann - ein Pessimist entdeckt das jeden Morgen aufs neue
Sir Peter Ustinov

 :buecherstapel: Mein SUB

:leser:
Erenst Cline - Ready Player One
Doris Lessing - Und wieder die Liebe

Saltanah

  • Hüterin der SUB-Mumien
  • Global Moderator
  • *
  • Offline Offline
  • Beiträge: 9946
  • Wir sind irre, also lesen wir!
Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #3 am: 30. November 2010, 12:26:37 »

 :winken: ,

ich lese die 609-seitige Taschenbuchausgabe, die zum Glück am Ende noch ein vierseitiges Glossar mit jiddischen und polnischen Ausdrücken besitzt. Irgendwo fliegt auch die schwedische Übersetzung rum, die ich mir, ohne mir darüber klar zu sein, dass es sich um das gleiche Buch handelt, antiquarisch gekauft hatte. Ich werde aber die deutsche Übersetzung lesen.

Gestern abend bin ich auf S. 64 angelangt und ziemlich angetan vom Buch. Erstens bin ich erleichtert, dass es viel einfacher zu lesen ist als Grossmans Erstling "Das Lächeln des Lammes", durch das ich mich letzten Monat gekämpft habe. (Ein hervorragendes Buch, aber richtig schwer zu lesen.) Das soll aber nun nicht bedeuten, dass "Stichwort: Liebe" ein simples Buch wäre. Hinter dem relativ einfachen Stil versteckt sich viel Substanz. Wir Leserinnen müssen viel zwischen den Zeilen lesen, verstehen, was Momik noch nicht weiß. Das bietet für uns Deutsche ja leider kein Problem, aber ich bin gerade am Überlegen, wie das Buch bei z. B. einem indischen Leser ankäme, für den Hitler und der Holocaust vielleicht nur etwas ist, von dem man in der Schule mal gehört hat. Wieviel würde dieser Leser verstehen? Ich glaube, gerade für dieses Buch ist viel Hintergrundwissen erforderlich.

Mir ist schon ein paar mal fast übel geworden bei dem, was hinter dem Text steht. Schon in einem so harmloser Satz wie "sie [die Eltern] verschlingen ihn mit den Augen" (S. 64), als sie von der Arbeit heimkommen, schwingt die gesamte Leidensgeschichte der Eltern mit, und wenn auch Momik die noch nicht kennt, so spürt er doch sehr viel. Er weiß, wie wichtig dieses Verschlingen-können des Sohnes für die Eltern ist. Überhaupt trägt Momik als Hoffnungsgestalt und Ersatz für alle Umgekommenen ("sein Name [...] Im Andenken an den und den und den. Wenn es möglich wäre, hätten sie ihm hundert Namen gegeben". S. 37) eine schwere Bürde. Er tut sein Bestes, um seiner "Verantwortung" (S. 36) gerecht zu werden und den Erwachsenen zu helfen. Seine Mittel dabei sind teils sehr erwachsen, teils sehr kindlich (die Versuche, die Nazi-Bestie zu finden und zu zähmen), aber auf jeden Fall sehr anrührend.

Ich frage mich die ganze Zeit, wieviel in einem Kind so kaputter Eltern selbst psychisch kaputt geht. Wieviele Macken wird er selbst davon tragen und wieder an seine eigenen Kinder vererben? Wie viele Generationen dauert es, bis ein Trauma verarbeitet ist?
Gespeichert

dubh

  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 1814
Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #4 am: 01. Dezember 2010, 19:34:09 »

Hallo Ihr Zwei! :winken:

Also ich lese auch die Taschenbuch-Ausgabe mit 609 Seiten, soviel vorweg.

Knapp 50 Seiten gelesen, muss ich zugeben, dass ich auch etwas erleichtert bin: nachdem ich Das Lächeln des Lammes bei unserer Leserunde damals abgebrochen habe, da es mir einfach zuviel wurde, bin ich mit etwas gemischten Gefühlen an dieses Buch - immerhin wollte ich Euch ja nicht schon wieder davonlaufen! :zwinker: Aber ich war nach wenigen Sätzen in der Geschichte: Momik gefällt mir, seine unverblümte Art, uns seine Eindrücke zu allem und jedem mitzuteilen (und sei es nur die Tatsache, dass er beim Rückweg aus dem Keller immer dringend auf die Toilette muss...). Allerdings kann ich mir seine Situation nicht wirklich vorstellen - alleine, dass seine Eltern derartig traumatisiert sind, muss er ja deutlichst spüren, oder nicht? Aber seine Erklärungsversuche finde ich beachtlich - er sucht Antworten, Antworten für den Verlust, die unmenschliche Grausamkeit der Nazis und die unfassbaren Erlebnisse der Verwandten in Deutschland. Antworten auf Fragen, die er nicht ermessen kann, die er nicht versteht und über die viele (einschließlich seine Eltern) nicht mit ihm sprechen können oder wollen. Ich bin gespannt, wie Momik mit zunehmenden Alter auf diese Fragen und Antworten reagiert...

Wieviele Macken wird er selbst davon tragen und wieder an seine eigenen Kinder vererben? Wie viele Generationen dauert es, bis ein Trauma verarbeitet ist?

Genau das waren die Überlegungen, die mir sofort durch den Kopf geisterten...

Liebe Grüße
dubh
Gespeichert

tina

  • Hardcover-Fetischist und LukeDanesDADAistin
  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 3283
Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #5 am: 03. Dezember 2010, 10:20:59 »

Hallo,

ich habe jetzt den Teil Momik beendet. Nun, was soll man sagen. Man hätte weniger Schaden angerichtet, hätte man mit dem Jungen offen über die Shoa geredet. Die älteren wollte ihn vor ihren Erinnerungen schützen, aber das konnten sie gar nicht. Allein durch ihre Gegenwart, dadurch wie sie geworden sind durch das Grauen der Shoa, betrifft es Momik und er hätte es besser verstanden warum sie sind wie sie sind, wenn man ihm mit klaren Worten erzählt hätte, was damals geschehen ist. Um Momik herum war so viel Trauer, so viel Erdrückendes, dass er gar nicht anderes konnte, als sich damit auseinanderzu setzen, nur war der Weg wie er es tat nicht der Richtige, auch wenn er nur die gute Absicht hatte, die Nazi-Bestie zu töten und es war furchtbar zu lesen, wie dieses Kind unter den Vorstellungen die sich wirr in seinem Kopf ausbreiteten fast wahnsinnig wurde und krank wurde.

Man möchte Kinder immer vor den Grauen des Lebens beschützen, aber das funktioniert nicht. Kinder spüren trotzdem, wenn etwas nicht in Ordnung ist.

Ich habe gerade festgestellt, dass das Buch anscheinende aus mehreren nicht zusammenhängenden Geschichten besteht. Ich habe heute nach dem Dienst frei und viel ZEit und werde jetzt weiterlesen.


@dubh: Wenn Du vielleicht etwas mehr Zeit benötigst, würde ich vielleicht auch noch schnell, wie Saltanah, Mottl, der Kantorssohn lesen.

Ich hatte gar nicht mehr in Erinnerung, dass ihr damals die Leserunde nicht beendet hattet.

Liebe Grüße Tina
« Letzte Änderung: 03. Dezember 2010, 11:21:24 von tina »
Gespeichert
Ein Optimist ist ein Mensch, der weiß, wie kompliziert die Welt sein kann - ein Pessimist entdeckt das jeden Morgen aufs neue
Sir Peter Ustinov

 :buecherstapel: Mein SUB

:leser:
Erenst Cline - Ready Player One
Doris Lessing - Und wieder die Liebe

tina

  • Hardcover-Fetischist und LukeDanesDADAistin
  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 3283
Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #6 am: 04. Dezember 2010, 02:34:09 »

Hi,

ich habe jetzt den zweiten Teil bis zum 2. Kapitel gelesen und bin etwas verwirrt.
Erstens habe ich mich gewaltig geirrt. Es ist immer noch die selbe Geschichte, nur ist der Protagonist jetzt Bruno, aber Mottl, eh ich meine natürlich Momik, (ich lese gerade parallel Mottl, der Kantorssohn) erzählt nun als erwachsener Mann; immer noch auf der Suche nach der Geschichte des Großvaters, welcher anscheinend nicht mehr aufgetaucht ist. Entweder habe ich einen elementaren Abschnitt nicht mitbekommen und überlesen oder ich stehe auf dem Schlauch, denn ich verstehe einfach nicht, was es mit dem Meer auf sich hat, ausser dass Bruno wohl eines Tages in Danzig in jenes gesprungen ist.
Ich ertappte mich beim lesen immer wieder dabei, dass ich dachte: Was nebbich willst Du mir durch Dein Gespräch mit dem Meer sagen? Mir fehlt auch etwas der Knotenpunkt zwischen Großvater und Bruno. Kannten sie sich oder lebten sie einfach nur zur selben Zeit am selben Ort und erlitten das selbe Grauen?

Nun, ich werde jetzt einfach mal weiterlesen, vielleicht kommt ja demnächst der alles klärende Aha-Effekt.

Liebe Grüße Tina
Gespeichert
Ein Optimist ist ein Mensch, der weiß, wie kompliziert die Welt sein kann - ein Pessimist entdeckt das jeden Morgen aufs neue
Sir Peter Ustinov

 :buecherstapel: Mein SUB

:leser:
Erenst Cline - Ready Player One
Doris Lessing - Und wieder die Liebe

Saltanah

  • Hüterin der SUB-Mumien
  • Global Moderator
  • *
  • Offline Offline
  • Beiträge: 9946
  • Wir sind irre, also lesen wir!
Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #7 am: 04. Dezember 2010, 13:38:55 »

 :grmpf: Ich bin mal wieder stinksauer auf mich! Wieso kann ich mich nie aufraffen, was zu meiner Lektüre zu schreiben? Den ersten Teil "Momik" habe ich nämlich schon vor ein paar Tagen beendet und im zweiten Teil nähere ich mich auch dem Ende zu. Aber der Reihe nach:

Momik:
Jeder Zweifel daran, wie sehr auch Momik unter den Nachwirkungen des Holocaust leidet, werden hier genommen. Der Junge ist dabei, an seinem neuen Wissen und den unausgesprochenen Erwartungen der Eltern kaputtzugehen. Ich weiß garnicht, was mich am meisten entsetzt hat: Die Beschreibung des "Essens mit aller Kraft" der Eltern (S. 65), das bei Momik zur Folge hat, dass er kaum etwas anrührt, oder die Anstrengung, einen glücklichen Schlaf vorzutäuschen, um dem Eltern "zu zeigen, dass sie sich um ihn keine Sorgen zu machen brauchen und ihre Ängste und Sorgen nicht an ihn verschwenden müssen, sie sollen ihre Kräfte besser für die wirklich wichtigen Dinge aufheben, für das Abendessen und für ihre Alpträume und für das viele Schweigen" (S. 68). Welch ein Druck auf diesem Jungen lastet :entsetzt: ! Kein Wunder, dass er unter diesen Voraussetzungen mit dem Wissen über die Gräueltaten der Nazis noch viel weniger fertig wird.

Kurz dachte ich ja, es gäbe noch Hoffnung, nämlich als Momik "Motl" liest und seine Eltern ein wenig über das Leben im Shtetl erzählen: "So redeten sie miteinander und beide zu Momik." (S. 81) Endlich! Hier begann ich zu hoffen, die Familie würde endlich anfangenm, wirklich miteinander zu sprechen, also über das Wichtige in ihrem Leben, nicht nur den Alltag, aber das währte nur kurz.

Ist euch auch aufgefallen, dass zweimal erwähnt wird, dass der Vaters Momik nicht berührt? Die erste Stelle habe ich mir leider nicht aufgeschrieben, die zweite findet sich auf S. 84 "(seine Finger berührten Momiks Hand nicht)". Was sich wohl dahinter für eine Geschichte verbirgt?

Als er schließlich völlig kaputt geht, stellt seine Mutter die richtige Diagnose: "... was Schlomo hat, da kann kein Arzt helfen, ich sag's dir, wir haben es von Dort mitgebracht, und es sitzt auf uns da und da und da, und nur Gott kann uns helfen". Dass er unter diesen Voraussetzungen schließlich von den Eltern auf ein Internat geschickt wird (oder ist das vielleicht kein Internat sondern eine Klinik?), hat mich erst schockiert, aber vielleicht ist es tatsächlich das Beste für ihn, von seinen Eltern getrennt zu werden. Aber ist es nicht schon zu spät, wie er zumindest selbst glaubt: er wusste "bereits mit dem ganzen Verstand seines sltan koppes von neuneinhalb Jahren, dass er nicht mehr wiederherzustellen war."


Man hätte weniger Schaden angerichtet, hätte man mit dem Jungen offen über die Shoa geredet.

Wahrscheinlich stimmt das, nur denke ich, dass man den Eltern das nicht vorwerfen kann. Sie konnten nicht darüber reden, so psychisch kaputt wie sie waren. Eigentlich wäre es besser gewesen, sie hätten nie ein Kind bekommen, mit der Last, die sie zu vererben haben. Andererseits dürften dann nicht viele Kinder geboren werden und die Menschheit wäre längst ausgestorben, wenn nur psychisch ganz heile Menschen Kinder in die Welt setzen würden.


So - zum nächsten Teil schreibe ich heute abend was.
Gespeichert

tina

  • Hardcover-Fetischist und LukeDanesDADAistin
  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 3283
Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #8 am: 05. Dezember 2010, 02:07:30 »

So,

ich habe jetzt auch noch etwas weitergelesen. Bruno Kapitel 4. Ich wunderte mich eben, warum ich solche Probleme hatte mich auf den Satz, den ich gerade las zu konzentrieren, bis mir auffiel, dass er noch gar nicht geendet hatte und tatsächlich...
dieser Satz geht, kaum zu glauben, von Seite 159 bis Seite 163 und er hat noch nicht einmal ein einziges Komma. Ojojoj.

Ist euch auch aufgefallen, dass zweimal erwähnt wird, dass der Vaters Momik nicht berührt? Die erste Stelle habe ich mir leider nicht aufgeschrieben, die zweite findet sich auf S. 84 "(seine Finger berührten Momiks Hand nicht)". Was sich wohl dahinter für eine Geschichte verbirgt?

Ich kann es mir nur so erklären, dass der Vater Angst davor hat durch Berührung zu viel Nähe aufzubauen. Angst aus dem Grund, weil er erlebt hat, wie Menschen die sich nahe standen getrennt wurden und wie sehr sie gelitten haben. Vielleicht eine Art Eigenschutz, aber vielleicht liege ich auch völlig falsch.

Ich werde jetzt weiterlesen und bin mal gespannt wieviele Mammutsätze noch kommen. Ausserdem hoffe ich, dass ich etwas mehr über Brunos Leben vor seinem Kontakt mit dem Meer erfahre, denn das würde vielleicht einiges klarer erscheinen lassen.

Liebe Grüße Tina
Gespeichert
Ein Optimist ist ein Mensch, der weiß, wie kompliziert die Welt sein kann - ein Pessimist entdeckt das jeden Morgen aufs neue
Sir Peter Ustinov

 :buecherstapel: Mein SUB

:leser:
Erenst Cline - Ready Player One
Doris Lessing - Und wieder die Liebe

Saltanah

  • Hüterin der SUB-Mumien
  • Global Moderator
  • *
  • Offline Offline
  • Beiträge: 9946
  • Wir sind irre, also lesen wir!
Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #9 am: 05. Dezember 2010, 02:41:20 »

Ah ja, der Satz. Es dauerte einige Zeit bis mir klar wurde, wer da plötzlich der Erzähler ist. Ich kann dich aber beruhigen, Tina; er ist der einzige seiner Länge zumindest bis einschließlich Kap. 8 des Teils "Bruno". Mehr schreiben zu diesem Teil werde ich morgen, wenn ich auch die letzten Seiten gelesen habe.
Nur soviel - aus deinem Beitrag geht nicht hervor, ob du das weißt: Bruno ist* Bruno Schulz, ein polnisch-jüdischer Schriftsteller, aus dessen Buch "Die Zimtläden" ganz zu Anfang dieses Abschnitts zitiert wird. Ich habe vor Jahren mal eine englischsprachige Theateraufführung gesehen, die auf den Erzählungen dieses Buches basierte; das war das intensivste Theatererlebnis meines Lebens, woraufhin ich mir natürlich auch gleich das Buch kaufte (aber nicht las). "The Street of Crocodiles" (so der englische Titel) subbt noch bei mir, bzw. tut dies theoretisch. Praktisch ist es gerade nicht auffindbar :grmpf: . Ich wollte es unbedingt jetzt lesen in der Hoffnung, dann diesen Teil besser verstehen zu können.

*Ist er natürlich nicht wirklich, sondern eine Gestalt Grossmans, die auf Bruno Schulz basiert.
« Letzte Änderung: 05. Dezember 2010, 02:42:55 von Saltanah »
Gespeichert

dubh

  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 1814
Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #10 am: 05. Dezember 2010, 13:08:12 »

@dubh: Wenn Du vielleicht etwas mehr Zeit benötigst, würde ich vielleicht auch noch schnell, wie Saltanah, Mottl, der Kantorssohn lesen.

Entschuldige bitte, Tina, ich lese erst jetzt Deinen Beitrag, da ich die letzten Tage gar nicht am heimischen Rechner saß... Demzufolge bin ich auch noch nicht sonderlich weiter - aber für Deine Zwischenlektüre ist mein Zwischenstand wohl schon zu spät, sorry!

Später mehr (zum Buch).

Liebe Grüße
dubh
Gespeichert

tina

  • Hardcover-Fetischist und LukeDanesDADAistin
  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 3283
Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #11 am: 05. Dezember 2010, 23:25:43 »

Hallo Ihr beiden,

ich habe mir heute das Buch Die Zimtläden von Bruno Schulz bestellt. Ich würde gerne so lange eine kleine Pause machen, bis ich es gelesen habe, denn ich denke, dann wird mir das Kapitel in dem ich mich momentan befinde wesentlich verständlicher. Das Buch hat knapp 200 Seiten und ich werde es an einem Abend gelesen haben, das heißt, die Verzögerung wäre nicht all zu lange.

Ich hoffe das ist in Ordnung, aber ich fände es schade, wenn mir wesentliche Gedanken des Buches nicht bewußt werden, weil ich den Hintergrund nicht verstehe.

Liebe Grüße Tina
Gespeichert
Ein Optimist ist ein Mensch, der weiß, wie kompliziert die Welt sein kann - ein Pessimist entdeckt das jeden Morgen aufs neue
Sir Peter Ustinov

 :buecherstapel: Mein SUB

:leser:
Erenst Cline - Ready Player One
Doris Lessing - Und wieder die Liebe

Saltanah

  • Hüterin der SUB-Mumien
  • Global Moderator
  • *
  • Offline Offline
  • Beiträge: 9946
  • Wir sind irre, also lesen wir!
Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #12 am: 06. Dezember 2010, 13:37:59 »

Ich habe mir gestern aus der Bib auch die "Zimtläden" und Schulz' zweites Buch "Das Sanatorium zur Sanduhr" (das im vorletzten (?) Kapitel erwähnt wird) geliehen und ein wenig in den Büchern geblättert. Einige Personen/Elemente aus Grossmans Buch habe ich wiedererkannt. Ich nehme an, dass ein genauer Vergleich viele Anspielungen auf Schulz' Geschichten zeigen würde. Ich werde die Bücher aber jetzt nicht einschieben, da ich nächste Woche nach Deutschland fahre und den Grossman vorher noch beenden möchte. Schulz hebe ich mir für's nächste Jahr auf.
Gespeichert

tina

  • Hardcover-Fetischist und LukeDanesDADAistin
  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 3283
Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #13 am: 08. Dezember 2010, 16:21:52 »

Na. dann werde ich jetzt auch weiterlesen.
Ich melde mich heute Abend noch einmal,

viele Grüße Tina
Gespeichert
Ein Optimist ist ein Mensch, der weiß, wie kompliziert die Welt sein kann - ein Pessimist entdeckt das jeden Morgen aufs neue
Sir Peter Ustinov

 :buecherstapel: Mein SUB

:leser:
Erenst Cline - Ready Player One
Doris Lessing - Und wieder die Liebe

tina

  • Hardcover-Fetischist und LukeDanesDADAistin
  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 3283
Re: David Grossman - Stichwort: Liebe
« Antwort #14 am: 10. Dezember 2010, 00:05:15 »

Hallo,

gestern abend war nichts mehr mit melden. Bei uns hat es wie verrückt geschneit und ich musste früh aufstehen, da ich mit dem Zug auf die Arbeit fuhr. Das ist bei mir eine kleine Weltreise.  :grmpf:

Ich habe soeben bis Kapitel 7 gelesen und nach wie vor verwirren mich die "Gespräche" zwischen Momik und dem Meer. Ich versuche immer wieder Bruno, Yorik und Leprik einzuordnen in die GEschichte, aber dann bin ich mir wieder unsicher, ob ich nicht doch völlig danebenliege. Erst Recht als noch Guruk auftauchte. Ist Guruk die Nazibestie? Ich weiß es nicht, es ist alles in allem sehr verwirrend.

Ist Dir die Beziehung der Fische zu der Geschichte etwas klarer? Wenn ja, würde ich mich freuen, Deine Gedanken dazu zuhören. Yorik kommt mir vor wie ein mutiger kleiner Widerstandskämpfer.

Was hat es mit den Flossen auf sich, die Bruno bekam?  :gruebel:

Liebe Grüße Tina
Gespeichert
Ein Optimist ist ein Mensch, der weiß, wie kompliziert die Welt sein kann - ein Pessimist entdeckt das jeden Morgen aufs neue
Sir Peter Ustinov

 :buecherstapel: Mein SUB

:leser:
Erenst Cline - Ready Player One
Doris Lessing - Und wieder die Liebe