

Nach dem Tod ihrer Tante Rosamond hat Gill die Aufgabe, Imogen zu suchen, die Erbin einer Reihe von Tonbändern, die Rosamond besprochen hat. Imogen, die Rosamond einmal so viel bedeutet hat und dann lange Jahre von ihr getrennt blieb, das blinde kleine Mädchen, das Gill nur ein einziges Mal auf einer Familienfeier getroffen hatte. Sollte Gill die inzwischen erwachsene Imogen nicht finden, darf sie sich laut Verfügung ihrer Tante die Bänder selbst anhören. Und so kommt es auch, denn Imogen ist wie vom Erdboden verschluckt und Gill und ihre Töchter wissen bald nicht mehr, wo sie noch Spuren auftun sollten.
Atemlos lauschen die drei den Erinnerungen Rosamonds, die sie nur als ältere Tante kannten. Sie berichtet vom Krieg, von ihrer Familie, von Tante und Onkel, bei denen sie zeitweise lebte, und von ihrer Cousine Beatrix, die sie als Kind so fasziniert hatte, weil sie tat, was sie wollte. Von der Entdeckung ihrer eigenen (Homo)Sexualität, dem Versuch, diese Tatsache zu vertuschen und von ihrer ersten großen Liebe. Und immer wieder spielt Beatrix, mal aus der Nähe, mal von fern, eine tragende Rolle in ihrem Leben, ist der Auslöser von Ereignissen, deren Auswirkungen sich Rosamond nicht entziehen kann.
Während Gill auf der Suche nach Imogen ist, steigen unweigerlich Erinnerungen in ihr auf, und sie setzt sich mit ihrer eigenen Vergangenheit von neuem auseinander. So schwebt der Roman zwischen drei Zeitebenen hin und her - der Gegenwart, Gills Vergangenheit und Rosamonds Vergangenheit. Solche Perspektiv- und Zeitenwechsel sind gerade bei Familien(geheimnis)romanen nichts Neues, aber Coe weiß sie geschickt einzusetzen und versteht es, Atmosphäre zu schaffen, was ihm am besten bei Rosamonds Lebensbeichte gelingt. Die Ereignisse und vor allem Rosamonds Gefühle werden, ausgehend von alten Fotos, die sie gegen Ende ihres Lebens betrachtet, in ruhig leuchtenden Farben ausgemalt, nicht in düster-bleierner Schwere, wie so oft beim Thema "problematische Familien-/Liebesbeziehungen".
Ein wenig habe ich Coes wunderbaren schwarzen Humor in diesem Buch vermisst, er hätte jedoch auch nicht zu den eher ernsten Erzählstimmen von Gill und Rosamond gepasst.
Eine gefühlvolle, aber unkitschige und, obwohl diverse Schicksale auf relativ wenig Raum angesprochen werden, auch nicht überladene Familiengeschichte.
