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Autor Thema: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit  (Gelesen 2191 mal)

Myriel

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Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« am: 26. Oktober 2010, 20:35:32 »

Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit

Andrew Harrington, Sohn eines angesehenen reichen Londoner Bürgers, hat sich nach jahrelangem Leiden dazu entschlossen, sich das Leben zu nehmen und dafür den Jahrestag des Mordes an seiner Geliebte gewählt, die als letzte Frau Jack the Ripper zum Opfer fiel, bevor er gefasst und hingerichtet werden konnte. Doch sein Cousin Charles hat gute Neuigkeiten für ihn: seit dem Erscheinen von H.G. Wells Roman „Die Zeitmaschine“ sind Zeitreisen ein großes Thema in der Londoner High Society und nun hat „Zeitreisen Murray“ seine Tore geöffnet und bietet Reisen ins Jahr 2000 an, um dort dem Sieg der letzten Überlebenden gegen die übermächtigen Maschinenmenschen mitzuerleben. Wenn Zeitreisen in die Zukunft möglich sind, warum dann nicht einige Jahre in die Vergangenheit reisen und den Mord an Andrews Geliebter verhindern?

Um das ungewöhnliche Angebot von „Zeitreisen Murray“ dreht sich auch der zweite Handlungsstrang um die junge Miss Haggerty, die von ihrer Freundin Lucy dorthin mitgenommen wird. Angeödet von den Einschränkungen, denen Frauen ihrer Zeit unterliegen, beschließt sie, im Jahr 2000 zu bleiben und dort dem siegreichen Hauptmann Shackleton beim Wiederaufbau zu helfen. Leider scheitert ihr Fluchtplan jedoch und sie muss zusammen mit den anderen Zeitreisenden ins London am Ende des 19. Jahrhunderts zurückkehren, wo sie eines Tages unvermutet wieder Hauptmann Shackleton gegenüber steht.

Im dritten Handlungsstrang schließlich wird die Verbindung zwischen H.G. Wells als Autor des Romans, der Mr. Murray erst die Idee zu seinem Unternehmen eingab, und der Umsetzung in „Zeitreisen Murray“ dargestellt. Leider besteht zwischen den beiden Herren eine Antipathie, die bei ihrer Begegnung zu spürbaren Spannungen führt. Unglücklicherweise benötigt Murray aber Wells Hilfe, denn es wurde eine Leiche gefunden, die mit einer Waffe umgebracht wurde, die es noch gar nicht gibt – und der ermittelnde Detectiv von Scotland Yard hat daraus nun die Schlussfolgerung gezogen, dass der Mörder mittels einer der von Murray durchgeführten Zeitreisen zu ihnen gelangt ist.

Obwohl alle drei Handlungsstränge durch einige Personen, Orte und Begebenheiten miteinander verknüpft sind, werden sie streng voneinander getrennt in den drei Teilen erzählt, aus denen der Roman besteht. Im Ergebnis kann man daher auch sagen, dass drei von einander unabhängige abgeschlossene Erzählungen in diesem Buch vereint sind, die jedoch einige Gemeinsamkeiten haben. Von daher gibt es keinen durchgehenden roten Faden oder sogar eine stringente Spannungskurve. Das einzige, was den Leser durch alle Seiten hinweg begleitet ist die Frage, was er glauben kann und was nicht. Ist dies eine Alternativweltgeschichte, in der Zeitreisen tatsächlich möglich sein sollten? Oder ist alles nur ein geschickt errichtetes Lügengebäude?

Für Zweifel sorgt zusätzlich der Erzähler, der die meiste Zeit über unsichtbar bleibt, sich zu manchen Gelegenheiten aber direkt an die Leser wendet und mit seinem allumfassenden Wissen prahlt. Diese Einschübe haben mich allerdings immer wieder aus der Geschichte geholt und damit nur für genervtes Augenrollen gesorgt. Zum Glück sind diese Stellen aber relativ selten.

Ansonsten hat Palma hier ein recht solides Buch geschrieben, dessen Charaktere zwar stellenweise sehr einfältig waren, aber ansonsten lebensnah dargestellt wurden, ohne dass ihr Schicksal mir dabei besonders nahe ging. Die Handlung(en) an sich weisen zwar eine interessante Grundidee auf, die in meinen Augen aber noch mehr hätte genutzt werden können. Zusätzlich hat es sich der Autor recht einfach gemacht, die Akzeptanz von Zeitreisen in seiner Gesellschaft zu erklären. Einen Pluspunkt hingegen gibt es für die Gedanken, die er sich um die möglichen Verwicklungen gemacht hat, die aus seinen Prämissen entstehen können. Insbesondere der letzte Abschnitt des Buches hat mich noch mal ziemlich ins Grübeln gebracht.

Fazit: Trotz der angeführten Schwächen hat mir die Lektüre dieses Buches einige Stunden Bahnfahrt versüßt und ich kann es denjenigen Lesern weiterempfehlen, die eher ruhig erzählte Geschichten mögen, welche versuchen, ihre Leser hinters Licht zu führen und zu verwirren, so lange sie sich nicht zu viel versprechen. Für mich persönlich lag der stärkste Effekt des Romans darin, dass ich auf „Die Zeitmaschine“ von H.G. Wells neugierig geworden bin, die hier für so viel Verwirrungen gesorgt hat.

3ratten


P.S. Mit der Genreeinordnung habe ich mich schwer getan. Ein Teil Science Fiction ist auch dabei, aber meiner Meinung nach überwiegen die historischen Stellen, deswegen habe ich dieses Board gewählt.
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Räubertochter

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Re: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« Antwort #1 am: 30. Oktober 2010, 11:55:16 »

Hier meine Rezi :smile:

Palma erzählt in seinem Buch gleich mehrere Geschichten. Als erstes von Andrew, der seine Geliebte, eine Prostituierte, an Jack the Ripper verloren hat und sich deswegen auch acht Jahre später schwere Vorwürfe macht. Darum möchte er seinem Leben ein Ende setzen, stilvoll, am Jahrestag und Ort des Geschehens in ihrer kleinen Kammer. Sein Cousin kann ihn zunächst überreden, von seinem Vorhaben abzusehen und eröffnet ihm den Weg, mittels einer Zeitreise das schreckliche Verbrechen zu verhindern...

Zur selben Zeit möchte Claire aus ihrem Dasein ausbrechen. Sie möchte eine emanzipierte junge Frau sein, die sich nicht mit ihrem Schicksal als zukünftige Ehefrau irgendeines reichen Gecken zufrieden geben will. Sie nimmt daher an einer der in London gerade so populären Zeitreisen teil, um dort den Mann ihrer Zukunft zu treffen – denn sie hat sich fest vorgenommen, dass er, der Retter der Menschheit, der einzige Mann sein wird, in den sie sich je verliebt...

Inspektor Garrett wiederum ist Polizist und muss drei merkwürdige Morde aufklären, die eigentlich so, wie sie sich darstellen, unmöglich zu sein scheinen.

Der Stil, in dem diese Geschichten erzählt werden, ist einfach toll.Immer wieder wendet der Erzähler sich an den „geneigten Leser“ um eine kleine Anekdote einzuschieben, so dass man das Gefühl bekommt, man befinde sich in einem Gespräch und sei tatsächlich die Angesprochene. Die Sprache ist sehr gut und verspielt (ich bin aber auch ein sehr wortverliebter Mensch).

Lange Zeit ist man über die Zeitreisen im unklaren, gibt es sie hier tatsächlich oder ist wirklich alles Lug und Trug? Alles scheint möglich zu sein. Die Aufklärung hätte für mich zwar noch etwas ausführlicher erzählt sein können, ist aber trotzdem gut gelungen.

Edit:
Ich habe die Ratten vergessen *g*
 4ratten Eine Ratte Abzug wegen des etwas weniger ansprechend erzählten Endes
« Letzte Änderung: 30. Oktober 2010, 11:57:18 von Räubertochter »
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Re: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« Antwort #2 am: 30. Oktober 2010, 14:05:48 »

Mit der Werbung für diesen Roman wird man ja zumindest hier im Bahnhof fast erschlagen^^ die Handlung interessiert mich aber dennoch, da ich Wells Die Zeitmaschine sehr mag und mich daher die Verknüpfung damit interessieren würde. Die Bibliothek hat den Roman zum Glück in ihrem Bestand und so warte ich noch ein Weilchen damit. Momentan ist jedes Exemplar so um die zehnmal vorbestellt.
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Re: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« Antwort #3 am: 08. November 2010, 22:17:16 »

Hallo,

ich lese das Buch seit gestern und muss kurz meiner Begeisterung Gehör verschaffen. Die ersten 100 Seiten sind so vielversprechend, dass dies ein Highlight des Jahres werden könnte.

Für Zweifel sorgt zusätzlich der Erzähler, der die meiste Zeit über unsichtbar bleibt, sich zu manchen Gelegenheiten aber direkt an die Leser wendet und mit seinem allumfassenden Wissen prahlt. Diese Einschübe haben mich allerdings immer wieder aus der Geschichte geholt und damit nur für genervtes Augenrollen gesorgt. Zum Glück sind diese Stellen aber relativ selten.

Mir geht es genau umgekehrt. Mich amüsieren diese Einwürfe sehr. Zum Beispiel:

Zitat von: Seite 85
Erlauben Sie mir, die Erzählung jetzt zu unterbrechen und Sie darauf hinzuweisen, dass das, was nun geschah, sehr schwierig zu berichten ist, weil die Zahl der Empfindungen, denen sich Andrew ausgesetzt sah, allzu hoch erscheint, wenn wir bedenken, wie wenige Sekunden die folgende Szene dauerte. Berücksichtigen Sie daher die Dehnbarkeit der Zeit, ihre Fähigkeit, sich hinter dem Rücken der Uhren zusammenzuziehen und auszudehnen wie ein Akkordeon. Ich bin sicher, dass Sie das selbst oft genug erlebt haben, je nachdem, auf welcher Seite der Toilettentür Sie sich befanden.

So lese ich das Buch:  :breitgrins:

Der Stil, in dem diese Geschichten erzählt werden, ist einfach toll.

Ich bin auch total gefangen von den verspielt-poetischen Beschreibungen, z.B. als die gegensätzlichen Cousins vorgestellt werden:

Zitat von: Seite 34
Charles lebte drauflos, als fehlten ihm feinere Sinne, um die Welt zu genießen, während Andrew tagelang in einem Winkel sitzen und einer Rose in seiner Hand beim Welken zuschauen konnte.

Einfach gut!  :klatschen: Ich lasse mir das Buch sozusagen auf der Zunge zergehen.

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Re: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« Antwort #4 am: 09. November 2010, 09:16:01 »

Klingt sehr interessant - das merke ich mir mal vor. Schöne Rezis.
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Cuddles

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Re: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« Antwort #5 am: 09. November 2010, 09:19:13 »

Mit dem Buch liebäugele ich schon lange. Deine Begeisterung, nimue, ist richtig ansteckend und die Zitate sind toll. :klatschen:

Jetzt muss ich nur noch den Weihnachtsmann überzeugen, mir dieses Buch zu bringen. :nikolaus:

HoldenCaulfield

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Re: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« Antwort #6 am: 09. November 2010, 09:22:41 »

Bisher schreckt mich die allzu reißerische Präsentation im Buchladen etwas ab...  :rollen:
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Re: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« Antwort #7 am: 10. November 2010, 07:05:25 »

Bisher schreckt mich die allzu reißerische Präsentation im Buchladen etwas ab...  :rollen:

Ich glaube, für so einen Grund suche ich einfach zu rational meine Bücher aus. Der Grund, ein Buch wegen reißerischer Präsentation oder Hype nicht zu lesen ist für mich irgendwie nicht greifbar. Ich konnte die Begründung ja noch nie nachvollziehen, weil ich mir meine Bücher immer danach aussuche, ob mich der Inhalt anspricht (zumal ich über "Die Landkarte der Zeit" noch nichts mitbekommen hatte, als es bei mir schon auf dem SUB lag, weil ich nicht in Buchhandlungen gehe, nicht auf Vorablesen bin und hier im Forum auch kein Thread darüber existierte) :winken:
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Re: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« Antwort #8 am: 10. November 2010, 07:35:08 »

@nimue
Total antihype bin ich jetzt auch nicht, bei vielen Büchern bekomm ich es so oder so nicht mal mit^^ aber hier liegt es glaub ich auch daran wie die Werbung gemacht wird. Das beeinflusst mich momentan negativ.
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JaneEyre

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Re: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« Antwort #9 am: 10. November 2010, 09:18:28 »

Das stört mich jetzt auch nicht mit dem Hype (hab aber kaum was mitbekommen). Ich suche mir meine Bücher auch nur danach aus ob sie mich interessieren.
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Re: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« Antwort #10 am: 10. November 2010, 09:22:54 »

Ich habe das Buch bisher nur bei Vorablesen gesehen, in Buchläden gehe ich eher selten, weshalb ich Hypes oder übertriebene Werbung oft gar nicht mitbekomme.
Ich fände das Buch von der Handlung her auch interessant, allerdings schreckt mich die Seitenzahl und Myriels nicht so begeisterte Rezi aktuell noch etwas ab. Ich werde einfach mal beobachten, was hier noch an Meinungen dazu kommt.
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Re: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« Antwort #11 am: 10. November 2010, 09:38:11 »

Ich liebäugle auch schon sehr lange damit, mal sehen, vllt. bringt es ja der Weihnachtsmann. ;)
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Re: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« Antwort #12 am: 26. November 2010, 07:40:47 »

Guten Morgen ihr Lieben,

ich lese zur Zeit leider sehr langsam, weshalb ich erst auf Seite 221 bin. Das Buch gefällt mir weiterhin sehr gut und ein Zitat muss ich nun einfach mit euch teilen. Voran ging eine Szene, in der die Cousins Andrew und Charles bei H.G. Wells eindrangen und dessen Frau mit einer Waffe bedrohten (vielmehr Charles, denn Andrew wusste von dem Vorhaben seines Cousins nichts) - über den Grund schweige ich, damit ihr nicht zu sehr gespoilert werdet. Man sieht hier sehr schön, wie der Autor selbst im Buch agiert:

Zitat
Es folgte ein ebenso nichtssagender wie blödsinniger Dialog, den ich hier trotz seiner geringen Aussagekraft wörtlich wiedergeben will, weil es nicht in meiner Absicht liegt, irgendeine Texstelle dieser Erzählung besonders aufzupolieren.
"Jane", rief Wells mit versagender Stimme.
"Bertie", antwortete Jane verstört.
"Charles ...", begann Andrew.
"Andrew", schnitt Charles das Wort ab.
Danach Stille.

Das fand ich so witzig  :breitgrins:
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Re: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« Antwort #13 am: 26. November 2010, 07:52:40 »

 totlach

Das war das genau das, was ich an so einem Freitag morgen brauchte!
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Cuddles

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Re: Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit
« Antwort #14 am: 26. November 2010, 09:28:33 »

Diese Szene kann ich mir direkt bildlich vorstellen. :breitgrins: Mensch nimue, du machst einen echt heiß auf das Buch. :grmpf: :zwinker: