


Ich habe die verlinkte englische Übersetzung unter dem Titel
An African in Greenland gelesen.
Als Jugendlicher wurde der Togoer Michel beim Kokosnusspflücken von einer Schlange angegriffen und fiel von der Palme. Während seiner Genesung geriet zufällig ihm ein Buch über Grönland in die Hände und er begann, von einem Land ohne Bäume oder Schlangen zu träumen. Und nicht nur zu träumen - nein, bald machte er sich auf, um dieses so ganz und gar andere Land selbst zu sehen.
Dies war Mitte der Fünfziger nicht so einfach wie heutzutage. Langsam arbeitet er sich an der Westküste Afrikas hoch, mit kürzeren oder längeren Aufenthalten, in denen er Geld für die nächste Reiseetappe verdient und schafft es nach 6 Jahren endlich, in Marseille erstmals europäischen Boden zu betreten. Nach längeren Aufenthalten in Paris, Bonn und Kopenhagen kommt er zwei Jahre später endlich in seinem ersehnten Grönland an.
Wie schon auf seiner Reise gelingt es ihm auch in Julianehåb (K'akortoq), seiner ersten Station in Grönland, schnell, Kontakt und Freundschaft mit Einheimischen zu schließen, als Gast bei ihnen unterzukommen und ihre Sprache zu erlernen. Trotzdem ist er ein wenig enttäuscht vom Leben in dieser südgrönländischen "Stadt". Wo sind die Schlittenhunde, die Kajaks und die Iglus? Die gibt es hier, wo vom traditionellen Leben der Grönländer kaum noch etwas übrig geblieben ist und der Alkoholismus erschreckende Ausmaße hat, nicht mehr. Also reist Michel weiter in den Norden, bis er schließlich in Upernavik tatsächlich die Gelegenheit bekommt, das "wahre" Grönland kennen zu lernen.
Mit seiner Neugier und der Bereitschaft, sich voll und ganz den Bedingungen dieses so fremden Landes anzupassen, stößt er bei den sowieso sehr gastfreundlichen Grönländern auf offene Türen und bekommt die Gelegenheit, an ihrem Leben teilzunehmen. Dabei geht die Neugier natürlich auch in die andere Richtung. Als erster Schwarzer in Grönland seit mehreren Jahrzehnten wird er mit offenen Mündern bestaunt und nach einigen Tagen wird seine Ankunft sogar im Radio landesweit verkündet.
Kpomassies vorbehaltlose Offenheit und Zuneigung, mit der er den Grönländern begegnet, macht ihn nicht nur ihnen, sondern auch seinen Lesern sehr sympathisch. Kpomassie begutachtet nicht von hoher Warte aus ein "primitives Volk", sondern tritt ihnen gleichberechtigt entgegen. Dabei entdeckt er nicht nur deren Welt, sondern auch die Grenzen seiner eigenen. So sehr er sich auch anpassen kann und will - Hundefleisch z. B. bringt er einfach nicht herunter und so bereitwillig er auch eine Nacht mit der Freundin eines Freundes verbringt, kann er sich doch nicht vorstellen, seine eigene Freundin gleichermaßen "auszuleihen".
Es war ein Vergnügen, dieses Buch zu lesen, das durch die Tatsache, dass sich zur Abwechslung mal ein Afrikaner aufmacht, um die Welt zu entdecken, einen besonderen Touch bekommt. Denn die Abenteurer, das sind doch immer "wir", die Europäer, die die "Anderen" entdecken, oder? Nicht immer, lernen wir hier, denn sich nicht mit dem Altbekannten zufrieden geben, von der Fremde träumen, auch das ist ein allgemeinmenschlicher Zug.
