Moin, Moin

Noch niemand hier? Dann mache ich eben den Anfang. Ich habe gestern (nach Mitternacht natürlich) mit meinem Deutschlandbuch begonnen. Meine Wahl fiel auf das kürzeste der herausgesuchten Bücher, nämlich
Siegfried Lenz - So zärtlich war Suleyken
Kurzbeschreibung:Mit seinen 20 Geschichten und Skizzen setzt Lenz der Landschaft und ihren Menschen nicht nur ein literarisches Denkmal, es sind bei aller Leichtigkeit tiefsinnige >>Erkundungen der masurischen Seele<<. Der miterlebende Erzähler, dessen Sprachstil geschickt Naivität vortäuscht, trifft damit den Ton seiner Helden, jener Charaktere, die in erfrischend unintellektueller Nachdenklichkeit über die elementaren Dinge des Lebens sinnieren. Man könne sich nicht mit grossen Namen brüsten und da der Landstrich, resümiert der Autor, >>im Rücken der Geschichte lag<<, schöpfen die Erzählungen ihren Charme aus der Originalität und jener >>unterschwelligen Intelligenz<< des masurischen Menschenschlags, mit einer >>Seele, zu deren Eigenarten blitzhafte Schläue gehörte und schwerfällige Tücke, tapsige Zärtlichkeit und eine rührende Geduld<<. So stellt Lenz Figuren vom Schlag eines Hamilkar Schass dar, dem Grossvater des Ich-Erzählers. Schass, erst seit kurzem des Lesens kundig, kann nichts von der Lektüre abhalten, weder Krieg noch akute Lebensgefahr. Stanislaw Griegull, ein von plötzlichem Reichtum geschlagener Mann, liefert sich ein höchst absurdes Duell in puncto Geduld. Eine weiteres Unikum ist der schöne Alec, der angesichts einer drängenden Schuldnerschar dem angekündigten Ableben seines Erbonkels Manoah entgegenfiebert. Lenz schildert Menschen, die einem Ereignis wie die Jungfernfahrt der Kleinbahn Popp misstrauisch gegenüberstehen. Die Dorfbewohner von Suleyken sind der Überzeugung, technischen Fortschritt nicht zu benötigen.
Die ersten beiden Geschichten haben mir wie erwartet sehr gut gefallen. Ich mag Lenz' leicht naiven Erzählton, der einen Hauch von ostpreußischem Dialekt besitzt. Ich könnte mir die Geschichten sehr gut als Hörbuch vorstellen.
Die erste Geschichte
Der Leseteufel führt Hamilkar Schaß, den Großvater des Erzählers ein. Dieser Hamilkar Schaß hatte sich als Erwachsener selbst das Lesen beigebracht und war von da an der Welt der Buchstaben verfallen. Nur ist der Lesestoff in dem masurischen Dörfchen sehr knapp und so freut er sich sehr, als er in einem Haus, in dem er und sein Nachbar Adolf Abromeit im Hinterhalt liegen, um General Wawroweit und seine Banditen abzufangen, ein Buch findet. Um sich die Wartezeit zu verkürzen, beginnt er zu lesen, mit vorhersehbaren Folgen: "Sie kommen, sie kommen!" "Gleich, gleich, nur noch das Kapitelchen zu Ende." - "Der Satan Wawrila, Hamilkar Schaß, steht vor der Tür!" "Das wird alles geregelt mit der Zeit. Nur noch, wenn ich bitten darf, die letzten fünf Seiten." Und etwas später: "Nur noch die letzten zwei Seiten", und schließlich "Nur noch zehn Zeilen, dann wird alles geregelt werden, wie es sein soll", nach deren Beendigung er fragt: "Du hast, Adolf Abromeit, scheint mir, etwas gesagt?"
Was zwischen diesen Repliken geschieht, werde ich nicht verraten.

Die zweite Geschichte
Füsilier in Kulkaken erzählt ebenfalls von Großvater Hamilkar Schaß, der einmal zu den Füsilieren an der Grenze beordert wurde, um dort gegen die Schmuggler vorzugehen. Hamilkar Schaß ist nicht der Mensch, der sich problemlos in militärische Zusammenhänge einfügen ließe, dazu setzt er zu andere Prioritäten. Während Kommandant Theodor Trunz sich in bester Offiziersmanier die Seele aus dem Leib brüllt, sagt der Großvater nur sanft: "Eigentlich möchte ich jetzt ein wenig schlummern." und geht ins Bett. Vom Alarm mitten in der Nacht, um mal wieder zu versuchen, die Schmuggler zu fangen, hält er auch nicht viel. "Könnte man ihn nicht bitte nach dem Frühstück geben?", spricht er, dreht sich um und schläft weiter.
Am nächsten Tag macht er sich während des taktischen Schmugglerfangunterrichts ab, um Haselnüsse zu pflücken, mischt sich danach mit einem Schafsfell verkleidet unter die in Grenznähe weisende Schafherde, wo er zwei andere Schafe entdeckt, die sich merkwürdig unbeholfen bewegen. Er überwältigt die Schafe natürlich und nimmt die Alkoholschmuggler fest.
Einige der Geschichten, so auch die von den schafsgekleideten Schmugglern, kenne ich schon aus meiner Kindheit, da wir zu Hause ein Bilderbuch mit einer Auswahl der Suleyker Geschichten hatten:
So war das mit dem Zirkus. Ein wunderschönes Buch, das außerdem beweist, dass Lenz' Geschichten generationenübergreifend funktionieren.

