Inhalt: Richard Calloway ist Strafverteidiger und Partner eine renommierten Anwaltskanzlei, aber vor allem wegen seines Klienten Stefan Svritsky, Russe und bekannter Ganove, der bislang allerdings noch nicht verurteilt werden konnte, auch bei seinen Kollegen in der Kanzlei nur mäßig angesehen. Aber als Svritsky wieder einmal mit einem neuen Problem bei Richard auftaucht, hinterfragt dieser wiederum seinen Auftrag nicht, obwohl es um Unfall mit Todesfolge und Fahrerflucht geht. Einzig die Tatsache, daß es wohl einen Zeugen gibt, macht die Angelegenheit brenzlig für Svritsky, aber solange die Staatsanwaltschaft diesen Zeugen nicht findet und identifiziert, ist auch das zu überstehen. Darüber hinaus ist Richard in einem bürgerlichen und langweiligen Leben gefangen: seine Ehe mit Amanda wahrt nach außen eine Fassade, zu sagen haben sie sich eigentlich nichts mehr, und zu seiner Tochter hatte Richard nie eine enge Beziehung, und ansonsten definiert sich vieles über Äußerlichkeiten: das Haus, das Auto, die Dinnerpartys.
Ganz anders stellt sich das Leben von Abayomi, Ifasen und ihrem kleinen Sohn da. Die Familie ist vor ethnischen Konflikten aus Nigeria geflüchtet, kann aber wie andere Flüchtlinge auch, in Südafrika nur schwer Fuß fassen, weil ihnen allenthalben mit Mißtrauen und Abneigung begegnet wird. Ifasen versucht, durch den Straßenverkauf von Mobiles zum Familienunterhalt beizutragen, Abayomi arbeitet – offensichtlich nicht ganz freiwillig und selbstbestimmt – in einem Haus, wo sie Kunden erotische Massagen angedeihen läßt. Die Ehe wird dadurch natürlich belastet, und weder die Tatsache, sich die Wohnung mit einem weiteren nigerianischen Bewohner, Sunday, teilen zu müssen, noch die provozierenden Besuche des Polizisten Jeneker, der alle Nigerianer zu hassen scheint, sind bei der Bewältung dieser Probleme hilfreich.
Eines Tages steht Richard, auf Svritskys Empfehlung bei Abayomi vor der Tür, und durch diese Begegnung wird in ihm etwas angestoßen. Er beginnt, über sein Leben nachzudenken, und er schaut etwas genauer auf das, was in seinem Land vor sich geht. Damit verdirbt er Amanda fast eine ihrer geliebten Dinnerpartys, weil er mit einem Gast wegen dessen rassistischer Äußerungen aneinandergerät. Abayomi hat inzwischen ganz andere Probleme, denn Ifasen ist unter dem Vorwurf des Drogenhandels verhaftet worden. Da trifft es sich gut, daß Richard Anwalt ist. Abayomi und Richard haben nun beide ihre höchst eigenen Gründe, ihr Verhältnis fortzuführen, und dabei muß vor allem Richard Dinge lernen, von denen er nicht einmal etwas ahnte ...
Meine Meinung: Würde ist ein Roman mit Stärken und Schwächen. Brown ist es ganz gut gelungen, den Blick auf die Behandlung von Flüchtlingen in Südafrika zu lenken, das ging streckenweise schon mehr als nur unter die Haut. Wer in den letzten Jahren Nachrichten aus Südafrika verfolgt hat, der wird sich hier über nicht allzu viel wundern. Und auch die Szenen mit Ifasen im Gefängnis ließen an Deutlichkeit keine Fragen offen, da hätte es für mich auch gerne weniger Detail sein dürfen. Allerdings ist auf Grund von Browns eigener Biographie anzunehmen, daß er hier, wenn überhaupt, nicht allzu viel hat hinzuerfinden müssen, sondern sich mit dem Milieu auskennt.
Weniger überzeugend fand ich den Roman in drei anderen Punkten, die von unterschiedlicher Relevanz sind. Der erste und wichtigste hat mit der Darstellung von Richard Calloway zu tun. Den Anstoß, sein Leben zu überdenken und endlich mal die Augen aufzusperren, erhält er während des ersten Termins bei Abayomi durch ihre Massage. Das ist noch nachvollziehbar geschildert und ging für mich völlig in Ordnung. Im Grunde hat diese Begegnung nur Dinge in ihm freigesetzt, die schon lange gegärt haben müssen. Diese Linie verliert sich aber dann aber ein bißchen, und abgesehen von sexueller Anziehung bleibt Richards Motivation, sich für Abayomi – und letztlich auch für Ifasen – einzusetzen, doch eher blaß. In einer späteren Szene mit seiner Frau Amanda wird er zu einem derartigen Jammerlappen, daß es auf mich recht unglaubwürdig wirkte, bevor am Ende doch wieder eine gewisse Konsequenz in seinem Verhalten sichtbar wird.
Der zweite Punkt betrifft die teilweise doch sehr konstruierte Personenkonstellation und vor allem die Überzeichnung der Milieus. Neben dem bornierten weiß-südafrikanischen Bürgertum, das sich eher europäisch als afrikanisch fühlt, und dem sowieso außerhalb aller Grenzen agierenden kriminellen Milieu, wird hier nämlich auch bei der Namensgebungszeremonie für Abayomis Neffen ein fast idyllisches, zumindest aber vor Herzlichkeit überlaufendes Bild der afrikanischen Flüchtlinge gemalt. Ich will diesen Unterschied in seinen Grundzügen gar nicht in Abrede stellen, aber in der hier präsentierten Form – nigerianische Feier vs. Amandas Dinnerparty – wirkte der Kontrast schon arg übertrieben.
Zum dritten hatte ich ein paar Probleme mit der Chronologie der Ereignisse. Es wird zwar nirgendwo gesagt, in welchem Jahr wir uns befinden, aber aus etlichen verstreuten Hinweisen läßt sich das Ganze auf 2006 oder 2007 eingrenzen. Dem widerspricht lediglich, daß Ifasen mit Kollegen in Nigeria noch über den Präsidenten Yar'Adua gesprochen haben will, der erst 2007 als Nachfolger Olusegun Obasanjos in dieses Amt gewählt wurde. Insgesamt war es aber trotzdem ein recht interessanter Roman, der sich einer einfachen Genreeinordnung weitestgehend entzieht.

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Schönen Gruß
Aldawen