SLW 2010 - Schwere Brocken-Liste


Ich bin ja generell kein großer Fan von Vampir-Nackenbeißern, entsprechend habe ich nicht viel Positives von „Unsterbliche Küsse“ erwartet. Überhaupt ist es nach zwei vergeblichen Leseversuchen in den letzten Jahren nur deshalb auf meiner Leseliste gelandet, weil es zumindest optisch das peinlichste Buch auf meinem SUB war.
Trotzdem war ich nicht auf diese Achterbahnfahrt von Unglauben, Lachen und Kopfschütteln vorbereitet. „Unsterbliche Küsse“ ist nämlich gewissermaßen die Blondine unter den Vampirschnulzen. Selbst wenn ich mich bemühe, ich kann mich nicht erinnern, jemals ein Buch gelesen zu haben, das naiver war als dieses. Fast möchte man es für Satire halten, vor allem, wenn die Heldin das erste Mal namentlich auftaucht: Dixie le Page.
Besagte Dixie, eine Amerikanerin, erbt von ihren verstorbenen Großtanten ein Haus in England. Also reist sie in die britische Provinz, nicht wissend, was sie dort erwarten wird: Sebastian Carleigh, ein Bösewicht, wie er im Buche steht, ist hinter etwas im Haus ihrer Tanten her und hat keine Skrupel, Dixie, die ihm bei seinen Plänen hinderlich ist, aus dem Weg zu räumen. Zum Glück ist da der charmante Christopher Marlowe (und der heißt nicht nur zufällig so – das ist DER Christopher Marlowe), der ihr immer wieder zur Seite steht. Doch die schockierendste Entdeckung steht Dixie noch bevor: Christopher, der Mann, dem sie immer weniger widerstehen kann, ist ein Vampir...
Ich werde ab diesem Punkt hemmungslos spoilern. Wer das Buch noch lesen möchte, der soll die folgenden Ausführungen nicht lesen, trotzdem aber noch einmal tief in sich gehen und sich fragen, ob der dieses Buch WIRKLICH lesen will.„Unsterbliche Küsse“ ist eine mittlere Katastrophe auf allen Ebenen. Ich kann aber nicht sagen, wie viel davon am Original und wie viel an der manchmal arg altbacken klingenden Übersetzung liegt.
Ich bin in der Regel schon im Vorfeld nicht besonders begeistert, wenn bekannte historische Persönlichkeiten zu Helden von Vampirromanen werden. Die wenigsten Autoren legen bei der Gestaltung der Figuren wirklich Wert auf Glaubwürdigkeit und historische Genauigkeit und das macht für mich die ganze Aktion sinnlos. Wenn ich schon mit einem solchen Charakter spiele, dann sollte ich es doch so tun, dass es auch funktioniert und für den Leser glaubhaft ist, sonst kann ich gleich eine rein fiktive Figur nehmen.
Bei diesem Buch ist das nicht anders, tatsächlich habe ich selten ein Buch gelesen, das sich, vermutlich sogar bewusst, so wenig Mühe gemacht hat, dem Original nahe zu kommen. Selbst Dixie, der Heldin des Romans fällt irgendwann auf, dass Christophers Ausdrucksweise doch sehr „schlicht“ ist: „Er ist immerhin der Verfasser eines Werkes wie Dr. Faustus und könnte sich von daher etwas mehr Mühe geben als ein durchschnittlicher Teenager.“
Trotz rhetorischer Vorbehalte verliebt sich Dixie im Nullkommanichts in Christopher, der, wie man erfährt, einmal zum attraktivsten Mann des Dorfes gekürt worden ist und dessen Kichern besonders sexy ist. So sehr verliebt sie sich schon nach zwei Tagen, dass man beginnt sich ernsthafte Sorgen um sie zu machen: „ihr Herz raste wie verrückt, ihre Brust bebte so sehr, dass jeder Atemzug schmerzte. Das Blut in ihren Adern brodelte, pochte in den Schläfen und brauste wie eine schäumende Flut gegen einen Damm, der zu brechen drohte.“
Derartige wortgewaltige Beschreibungen sind übrigens keine Seltenheit und sie verhindern zuverlässig, dass jemals ein echter Funken Emotion zustande kommt. Sie und die marionettenhaften Charaktere, die sich nie menschlich und glaubwürdig verhalten und oft so absurd handeln, dass man an ihrem Verstand zweifeln möchte.
Ein längeres Beispiel: Dixie glaubt nicht an Vampire. Doch als sie Marlowe im Morgengrauen im Sonnenlicht brutzelnd in ihrem Garten findet – wo die Bösewichte ihn praktischerweise abgelegt haben – weiß sie sofort: Das ist ein Vampir! (Würde ein skeptischer Mensch nicht zuerst an heftige Sonnenallergie denken?). Dixie trägt diese Enthüllung mit Fassung und schafft Marlowe mit der Schubkarre in den Keller. Danach fährt sie durch alle umliegenden Dörfer, um 12 Kilo (!) Hühnerleber zu besorgen und das Blut aus ihnen zu quetschen, weil sie den Vampir ja füttern muss. Warum zum Teufel Hühnerleber und dann auch noch 12 Kilo? Hilfe!
Später verrät ihr Tom Kyd (ja, DER Tom Kyd), ein Kumpel von Christopher dass nur Menschenblut helfen kann. Aber erst nachdem sie ewig an Marlowes Bett saßen und darüber geredet haben, dass er jeden Moment sterben kann. Zufällig liegt gleich ein Skapell bereit (das ein mit Marlowe und Tom befreundeter Arzt zuuuufällig vergessen hat). Also spendet Dixie, wie jede brave Vampirgeliebte, Blut. Hinterher, frisch gestärkt, macht Marlowe im Nebenzimmer Tom große Vorwürfe, dass er es zugelassen hat, dass Dixie ihm sein Blut gibt. Irgendwann im Verlauf des Gesprächs fällt Marlowe dann ein, dass Dixie ja eine riesige Wunde an der Brust hat und er gar nicht weiß, ob sie überleben wird. (Nachdem sie seit Minuten blutend im Nebenzimmer liegt, weil ein echter Jammervampir ja immer erst seinen Selbsthass ausleben muss, ist es tatsächlich gut möglich, dass sie nicht überlebt). Weitere Minuten verstreichen mit der Frage: Was machen wir mit ihr? In ein Krankenhaus können wir sie schlecht bringen, das würde uns verraten (Hallo, sie stirbt und euch fällt keine passende Lügengeschichte für die Ursache der Verletzung ein?). Und nun kommt Tom doch der Gedanke: Da ist doch noch das dritte Mitglied in unserer verschworenen Vampirclique: der skalpellvergessende Arzt!
Der wird dann auch gerufen, doch Dixie scheint es schon wieder besser zu gehen, denn der Arzt plauscht erst mal mit ihr, ehe er mit den Worten „So viel ich weiß, sind Sie verletzt“ die Behandlung einleitet. Und tatsächlich kann Dixie mit frischgenähter Brustwunde auch schon am gleichen Abend wieder ins Pub, um ein Pilzomelett zu futtern. Dass Vampire aber auch immer alles so dramatisieren müssen!
Apropos Futtern. Ein weiteres Phänomen dieses Buches ist, dass in ihm mehr über Essen steht als in einem handelsüblichen Kochbuch. Wir werden ungelogen über jedes Gericht, jeden Muffin, jede Tasse Tee informiert, die Dixie zu sich nimmt. Sucht ihr Ideen für ein vegetarisches Menü? Das ist euer Buch! Das geht so weit, dass sich sogar Essensmetaphern in die Beschreibungen schleichen und Dixie während des Essens von ihrem Liebsten träumt: „Eben erst hatte sie die leichte Schärfe der Brunnenkresse an den Geschmack von Christophers Küssen erinnert. Die weiche Butter fühlte sich an wie seine Haut, wenn sie mit der Zunge darüber strich, und der Tee war so heiß wie seine nächtlichen Berührungen.“
Überhaupt ist Dixie selbst ein Phänomen. Sie entkommt jedem Anschlag der fürchterlich fiesen Fieslinge wie durch ein Wunder und selbst die Vampire erkennen: „Sie ist keine normale Normalsterbliche“. Alle Schicksalsschläge erträgt sie nonchalant mit mit etwas drolliger weiblicher Entrüstung. Selbst als die überzeugte Vegetarierin erst ermordet und dann zur Blutsaugerin verwandelt wird, löst das keine tiefergehende Verzweiflung aus: „Männer! Kommen einfach hier eingetrudelt , krempeln ihr ganzes Leben um und entschwinden dann in die Nachtluft in der sicheren Erwartung, sie werde alles weitere schon schaukeln. Sie hätte sie auf den Mond schießen können, aber sie hatte eine gebrochene Hüfte und einen gebrochenen Arm, war soeben für tot erklärt worden und sah aus wie in Blut gebadet.“
Das alles ist mehr oder weniger unfreiwillig komisch – komischer als die vielen misslungenen Scherze der Protagonisten allemal – und macht das Buch fast unterhaltsam. Eine Weile. Aber nicht über die 400 Seiten, die es sich hinzieht, obwohl kein nennenswerter, phantasievoller oder überraschender Plot da ist. Irgendwann nervt das alles nur noch: die doofe Dixie, der dröge Marlowe und seine Vampirkumpels, die dillentanischen Fieslinge und der fortwährende Mangel an Logik und Plausibilität.
Fortsetzungen gibt es davon übrigens auch noch – Marlowes Vampirkollegen sind schließlich noch ledig. Weltbild hat meines Wissens nur drei der fünf Romane übersetzt.
Für mich war es aber ohnehin der erste und der letzte.
Statt Ratten:
