

Ich habe das Buch selbstverständlich im schwedischen Original unter dem Titel "Tanten" gelesen.
Zu einer Zeit, als in Schweden die Welt noch ein Idyll war, reist der circa 12-jährige Frans mit seinen Eltern in Urlaub. Wie immer ist das Ziel das Pensionat, in dem schon sein Vater als Kind urlaubte. Nicht nur sie, sondern auch alle anderen Besucher sind dort Stammgäste, und so erwartet Frans einen weiteren, ziemlich langweiligen Sommer auf dem Land. Aber schon während der Eisenbahnfahrt wird das Leben interessant, denn Frans stößt dort auf eine "Tante", (in der kindersprachlichen Bedeutung für eine fremde Frau), die sein Leben ordentlich aufmischt. Sie ist nämlich eine Frau, die sich über jede Menge unausgesprochene Regeln hinwegsetzt und Grenzen sprengt, die Frans für unübertretbar hielt. Er ist begeistert, genießt die Reise wie noch keine zuvor und noch größer wird seine Begeisterung, als sich die Tante gar als neuer Pensionatsgast herausstellt!
Weniger begeistert sind natürlich die anderen Gäste, die einen Sommer ganz im alten Trott erwarteten und schon von der Ankündigung der Besitzerin, ihr Pensionat verkaufen zu wollen, zutiefst beunruhigt sind. Veränderung? Bäääh! In ein solches Klima passt die aufrührerische Tante natürlich erst mal gar nicht, aber so nach und nach verstehen auch die anderen Gäste, dass das Leben auch interessanter sein kann.
Maria Gripe (1923-2007) war eine der großen schwedischen Kinderbuchautorinnen, die aber in Deutschland nie so bekannt wurde wie Astrid Lindgren oder die Finnlandschwedin Tove Jansson. Ihre 1970 erschienene "Tante" befindet sich in der Tradition von Pippi Langstrumpf, kommt aber ohne Superkräfte aus. Sie übertritt allgemein anerkannte, aber wie sich herausstellt eigentlich überflüssige Regeln im menschlichen Zusammensein, ist aktiv, genießt das Leben aus vollen Zügen und wird so zu einem Gegenstück zu dem traditionellen, wohlerzogenen, passiven Frauenbild, das vor Beginn der zweiten Frauenbewegung auch in Schweden herrschte. Noch stärker wirkt ihre Persönlichkeit im Gegensatz zu den anderen verknöcherten Gästen, die Maria Gripe mit viel Humor leicht überzeichnet.
Gerade auf kindliche Leser hatte diese Gestalt (wie mir ein schwedischer Freund, dessen Lieblingsbuch die "Tante" war, bestätigte) eine befreiende Wirkung, aber ich als erwachsene Leserin 40 Jahre nach Erscheinung des Buches musste doch feststellen, dass dieses Buch einiges an Kraft verloren hat. Im Gegensatz zu z. B. Lindgrens "Michel in Lönneberga" ist das Buch doch arg gealtert und zurecht in Vergessenheit geraten.
Allerdings ist es wie man von Gripe erwarten kann, stilistisch gut geschrieben und man kann es guten Gewissens auch heutigen Kindern in die Hand drücken.
