 
| | Alex Rühle Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline Erstveröffentlichung: 2010 Verlag: Klett-Cotta gebundene Ausgabe 220 Seiten
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Mir hat das Buch auch sehr gut gefallen. Im Vergleich zu Frank Schirrmachers "Payback", das mehr eine populärwissenschaftliche Abhandlung über die Auswirkungen der schönen neuen Internetwelt auf unser Leben und unser Gehirn ist, ist "Ohne Netz" ein Tagebuch Alex Rühles über die Zeit seines freiwilligen Verzichts auf Internet, E-Mails, BlackBerry und Handy und darüber, wie sich dieser Verzicht auf sein berufliches und privates Leben auswirkt, das er ja trotzdem irgendwie organisiert bekommen muss.
Das fängt an mit dem ungläubigen Staunen seiner Mitmenschen und Kollegen, wie man denn so etwas machen könne, freiwillig (!) auf das Internet zu verzichten, und wie kommt man überhaupt klar, so analog in heutigen digitalen Zeiten. Eine Kollegin vom ihm meinte, sie würde sich lieber den kleinen Finger abhacken, als aufs Internet zu verzichten. Ohne kleinen Finger könne sie leben...
Sehr interessant sind die Beobachtungen, die Alex Rühle an sich selbst macht, als ihm die digitale und vernetzte Welt nicht mehr zur Verfügung steht: Zu entdecken und bewusst wahrzunehmen, wie er im Laufe seines digitalen Lebens offenbar "verlernt" hat, sich konzentriert und linear einer Sache zu widmen, z.B. Texte zu lesen, ob nun analog ein Buch oder digital am Bildschirm, an einem Text dranzubleiben, und wie er stattdessen den Text nur noch oberflächlich erfasst, nach zwei Seiten zappelig wird und sich nach einer anderen Beschäftigung umschaut. Früher ließ er sich gerne immer wieder ablenken von anderen Dingen, dem aufpoppenden E-Mail-Fenster, dem Internetlink, dem er unbedingt noch nachgehen muss, dem Brummen des Handys, weil eine SMS eingegangen ist usw. Ich glaube, das kennen viele von uns. Mir geht's zumindest so. Und dann war da natürlich die ständige Erreichbarkeit und der innere Zwang, zu jeder Tageszeit nachzusehen, ob nicht doch noch jemand was von einem will, das Checken der E-Mails auf dem BlackBerry, morgens als erstes nach dem Aufstehen und abends als letztes vor dem Schlafengehen.
Das alles kann ich gut nachvollziehen, weil ich bis vor einem Jahr jobbedingt ebenfalls einen BlackBerry hatte und meine Chefs auch davon ausgegangen sind, dass ich immer erreichbar bin. Das hat zum Schluss nicht nur mich, sondern auch meine Frau in den Wahnsinn getrieben: Morgens, abends, auf dem Klo, am Wochenende, im Urlaub, bei Freunden. Ich bin nur froh, dass ich das Ding mittlerweile wieder abgeben konnte. Doch der Drang, mehrmals am Tag das E-Mail-Postfach zu checken oder nach neuen SMS zu schauen, ist geblieben. Jetzt kommt bei mir auch noch seit kurzem Facebook hinzu, und schon geht das ganze Theater wieder von vorne los: Der Rechner ist in der Freizeit ständig an, die FB-Seite wird laufend aus dem Augenwinkel beobachtet, ob sich da was tut, und selbst die Unsitte, morgens nach dem Aufstehen den Rechner anzuwerfen und nachzuschauen, ob ich in der Nacht eine neue Nachricht erhalten habe oder ob jemand was zu meiner Statusmeldung gepostet oder was eigenes mitgeteilt hat, ist bei mir wieder eingerissen. Schlimm...

Da Rühle Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und prinzipiell darauf angewiesen ist, Informationen zu den Themen, über die er schreibt, sehr schnell zu bekommen und zu verarbeiten - und das läuft in der Regel halt am schnellsten am PC übers Internet - macht ihm der Online-Verzicht natürlich auch in beruflicher Hinsicht zu schaffen. Er muss feststellen, wie sehr die digitale Welt schon sein Arbeitsleben bestimmt und, ja, im Grunde auch erleichtert hat. Statt Google & Co, zu bemühen, muss er aber nun für die Beschaffung von Informationen für einen Artikel Bibliotheken und Zeitungsarchive durchforsten, für die Buchung einer Reise betritt er erstmalig ein Reisebüro, und der Kontakt zu Interviewpartnern muss per Fax oder Brief gehalten werden. Überhaupt Briefe. Wer schreibt denn heutzutage noch Briefe? Für einen Interviewpartner von Rühle, der zwangsweise vorübergehend auf seinen BlackBerry verzichten musste, weil er wegen Steuerhinterziehung im Knast war, waren Briefe immer "etwas aus Jane-Austen-Romanen".
Natürlich lernt Rühle in diesem halben Jahr auch wieder die angenehmen Seiten der Entschleunigung und die Auswirkungen auf sein Privatleben zu schätzen, z.B. was es für eine Erfüllung sein kann, sich mehr Zeit für andere Dinge nehmen zu können oder für die Personen, die ihm wichtig sind. Er macht Ausflüge mit seinen Kindern, fährt viel mit dem Fahrrad, hört intensiv Musik, schreibt sein Tagebuch und liest wieder mehr Bücher als früher. Alles Dinge, die sein Leben reicher und schöner machen. Aber er weiß auch am Ende seines sechsmonatigen Experiments, als er seinen Bürorechner anmacht und in seinem Postfach mehrere tausend ungelesene E-Mails vorfindet, dass ihn die Onlinewelt schnell wieder verschlingen wird und er bald wieder im alten Trott sein wird. Eines aber wird anders sein: Den BlackBerry will er nicht wieder zurückhaben, den hat er gegen ein stinknormales Handy eingetauscht.

Ein schönes und sehr unterhaltsames Buch. Aber auch, wie Emily schon sagte, ein Buch, das nachdenklich macht und mich das eine oder andere Mal ins Grübeln brachte, und ich habe mich gefragt, ob die digitale Online-Welt mittlerweile mich im Griff hat und nicht umgekehrt...
