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Autor Thema: Alex Rühle - Ohne Netz  (Gelesen 1835 mal)

Emily

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Alex Rühle - Ohne Netz
« am: 27. Juli 2010, 20:24:35 »



Alex Rühle ist Journalist bei der SZ und wagt das große Experiment: ein halbes Jahr ohne Internet. Keine Mails, kein Handy, kein Google, kein Youtube. Wer ihn erreichen will, muss es auf den altmodischen Weg tun, ihm einen Brief schreiben oder ihm faxen. Warum er das tut? Weil er das Gefühl hatte, vom Internet abhängig zu werden. Ständig mal eben schauen ob eine Mail rein kam, selbst im Urlaub. So sollte es nicht weiter gehen. Also kappte er alles und musste feststellen, dass es gar nicht mehr so einfach ist, ohne das allgegenwärtige Internet zurecht zu kommen.

Ein faszinierender Bericht darüber, wie es sich anfühlt, in der heutigen Zeit komplett auf Internet und Handy zu verzichten. Wie oft sieht man noch Telefonzellen? Das fällt einem erst auf wenn man eine sucht, weil man eben kein mobiles Telefon zur Hand hat. Von seinen Nachschlagewerken musste er erst einmal die Staubschicht pusten, weil es schon lange Gewohnheit war, schnell mal eben Google zu bemühen. Wer von uns kennt das nicht? Ohne die Unterstützung seiner Kollegen, die ihm wichtige Rundmails ausdruckten, hätte er dieses Experiment gar nicht durchführen können. Es war schon so schwer genug, sämtliche Recherchen mit Hilfe von Büchern, Bibliotheken und sonstigen „urzeitlichen“ Hilfsmitteln zu bewältigen. Dinge, die er sonst innerhalb kürzester Zeit im Internet recherchiert hätte, nahmen viel mehr Zeit in Anspruch. Eine rein analoge Welt ist doch oft um einiges anstrengender.

Aber eben auch ruhiger und intensiver. Die Internetwelt verleitet einen dazu, vieles nur noch oberflächlich wahr zu nehmen. Offline bekam er wieder viel intensiver mit, was um ihn herum geschah. So wäre er mit Handy in der Hand, mal eben die Mails nachschauen, sicher an dem Erpel vorbeigelaufen, den er so aus einer Drahtschlaufe retten konnte. Es kam zu interessanten Kontakten, die ihm sonst sicher entgangen wären, wie der Briefwechsel mit einem Strafgefangenen.

Alex Rühle hat ein lockeres, angenehm zu lesendes Tagebuch über diese Zeit geschrieben. Nie versucht er seine Leser zu missionieren, sie zu überzeugen ebenfalls seinen Weg einzuschlagen. Er schwankt selbst immer wieder mal und ändert seine Meinung über das Experiment von einem zum anderen Monat, wozu er auch steht. Das hat das Buch so nachvollziehbar und menschlich gemacht. Anekdoten über Erlebnisse mit seinen Kindern lockern das ganze immer wieder auf, auch wenn man sich schon über die beruflichen Analog-Probleme sehr gut amüsieren kann.

Ein Buch, das einen bei allem Unterhaltungswert auch nachdenklich macht. Ein Patentrezept findet auch Alex Rühle nicht. Aber nach der Lektüre, in der sich wohl jeder, der das Internet etwas intensiver nutzt, an mancher Stelle wieder erkennt, macht man sich so seine Gedanken über die eigene Nutzung dieser Technik.

Nachdenklich machend ohne erhobenen Zeigefinger, gleichzeitig sehr unterhaltsam, ich kann dieses Buch jedem empfehlen der sich auch schon mal überlegt hatte, ob er nicht vielleicht etwas zu oft im Internet unterwegs ist.

 5ratten
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cori

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Re: Alex Rühle - Ohne Netz
« Antwort #1 am: 07. August 2010, 18:16:27 »

Oh, Danke für die Rezi, das möcht ich noch probieren. Von dem anderen Buch war ich enttäuscht (Christoph Koch), das war mir "zu journalistisch".
Liebe Grüsse Cori
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Emily

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Re: Alex Rühle - Ohne Netz
« Antwort #2 am: 07. August 2010, 20:35:19 »

Danke, das von Christoph Koch hatte ich mir nämlich schon überlegt, als Vergleich. Aber das fand ich gerade so angenehm bei dem von Alex Rühle, dass es wirklich unterhaltsam geschrieben ist.
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cori

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Re: Alex Rühle - Ohne Netz
« Antwort #3 am: 07. August 2010, 21:12:26 »

Koch ist nicht Mal im Ansatz unterhaltsam. So gesehen hast du das richtige Buch ausgesucht. Liebe Grüsse, Cori
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MacOss

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Re: Alex Rühle - Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline
« Antwort #4 am: 27. August 2010, 11:32:11 »


  Alex Rühle
Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline
Erstveröffentlichung: 2010
Verlag: Klett-Cotta
gebundene Ausgabe
220 Seiten

Mir hat das Buch auch sehr gut gefallen. Im Vergleich zu Frank Schirrmachers "Payback", das mehr eine populärwissenschaftliche Abhandlung über die Auswirkungen der schönen neuen Internetwelt auf unser Leben und unser Gehirn ist, ist "Ohne Netz" ein Tagebuch Alex Rühles über die Zeit seines freiwilligen Verzichts auf Internet, E-Mails, BlackBerry und Handy und darüber, wie sich dieser Verzicht auf sein berufliches und privates Leben auswirkt, das er ja trotzdem irgendwie organisiert bekommen muss.

Das fängt an mit dem ungläubigen Staunen seiner Mitmenschen und Kollegen, wie man denn so etwas machen könne, freiwillig (!) auf das Internet zu verzichten, und wie kommt man überhaupt klar, so analog in heutigen digitalen Zeiten. Eine Kollegin vom ihm meinte, sie würde sich lieber den kleinen Finger abhacken, als aufs Internet zu verzichten. Ohne kleinen Finger könne sie leben...

Sehr interessant sind die Beobachtungen, die Alex Rühle an sich selbst macht, als ihm die digitale und vernetzte Welt nicht mehr zur Verfügung steht: Zu entdecken und bewusst wahrzunehmen, wie er im Laufe seines digitalen Lebens offenbar "verlernt" hat, sich konzentriert und linear einer Sache zu widmen, z.B. Texte zu lesen, ob nun analog ein Buch oder digital am Bildschirm, an einem Text dranzubleiben, und wie er stattdessen den Text nur noch oberflächlich erfasst, nach zwei Seiten zappelig wird und sich nach einer anderen Beschäftigung umschaut. Früher ließ er sich gerne immer wieder ablenken von anderen Dingen, dem aufpoppenden E-Mail-Fenster, dem Internetlink, dem er unbedingt noch nachgehen muss, dem Brummen des Handys, weil eine SMS eingegangen ist usw. Ich glaube, das kennen viele von uns. Mir geht's zumindest so. Und dann war da natürlich die ständige Erreichbarkeit und der innere Zwang, zu jeder Tageszeit nachzusehen, ob nicht doch noch jemand was von einem will, das Checken der E-Mails auf dem BlackBerry, morgens als erstes nach dem Aufstehen und abends als letztes vor dem Schlafengehen.

Das alles kann ich gut nachvollziehen, weil ich bis vor einem Jahr jobbedingt ebenfalls einen BlackBerry hatte und meine Chefs auch davon ausgegangen sind, dass ich immer erreichbar bin. Das hat zum Schluss nicht nur mich, sondern auch meine Frau in den Wahnsinn getrieben: Morgens, abends, auf dem Klo, am Wochenende, im Urlaub, bei Freunden. Ich bin nur froh, dass ich das Ding mittlerweile wieder abgeben konnte. Doch der Drang, mehrmals am Tag das E-Mail-Postfach zu checken oder nach neuen SMS zu schauen, ist geblieben. Jetzt kommt bei mir auch noch seit kurzem Facebook hinzu, und schon geht das ganze Theater wieder von vorne los: Der Rechner ist in der Freizeit ständig an, die FB-Seite wird laufend aus dem Augenwinkel beobachtet, ob sich da was tut, und selbst die Unsitte, morgens nach dem Aufstehen den Rechner anzuwerfen und nachzuschauen, ob ich in der Nacht eine neue Nachricht erhalten habe oder ob jemand was zu meiner Statusmeldung gepostet oder was eigenes mitgeteilt hat, ist bei mir wieder eingerissen. Schlimm... :rollen:

Da Rühle Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und prinzipiell darauf angewiesen ist, Informationen zu den Themen, über die er schreibt, sehr schnell zu bekommen und zu verarbeiten - und das läuft in der Regel halt am schnellsten am PC übers Internet - macht ihm der Online-Verzicht natürlich auch in beruflicher Hinsicht zu schaffen. Er muss feststellen, wie sehr die digitale Welt schon sein Arbeitsleben bestimmt und, ja, im Grunde auch erleichtert hat. Statt Google & Co, zu bemühen, muss er aber nun für die Beschaffung von Informationen für einen Artikel Bibliotheken und Zeitungsarchive durchforsten, für die Buchung einer Reise betritt er erstmalig ein Reisebüro, und der Kontakt zu Interviewpartnern muss per Fax oder Brief gehalten werden. Überhaupt Briefe. Wer schreibt denn heutzutage noch Briefe? Für einen Interviewpartner von Rühle, der zwangsweise vorübergehend auf seinen BlackBerry verzichten musste, weil er wegen Steuerhinterziehung im Knast war, waren Briefe immer "etwas aus Jane-Austen-Romanen".

Natürlich lernt Rühle in diesem halben Jahr auch wieder die angenehmen Seiten der Entschleunigung und die Auswirkungen auf sein Privatleben zu schätzen, z.B. was es für eine Erfüllung sein kann, sich mehr Zeit für andere Dinge nehmen zu können oder für die Personen, die ihm wichtig sind. Er macht Ausflüge mit seinen Kindern, fährt viel mit dem Fahrrad, hört intensiv Musik, schreibt sein Tagebuch und liest wieder mehr Bücher als früher. Alles Dinge, die sein Leben reicher und schöner machen. Aber er weiß auch am Ende seines sechsmonatigen Experiments, als er seinen Bürorechner anmacht und in seinem Postfach mehrere tausend ungelesene E-Mails vorfindet, dass ihn die Onlinewelt schnell wieder verschlingen wird und er bald wieder im alten Trott sein wird. Eines aber wird anders sein: Den BlackBerry will er nicht wieder zurückhaben, den hat er gegen ein stinknormales Handy eingetauscht. :zwinker:

Ein schönes und sehr unterhaltsames Buch. Aber auch, wie Emily schon sagte, ein Buch, das nachdenklich macht und mich das eine oder andere Mal ins Grübeln brachte, und ich habe mich gefragt, ob die digitale Online-Welt mittlerweile mich im Griff hat und nicht umgekehrt...

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« Letzte Änderung: 02. November 2010, 18:33:41 von MacOss »
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Re: Alex Rühle - Ohne Netz
« Antwort #5 am: 27. August 2010, 11:38:18 »

@MacOss
Zumindest Facebook kann man recht leicht eindämmen^^ ich setze mir immer ein Zeitlimit wie lange ich auf der Facebookseite surfe - fang bloß keines der Spiele an ;) - das klappt eigentlich recht gut und im Grunde passiert da für mich auch nichts so wichtiges das ich nicht auch beim nächsten Mal noch schauen könnte. Emails checke ich beim einloggen und dann nochmal wenn ich mich auslogge. Das hab ich mir angewöhnt als ich gemerkt habe das ich alle fünf Minuten geschaut hab ob sich was getan hat... Ich glaube ich darf so ein Buch gar nicht lesen :lachen: Andererseits finde ich es sehr interessant weil einem ja doch einiges gar nicht bewusst wird wenn man es nicht bei jemand Anderem von außen betrachtet.
Und jetzt hab ich doch noch eine Frage: was genau ist eigentlich ein BlackBerry?
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Re: Alex Rühle - Ohne Netz
« Antwort #6 am: 27. August 2010, 11:44:34 »

Ein BlackBerry ist so ein Smartphone, mit dem Du mobil Deinen kompletten E-Mail-Verkehr abwickeln kannst. Die E-Mails, die ich z.B. ins Büro bekommen habe, landeten gleichzeitig auf dem BlackBerry. iPhone & Co. können sowas natürlich mittlerweile auch.

Nein, vor den Spielen auf Facebook fürchte ich mich noch. Die würden mir wahrscheinlich den Dolchstoß versetzen... :breitgrins:
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HoldenCaulfield

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Re: Alex Rühle - Ohne Netz
« Antwort #7 am: 27. August 2010, 11:48:20 »

Dankeschön, hab mich ja schon länger gefragt was genau das sein könnte nach dem sogar Tempe Brennan in den Romanen von Kathy Reichs so ein Ding hat :lachen: Zum Glück brauch ich so etwas nicht. Das höchste der Gefühle ist mein Handy das früher nicht einmal Fotos machen konnte - dann musste ich mir ein neues kaufen, aber es ist ein vergleichsweise recht "armseliges" Handy. So ein IPhone wäre natürlich verführerisch aber letzendlich: ich brauch das absolut nicht und mein Handy muss einfach nur einfachste Funktionen haben und Prepaid sein, alles andre ist mir nicht so wichtig.
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Re: Alex Rühle - Ohne Netz
« Antwort #8 am: 27. August 2010, 14:13:14 »

Mir reicht auch mein einfaches Prepaid-Handy. Mit so einem Smartphone würde ich wahrscheinlich auch wieder unterwegs ständig und überall beschäftigt sein, E-Mails checken, im Internet surfen usw.

Da fällt mir noch eine schöne Szene aus dem Buch ein, in der Alex Rühle vor einer Berufsschule für Erzieherinnen steht und beobachet, wie 30 bis 40 Schülerinnen rausströmen und alle bis auf wenige Ausnahmen ein Handy, einen iPod oder ein sonstiges Gerät in der Hand halten. Er schreibt: "(...) das ist schon grotesk, wie sie alle aus der Tür rauskommen, mit dem Blick aufs Display, als würde jede von ihnen auf Anweisungen aus irgendeiner Zentrale warten."

So kommt mir das im Bus oder in der U-Bahn auch allmählich vor. Und da will ich nicht der nächste sein, der auf Anweisungen aus der Zentrale wartet...
« Letzte Änderung: 27. August 2010, 14:16:12 von MacOss »
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Re: Alex Rühle - Ohne Netz
« Antwort #9 am: 27. August 2010, 14:16:32 »

@MacOss
Das ist wirklich sehr auffällig. Ich glaube das ist einer der Gründe warum ich in letzter Zeit auf meinen MP3 Player verzichte und die Musik lieber am Computer oder CD Player anhöre. Zum Joggen ist es allerdings praktisch :breitgrins: Ich denke es regt auf jedenfall dazu an mal zu überlegen wann man bestimmte Dinge wie Handy und ähnliches eigentlich dabei hat und ob das eigentlich immer und über all sein muss.
Ich glaub ich lese das Buch vielleicht doch mal, vielleicht bin ich ja auch gar nicht so schlimm :breitgrins:
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Bettina

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Re: Alex Rühle - Ohne Netz
« Antwort #10 am: 08. September 2010, 09:13:01 »

Gestern Abend ging bei mir die Lektüre zu Ende und ich schließe mich den anderen Rezensionen an: Die Rattenzahl in diesem Thread bleibt hoch!

Kurzbeschreibung
Alex Rühle ist ein erfolgreicher Journalist. Er kommt ganz schön rum, hat zwei Kinder, ist glücklich verheiratet - und süchtig. Ein Internet-Junkie. Kein Extremfall, er fühlt sich nur ebenso abhängig, wie die Meisten es sind. Deshalb macht Alex Rühle Ernst. Ein halbes Jahr wird digital gefastet. Kein Internet, kein E-Mail. Das Leben als Journalist und Vater muss offline weitergehen. Wenn das mal klappt...

Meine Eindrücke
Es gibt tatsächlich Männer, die bringen einen ins Grübeln... Sechs Monate ohne Mailkontakte brachten Rühle nach seiner Rückkehr in die digitale Welt 5644 ungelesene Mails auf einen Haufen - unerwartet wenig sogar, weil viele Kontakte irgendwann begriffen haben: Der Rühle liest die eh nicht, dem brauchen wir nichts schicken. Vorsichtig tippe ich, dass bei genauerer Betrachtung maximal 25 Prozent der Mails eine nähere Betrachtung wert sind (bei mir sind es im Haufen nach einem Urlaub ca. 20 Prozent); der Rest ist cc-Kategorie oder läuft ohnehin mehrfach in der Redaktion ein. Am Ende ist das Kondensat noch viel kleiner. Aber man muss sie sich wirklich alle angucken, wenn man am Rechner sitzt und eine neue Mail gemeldet bekommt? Ist man dazu verpflichtet? Muss man das?

Diese Fragen stellen sich viele, aber nur einer hat die konsequenteste Antwort darauf ausprobiert und freundlicherweise gleich noch ein Buch darüber geschrieben. Prompt bringt mich Herr Rühle zum heimlichen Überprüfen meiner eigenen digitalen Tätigkeiten, aber noch stehe ich ganz gut da. Kein Blackberry, keine 70 Mails am Tag, kein Internetzugang im Flur griffbereit. Dafür ein funktionierendes Fax und einen unglaublich guten Haustürservice der Post (... schnell auf Holz klopfen ...).
Das Buch gehört in die Kategorie "muss man gelesen haben" für alle, die sich über den alltäglichen Netz-Wahnsinn wundern - selbst, wenn sie selber mit drin hängen. Eine Bekannte formulierte es vor meiner Lektüre drastisch: Warum hat der das probiert? Ich hätte ihm gleich sagen können, dass das nicht funktioniert. Sie hat schon Recht, aber ohne den Versuch gäbe es das Buch nicht und dafür hat sich der Zinnober bereits gelohnt. Ein bisschen Nachdenken vorher hätte gewiss für weniger Erstaunen über das ärmliche Netz öffentlicher Telefonzellen gesorgt. Oder darüber, dass stillschweigend jedermann erwartet, dass man sich alles aus dem Netz saugen kann, egal, ob man es wirklich wissen will oder nicht. Selbst meine Verwandtschaft, teils deutlich über 70 Jahre alt, hat begriffen, dass die liebe Bettina so ziemlich jede Information noch während des Telefonats beschaffen kann, wenn man in Kauf nimmt, dass sie während des Tippens und Querlesens nicht ganz so kommunikativ ist wie sonst.

Ich habe zweierlei festgestellt: Vieles geht nach wie vor offline oder besser gesagt: Soviel braucht man gar nicht aus dem Netz, wie man immer glaubt. Aber ich habe auch gesehen, dass das Experiment nur dank der Hilfsbereitschaft und der Geduld der Kollegen machbar war und dank einer ganzen Reihe von Urlaubstagen, mit denen beruflich erzwungenen Rückfällen vorgebeugt wurde. Ein Besuch in den USA kann man zum Beispiel nur noch mit einem Besuch im WWW vorbereiten, da sind die US-amerikanischen Beamten völlig kompromissfrei, und eine Rückkehr ins Netz ließ sich nur vermeiden, weil zwei Sekretärinnen immer wieder Rühles Internet-Pflichten übernahmen.

Besser hätte man über den "Entzug" nicht schreiben können. Abgesehen von diesem irren Experiment trieb mich noch etwas anderes durch das Buch: Der Schreibstil! Den mag ich und deshalb lese ich so gerne Feuilleton, auch, wenn mich ein Thema nicht brennend interessiert. Aber die Jungs können klasse schreiben, so mag ich das, das würde ich selber gerne können. Dafür gehe ich auch nicht ins Netz, zu einem Feuilleton gehört einfach knisterndes Zeitungspapier, egal, ob die Süddeutsche einen Internetauftritt hat oder nicht. Das muss ich an dieser Stelle einfach loswerden.

Rühle lässt die alltäglichen telefonischen Diskussionen raus, in denen er mehrfach am Tag ungläubig staundenden Menschen erklären muss, dass sie Briefmarken kaufen müssen, um Papier an ihn zu schicken. Das wäre freilich nur eine gewisse Zeit lang witzig. Stattdessen pickt er sich Anekdoten mit einer Handvoll Bekannter raus, die ihn in der analogen Welt begleiten, stöbert in Untersuchungen zur Sucht oder zum Internet. Oder er stochert in der Zukunftsbeschimpfung von anno dazumal, als sich die Dramen noch rund um die Eisenbahn oder das gerade erfundene Telefon drehten. Alles scheint schon mal dagewesen zu sein und trotz aller Unruhe, die das ewige Handy-Zücken mit sich bringt, beruhigt vielleicht den einen oder anderen der Gedanke daran, dass sich das alles bald - wie früher auch - normalisieren könnte. Während der sechs Monate Abstinenz jedenfalls gab es keine digitale Revolution, Rühle stellt fest, dass er eigentlich nicht viel verpasst hat - nun ja, 5644 Mails vielleicht, aber jedenfalls nichts wirklich Bedeutendes...

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Re: Alex Rühle - Ohne Netz
« Antwort #11 am: 08. September 2010, 13:55:57 »

Hi!

Vielen Dank für eure Rezis bis hierher  :smile: Das Buch hat mich in den vergangenen Wochen auch immer wieder mal beschäftigt, obwohl ich nie vor hatte, es zu lesen. Aber es wurde halt da und dort in den Medien besprochen, oftmals begleitet von Aussagen in dieser Art:

Aber nach der Lektüre, in der sich wohl jeder, der das Internet etwas intensiver nutzt, an mancher Stelle wieder erkennt, macht man sich so seine Gedanken über die eigene Nutzung dieser Technik.

Nachdenklich machend ohne erhobenen Zeigefinger, gleichzeitig sehr unterhaltsam, ich kann dieses Buch jedem empfehlen der sich auch schon mal überlegt hatte, ob er nicht vielleicht etwas zu oft im Internet unterwegs ist.

(...) dass ihn die Onlinewelt schnell wieder verschlingen wird und er bald wieder im alten Trott sein wird. Eines aber wird anders sein: Den BlackBerry will er nicht wieder zurückhaben, den hat er gegen ein stinknormales Handy eingetauscht. :zwinker:

(...)  mich das eine oder andere Mal ins Grübeln brachte, und ich habe mich gefragt, ob die digitale Online-Welt mittlerweile mich im Griff hat und nicht umgekehrt...

Prompt bringt mich Herr Rühle zum heimlichen Überprüfen meiner eigenen digitalen Tätigkeiten, aber noch stehe ich ganz gut da. Kein Blackberry, keine 70 Mails am Tag, kein Internetzugang im Flur griffbereit.

Mir scheint das Buch vor allem den Zweck zu erfüllen, seine Leser zum Nachdenken über die eigenen Online-Tätigkeiten zu bringen. Das finde ich nicht verkehrt. Allerdings habe ich die Befürchtung, dass gute Vorsätze, die man sich nach der Lektüre vielleicht fasst,  die selbe Halbwertszeit haben wie die guten Vorsätze an Neujahr...

Und dafür hat er ein halbes Jahr alle möglichen Verrenkungen auf sich genommen? Ich meine, das Buch taugt wahrscheinlich nicht mal als Diskussionsgrundlage für eine Debatte über die Auswirkungen der ewig fliessenden Datenströme auf den Einzelnen und/oder die Gesellschaft. Mir scheint (und da dürft ihr mich gerne korrigieren), dass auch die Auswirkungen des Experiments auf Rühle zu wenig beleuchtet werden. Dass er konzentrierter arbeiten kann, wenn er nicht alle zwei Minuten seine Mails checkt und dass er mehr Zeit mit den Kindern verbringen wird, hätte ich ihm vorher sagen können, das ist ja nun wirklich keine überraschende Erkenntnis.

Damit hat er vielleicht eine Chance vertan, eine Diskussion über den Umgang mit Internet und Handy in Gang zu setzen, die vielleicht wertvollere Erkenntnisse bringen würde, als dass die Post tatsächlich noch Briefe von Privatpersonen an Privatpersonen befördert... oder dass heute jeder Schüler ein Handy hat, das nach Schulschluss gleich eingeschaltet wird.

Ich werde seit ich den Klappentext las den Verdacht nicht los, dass diese Publikation recht überflüssig ist und dass sich Rühle umsonst ein halbes Jahr lang gequält hat (sieht man mal von seinem persönlichen Erkenntnisgewinn ab - aber ich würde gerne prüfen, ob er in zwei Jahren immer noch ein normales Handy hat oder doch wieder ein Smartphone).

Gut, man kann auch dieses Posting als überflüssigen Beitrag in diesem Thread betrachten ( :smile: ), aber irgend ein kleines Teufelchen treibt mich dazu, hier eine Gegenmeinung los zu werden. Es kann daran liegen, dass mich das Thema Internet/Telekommunikation sehr stark beschäftigt und ich Rühles Experiment zwar lustig, aber total unproduktiv finde...

 :winken:

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HoldenCaulfield

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Re: Alex Rühle - Ohne Netz
« Antwort #12 am: 08. September 2010, 14:09:09 »

@Alfa
Ich finde deine Überlegungen ziemlich logisch^^ wenn ich mir das so überlege wäre es wirklich auch sehr interessant zu sehn in wie weit das Experiment den Autor auch langfristig beeinflusst hat bzw. wie das Buch seine Leser wirklich beeinflusst außer der Erkenntnis das man sich darin wiederfindet. Ich denke aber schon auch das so ein Denkanstoß den Einzelnen, wenn er wirklich möchte und die Disziplin hat durchaus dazu bringt langfristig ein anderes Verhalten an den Tag zu legen und seinen Internetkonsum (als Beispiel) zu verändern.
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Bettina

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Re: Alex Rühle - Ohne Netz
« Antwort #13 am: 08. September 2010, 14:20:43 »

Ich denke, das Experiment beweist hauptsächlich, dass man ohne Netz nicht mehr auskommt. Will man sich persönlich überprüfen oder sein Netz-Leben verschlanken, dann mag das eine oder andere einen Anstoss geben, aber wirklich hilfreich wären dann eher Ratschläge der Sorte "Melde Dich von überflüssigen Newslettern ab", "sortiere bearbeitete Mails sofort in Unterordner oder feuere sie weg" etc.

Ich habe allerdings an keinem Punkt im Buch das Gefühl gehabt, dass Rühle konkrete Ratschläge geben möchte, sondern zum Nachdenken anregen will. Dass er sich auf das Experiment eingelassen hat, finde ich extrem mutig - besonders, weil er Journalist ist. Dass da zudem Chef und Kollegen Ja gesagt haben, ist fast ein Wunder.

Mir scheint das Buch vor allem den Zweck zu erfüllen, seine Leser zum Nachdenken über die eigenen Online-Tätigkeiten zu bringen. Das finde ich nicht verkehrt. Allerdings habe ich die Befürchtung, dass gute Vorsätze, die man sich nach der Lektüre vielleicht fasst, die selbe Halbwertszeit haben wie die guten Vorsätze an Neujahr...

... Dass er konzentrierter arbeiten kann, wenn er nicht alle zwei Minuten seine Mails checkt und dass er mehr Zeit mit den Kindern verbringen wird, hätte ich ihm vorher sagen können, das ist ja nun wirklich keine überraschende Erkenntnis.

Zum oberen Punkt: Yepp! Nachdenken ja, gute Vorsätze nein. Die waren noch nie sonderlich lange haltbar, egal ob vor Rühle oder nach Rühle. Ich habe meine Mails z. B. im Griff, aber eben auch, weil ich das jeden Tag aufs Neue so will. Bis zu einem Tag X herrschte auch Chaos im Eingangsordner, heute sind manchmal nur sieben Stück drin. Dafür gibt es halt andere Baustellen, auch ganz ohne Netz ...

Zum unteren Punkt: Vielleicht müssen manche auch schwarz auf weiss lesen, dass man ohne ständiges WWW-Klicken konzentrierter arbeitet. Ich glaube, bei sehr vielen Leuten - eben auch bei Herrn Rühle - hat sich eine Routine eingeschliffen, die kaum tot zu kriegen ist. Zumal die Erwartungshaltung einiger Mitmenschen ziemlich eindeutig ist. Wie ich geschrieben habe, meine Verwandtschaft erwartet in solchen Fällen, dass sich da Antworten innerhalb kürzester Zeit auftun, wo ich früher Zeit zum Nachschlagen bekommen habe... Und meine Verwandten sind da noch harmlos; ich kenne Arbeitgeber, die den Mitarbeitern zeitliche Vorgaben geben, dass bei Mails eine Antwort innerhalb von 24 Stunden gegeben werden muss. Und wenn es nur die Antwort ist, dass man sich dann und dann drum kümmert. Aber raus muss eine Antwort auf alle Fälle, damit der Fragende sich behütet fühlt. Versuch' das mal bei eingehenden Briefen *g*
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Re: Alex Rühle - Ohne Netz
« Antwort #14 am: 12. September 2010, 08:06:24 »

Aus aktuellem Anlass: Mein Mann hat eine neue Fernbedienung gekauft, mit der man mehrere Geräte auf einmal kontrollieren kann. Das ist aber nicht das Dolle daran, sondern: Man kann das Gerät nur via Internet konfigurieren. Es war ein Kabel dabei, man schließt das Gerät an den PC an und doggelt sich auf der Internet-Seite des Anbieters irgendwie durch.

Ausgerechnet Samstags aber war die Seite des Anbieters wegen Servicearbeiten über Stunden hinweg zu und wir hatten einen TV-reduzierten Abend, da keine betriebbereite Fernbedienung da war. Wir mussten ja warten, bis die Website des Anbieters endlich wieder lief.
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