Rezension:


Ich habe die oben gezeigte englische Übersetzung unter dem Titel "Binu and the Great Wall" gelesen und nur auf sie bezieht sich meine Rezension. Das muss in diesem Fall besonders hervorgehoben werden, da sie sich als gekürzt herausstellte, etwas, das nirgendwo im Buch auch nur angedeutet würde. Einige Kapitel fehlen ganz, in anderen wurde einzelne Szenen gestrichen. Es mag sein, dass das Buch dadurch besser wurde, der Übersetzer die Arbeit übernahm, die eigentlich dem zuständigen Menschen im Verlag zugestanden hätte, es kann aber auch sein, dass es schlechter wurde. Was zustimmt, werde ich vielleicht demnächst feststellen können, falls ich tatsächlich noch die vollständige schwedische Übersetzung lese.
Auf jeden Fall bin ich sauer auf den Canongateverlag, der einfach so (und ohne jeden Hinweis) in dem Buch herumkürzt.
Su Tongs Buch ist sein Beitrag zum internationalen
Mythenprojekt, in dem er sich der in China in unzähligen Versionen weit verbreiteten Geschichte über Meng Jiangnü annimmt. Der "treuen Meng", hier im Buch Binu genannt, wird ihr Ehemann Qiliang geraubt. Er wird wie so viele arbeitsfähige Männer auch zum Bau der Großen Mauer zwangskommandiert. Binu kann sich mit dem Verlust ihres Mannes nicht abfinden und als es Herbst wird, macht sie sich mit warmer Kleidung für ihren Mann nach Norden auf, wo, wie sie gehört hat, die Kälte im Winter unbarmherzig ist. Nach langer Reise endlich an der Mauer angekommen muss sie leider erfahren, dass Qiliang ums Leben gekommen ist und sein Leichnam unter den Fundamenten der Mauer ruht. Daraufhin beginnt Binu so sehr zu weinen, dass die Mauer einstürzt und seine Gebeine freigelegt werden.
Su Tong hat diese Geschichte ausgeschmückt, wobei er sich oft weiterer Motive bedient, die er aus verschiedenen Versionen entnommen hat. Seine Binu weint nicht nur am Grabe ihres Mannes sondern nahezu ununterbrochen, was besonders auffällt, da Tränen sonst verpönt sind. In verschiedenen Gegenden ist den Bewohnern das Weinen sogar verboten, denn das würde ja bedeuten, dass sie unglücklich sind, und das können die Untersassen eines so tollen Herrschers ja nicht sein, egal, wie miserabel (und dafür gibt es im Buch einige haarsträubende Beispiele) er sie auch behandeln mag.
Binus Tränen ziehen sich also durch das gesamte Buch - weshalb der deutsche Titel "Die Tränenfrau" wirklich gut gewählt ist - und es drängt sich die Vermutung auf, dass sie für ein ganzes geknechtetes Volk weint.
Leicht war der Zugang zu diesem Buch nicht. Das liegt zum Teil an der kulturellen Barriere; ich konnte wahrscheinlich viele chinesische Motive nicht einmal als solche erkennen, geschweige denn einordnen. Ein ganz grundsätzliches Zugangsproblem spricht der Autor - allerdings ganz umgekehrt - in seinem Vorwort an:
Eine solche Geschichte, die jeder kennt, neu zu erzählen, stellt einen Autor unausweichlich vor ein großes Problem.
Ich hatte von Meng/Binu bisher noch nie gehört, hätte eine allgemeine Einführung in die Binugeschichte mit ihren diversen Variationen benötigt, aber so ohne Vorkenntnisse konnte ich kaum feststellen, was denn nun Sus eigener Beitrag zu der Geschichte ist.
Weiterhin war es mir nicht möglich, Binu als Person näher zu kommen. Sie wird mit einer ziemlichen Distanz geschildert und taugt kaum als Identifikationsfigur, die den Zugang zu einer fremden Welt erleichtert hätte. Binu verhielt sich meist sehr passiv, wenn sie auch durch ihre Reise eine Aktivität zeigt, die ihre Mitmenschen sie staunend angucken lässt. Sie lässt sich von den Menschen, die ihr begegnen ohne Gegenwehr hin- und herschieben, was zwar zu ihrer hilf- und rechtlosen Situation passt, sie aber doch als "Heldin" einer Queste (als die man, wie Aldawen feststellte, das Buch auch lesen kann), ungeeignet macht.
Zu einer Märchenfigur passt ihr Verhalten schon besser, aber für ein Märchen war das Buch zum einen zu lang, zum anderen war mir der Stil zu modern. Ein Wort wie z. B. "traumatisiert" passt nicht in diesen Zusammenhang. An anderen Stellen haben mir Ausdrücke aber fast den Atem geraubt; dies gerade dort, wo die Grenzen der Realität überschritten werden und zum Beispiel Binus Körperteile und Besitztümer ihr den Vorwurf machen, sich nicht ausreichend um sie gekümmert zu haben. An diesen Stellen öffnet sich eine weitere Dimension und ich beginne zu verstehen, wieso diese Geschichte in China über die Jahrtausende hinweg lebendig geblieben ist. Nur sind sie zu selten und die Längen des Buches (trotz Kürzungen meiner Ausgabe) zu viele, als das mich das Buch wirklich hätte begeistern können. Andererseits hat mich sein Thema doch gefesselt und so vergebe ich hin- und hergerissen
