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Autor Thema: [China] Su Tong – Die Tränenfrau  (Gelesen 901 mal)

Saltanah

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Re: [China] Su Tong – Binu and the Great Wall
« Antwort #15 am: 27. Juli 2010, 07:01:58 »

Rezension:



Ich habe die oben gezeigte englische Übersetzung unter dem Titel "Binu and the Great Wall" gelesen und nur auf sie bezieht sich meine Rezension. Das muss in diesem Fall besonders hervorgehoben werden, da sie sich als gekürzt herausstellte, etwas, das nirgendwo im Buch auch nur angedeutet würde. Einige Kapitel fehlen ganz, in anderen wurde einzelne Szenen gestrichen. Es mag sein, dass das Buch dadurch besser wurde, der Übersetzer die Arbeit übernahm, die eigentlich dem zuständigen Menschen im Verlag zugestanden hätte, es kann aber auch sein, dass es schlechter wurde. Was zustimmt, werde ich vielleicht demnächst feststellen können, falls ich tatsächlich noch die vollständige schwedische Übersetzung lese.
Auf jeden Fall bin ich sauer auf den Canongateverlag, der einfach so (und ohne jeden Hinweis) in dem Buch herumkürzt.

Su Tongs Buch ist sein Beitrag zum internationalen Mythenprojekt, in dem er sich der in China in unzähligen Versionen weit verbreiteten Geschichte über Meng Jiangnü annimmt. Der "treuen Meng", hier im Buch Binu genannt, wird ihr Ehemann Qiliang geraubt. Er wird wie so viele arbeitsfähige Männer auch zum Bau der Großen Mauer zwangskommandiert. Binu kann sich mit dem Verlust ihres Mannes nicht abfinden und als es Herbst wird, macht sie sich mit warmer Kleidung für ihren Mann nach Norden auf, wo, wie sie gehört hat, die Kälte im Winter unbarmherzig ist. Nach langer Reise endlich an der Mauer angekommen muss sie leider erfahren, dass Qiliang ums Leben gekommen ist und sein Leichnam unter den Fundamenten der Mauer ruht. Daraufhin beginnt Binu so sehr zu weinen, dass die Mauer einstürzt und seine Gebeine freigelegt werden.

Su Tong hat diese Geschichte ausgeschmückt, wobei er sich oft weiterer Motive bedient, die er aus verschiedenen Versionen entnommen hat. Seine Binu weint nicht nur am Grabe ihres Mannes sondern nahezu ununterbrochen, was besonders auffällt, da Tränen sonst verpönt sind. In verschiedenen Gegenden ist den Bewohnern das Weinen sogar verboten, denn das würde ja bedeuten, dass sie unglücklich sind, und das können die Untersassen eines so tollen Herrschers ja nicht sein, egal, wie miserabel (und dafür gibt es im Buch einige haarsträubende Beispiele) er sie auch behandeln mag.
Binus Tränen ziehen sich also durch das gesamte Buch - weshalb der deutsche Titel "Die Tränenfrau" wirklich gut gewählt ist - und es drängt sich die Vermutung auf, dass sie für ein ganzes geknechtetes Volk weint.

Leicht war der Zugang zu diesem Buch nicht. Das liegt zum Teil an der kulturellen Barriere; ich konnte wahrscheinlich viele chinesische Motive nicht einmal als solche erkennen, geschweige denn einordnen. Ein ganz grundsätzliches Zugangsproblem spricht der Autor - allerdings ganz umgekehrt - in seinem Vorwort an:
Zitat
Eine solche Geschichte, die jeder kennt, neu zu erzählen, stellt einen Autor unausweichlich vor ein großes Problem.
Ich hatte von Meng/Binu bisher noch nie gehört, hätte eine allgemeine Einführung in die Binugeschichte mit ihren diversen Variationen benötigt, aber so ohne Vorkenntnisse konnte ich kaum feststellen, was denn nun Sus eigener Beitrag zu der Geschichte ist.

Weiterhin war es mir nicht möglich, Binu als Person näher zu kommen. Sie wird mit einer ziemlichen Distanz geschildert und taugt kaum als Identifikationsfigur, die den Zugang zu einer fremden Welt erleichtert hätte. Binu verhielt sich meist sehr passiv, wenn sie auch durch ihre Reise eine Aktivität zeigt, die ihre Mitmenschen sie staunend angucken lässt. Sie lässt sich von den Menschen, die ihr begegnen ohne Gegenwehr hin- und herschieben, was zwar zu ihrer hilf- und rechtlosen Situation passt, sie aber doch als "Heldin" einer Queste (als die man, wie Aldawen feststellte, das Buch auch lesen kann), ungeeignet macht.

Zu einer Märchenfigur passt ihr Verhalten schon besser, aber für ein Märchen war das Buch zum einen zu lang, zum anderen war mir der Stil zu modern. Ein Wort wie z. B. "traumatisiert" passt nicht in diesen Zusammenhang. An anderen Stellen haben mir Ausdrücke aber fast den Atem geraubt; dies gerade dort, wo die Grenzen der Realität überschritten werden und zum Beispiel Binus Körperteile und Besitztümer ihr den Vorwurf machen, sich nicht ausreichend um sie gekümmert zu haben. An diesen Stellen öffnet sich eine weitere Dimension und ich beginne zu verstehen, wieso diese Geschichte in China über die Jahrtausende hinweg lebendig geblieben ist. Nur sind sie zu selten und die Längen des Buches (trotz Kürzungen meiner Ausgabe) zu viele, als das mich das Buch wirklich hätte begeistern können. Andererseits hat mich sein Thema doch gefesselt und so vergebe ich hin- und hergerissen
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Aldawen

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Re: [China] Su Tong – Die Tränenfrau
« Antwort #16 am: 27. Juli 2010, 17:09:05 »

Eigentlich kann ich Saltanahs Rezension in vielen Punkten nichts hinzufügen. Der Zugang zu dieser Geschichte ist für jemanden mit hiesiger kultureller Prägung ohne weitere Erläuterungen wahrscheinlich nur schwer bis gar nicht möglich. Daher hätte ich mir seitens des Verlages zumindest ein erläuterndes Nachwort gewünscht, wie der Lenos Verlag das bei seiner Arabischen Literatur geradezu vorbildlich praktiziert. Das interessante an diesem Gedanken der kulturellen Fremdheit ist aber eigentlich etwas anderes: Wenn wir mit Binu/Meng solche Probleme haben, welche Probleme hat dann ein Chinese mit den Mythennacherzählungen aus dem europäisch-antiken Umfeld? Darüber würde ich mich gerne mal mit Chinesen unterhalten, die Diskussion verspräche einigen Erkenntnisgewinn.

Neben diesem grundsätzlichen Aspekt, der sich auch nicht so ohne weiteres ausräumen läßt, krankte der Roman für mich aber noch ganz anderen, wesentlichen Punkten. Saltanah hat schon einiges davon gesagt, als sie Binu charakterisiert hat. Auch mir war sie einerseits viel zu passiv, abgesehen von ihrer Reise nach Norden äußert sie kaum je eine eigene Meinung, läßt sich herumschubsen, ohne sich zu wehren und flennt die ganze Zeit vor sich hin. Andererseits, oder vielleicht auch als Folge davon, ist sie auch recht selbstbezogen. Wenn sie sich für die Menschen um sich herum interessiert, dann immer nur vor dem Hintergrund, daß diese sie doch nach Norden begleiten oder ihr sonstwie auf dem Weg helfen sollen. Warum sollten die Menschen das tun, wenn Binu/Meng offensichtlich nicht an ihnen interessiert ist? Das kann im Einzelfall ja mal funktionieren, wenn man an altruistische Leute gerät, aber der Regelfall ist das wohl eher nicht. Erschwerend kommt im Falle Binu/Meng noch dazu, daß sie ausgesprochen lernresistent ist. Sie zieht aus ihren Erlebnissen einfach keine Schlüsse für ihr zukünftiges Verhalten. Wohlwollend könnte man sie einfach als naiv bezeichnen, aber dieses Wohlwollen hat sie bei mir über die Erzählung hinweg dann doch recht schnell aufgebraucht – wer sich derart dämlich benimmt, hat's nicht anders verdient.

Wenn ich auch Saltanahs Unmut über die nicht gekennzeichnete Kürzung durch den Canongate Verlag verstehen kann: Ich wäre froh gewesen, wären mir die in der englischen Fassung entfallenen Kapitel erspart geblieben. Sie drehten für die Handlung zweckfreie Schleifen und trugen auch sonst nicht zu einem besseren Verständnis bei, eher verwirrten sie noch zusätzlich. Das ist der Konstruktionsfehler des Romans: Entweder man erzählt die Geschichte wirklich als Queste, dann kann man diese Kapitel auch tatsächlich weglassen, oder man erzählt es als Entwicklungsroman, dann braucht man eine andere Protagonistin, oder man erzählt es als märchenhaft verbrämte Gesellschaftskritik, dann braucht es stringentere Ausarbeitung der Episoden. Ich habe fast den Eindruck, Su Tong wollte alles auf einmal und deshalb konnte nichts rechtes mehr dabei herauskommen.

zum anderen war mir der Stil zu modern. Ein Wort wie z. B. "traumatisiert" passt nicht in diesen Zusammenhang.

Das zumindest scheint nicht auf dem Mist des Übersetzers der englischen Ausgabe gewachsen zu sein, dergleichen ist mir auch mehrfach aufgefallen, und Wendungen wie auf dem Quivive sein gehören einfach nicht in einen solchen Roman. Mag sein, daß Su Tong das als Stilmittel bewußt eingesetzt hat, aber dann hat es auf mich seinen Zweck eindeutig verfehlt. Und wenn Saltanah in ihrer gekürzten Fassung schon Längen gefunden hat, so kann ich nur feststellen: Für die deutsche Ausgabe gilt das erst recht. Ich will nicht so weit gehen zu sagen, daß das Buch eine einzige Länge war, es hat gute Passagen, aber diese sind in Summe einfach zu wenig.

 1ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

Schönen Gruß,
Aldawen
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Annabas

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Re: [China] Su Tong – Die Tränenfrau
« Antwort #17 am: 27. Juli 2010, 19:39:06 »

Hallo miteinander,

ich habe ja immer wieder in eure Kommentare gespickt und gehofft, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, denn ich habe "Die Tränenfrau" letztes Jahr nach etwa 80 Seiten abgebrochen.
Der Anfang hatte mir noch sehr gut gefallen, aber als es dann um Binu ging, fing ich an, mich zu langweilen. Ich konnte mit diesem "Zerfließen" einfach nichts anfangen.
Inzwischen denke ich, dass mir das Buch vermutlich auch später nicht gefallen hätte und dass ich nichts verpasst habe.

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Aldawen

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Re: [China] Su Tong – Die Tränenfrau
« Antwort #18 am: 27. Juli 2010, 19:51:48 »

ich habe ja immer wieder in eure Kommentare gespickt und gehofft, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, denn ich habe "Die Tränenfrau" letztes Jahr nach etwa 80 Seiten abgebrochen.

Das kann ich gut verstehen, wäre unter anderen Umständen wahrscheinlich auch meine Entscheidung gewesen, aber ich konnte Saltanah ja nicht einfach allein damit lassen. Außerdem hätten wir dann ja nie diese Kürzung herausgefunden  :breitgrins:

Aber ist es nicht auch schön, noch nachträglich die Bestätigung zu bekommen, daß man sich richtig entschieden hat? Das eigene Gefühl trügt doch selten, und deshalb bin ich auch recht rigoros beim Abbrechen von Büchern. Warum soll ich meine Zeit damit verplempern, wenn es offensichtlich nicht für mich geschrieben wurde?

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Annabas

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Re: [China] Su Tong – Die Tränenfrau
« Antwort #19 am: 27. Juli 2010, 19:59:09 »

Aber ist es nicht auch schön, noch nachträglich die Bestätigung zu bekommen, daß man sich richtig entschieden hat? Das eigene Gefühl trügt doch selten, und deshalb bin ich auch recht rigoros beim Abbrechen von Büchern. Warum soll ich meine Zeit damit verplempern, wenn es offensichtlich nicht für mich geschrieben wurde?

Das stimmt allerdings.
Nur hin und wieder frage ich mich nach einem abgebrochenen Buch, ob die zweite Hälfte vielleicht gaaaaanz toll gewesen wäre.  :zwinker:

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