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Autor Thema: Khaled Hosseini - Drachenläufer  (Gelesen 6713 mal)

Miramis

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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #15 am: 30. November 2007, 13:11:31 »

Ich habe das Buch im Rahmen des SUB-Listen-Wettbewerbs 2007 gelesen und fand es sehr beeindruckend.

Das geht schon mal damit los, dass es sich vor allem um Afghanistan dreht, ein Land, das mich von jeher interessiert hat. Der Autor spannt den Bogen von den frühen Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts bis ins Jahr 2002 und vermittelt die Entwicklung dieses Landes über den ganzen Zeitraum hinweg. In dieser Zeit ist in Afghanistan sehr viel passiert; viele politische Umbrüche, mehrere (Bürger-)Kriege mussten die Afghanen über sich ergehen lassen. Diese Tragödie eines ganzen Landes ist eng mit dem Schicksal des Ich-Erzählers Amir verbunden, den der Leser von Kindheit an begleitet. Sein Leben ist sicher nicht beispielhaft für das der meisten Afghanen, aber auch an seinem Beispiel kann man sehr gut erkennen, wie sehr das einstmals blühende Land vor die Hunde gegangen ist. Der Autor beschönigt hier nichts, und einige grausame Szenen haben mich doch sehr betroffen gemacht - von den Gräueltaten der Taliban und zuvor der Russen zu wissen, ist eine Sache; hier die konkreten Bilder geschildert zu bekommen, eine ganz andere. Da musste ich doch oft heftig schlucken.

Im Mittelpunkt steht aber vor allem die persönliche Tragödie von Amir, der schon von Kindheit an eine schwere Schuld mit sich herumträgt. Erst im Laufe seines Lebens, das ihn ins Exil führt, erfährt er die tieferen Hintergründe für all das, was er als Kind nicht verstehen konnte. Er, eigentlich ein schwacher, verzagter Mensch und keinesfalls mit dem Ehrbegriff des stolzen Afghanen auf Du und Du, begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit, die ihn verwandelt und ihm die Chance zur Wiedergutmachung bietet. Dabei wird aber auch klar, dass es für manche Dinge einfach auch zu spät sein kann.

Das alles ist sehr fesselnd und ergreifend erzählt, manchmal direkt schon rührselig. Aber das passt genau zu dieser Geschichte, die wohl niemanden kalt lässt, und die auch nicht auf Biegen und Brechen auf ein Happy-End hinauslaufen will. Die Verflechtungen von Vergangenheit und Gegenwart sind sehr raffiniert ausgedacht und bescherten mir so manchen aha-Effekt. Auch das Leben der Exil-Afghanen, die sich einerseit an das Leben ihrer neuen Heimat anpassen wollen, andererseits aber ihre Traditionen und Gebräuche nicht aufgeben können, ist ein interessanter Aspekt des Romans.

Das Buch ist durchwegs spannend zu lesen und hat mir einige sehr schöne, aber auch traurige und nachdenkliche Lesestunden bereitet. Geheult hab ich nicht am Schluss, aber für einen dicken Kloß im Hals hat es schon gereicht.

 5ratten
« Letzte Änderung: 30. November 2007, 13:54:06 von Miramis »
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:lesen: Kai Meyer - Die Gebannte

Murkxsi

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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #16 am: 14. Dezember 2007, 10:42:55 »

Ich habe das Buch jetzt gestern gekauft (nächstes Jahr darf ich ja nur 12 kaufen  :zwinker:), weil ich immer wieder davon höre (besonders von Papyrus  :winken:) WIE schön das Buch doch ist. Jetzt steht es auf jeden Fall auf meinem SUB-Karren und erhält Lesepriorität.

LG Murkxsi
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Mein Lebensmotto: Leben und leben lassen!

m3rlin

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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #17 am: 17. Januar 2008, 20:41:20 »

Hallo zusammen,
dann will ich auch mal meinen Senf zu diesem beeindruckenden Buch geben  :breitgrins:



Zum Inhalt:
Afghanistan, Mitte der 70er Jahre. Amir Aga, der Sohn eines reichen Paschtunen, unternimmt viel mit seinem Diener und Freund Hassan, einem Hazari. So sind sie bei ihrem Hobby, dem Drachenkampf, ein eingespieltes Team. Doch dann verrät Amir Hassan und verändert somit sein und Hassans Leben für immer... 

Meine Meinung:
Ich habe dieses Buch im Rahmen einer Leserunde gelesen und wollte es gar nicht mehr aus der Hand legen. Die Geschichte ist spannend und voller Überraschungen – dann wiederum ist sie zu Tränen rührend und tiefsinnig. Der Leser erlebt alles aus der Ich-Perspektive von Amir Aga. Manchmal möchte man ihn für seine „Taten“ würgen, dann wieder fühlt man mit ihm und kann sich in seine Lage hineinversetzen.
Der Autor ist selbst Afghane und erzählt damit unglaublich authentisch, lebensnah und unaufdringlich aus dem Alltag der Afghanen sowie deren Kultur und Geschichte. Ich fand es sehr interessant, da natürlich auch geschichtliche Wendepunkte in dem Buch eine große Rolle spielen. Der Bezug zum heutigen „Afghanistan-Krieg“ lässt sich stets herstellen, allerdings aus einer anderen Sicht – nämlich die der Bevölkerung. Davon kriegt man m.M.n. in den Nachrichten nicht so viel mit.

Ich würde „Drachenläufer“ jedem empfehlen, egal wie alt, welches Geschlecht, welche Lesevorlieben der- oder diejenige hat. Es hat mich tief berührt und mitgerissen und ich denke, alle anderen aus der Leserunde haben das genauso empfunden  :winken:

Dafür gibt es 5ratten und :marypipeshalbeprivatmaus: absolut :daumen:

Heute kommt ja auch der Film ins Kino - da muss ich rein!  :popcorn:

lg, m3rlin
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schokotimmi

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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #18 am: 18. Januar 2008, 18:57:35 »

Hallo,

auch ich habe das Buch im Rahmen einer LR gelesen und muss sagen, das Jahr beginnt traumhaft.

Inhalt:
Im friedlichen Afghanistan der 70er Jahre wachsen Amir und Hassan in Kabul gemeinsam auf. Beide sind Freunde und spielen viel gemeinsam obwohl Hassan ein Hazari und "Diener" Amirs ist. Im Drachenkampf sind sie ein lang geübtes Team, doch mit 12 Jahren begeht Amir einen schweren Fehler, der beider Leben sehr verändert - es entsteht eine Schuld, doch ob sie Jahrzehnte später wiedergutgemacht werden kann, dafür müßt ihr schon selbst dieses wundervolle Buch lesen.

Meinung:
Das Buch ist traumhaft, einfühlsam und sehr authentisch geschrieben, aus Sicht Amirs erlebt man viele kleine und große Dinge, man fühlt mit ihm, man hasst ihn aber man freut sich auch mit ihm. Der Autor schafft es wunderbar kleine und große Ereignisse zu verbinden. so erfährt man viel über das friedliche Afghanistan, aber auch Bürgerkrieg und Terror kommen sehr emotional-erschreckend rüber. Ein Buch, das mehr in einem selbst bewegt als tausend Berichte über Afghanistan in den Nachrichten.
Die vielen Überraschungseffekte wirken weder aufgesetzt, noch konstruiert - und das Ende rundet einen realistisch anmutenden Roman gefühlvoll ab.

Von mir gibt es auf jeden Fall: 5ratten

Sonnige Grüße
schokotimmi
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Aldawen

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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #19 am: 19. Januar 2008, 16:25:29 »

Meine Meinung: Hosseini bedient hier virtuos die Klaviatur moralischer Kategorien, die in Frage gestellt, verraten, pervertiert und doch auch gelebt werden. Dabei geht es nicht nur, wie der Klappentext suggeriert, um „Liebe und Verrat, Trennung und Wiedergutmachung“, obwohl alle diese Dinge zentral für das Buch sind. Es geht auch darum, wieviel Demütigung ein Mensch ertragen kann und welche „Wiedergutmachung“ überhaupt möglich ist. Dies ergibt sich schon allein aus dem Rahmen, in dem der letzte Teil der Geschichte angesiedelt ist: das Afghanistan unter den Taliban. Im Grunde sind die Begebenheiten, die Hosseini hier einbaut, typisch für moderne Kriegsgebiete überall, und wenn man genug davon gelesen hat, dann wundert und erschrickt man sich darüber nicht mehr so sehr. Hier ist es trotzdem anders, weil nicht abstrakte Opfer in Form von Zahlen sondern „konkrete“ Personen betroffen sind, so konkret, wie sie eben im Rahmen eines Romans für den Leser werden können.

Insgesamt ist es Hosseini gelungen ein wunderbares Portrait des verlorenen Afghanistans zu zeichnen, auch wenn der Ausschnitt aus dem Leben der gutsituierten Mittelschicht sicher nicht repräsentativ für das Land in den 1970er Jahren ist. Der Tonfall der Erzählung wie die eingestreuten Begriffe aus dem Farsi, dem Paschtu und dem Arabischen sorgen für ein „orientalisches“ Flair, auch wenn ich mir für die Begriffe ein Glossar gewünscht hätte. Auch eine Karte mit den wichtigsten Orten wäre wünschenswert, denn obwohl diese Namen regelmäßig in den Nachrichten auftauchen, muß ich mich doch erst immer etwas mühselig orientieren.

Trotz all dieser positiven Aspekte hat mich das Buch mit einem leichten Unbehagen zurückgelassen. Dieses hat nichts mit den geschilderten Abscheulichkeiten zu tun, sondern liegt in der Konstruktion der Geschichte begründet. Es war über die Gesamtheit betrachtet für meinen Geschmack einfach zu viel der Parallelen von einem Leben zum anderen, ein Bruch wäre hier wünschenswert gewesen. Das hätte dann vielleicht nicht mehr ganz so auf die Tränendrüse gedrückt, aber das Buch wäre kaum weniger bewegend gewesen.

 4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

Schönen Gruß,
Aldawen
« Letzte Änderung: 19. Januar 2008, 22:02:24 von Aldawen »
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illy

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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #20 am: 02. Februar 2008, 17:56:09 »

Es fällt mir schwer eine Rezension zu diesem Buch zu verfassen, da ich das Gefühl habe, dass alles Relevante schon geschrieben wurde, ich könnte mich eigentlich mit einem „Genau so ist es!“ begnügen. Ein paar persönliche Eindrücke will ich trotzdem noch von mir geben.

Im ersten Teil, der die Kindheit der Hauptfigur Amir in Afghanistan beschreibt, zeigt Hosseini uns ein ganz anderes Land, als das Afghanistan, das wir aus den Nachrichten kennen, ein Land, noch nicht von jahrelangen Kriegen zerstört, sondern voll alter Kultur und doch auf dem Weg in die Moderne. Auch wenn zu bedenken ist, dass Amir immer schon der besseren Gesellschaft angehörte und so das positivste des Landes kennen lernen konnte, weckt der Autor meine Sympathie für das mittlerweile so zerstörte Afghanistan. Die Beschreibungen der Kindheit Amirs und wie seine Freundschaft zu Hassan immer einseitiger wurde, bis sie im Alter von 12 Jahren einem schrecklichen Erlebnis und Amirs Feigheit zum Opfer fällt, wurden dabei aber irgendwann so intensiv, dass ich mehrfach das Bedürfnis hatte, eine Pause einzulegen, um nicht zu tief in den Sumpf von einseitiger Freundschaft, Scham und Schuldgefühl hineingezogen zu werden.

Im zweiten Teil erleben wir wie Amir in Amerika erwachsen wird und hier beschreibt Hosseini (aus eigener Erfahrung) sehr gut, wie weit Amerika von Afghanistan entfernt ist. Während es für Amir eine Chance auf ein neues Leben ist, fühlt sich sein Vater entwurzelt und gewinnt so mein Mitgefühl und meine Sympathie. Die Sehnsucht nach der alten Heimat und das verharren in der Vergangenheit werden in allen Ausprägungen sehr schön dargestellt. Theoretisch könnte das Buch dort irgendwo mit einem "und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende" enden, wenn nicht Amir die ihm spät gebotene Chance auf eine Wiedergutmachung geboten würde, die dazu führt, dass er nach Afghanistan zurückkehrt.

An kleinen, aber dafür umso intensiveren Begebenheiten schildert Hosseini das Schreckensregime der Taliban und wie es die schlimmsten Seiten in manchen Menschen zum Vorschein bringt, während die Mehrzahl einfach nur zu überleben hofft. Diese Szenen haben mich mehr beeindruckt als so manch langatmiger Zeitungsartikel, der mir über die Taliban in Afghanistan begegnet war.

Das Buch endet realistisch und zugleich berührend. Eine rundum gelungene Geschichte, deren einziges Manko ist, dass sie manchmal zu rund ist und der Autor das Schicksal die Ereignisse etwas zu perfekt anordnen lässt.

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Thanquola

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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #21 am: 05. Februar 2008, 21:09:42 »

Im Wesentlichen kann ich mich euch nur anschließen, dass "Drachenläufer" ein sehr beeindruckendes Buch ist, usw.

Zwei Kritikpunkte gibt es für mich aber trotzdem. Zum einen hatte ich ebenso wie Aldawen das Gefühl, dass die Geschichte ein wenig zu durchkonstruiert ist, zum anderen waren mir die Personen (Hassan und Assef, ob das auch andere betraf, vermag ich nicht mehr zu sagen) etwas eindimensional dargestellt. Nicht das es mich ernsthaft gestört hätte, dazu fand ich das Buch wiederum viel zu interessant, aber der Autor hat es sich vielleicht ein bisschen zu einfach gemacht.

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Davon abgesehen finde ich das Buch aber trotzdem sehr empfehlenswert. Ich muss zugeben, dass ich vorher so gut wie gar nichts über Afghanistan wusste. Taliban, klar, aber sonst? Durch "Drachenläufer" konnte ich wenigstens einen kleinen Einblick in die Kultur und Geschichte dieses Landes gewinnen.
« Letzte Änderung: 05. Februar 2008, 21:12:28 von Thanquola »
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qantaqa

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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #22 am: 09. Februar 2008, 20:29:49 »

Ich war nach der Lektüre zweigeteilt. Zum einen hat mir die Beschreibung einer Jugend im alten Afghanistan und das afghanische Leben in den USA sehr gut gefallen - diese ruhige Erzählweise hat mich gefesselt. Zum anderen befremdete mich die eher verharmlosende Art und Weise, wie Hosseini über die Schreckensherrschaft der Taliban berichtet hat. Wer jemals einen Dokumentarfilm über dieses Thema gesehen hat, weiß, dass da nur an der äußersten Spitze des Eisbergs ein wenig gekratzt wurde. Die Dinge, die in Afghanistan passiert sind, lange bevor die Welt durch die Zerstörung der Buddha-Statuen aufmerksam wurde, sind aber vielleicht einfach zu furchtbar für einen solchen Roman, in dem es in erster Linie um Schuld und Sühne des Ich-Erzählers geht. Aber diese Schuld-und-Sühne-Geschichte ist mir einfach zu konstruiert, um glaubwürdig zu sein; zuviele Kreise haben sich am Ende geschlossen.

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Hosseini entschuldigt sich mehrmals für die Klischees, die er bedient; ich mag diese Entschuldigung nicht so recht annehmen. Trotz aller Mängel hat mich das Buch aber sehr berührt und gefesselt. Lesenswert ist es auf jeden Fall.

 4ratten
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schokotimmi

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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #23 am: 10. Februar 2008, 14:44:47 »

Hallo,

interessant in welche Richtung die Meinungen hier noch gehen, vorallem die Spoiler haben mich überrascht. Da ihr ja gespoilert habt, tue ich das nun besser auch, obwohl meine Kommentar eher allgemeiner Natur sein soll.

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Grüße
schokotimmi
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Aldawen

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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #24 am: 10. Februar 2008, 15:39:37 »

Wer jemals einen Dokumentarfilm über dieses Thema gesehen hat, weiß, dass da nur an der äußersten Spitze des Eisbergs ein wenig gekratzt wurde.

Schon richtig, aber wäre der Roman „besser“ gewesen, hätte er noch mehr und noch häßlichere Details enthalten? Für das Anliegen der Geschichte war es so ausreichend, denke ich und daher habe ich auch keine Probleme damit, daß Hosseini hier sparsam war.

Aber diese Schuld-und-Sühne-Geschichte ist mir einfach zu konstruiert, um glaubwürdig zu sein; zuviele Kreise haben sich am Ende geschlossen.

Wie ich in meiner Rezi ja auch geschrieben habe, sehe ich das genau so. Das war ja genau das, was mich auch gestört hat.

Schönen Gruß,
Aldawen
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qantaqa

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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #25 am: 10. Februar 2008, 18:50:15 »

Schon richtig, aber wäre der Roman „besser“ gewesen, hätte er noch mehr und noch häßlichere Details enthalten? Für das Anliegen der Geschichte war es so ausreichend, denke ich und daher habe ich auch keine Probleme damit, daß Hosseini hier sparsam war.

Besser nicht, aber vielleicht authentischer. Ich habe aber auch kein Problem damit, wie es dargestellt wurde, wie ich ja weiter unten auch geschrieben habe. Nur manchmal fand ich es ein wenig hollywoodmäßig-einfach: die Aktion in Kabul lief mir einfach zu glatt. Und das, was das Taliban-Regime von anderen islamistischen Regimen unterschieden hat, nämlich die völlige Entrechtung von Frauen betrieben zu haben, wurde hier nur in einem Nebensatz erwähnt (als Amir die bettelnde Frau mit dem Kind sah). Ich hätte das wichtig gefunden.
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Aldawen

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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #26 am: 10. Februar 2008, 20:18:49 »

Und das, was das Taliban-Regime von anderen islamistischen Regimen unterschieden hat, nämlich die völlige Entrechtung von Frauen betrieben zu haben, wurde hier nur in einem Nebensatz erwähnt (als Amir die bettelnde Frau mit dem Kind sah). Ich hätte das wichtig gefunden.

Aber wie hätte das in eine solche Geschichte um zwei Jungen bzw. Männer eingebaut werden sollen? Dann hätten ein paar Mütter, Schwestern usw. dazu gehört und dann wäre es eine ganz andere Erzählung geworden. Ich gebe Dir zwar recht, daß das Thema wichtig ist, aber hier hatte es – meiner Ansicht nach – tatsächlich nichts verloren.
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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #27 am: 01. August 2008, 14:22:55 »

Hi!

Nachdem das Buch so gelobt wurde, habe ich es jetzt auch gelesen und kann mich den positiven Meinungen nur anschliessen.

Inhalt:
Wir schreiben das Jahr 1975. In der afghanischen Hauptstadt Kabul wachsen die beiden Jungen Amir und Hassan Seite an Seite auf – aber gleich sind sie nicht. Amir ist der Sohn eines wohlhabenden Mannes und besucht die Schule. Hassan und sein Vater Ali dagegen sind ungebildete Diener von Amir und seinem Vater. Das hindert die Jungen nicht, Freundschaft zu schliessen und auch zusammen an den Drachenwettkämpfen teilzunehmen. Am Ende eines solchen Wettbewerbes begeht Amir aus Angst um sein eigenes Wohl einen schrecklichen Verrat an Hassan. Es dauert lange Jahre, bis Amir die Chance bekommt, seine Schuld zu tilgen.

Meine Meinung:
«Drachenläufer» ist auf mehreren Ebenen ein gelungenes Buch. Man erfährt vieles über das Leben in Afghanistan vor dem Einmarsch der Sowjets, während der Besetzung und dann auch ein wenig über die Zustände, die nach der Machtübernahme der Taliban herrschten – wobei man da in den letzten Jahren auch durch die Medien recht ausführlich informiert wurde.
Sehr gelungen sind auch die Charaktere, vor allem Amir, der als Ich-Erzähler fungiert. Da ist endlich mal ein Hauptcharakter, der moralisch nicht sehr integer ist und das auch zugibt. Natürlich habe ich mich beim Lesen manchmal aufgeregt – etwa wenn er Hassan veräppelt, weil dieser nicht lesen kann, anstatt es seinem Freund beizubringen und ihm etwas von der unerschütterlichen Treue zurückzugeben, die er jeden Tag von ihm erfährt. Auch später, in seinem Erwachsenenleben, zeigt Amir manchmal, dass Einfühlungsvermögen und Mitdenken nicht seine Stärken sind – teils mit schlimmen Konsequenzen. Trotz oder vielleicht auch wegen seiner Defizite war mir Amir bis fast zum Schluss symphatisch und seine Beweggründe nachvollziehbar, wenn auch schwer zu akzeptieren.

Auch alle anderen Charaktere wirken authentisch, man sieht die Leute richtig vor sich. Doch Hosseini beweist nicht nur im Beschreiben von Personen Stärke, sondern auch bei der Schilderung des Lebens im Kabul der 70er-Jahre. Wenn man sich überlegt, was die Russen und die Taliban aus dieser Stadt und diesem Land gemacht haben, kommt schon mal Wehmut auf. Das Kabul von Amirs Kindheit wäre für Reisebegeisterte sicher einen Abstecher wert gewesen. Aber so kann man nur noch virtuell dahin reisen – zum Beispiel mit «Drachenläufer», das ich jedem empfehle, der Bücher mit Geschichte und Geschichten über Menschen mag.

Fazit:

Ein Buch mit lebendigen Schilderungen von Land und Leuten, versetzt mit traurigen Episoden, die allerdings aus dem Leben gegriffen sind. Kein Wohlfühlbuch, aber trotzdem schön zu lesen, da Hosseini nie vergisst, überall noch ein Fünkchen Hoffnung hineinzupacken.

7 von 10 Punkten.
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Wer anderen folgt, wird nie zuerst ankommen.

Blume88

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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #28 am: 10. August 2008, 21:34:23 »

Ist schon eine ganze Weile her, dass ich das Buch gelesen habe, wobei es eigentlich relativ spät war - bin erst richtig drauf aufmerksam geworden, als ich Plakate für den Film sah. Vorher dachte ich nämlich, so wie ihr auch, dass ich keine Ahnung von Afghanistan habe usw.
Sowohl Buch, als auch Film, waren einfach unglaublich! Ich muss aber sagen, dass ich "Tausend strahlende Sonnen" sogar noch besser finde! Da wird auch er Punkt, den qantaqa angesprochen hat, vertieft, nämlich die Geschichte des Landes. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass man sich als Frau mit den zwei Frauen von "Tausend strahlende Sonnen" noch besser identifiziert als mit dem kleinen Jungen (wobei der natürlich einen starken Beschützerinstinkt hervorruft!). Falls ihr "Tausend strahlende Sonnen" noch nicht kennt: Unbedingt lesen!!  :tipp:

Der Drachenläufer bekommt von mir:  5ratten
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If the world weren't such a beautiful place we might all turn into cynics
(Paul Auster)

Cuddles

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Re: Khaled Hosseini - Drachenläufer
« Antwort #29 am: 20. Mai 2009, 15:56:05 »

Hallo!

Den positiven Meinungen hier kann ich mich voll und ganz anschließen! Zum Inhalt muss ich ja nicht mehr viel sagen, deswegen hier gleich meine Rezi:

Khaled Hosseini hat einen ergreifenden Roman über sein Geburtsland Afghanistan, Entwurzelung, verratene Freundschaft und Wiedergutmachung geschrieben. Man begleitet den Ich-Erzähler Amir, den Sohn eines wohlhabenden Paschtunen, durch Höhen und Tiefen, durch seine Kindheit in Afghanistan und sein Erwachsenenleben in den USA. Mittelpunkt seines Lebens und auch dieses Romans ist eine Schuld, die er seit seinem zwölften Lebensjahr mit sich herumträgt und für die er nun die Chance erhält, sie zu sühnen.

Zuweilen hätte ich Amir zu gerne geschüttelt, trotzdem konnte ich seine Verhaltensweisen immer nachvollziehen, da sie einfach zutiefst menschlich sind. Denn dass ich an seiner Stelle anders gehandelt hätte, wage ich nicht zu behaupten.

Hosseinis Erzählweise ließ mich tief in die Geschichte eintauchen. Ich habe mitgefiebert, mitgelitten und war entsetzt ob der geschilderten Gräueltaten, werden sie nun von den Taliban oder während der sowjetischen Okkupation verübt. Man bekommt wirklich das Gefühl, der Autor wäre hautnah dabei gewesen; da dieser schon 1976 mit seiner Familie Afghanistan verlassen hat, ist ihm das meiste davon aber wohl erspart geblieben (hoffentlich). Nichtsdestotrotz haben ihn wahre Erlebnisse zu der Geschichte inspiriert, wie man im informativen Nachwort nachlesen kann.

Der einzige Kritikpunkt, den ich hervorbringen kann ist, dass ich manchmal die Handlung etwas zu durchkonstruiert fand, insofern gebe ich Aldawen und qantaqa recht. Dennoch hat dies meinem Lesevergnügen keinen Abbruch getan (obwohl das Wort Vergnügen hier fast fehl am Platz wirkt), daher meine Bewertung:

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