Sue Harrison
Schwester MondMy sister the moon
2. Teil


Etwa 15 Jahre sind vergangen, seit sich Kayugh mit seiner und zwei bis drei weiteren Familien am Strand des verstorbenen Shuganan niedergelassen hat. Kayughs und Chagaks Söhne Amgigh und Samiq haben schon ihre ersten Robben erlegt, gehören jetzt also zu den Jägern, obwohl Amgigh sich viel mehr für die Kunst des Waffenherstellens interessiert. Seine Steinmesser sind die besten weit und breit. Trotzdem ist er ein bisschen eifersüchtig auf seinen Bruder Samiq, den sportlicheren, schnelleren, im Jagen erfolgreicheren.
Die Tochter von Grauer Vogel und Blaue Muschel ist 15 und hat aufgrund der Boshaftigkeit ihres Vaters noch immer keinen Namen bekommen. Deshalb hat sie auch keinen Geist, was sie und alle anderen als sehr schlimm empfinden. Der Vater hasst die ungewollte Tochter, er schlägt sie oft und behandelt sie gemein. Mit seiner Ehefrau verfährt er genauso. Grauer Vogel vermietet seine Tochter auch gelegentlich für eine Nacht an Reisende. Das zweite Kind ist ein Junge Namens Qakan. Er ist nicht nur hinterhältig, unfähig und faul, er ist zudem auch dick, feige und durchtrieben und macht seiner Schwester das Leben noch schwerer. Als diese dann mit 15 doch endlich zum ersten Mal ihre Tage bekommt, muss der Vater ihr notgedrungen einen Namen geben – Kiin -, und sie gilt als Frau. Somit kann das Eheversprechen zwischen ihr und Amgigh vom Tag ihrer Geburt nun wahr gemacht werden, obwohl Kiin eigentlich in Samiq verliebt ist.
Samiq wird von seinem Vater für ein Jahr zu den Waljägern geschickt, um deren Handwerk zu lernen. Vorher überlässt Amgigh seinem Bruder großzügig seine Ehefrau für eine Nacht. Als die Männer zu den Waljägern aufbrechen, nutzt Qakan die Gelegenheit und entführt seine Schwester. Dem Dorf gaukelt er vor, sie sei ertrunken. Tatsächlich reist er mit ihr wochenlang nach Osten an der Küste entlang. Unterwegs schlägt er sie andauernd, und einmal vergewaltigt er sie auch. Zuletzt verkauft er die mittlerweile schwangere Kiin an einen Mann aus dem Stamm der Walrossjäger in Alaska. Dort bringt Kiin Zwillinge zur Welt, die aber höchstwahrscheinlich mit dem Inzest-Fluch beladen sind. Eine Seherin des Stammes hatte eine Vision, wonach eines der Kinder böse ist und dem Stamm Verderben bringt, sollte man es nicht beizeiten töten… Kiin versucht, ihre Kinder zu beschützen und hofft, irgendwann nach Hause flüchten zu können.
Wie so oft, kann auch in diesem Fall der zweite Teil mit dem ersten nicht mithalten. Die Sprache ist übertrieben schlicht. Aufgrund ihrer verstörenden Erfahrungen stottert Kiin. Trotzdem wäre es m. E. nicht nötig gewesen, oft Formulierungen wie „Kiin ist Frau, Samiq ist Mann“ zu benutzen. Auch wurden die verschiedenen Namen sehr häufig mit den erklärenden verwandtschaftlichen Beziehungen benutzt: Kiins Mutter Blaue Muschel oder Wren, seine Schwester… Diese Zusätze erübrigen sich nach den ersten einführenden Seiten.
Kiin hat im Laufe ihres Lebens viele Schläge bekommen, oft auch auf den Kopf. Das ist vielleicht die Erklärung für ihre stets falschen Entscheidungen, die sie kontinuierlich in schlimme Situationen führen. Möglicherweise musste die Geschichte aber auch so konstruiert werden, um zu funktionieren. Laut Vorwort hat die Autorin sich an verschiedenen Aleuten-Legenden orientiert.
Die Bösen in diesem Buch waren mir entschieden zu dick aufgetragen. Unglaubwürdig fand ich außerdem den riesigen Entwicklungsschritt, den Kiin zum Ende des Buches hin plötzlich macht, zu schnell und zu rapide.
Das Ende ist kein Ende, sondern eine gelungene Vorbereitung auf den dritten Teil.
