Ich finde Hamlet selbst sehr viel undurchsichtiger als Ophelia. Das ist eine so komplexe Figur und es gibt so viele verschiedene Ansätze, sein Handeln bzw. eben Nicht-Handeln zu erklären.
Ja schon, ich wollte damit auch ganz sicher nicht sagen, dass Ophelia die komplexere Figur ist oder so. Aber "Ansätze" ist hier das richtige Stichwort. Ich fürchte, ich kann es gerade nicht sonderlich geschickt erklären - aber bei Hamlet gibt es (für mich) eben so viele konkrete Punkte, wo man ansetzen könnte, Überlegungen anzustellen und Erklärungsversuche zu liefern, während es bei Ophelia mehr oder weniger ein schwammiges Ins-Blaue-Hineinraten ist. Natürlich geht es in Richtung Tod des Vaters und Verlust von Hamlets Liebe, aber alles in allem haben wir bei ihr nur die Eckpfeiler, und dazwischen bleiben Welten offen um sich auszudenken, was konkret in ihr vorgeht.
Bei Hamlet hingegen tauchen bei fast ständig ganz konkrete Aussagen oder Gedanken auf, die dem Publikum eine neue Facette seines zerissenen Charakters zeigen. Zum Beispiel scheint es ihn nicht sonderlich zu jucken, dass er versehentlich den Vater seiner (ehemals) Geliebten getötet hat - und das, wo er selber doch so schrecklich unter dem Tod seines eigenen Vaters leidet! Eigentlich sollte man meinen, dass ihm dadurch besonders deutlich bewusst ist, welches Leid er Ophelia zugefügt hat - hier scheint es aber eher so, dass ihn seine Rachegelüste völlig egozentrisch gemacht haben und er komplett stumpf gegen anderer Leute Gefühle geworden ist.
Ein paar Szenen weiter setzt er sogar noch eins drauf und reißt Witze über den toten Polonius - ist Hamlet wirklich schon so kalt und herzlos? Oder ist das seine Art, mit etwas irrem Humor das schlechte Gewissen zu verdrängen? Oder witzelt er aus dem einzigen Grund, um sein Image als Wahnsinniger aufrecht zu erhalten? Oder ist es von allem etwas? ... Spekulationen über Spekulationen.
Inzwischen habe ich den
4. Akt begonnen und da fand ich die Szene spannend, als Hamlet und seine Begleiter auf die zum Krieg rüstende Armee stoßen. Es geht um ein kleines, unbedeutendes Stück Land in Polen, dass weder dem jetzigen noch dem zukünftigen Herrscher etwas bringt, und trotzdem plant man unter Einsatz von viel Geld & Menschenleben darum zu kämpfen.
Wir schütteln angesichts so eines sinnlosen Krieges den Kopf, aber bei Hamlet wird umgekehrt sogar eher die Selbstverachtung angefacht - weil diese Männer sogar ohne "guten" Grund entschlossen für etwas kämpfen und sterben, während er selbst nur zaudert statt handelt, obwohl er seiner Meinung nach ja einen mehr als triftigen Anlass hätte!

Spielt Helena Bonham-Carter denn in der Mel-Gibson-Fassung?
Ja.
Den Onkel nehme ich trotz seiner Schuld irgendwie nicht als durch und durch verdorben wahr.
Vielleicht ist er nicht durch und durch verdorben, aber zumindest ist er nahe dran. Schließlich hat er einen Mord aus Habgier begangen, noch dazu an seinem Bruder, und da spielt es keine Rolle, ob das Opfer seinerseits eine reine Weste hatte oder nicht. Man kann ihm zugute halten, dass ihn ein schlechtes Gewissen plagt, aber das sieht für mich eher nach Angst vor der Aufdeckung seiner Tat aus.
So sehe ich das eigentlich auch und kann mir selber nicht erklären, warum ich bei Claudius nicht automatisch einen bösen Mörder sehe. Er
ist es ja, eindeutig, und Shakespeare tut auch absolut nichts, um ihn irgendwie sympathisch erscheinen zu lassen oder so ... trotzdem reagiere ich auf ihn nicht so wie "normalerweise" auf ähnliche Charaktere.
So, und jetzt noch eine Frage zum Abschluss, vielleicht kann mir das jemand erklären - und zwar geht es um diesen Brief, der Rosencrantz und Guildenstern mitgegeben wird und besagt, dass Hamlet in England getötet werden soll. Ich kapier das einfach nicht. An wen konkret könnte dieser Brief denn adressiert gewesen sein? Es ist ja nur von "England" die Rede. Und welcher Staat bzw.
wer genau tötet denn bitte einen fremden Prinzen nur aufgrund so eines Briefes? War das nicht auch vor 400 Jahren ziemlich unrealistisch? Ich kann mir das nur so erklären, dass mir da ein paar wichtige Details bzgl. damaliger Politik fehlen, die in diesen Handlungsstrang mehr Logik bringen würden ...