8. Die Suche nach einem sinnvollen Lebensweg ist eines der zentralen Motive des Romans. Inwiefern und an welchen Beispielen zeigt der Roman, warum der Glaube für viele Menschen tröstend und sinnstiftend wirkt? Was kann außerdem sinnstiftend sein?...
Ich hab so meine Probleme mit Frage 8, denn hm, für mich ist nicht sehr überzeugend dargestellt, daß der Glaube sinnstiftend wirkt. Also am gläubigsten sind in der Geschichte wohl die Valdener und ihr Rebbe und sie glauben, daß man unter Einhaltung bestimmter Rituale am besten lebt/die Tradition fortführt. Aber woran glauben sie denn letztendlich? Der Rebbe wird als Messias vergöttert und man muß gewisse Dinge tun, um dazuzugehören. Ist das sinnstiftend? Also zumindest beschäftigt es die Leute und es gibt ihnen ein Gefühl der Geborgenheit/Dazugehörigkeit.
Weiter gespannt kann man natürlich sagen, daß jeder an etwas glaubt, Lucinda z.B. an die Mathematik oder Roz an die Wichtigkeit, unsterblich oder spät alt zu werden, aber ist das dann sinnstiftender Glaube?
Gewissermaßen schon, aber ich glaube nicht, daß es die Art Glaube ist, die der Verlag gern diskutiert haben möchte.
Für meine Begriffe diskutiert das Buch nicht wirklich Glauben allgemein, sondern beleuchtet den Kontrast streng orthodoxe Juden und liberaler denkenden Menschen.
Was sinnstiftend sein kann, ist eine große Frage, die warscheinlich jeder anders beantworten würde, finde ich jetzt sehr allgemein gestellt oder möchten sie persönliche statements?
Persönlich habe ich eine ganz konkrete Glaubensvorstellung, die für mich sinnstiftend wirkt, was aber nicht viel mit einzuhaltenden Ritualen zusammenhängt.
Ich schnappe wegen der Hitze auch nur einen Aspekt heute auf

Ich weiß nicht, inwiefern "sinnstiftend" als großes, erhabenes Gebilde verstanden werden muss. Sinnstiftend kann durchaus sein, wenn jemand überhaupt eine Möglichkeit findet, seinen Weg zu gehen. Das kann über den Glauben geschehen oder eben über eine Aufgabe, die denjenigen erfüllt oder die ihm Spaß macht. Rituale kommen automatisch. Bei Gläubigen sind es einfach nur andere Rituale. Lucinda hat zum Beispiel die Eigenheit, Redner zu "fangen". Das ist durchaus ein Ritual, einen Redner herauszufordern, wie bei einem Turnier.
Das Modell Glauben haben wir bei den Valdenern, die einen streng reglementierten Weg gehen, so wie das z.B. auch Nonnen oder Mönche tun. Der Tagesablauf ist geregelt, die Tätigkeiten sind festgelegt, die Rituale, die zum Glauben gehören, sind festgelegt. Das Leben wird in fremde Hände gelegt und ist für diese Menschen erfüllt. Jemand anders, also Gott, regelt das Leben und ich habe schon den Eindruck, dass man diesem Gott auch ein Quantum an Verantwortung für das eigenen Leben überträgt und ihn als Verantwortlichen für das Leben nehmen kann. Statt zu sagen "das läuft halt so" müsste der Satz lauten "Gott hat das eben so und so gewollt und ich kann nichts daran ändern". Der Atheist kann es auch nicht ändern, nimmt aber keinen Gott in die Verantwortung.
Roz und Lucinda sind Menschen, die eine Aufgabe ganz ohne Religion gefunden haben. Für die beiden ist es erfüllend, ein Ziel erreichen zu wollen und einen Weg zu ebnen. Das meine ich damit, dass sinnstiftend nicht zwingend einen religiösen Zusammenhang braucht. Glaube ist manchmal auch der Glaube an ein Ziel. Das Ziel kann Gott sein, das Ziel kann auch etwas ganz anderes sein. Jeder Mensch muss herausfinden, wo seine Ziele liegen.
Speziell bei Azarya finde ich, dass er ein Muster dafür ist, dass Glauben nicht einengen muss. Vielleicht hat er auch eine besondere Position dazu, aber er denkt unglaublich offen über alles nach und ist sehr tolerant. Ganz anders als seine Valdener Mitmenschen. Ob die sich freiwillig einengen oder es nicht dürfen, kann ich nicht sagen, aber mir ist es sehr aufgefallen, dass Azarya wie ein Schwamm ist und alles mögliche tut und kann ...
Scheint ganz wie der hiesige Pfarrer zu sein, der sich jüngst darüber amüsiert hat, wie wortreich Atheisten ihm gegenüber ihren Nicht-Glauben an Gott rechtfertigen. Ihm scheint das zimelich egal zu sein, er kümmert sich eben um die, die es wollen und akzeptiert, wenn einer nicht will.
Du hast noch geschrieben:
Für meine Begriffe diskutiert das Buch nicht wirklich Glauben allgemein, sondern beleuchtet den Kontrast streng orthodoxe Juden und liberaler denkenden Menschen.Mir ist das jüngst auch durch den Kopf gegangen. Vor allem, weil ich den Valdenern in einer abgewandelten Form erst vor Kurzem auch in einem anderen Buch begegnet bin (Die Vereinigung jiddischer Polizisten von Michael Chabon). Ich schätze, man darf das nicht auf den strengen
jüdischen Glauben betonen. Goldstein schreibt einfach in dem Umfeld, aus dem sie kommt und das sie kennt. Ein Christ hätte ein streng christliches Umfeld gegen die atheistischen Welten gesetzt. Für lebt das Buch vom Kontrast strenggläubig - atheistisch.