Nun denn, traun:
Gerade in heutigen Zeiten, in denen es dank Internet, Blogs und Twitter so leicht wie nie zuvor ist, mit eigenen Texten an die Öffentlichkeit zu gehen, muss der Schreiber einige Arbeit in seine Texte investieren, damit sie nicht untergehen im weißen Rauschen des Internets, sondern ihre interessierten Leser finden.
Schon hier differiere ich von Schneider. Diese Stilkritiker vermitteln alle den Eindruck, dass ich nur "interessantes", "feuriges" Deutsch zu schreiben habe, und schon ist mir die Aufmerksamkeit aller sicher. Das mag in der Politik gelten, in der Werbung oder im Journalismus - ich persönlich wünsche mir schon noch ein bisschen Inhalt. Doch darüber schweigt jeweils des Stilkritikers Höflichkeit.
"Feurig beginnen", empfiehlt Schneider.
Und liefert gleichzeitig ein gutes Beispiel für einen seiner Punkte, die Du weiter unten aufführst: Metaphern, Bilder hängen prinzipiell schief. Wie soll ich "feurig" anfangen? Soll ich meinen Satz vorne anzünden? (Auch Dein Vergleich, MacOss, von sprachlichen Regelungen mit Verkehrsregeln ist so ein schiefes Bild, weil Du da eine künstlich geschaffene Situation (nämlich den Strassenverkehr), wo künstlich geschaffene Regeln existieren und 1:1 durchgesetzt werden
müssen, wenn nicht Gefahr an Leib und Leben für alle bestehen soll, vergleichst mit der Kommunikation, die auch Regeln braucht, aber nur, um sicher zu stellen, dass ihr Ziel, die Verständigung, einigermassen problemlos gelingt.)
Doch schauen wir, was wir an Regeln so finden - gemäss Schneider:
- Der übermäßige Gebrauch von Hauptwörtern soll vermieden, stattdessen mehr Verben eingesetzt werden. Mit Adjektiven und Füllwörtern soll man knausern.
Der Kampf gegen die Substantivitis ist so alt wie die Stilkritik. Und ebenso sinnlos. Substantive kondensieren eine Situation in einen Begriff und machen sie handhabbar. Und wenn es in einem Text darum geht, eine Situation handhabbar zu machen (oder so zu tun, als sei sie es), dann sind Substantive auch am rechten Ort. (Und was zum Henker ist ein "Hauptwort"? Ich habe den Begriff nicht mehr ernsthaft gebraucht, seitdem ich aus der dritten Klasse Grundschule bin. Ich verlange von jemand, der über Sprache schreibt, spricht oder liest ein Minimum an Instrumentarium. Ein Physiker wird mir die aktuellen Modelle der Teilchenphysik auch nur erklären können, wenn ich über ein Minimum an mathematisch-physikalischen Begriffen verfüge ...)
- Vorsicht beim Gebrauch von Umschreibungen, Verallgemeinerungen und Metaphern, die schnell schiefgehen können.
Wie gesagt, jede Metapher ist schief, das ist quasi ein Geburtsfehler. Insofern ist diese Warnung sicher am Platz. Schneider verlegt hier das Schlachtfeld aber auf einen Nebenschauplatz. (Und hält sich natürlich selber nicht an seinen Rat. Aber das tun alle Stilratgeber, man lese einmal deren Werke aufmerksam auf ihre eigenen Ratschläge hin durch.)
- Nebensätze sollten sparsam verwendet werden, komplizierte Verschachtelungen vermieden werden.
Denn der Leser ist ja prinzipiell ein Trottel, der nicht in der Lage ist, solche Verschachtelungen zu entschachteln. Es gölte hier schon mal, den Unterschied zu machen zwischen schriftlicher Sprache und mündlich-schriftlicher (nämlich dem Vortrag eines im voraus schriftlich fixierten Textes). Ausserdem behauptet Schneider hier implizit, ein Jean Paul oder ein Thomas Mann wären schlechte Stilistiker gewesen.
- Satzzeichen sind sinnvoll einzusetzen, es sollten möglichst alle sieben genutzt werden, dazu sind sie da.
Das widerspricht tendenziell dem ersten und dritten Tipp, da der Gebrauch von Komma und Semikolon im Deutschen aufs engste verbunden ist mit Einsatz von Adjektiven und Nebensätzen. (Auch das typisch für Stilratgeber: Irgendwo findet man immer Selbstwidersprüche!) War es Schneider oder war es Engel, der mal davon gesprochen hat, man solle seinen Text mit (selbstverständlich rhethorischen, aber das wurde unterschlagen!) Fragen "würzen"? Sprachgulasch ...
- Mit Silben geizen: Das Gefährdungspotenzial hat der Gefährdung nichts voraus als fünf tote Silben. Was fügen die Witterungsbedingungen oder das Wettergeschehen dem Wetter außer sinnfreien Silben hinzu?
Und hier kommt nun der Punkt, wo wir Schneider sagen müssen: Si tacuisses, philosophus mansisses. Hättest Du geschwiegen, hätte ich dich eventuell ernst nehmen können. Denn selbstverständlich hat das Gefährdungspotential der Gefährdung mehr voraus als fünf tote Silben. Ein Potential ist eine (noch) nicht realisierte Möglichkeit, die Gefährdung ohne Potential die bereits eingetretene Situation. (Dass es Leute gibt, die den Unterschied nicht machen können, hat nichts damit zu tun, dass es den Unterschied gibt!) Ähnlich ist das Wetter die aktuelle Situation, das Wettergeschehen ein Prozess und die Witterungsbedingungen nähern sich dann schon wieder dem, was man heute auch "Klima" nennt.
- Vor der unbedarften Übernahme aus dem Englischen sollte man sich hüten: Die Frontlinie ist eine geschwätzige Nachäffung der frontline, was die vorderste Linie ist, also die Front. Der thunderstorm ist nichts anderes als ein Gewitter, wird aber gern zum Gewittersturm aufgebauscht.
Den ersten Begriff habe ich in meinem Leben noch nicht gehört oder gelesen, der Gewittersturm ist dann schon noch was anderes als das Gewitter. (Wenn's eine reine Fehlübersetzung aus dem Englischen wäre, müsste es ja "Donnersturm" heissen ...)
- Keine unnötigen Synonyme verwenden. Nicht Dickhäuter sagen, wenn man Elefanten meint. Würde man im Gespräch das Wort Urnengang verwenden, wenn man eine Wahl meint? Nein, also sollte man es auch nicht schreiben.
Ein weiterer von Stilkritikern seit Jahrzehnten kolportierter Irrtum: Ein Gespräch ist eines, ein geschriebener Text etwas völlig anderes, ein Text, den ich geschrieben habe, um ihn dann mündlich vorzutragen ein drittes. Nur weil ich etwas im Gespräch nicht verwende, heisst das noch lange nicht, dass ich das beim Schreiben auch nicht verwenden soll. Das gilt für einzelne Wörter ebenso wie für eine gepflegte syntaktische Konstruktion.
Gerade an überflüssigen Adjektiven hat Schneider einen Narren gefressen. Er verdeutlicht das an zwei Beispielen:
"Am verfallenen Brunnen vor dem weinlaubumrankten Tore, da steht unverdrossen ein knorriger, uralter, kühlen Schatten spendender Lindenbaum." So heißt das gar nicht? Richtig! Streichen wir die sechs Adjektive, und wir erkennen das Volkslied wieder.
Oder:
Über allen Gipfeln ist Ruh,
In allen Wipfel spürest Du
Kaum einen Hauch.
Die Vögel schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest Du auch.
Goethe. Stimmung: 100. Adjektive: 0.
Auch typisch für Stilkritiker: Einen genialen Ausnahmekönner (Goethe) mit einer Ausnahmetextsorte (Gedicht) als Beispiel hinstellen, wenn's denn einem gerade so passt. Nicht nur hilft das uns allen nicht weiter, weil wir alle keine Goethes sind, es ist auch so höchste Willkür. Zum einen wird der Jurist und Verwaltungsmann Goethe unterschlagen mit seinem furchtbaren Kanzleideutsch des 18. Jahrhunderts, zum andern könnte man auch für Dinge, die Schneider in Verruf zu bringen sucht, Beispiel genialer Ausnahmekönner aufbringen - so die seitenlangen, verschachtelten Konstruktionen des genialen Ausnahmeprosaisten Thomas Mann. Das erste Beispiel ist noch typischer: Um ein Argument zu verdeutlichen, greift der durchschnittliche Stilkritiker dann gern zu künstlichen Beispielen. Natürlich ist das Volkslied in dieser Form Quatsch. Allerdings primär mal, weil wir es natürlich in seiner ursprünglichen Form kennen und es uns gar nicht anders vorstellen können. Und sekundär ist es Quatsch, weil es von Schneider (oder von einem seiner Vorgänger, so genau weiss man das nie bei dieser Zunft, die schon von "Copy & Paste" lebte, lange bevor es Computer überhaupt gab) absichtlich und künstlich aufgeblasen worden ist.
Auch zum Wissenschaftssprech, das uns ja immer wieder mit schönen Vokabeln beglückt, hat Schneider schöne, abschreckende Beispiele:
"Haben wir noch Weltprobleme? Mundial sind sie. Was ist das Lachen? Ein faziales Signal. Was ist ein Gürtel? Ein vestimentäres Attribut. Was sind «interaktionsfolgenrelevante Verbindlichkeiten»? Irgendwas von Habermas, zehn Silben lang."
Da nun werde ich ranzig. Schneider schreibt ja dem Physiker auch nicht vor, dass er nun eine Theorie über subatomare Teilchen in Gedichtform à la Goethe vortragen soll. Da wird ohne Murren akzeptiert, dass 99% dieser Texte aus mathematischen Formeln bestehen. Warum sollen andere Fächer und Fachleute nicht ebenfalls ihre (halt dann sprachlichen) Formeln haben dürfen? Bei zwei der Begriffe, nämlich dem fazialen Signal und dem vestimentären Attribut, hege ich eh den Verdacht, dass das wieder Eigenkreationen Schneiders sind. Und in Bezug auf Habermas' interaktionsfolgenrelevante Verbindlichkeiten, erlaube ich mir, Schneider Lichtenbergs klassische Frage in leicht abgeänderter Form zu stellen: Wenn ein Wort und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal im Wort?
Diese Stilkritiker mögen im einzelnen auch immer mal wieder recht habe, und es braucht Bremser ebenso wie Anschieber, aber sie verallgemeinern allzusehr. Wie mein Landsmann Jakob Burckhardt (auch er ein grosser Stilist vor dem Herrn und Nebensätzen durchaus nicht abgeneigt

) solche Leute zu nennen pflegte: terrible simplificateur.