

Ihr ganzes Leben lang war Agnes die Brave, Vernünftige, diejenige, die im Hintergrund blieb und dabei mit Tatkraft und Fleiß die Dinge am Laufen hielt, stets bescheiden, adrett und anständig und im Gegensatz zu ihren beiden Geschwistern auch nicht mit besonderer Attraktivität gesegnet (zumindest hat ihr das ihre Mutter wegen ihres Silberblicks lang genug eingeredet).
Der erste Weltkrieg und die unmittelbar darauffolgende tödliche Grippewelle nimmt ihr innerhalb kurzer Zeit ihre gesamte Familie, wobei der Verlust ihrer geliebten Schwester Lillian am schwersten wiegt. Nachdem sie sich selbst von der Grippe erholt hat, wartet die große Aufgabe der Nachlassregelungen auf sie.
Nun ganz auf sich zurückgeworfen, reift in ihr allmählich ein für ihre Verhältnisse geradezu verrückter Plan: sie beschließt, nach Ägypten und Palästina zu reisen, um auf den Spuren ihrer Schwester zu wandeln, die mit ihrem Mann lange Zeit dort lebte.
Als sie ihre Idee in die Tat umsetzt, begegnet sie direkt bei der Ankunft im feudalen Hotel Semiramis Menschen, die heute legendär sind: Thomas E. Lawrence, bekannt als „Lawrence von Arabien“, Gertrude Bell, die wesentlich an der Entstehung des heutigen Staates Irak beteiligt war, und einen etwas dicklichen englischen Minister namens Winston Churchill, die alle zu einer Konferenz über die politische Zukunft des Nahen Ostens angereist sind.
Agnes schließt sich der illustren Gruppe zu einigen Unternehmungen an und lernt dabei ganz neue Welten kennen. Am eindrucksvollsten ist für sie jedoch die Begegnung mit dem Deutschen Karl Weilbacher. Agnes, die mit ihren 40 Jahren noch nie eine Beziehung hatte, verliebt sich ein wenig in den gutaussehenden und zugänglichen Karl und muss sich irgendwann fragen, ob es ihm um sie ging oder doch eher um Informationen über Lawrence und die anderen Konferenzteilnehmer …
Russell ist einfach eine großartige Erzählerin. In wunderschönen unkitschigen Bildern, gewürzt mit trockenem Humor, entführt sie uns in das Amerika der „Roaring Twenties“ genauso wie ins exotische Land am Nil, wo die einst so unscheinbare Agnes Shanklin zu einem großartigen Abenteuer aus ihrem gesetzten und ein bisschen langweiligen Leben ausbricht.
Die Konferenz von Kairo, oft nur eine Randnotiz der Zeitgeschichte, rückt nebenher ins Bewusstsein, ohne dass Russell mit trockenen politischen Details anödet. Wie gut sie den historischen Persönlichkeiten gerecht wird, kann ich nicht einschätzen, doch sie sind so glaubhaft geschildert, dass sich alles gut so zugetragen haben könnte.
Agnes mit ihren Selbstzweifeln, der ewig dominanten Mutter im Hinterkopf einerseits und einer unbändigen Neugier auf die Welt andererseits ist eine sehr sympathische Protagonistin, mit der sich wunderbar mitfühlen lässt.
Es ist wirklich schade, dass Russell hierzulande fast unbekannt ist und ihre jüngsten Bücher gar nicht mehr übersetzt wurden. Dieses Buch hätte definitiv auch hier viele Leser verdient.
