Roger Willemsens "Deutschlandreise"
Als Deutscher durch Deutschland 

Wenn einer eine Reise tut - so mag sich Roger Willemsen gedacht haben, als er beschloss, mit gepackten Koffern und Bahnticket durch Deutschland zu reisen und seine Eindrücke in ein Buch zu fassen. Seine Etappen reichten von Rostock bis nach Trier, von Bonn nach Berlin und Moers, Mainz und München. Ein Reisebuch über Deutschland also? Das wäre kein leichtes Unterfangen, begrenzen sich die Reisewünsche innerhalb Deutschlands doch traditionshalber auf Bayern, Schwarzwald, Ost- und Nordsee sowie die Großstädte. Wen sollte es schon freiwillig, geplant, mit Kind und Kegel ins laute Ruhrgebiet oder ins mitteldeutsche Hinterland ziehen!
Und doch kommt Willemsens Buch gerade zu einer Zeit, wo die Deutschen sich in ihr Innerstes, in ihren Kokon aus 65qm Eigentumswohnung mit Einbauküche und Badedusche zurückziehen. In Zeiten, wo in den Touristenhochburgen Tunesiens und Asiens explosive Situationen herrschen, erinnert sich der deutsche Pauschaltourist gern des Alten, Bekannten, vor dem er jahrzehntelang mit dem Flugticket geflüchtet ist. Vor Deutschland eben. Und nun ein Buch über Deutschland. Die "Deutschlandreise" widmet sich jedoch nicht den Schlössern, Burgen und Parks von Germanien. Vielmehr beobachtet Willemsen das alltägliche Leben mit Currywurst, Semmeln und Spätzle in deutschen Städten und Gemeinden.
Auf seiner Tour begegnet er Menschen, für den Leser namenlos, die Willemsen über die Plaudereien so charakterisiert, dass wir als Leser sie zu kennen scheinen. Und dies ist auch sein Bucherfolgs-Geheimnis (immerhin steht das Buch seit Wochen auf den vorderen Plätzen auf der "Spiegel"-Bestsellerliste). Willemsen belauscht und beobachtet, kommentiert Smalltalk wie Lebenssinn-Diskussionen und schwatzt mit den Menschen, lästert sich durch das Geplauder.
Schöngeist Willemsen filtert das Wesentliche aus dem Gerede; er analysiert, ist nie nur reiner Voyeur. "Geografie ist Schicksal" behauptet Willemsen und trifft damit die Daseinsbeschreibung der Deutschen im Kern. Dieser Satz ist die wesentliche Aussage des Buches, wenn man sich Verhalten und Lebensart der Menschen in den diversen deutschen Regionen erklären will. DDR-Betrogene, Ruhrpott-Resignierte, Prostituierte, Sinnsuchende - sie trifft man überall an. Sie sind die Kinder ihrer Heimat und können den Erfahrungen ihres Lebensumfeldes nicht entrinnen. Der katholische Süden mit den zahlreichen Wiesenhügel-Kreuzen liegt im Einzugsgebiet göttlicher Übermacht, die Größe der Berge determiniert das Kleine ihrer Bewohner. Der protestantische Norden gibt sich kühl und ist voller Freudenhäuser. Willemsen schwankt zwischen klar-kritisch nüchterner Betrachtung der Deutschen und einem Gefühl des Mitleides für sie. Politisch unkorrekt bezieht der Medienmann Stellung wie ein Stammtischler und sorgt somit für literarisches Entertainment, macht uns Deutsche alle gleich durch unsere Unvollkommenheit.
Mit dem Buch wagt der Eichborn-Verlag den Schritt in die allgemeine Kulturkritik und deren Debatte um die Frage, was genau uns Deutsche ausmacht. Mit dem Essayist Willemsen und seinem schonungslosen Blick auf das Geschehen in deutschen Straßen, Höfen und in Zugabteils ist dies meisterhaft gelungen.
Doreén Pick