Hallo zusammen,
ich bin jetzt auch durch. Das letzte Buch bot noch mal einiges an Hin und Her, Sozialismus ja oder nein, Liebe zwischen Salka und Arnaldur oder nicht. Vor allem war es noch mal gespickt mit jeder Menge Politik, Ideologie und Gesellschaftskritik. Für meinen Geschmack leider schon ein wenig zu viel. Es mag ja Laxness ein Anliegen gewesen sein, in dem Buch möglichst viele ideologische und soziale Fragen zu behandeln, aber für mein Empfinden hat das insgesamt gesehen doch für ein paar unnötige Längen im Buch gesorgt.
Dafür haben mich die letzten Kapitel und das herzergreifende Ende des Buches versöhnt.

Salka und Arnaldur finden endlich zueinander, auch wenn sie erkennen muss, dass seine Sehnsucht nach dem fernen Amerika zu groß ist, als dass sie beide glücklich werden könnten, wenn er bei ihr bliebe. So gibt sie ihm ihr letztes Geld, damit er die Überfahrt bezahlen und dort an Land gehen kann, auch wenn ihr Trennungsschmerz außerordentlich groß ist und sie beide wissen, dass sie sich möglicherweise nie wiedersehen werden. Aber wenigstens hat sie nicht dem doofen Steinthor nachgegeben.

Jedoch muss ich Aldawen recht geben, die schon recht früh angemerkt hat, dass sie sich nicht so recht in die Protagonisten hineinversetzen und ihre Handlungen nachvollziehen kann, weil man zu wenig von ihrem Innenleben erfährt. Gegen Ende des Buches gibt es zwar einige ergreifende Momente zwischen Salka und Arnaldur, die schon eine ganze Menge über sie preisgeben, aber so richtig mitleiden konnte ich mit den beiden nicht, so gerne ich das auch getan hätte.
Auch die Wankelmütigkeit der Dorfbewohner - erst Sozialismus hurra, dann Sozialismus pfui usw. - und natürlich auch Salkas und Arnaldurs Sinneswandel blieben nicht immer nachvollziehbar.
Je mehr ich rekapituliere, umso mehr habe ich das Gefühl, dass Salka, Steinthor und Arnaldur nur Allegorien sind. Es geht gar nicht darum, ob Salka mit Arnaldur glücklich wird oder ob Steinthor sie heiraten darf. Es geht einfach um den Kampf zweier Systeme um das Leben bzw. die Lebensgestaltung.
Wobei: Bei keinem der Laxness-Romane kam es darauf an, wie sich die Personen privat entwickeln (Familie etc.) Immer stand ein höheres Ziel hinter ihnen. Selbständigkeit, Überleben, Unabhängigkeit ... So nun auch hier. Salka ist an Arnaldur gefühlsmäßig auf immer gebunden, aber zusammen leben können sie dennoch nicht. Steinthor ist unregelmäßig da, aber wenn er da ist, fordert er ein.
Salka = das Land, also Island, oder das Volk
Drei Männer sind es ja, die um sie kreisen.
Angantyr: der Einfluß des modernen Kapitalismus, der seinen Vorteil sucht
Arnaldur: die neuen Gesellschaftstheorien/Utopien, Sozialismus und Kommunismus
Steinthor: der traditionsbewußte, nach Unabhängigkeit strebende Einfluß
Evtl. könnte man noch Johann Bogesen dazuzählen, als arrivierten Lokalfürsten, der vom status quo (Island als quasi-dänische Kolonie) profitiert.
Wenn ich Euch richtig verstehe, seid Ihr der Auffassung, dass Laxness hier weniger daran gelegen ist, die
Menschen und ihr Innenleben zu schildern, als vielmehr, das
System, das sie jeweils verkörpern? Das ist eine interessante Sichtweise, mit der ich mich durchaus anfreunden könnte.
Im 25. Kapitel fand ich ein Gespräch zwischen Salka und Arnaldur ganz aufschlussreich, in dem es um die sozialistischen Ideale geht, für die Arnaldur kämpft. An einer Stelle fragt Salka ihn, was denn sei, falls er mal sterben sollte. Arnaldur antwortet ihr, dass sie dann in ihrer Erinnerung immer noch sein Ideal des Sozialismus habe. Und auf ihre Frage, welchen Wert denn Ideale hätten, wenn man stirbt, ehe sie verwirklicht sind, antwortet er: "Die Ideale stehen über den Menschen."
Wobei mir sofort in den Sinn kam: An den Menschen
scheitern die Ideale aber auch als erstes. Wenn ich mich in der Welt so umschaue, stelle ich fest, dass die meisten Menschen nun mal im Grunde ihres Wesens egoistisch, habgierig und machtbesessen sind. Auch wenn jemand aus ursprünglich edelsten Motiven an die Macht gelangt, wird er sie zu seinem Vorteil und zum Nachteil anderer nutzen. Und wenn man die vergangenen Jahrzehnte betrachtet, ist der Sozialismus nicht zuletzt wegen der Menschen, die in ihm die Macht innehatten, so grandios gescheitert.
Diese Lehre kann das Buch natürlich nicht bieten, weil die Welt damals, als Laxness es geschrieben hat, noch nicht so weit war. Aber ich kann mir vorstellen, dass er das möglicherweise ähnlich gesehen hätte.
So, Ihr Lieben. Hat mir außerordentlichen Spaß gemacht, das Buch mit Euch zu lesen. Ich ziehe meinen Hut vor Euch, denn eine so eine Leserunde mit so vielen aufschlussreichen Beiträgen habe ich selten mitverfolgt, geschweige denn daran teilgenommen. Und auch wenn mir das Buch unterm Strich nicht hundertprozentig zugesagt hat - ohne Eure Beiträge wäre mir vieles im Buch im Unklaren geblieben.
Viele Grüße

M.