Menschen wie Émilie und Younes gibt es im wirklichen Leben auch, allerdings sind das meist Leute, die ständig ihr Pech und Unvermögen bejammern. So betrachtet sind mir unsere beiden Protagonisten, die im Stillen leiden, noch sympathischer. Aber es geht mir trotzdem nicht in den Kopf, dass man jahrzehntelang nicht in die Gänge kommt und keine ultimative Aussprache führt, durch die man dann entweder zusammenfindet oder einen Strich unter die Geschichte macht und sein Glück anderweitig sucht, so weit das eben möglich ist.
Younes zumindest hat eine andere Frau gefunden, sie ist es ihm aber nicht wert, auch nur mit einem Wort in seiner Lebensgeschichte erwähnt zu werden. Lediglich zwei Enkelkinder, die durch öffentliche Leistungen glänzen, werden genannt, wobei wir wieder bei dieser Geschichte von Stolz und Ehre wären. Dass Younes und Émilie sich sozusagen nur um einen Tag verfehlt haben, ist natürlich fatal, aber es würde zu der negativen Grundstimmung des Buches fast nicht passen, dass es happy endet. Dem wurde wohl in der Versöhnung mit Jean-Christophe genügend Rechnung getragen.
Die allgemeine Versöhnung im letzten Teil kam mir auch etwas unwirklich vor. Jahrelang hasst man sich oder feindet sich zumindest an, und plötzlich, anlässlich der Beerdigung, trifft man sich wieder und sämtliche Ressentiments sind wie weggewischt.

Sollte das die Erkenntnis sein, dass man sich im Alter auf das Wesentliche besinnen und seinen Feinden vergeben soll? Younes war zwar nie derjenige, der auf Dauer Aversionen gehegt hat, aber bei seinen Freunden und Bekannten anderen waren doch einige, deren Sinneswandel mir seltsam vorkommt.
Das gilt nicht für die Aussage auf der Buchrückseite, daß dies „ein großes Epos über die Sehnsucht zwischen zwei Welten“ sei. Es ist eine im Grunde recht banale Geschichte über zwei Menschen, die nicht zusammenkommen können, aber nicht, weil sie aus verschiedenen Welten kommen, sondern weil der eine unfähig ist zu reden und Entscheidungen zu treffen und die andere darüber verbittert und abweisend wird.
Als zwei unterschiedliche Welten empfand ich das absolut nicht, weder Orient/Okzident noch Mann/Frau. Es waren wirklich schlicht zwei Menschen, die nicht überzeugt werden wollten oder nie den richtigen Zeitpunkt trafen. Leider sind neben der Liebesgeschichte einige interessanten Themen und Gelegenheiten untergegangen.
Aber es war/ist eine interessante Leserunde!