Ein sehr aufschlußreicher Abschnitt! Da ist zunächst Issas Versuch, Geschäftsmann zu werden. Auch dabei hatte ich gleich wieder ein merkwürdiges Gefühl, letztlich aber aus den falschen Gründen, wie sich später gezeigt hat. Ich fragte mich nämlich, warum ein einfacher Bauer wie er auf die Idee kommt, sich zum Kaufmann zu wandeln. Daß er dabei prompt wieder in eine Falle tappt und das ganze Geld verliert, war da keine Überraschung. Auch seine folgende Reaktion nicht. Wieviele solcher Schläge kann ein Mensch ertragen, bevor er zusammenbricht? Sicher ist das individuell verschieden, und Issa ist kein psychischer Schwächling, aber unbegrenzt kann er eben auch nicht wegstecken und wieder aufstehen. Daß er sich an El Moro noch rächen konnte, hat mich unter den Umständen fast gefreut, auch wenn ich sicher bin, daß der nächste El Moro, nur mit anderem Namen schon irgendwo bereitsteht. Zumindest bringt dies alles Issa zu der Einsicht, daß er Younes doch besser bei seinem Bruder läßt. Hier habe ich mich wieder gefragt: Warum? Warum zu diesem Zeitpunkt? Weil er füchten muß, als Mörder verhaftet zu werden und er dem Sohn die Belastung ersparen will? Ich habe nicht den Eindruck, daß die Polizei besonders interessiert daran sein könnte, den Mord an El Moro aufzuklären. Weil Issa sich selbst endlich eingesteht, daß er aus dieser Tretmühle nicht mehr herauskommt, und er dem Sohn doch etwas Besseres gönnt? Das wahrscheinlich am ehesten, und das spräche dann letztlich durchaus für ihn. Daß er an Frau und Tochter in dem Zusammenhang nicht denkt, müßte man ihm vielleicht vorwerfen, aber die beiden haben in seinen Gedanken sicher nicht den gleichen Wert wie Younes, daher überrascht es nicht.
Für Mahi und seine Frau Germaine geht ein Wunsch in Erfüllung. Sie haben keine eigenen Kinder und kommen auf diese Weise zu einem Sohn. Im Prinzip wissen sie natürlich auch, daß der Junge eine Eingewöhnungszeit braucht, aber in ihrer Begeisterung schießen sie schon mal übers Ziel hinaus. Die Verwirrung eines Zehnjährigen bei einem solchen Wechsel kann ich mir wahrscheinlich nicht mal annähernd vorstellen, denn die Unterschiede sind ja mehr als krass. Trotzdem hat er sich schnell eingewöhnt, denn wie man beim Besuch bei der Mutter merkt, fällt ihm auf dem Weg das Elend schon ganz anders auf. Und er lernt frühzeitig, was hinter dem Spruch „Kleider machen Leute“ steckt – womit er ja nicht einmal so falsch liegt.
Interessant war die Szene in Mahis Arbeitszimmer, bei dem dieser Younes zumindest Teile der Familiengeschichte enthüllt. Damit klärt sich auch das etwas schwierige Verhältnis zwischen den Brüdern, selbst wenn ich in Rechnung stelle, daß wir nur Mahis Sicht der Dinge präsentiert bekommen. Immerhin hat er keine Probleme, die „dunklen Flecken“ von Familienmitgliedern klar zu benennen, aber ob er das mit den eigenen auch täte, darf ja doch bezweifelt werden. Ich hatte nach diesen Eröffnungen und in Verbindung mit der ursprünglichen Ausstattung von Younes' Zimmer auch vermutet, Mahi könne vielleicht zum Christentum konvertiert sein, aber so weit hat er sich von der Familie und den Traditionen dann doch nicht entfernt.
Das Wiedersehen mit dem Vater auf der Straße und unter diesen besonderen Bedingungen muß für Younes ein Schock gewesen sein. Schließlich hatte sich Issa nicht nur von seinen eigenen Träumen weiter denn je entfernt, sondern auch einen erheblichen Abstieg von der Person hinter sich, die Younes kannte oder zu kennen glaubte. Was für ein Gefühl muß das für einen Elf- oder Zwölfjährigen sein? Und wenn ich auch verstehen kann, daß er damit zu Hause nicht herausplatzt, so hätte ich doch gedacht, daß er mit Mahi über die Begegnung reden würde, nachdem Issa verschwunden ist. Warum tut er es nicht? Ist es ihm peinlich? Hat er nicht genug Vertrauen zu seinem Onkel?
Und nun auch noch der Zwangsumzug aus Oran nach Río Salado, weil Mahi der Beobachtung entgehen will. Wahrscheinlich kann er noch von Glück sagen, daß er „nur“ eine Woche in Gewahrsam war, noch länger, und er wäre vermutlich als völliges Wrack zurückgekehrt. So ist er noch in der Lage, Entscheidungen über sein Leben zu treffen, und auch wenn Germaine und Younes darüber nicht froh sind, so ist es sicher richtig, sich in ruhige(re) Gefilde zurückzuziehen. Ob das besser oder schlechter als Oran sein wird, muß sich noch erweisen, das wird entscheidend von der Atmosphäre in der Stadt abhängen. Und natürlich werfen die politischen Ereignisse und der Unabhängigskrieg, der 1954 ausbrechen wird, schon ihre Schatten voraus, nicht nur, weil Mahi Abhandlungen schreibt und Pamphlete vertreibt. Younes wird dann in den Zwanzigern sein, also ein gutes oder zumindest wahrscheinliches Alter für eine aktive Beteiligung, ich bin gespannt.