Hallo allerseits

.
Im Gegensatz zu euch bereitet mir das Verhalten des Vaters kein Kopfzerbrechen; es ist mir bekannt. Nicht persönlich, aber aus einem anderen Buch. Der Vater muss ein ausländischer Cousin des Protagonisten aus Halldór Laxness' "Sein eigener Herr" sein, einem isländischen Bauern, der ebenfalls ums Verrecken keine Hilfe annehmen konnte.
Genau das ist ja das Problem des Vaters: er kann niemandem Dank (oder Geld oder Hilfe...) schuldig sein. Nicht dem Hirten, nicht seinem Bruder und nicht einmal seinem Sohn. Wahrscheinlich war er schon vorher so veranlagt, aber jetzt hat sich das durch den Verlust seines Landes noch intensiviert.
Was den Bruder angeht, kann ich ihn auch gut verstehen. Hinter deren Verhältnis ahne ich eine längere, problematische Geschichte. So hilfreich der Bruder oberflächlich auch scheint, so hat er dem Vater ja schon sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass der seiner Meinung nach nichts taugt. Oder was bedeutet es anders, wenn er ihm sagt, dass sein Sohn in seiner Obhut nichts werden kann? Natürlich hat er damit recht, aber geschickter als so hätte er es schon anbringen können:
Du weißt ganz genau, dass er es zu nichts bringt, wenn er in deine Fußstapfen tritt. Was hast du denn mit ihm vor? Soll er Lastenträger werden, Schuhputzer, Eselstreiber? [...] Wenn er bei dir bleibt, wird nichts aus ihm. (S. 40)
Auffällig ist auch, dass der Bruder nie bei der Familie vorbeischaut, dem Vater keine Arbeit verschafft und auch nie von sich aus Kontakt aufnimmt. Wie gesagt verstehe ich den Vater schon, (auch wenn ich sein Verhalten bescheuert finde). Endlich hat er sich in seiner Not dazu durchgerungen, seinen Bruder um Hilfe zu bitten, da will der ihm zu allem Überfluss auch noch seinen Sohn wegnehmen (so kann man das nämlich auch deuten). Der bedeutet ihm auf eine verquere Weise schon was, auch wenn es sich dabei nicht um die ideale Vaterliebe handelt. Eher ist sein Sohn ein Besitzstück, eines der wenigen, die er noch hat. In der auch psychischen Notlage, in der er sich befindet, kann er die Kraft nicht aufbringen, selbstlos an das Beste für seinen Sohn zu denken.
Und was die Vogelverkaufepisode angeht: Er kämpft und kämpft, um sich und seine Familie am Leben zu erhalten, und da kommt sein kleiner Sohn mit Geld an - welch eine Schmach, ausgerechnet von einem, für dessen Wohlbefinden er zuständig ist, Geld zu bekommen. Das darf einfach nicht sein! Eine verquere Logik, aber für mich verständlich.
Als er ihn stundenlang in der Garküche zurück gelassen hat, fand ich die Bemerkung des Wirts sehr treffend, wenn er Issa als Schwachkopf bezeichnet.
Das kann ich so nicht sehen. Er konnte als absoluter Neuling in Oran ja nicht wissen, wie lange er wegbleiben würde, konnte nicht einmal wissen, dass er eventuell irgend wohin gebracht würde, wo er seinen Sohn nicht in der Nähe warten lassen könnte, und hatte schon gar keine Ahnung, in welch einem verrufenen Viertel er seinen Sohn zurückließ.
Inhaltlich gefällt mir das Buch gut, aber ich habe ziemliche Probleme mit dem Stil, die ich zum Teil auf die Übersetzung schiebe. (Abgesehen von den "Marzi-Sätzen" natürlich. Die hat der Autor schon selbst verbrochen, und eigentlich sind die ganz kurzen, jeweils eine eigene Zeile einnehmenden Sätze ja in der Situation ein passendes Stilmittel - nur leider reagiere ich seit der Lycidas-Trilogie allergisch darauf. Da hat der Marzi wirklich was verbrochen!

Aber das ist eher offtopic.)
Jedenfalls scheint mir die Übersetzung teilweise ungeschickt und im Stilniveau uneben. Da mischt sich z. B. ein eher gestelztes "allenthalben" mit umgangssprachlichen "Jungs". Da kommen regionale "Blagen" vor, da wird ganz unpassend ein Finger in einen Schwamm "getaucht".
Es irritiert mich auch, wie unterschiedlich fremde Ausdrücke markiert werden. Ganz unabhängig davon, dass mir ein Glossar lieber ist, als Erklärungen im Text, die dann ja nur bei der ersten Erwähnung des Wortes auftauchen und die ich später nicht mehr finde, so möchte ich doch zumindest eine klare Linie, die sich hier nicht findet. Hier gibt es mal ganz ungekennzeichnete
Rumis (S. 22), dann mit Anführungsstrichen versehene
"Khammes" (S. 34) und schließlich kursive, kleingeschriebene
gouals (S. 50). Wieso diese Ungleichbehandlung fremder Ausdrücke?
Probleme bereitet mir aber auch die Erzählperspektive. Mittlerweile ist ja klar, dass ein alter Mann rückblickend von seiner Kindheit erzählt, aber es wird mir oft - und vor allem am Anfang - nicht deutlich genug, dass nicht die unmittelbare Wahrnehmung des Kindes geschildert wird, sondern die Deutung des Erwachsenen. Da wird zum Beispiel gleich auf der ersten Seite das wogende Korn mit
sturmgepeitschten Meereswellen verglichen. Schon da stutzte ich, denn der zweite Satz
Und ich dachte immer, er hätte gar kein Talent zum Glücklichsein. ist doch eindeutig die damalige Kindperspektive. Nun kann aber ein Weizenfeld ein Kind, das das Meer noch nie gesehen hat (oder täusche ich mich darin, dass sie im Inland wohnen), das bücher- und abbildungslos in Vorfernsehzeiten aufwächst, nicht an Wellen erinnern. Und so schwankt die Perspektive hin und her.
Wenn er bei Sonnenuntergang in unsere Lehmhütte aurückkam, verloren seine Augen ihren Glanz. Er wurde ein anderer, ein durchschnittswesen, reizlos und uninteressant. Fast enttäuschte er mich. (S. 11) ist die kindliche Wahrnehmung, die Beschreibung des Dorfes auf der nächsten Seite die Deutung des Erwachsenen.
Ein verlorenes Loch von tödlicher Tristesse - so nimmt kein Kind das einzige Dorf, das es kennt, wahr. Für ein Kind ist die es umgebende Realität ganz normal und ein so isoliert wie Younes aufwachsendes Kind kennt keine Alternativen, die es kennen muss, um ein Dorf als "verlorenes Loch" bezeichnen zu können. Für Younes, der im kleinen Familienkreis aufgewachsen ist, müsste das Dorf mit seinen (verhältnismäßig) vielen Leuten eher "vor Leben toben". Erst in der Rückschau kann der Erzähler das Dorf so sehen, wie er es geschildert hat.
Nun ja, ich werde versuchen, beim Weiterlesen weniger auf stilistische Feinheiten zu achten und mich mehr an der Handlung festzuhalten, denn die gibt wirklich einiges her.