Die namenlose Ich-Erzählerin hat nach dem Tod ihres Partners eine Stelle als Ornithologin in La Hague angenommen, oben im sturmumtosten Norden der Normandie. Dort lebt sie nun in einem uralten Haus direkt am Meer, das sie sich mit dem Geschwisterpaar Raphaël und Morgane teilt. Raphaël ist aufstrebender Bildhauer, Morgane jobbt im Dorfbistro. Dort hält sich auch die Erzählerin häufig auf, so auch an dem Tag, als sie Lambert zum ersten Mal sieht. Lambert, der sie sofort an ihren verstorbenen Partner erinnert. Lambert, der im Dorf an alte Erinnerungen rührt, denn er ist derjenige, dessen Familie Jahrzehnte zuvor bei einem Bootsunglück ausgelöscht wurde.
Der Vorwurf, der Leuchtturmwärter Théo, der recht betagt immer noch im Leuchtturm wohnt, umringt von seinen zahlreichen Katzen, habe damals den Leuchtturm abgeschaltet und so das Unglück verursacht, kommt nun wieder aufs Tapet, alte Konflikte entzünden sich neu. Ist die alte Nan, die als Kind einen Schiffbruch überlebte, nicht ganz richtig im Kopf und meint deshalb, in Lambert jemand anderen zu erkennen, oder erinnert er sie wirklich an einen Menschen, den sie kennt?
Die Erzählerin selbst ist von Lamberts Auftauchen ziemlich aus der Bahn geworfen. Er übt eine gewisse Anziehung auf sie aus, doch sie ist nicht sicher, ob sie einen anderen Mann lieben kann, nachdem sie den Leidensweg ihres Partners miterleben musste. Und die alten Geschichten, die nun wieder hochkochen, lassen auch sie als Zugezogene nicht kalt.
Die Sprache in diesem Buch ist so schlicht und manchmal rauh wie Land und Leute, die sie beschreibt. Sentimentalitäten sucht man vergebens, und es braucht etwas Zeit, sich an die sehr schnörkellosen, fast spröden kurzen nd klaren Sätze zu gewöhnen. Die ganze Atmosphäre ist düster, grau wie vor einem dräuenden Sturm, und sehr intensiv. Anfangs war ich nicht sicher, ob ich das wirklich mag, doch dann zog mich die Geschichte recht schnell in ihren Bann.
Nicht nur die Erzählerin scheint zerrissen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Unter den meist wortkargen Ortsansässigen schwelen alte, oft unausgesprochene Konflikte und Aggressionen, Vermutungen und Anschuldigungen. Für mich gab es keinen durchgängigen Sympathieträger, doch vielleicht sind die Figuren gerade deshalb so gut vorstellbar (wenn auch für meine Begriffe insgesamt ein wenig zu schroff und verschlossen, so durch die Bank fand ich das ein klein wenig klischeehaft.)
Die Auflösung des "Geheimnisses", das eine große Rolle spielt, ist relativ vorhersehbar, was aber wenig stört, weil der Weg dorthin sich trotzdem recht spannend gestaltet.
