Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren.

E-Mail: Passwort:

Autor Thema: Claudie Gallay - Die Brandungswelle  (Gelesen 470 mal)

HoldenCaulfield

  • Käferprinzessin
  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 10895
Claudie Gallay - Die Brandungswelle
« am: 08. März 2010, 19:27:49 »



Titel: Die Brandungswelle
Autor: Claudie Gallay

Allgemein:
560 S.;  btb Verlag; 2010

Ausnahmsweise der Amazoninhalt, weil er wie ich finde das Ganze sehr gut zusammenfasst:
Zitat
La Hague im Nordwesten der Normandie: Es heißt, der Wind bläst hier zuweilen so stark, dass er den Schmetterlingen die Flügel fortreißt. Nur wenige leben hier, am Ende der Welt, am Meer, dort, wo die Menschen ebenso schroff sind wie die Natur. Sie hat ihren Mann verloren und sich in diese raue Gegend geflüchtet. Sie beobachtet Vögel, eine monotone Arbeit, die ihr gut tut und sich mit ihrem Seelenleben deckt. Sie lebt in einem Haus, der Griffue, das fast im Meer steht; niemand versteht, wie man es dort aushalten kann. Das Leben ist ruhig, von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten, es wird vom Wetter, vom Wind, den Gezeiten bestimmt – bis eines Tages Lambert auftaucht. Fremde, die länger bleiben, gibt es selten; sie werden von den Einheimischen argwöhnisch beäugt, aber Lambert ist nicht wirklich fremd: irgendwie gehört er dazu. Vor vierzig Jahren starben hier seine Eltern und sein jüngerer Bruder bei einem Bootsunglück. Nun ist er zurückgekommen, um das dramatische Unglück von damals aufzuklären. Und allmählich bröckelt die Wand des Schweigens, hinter der jeder Dorfbewohner ein Geheimnis zu verbergen scheint. Was das Meer genommen hat, das spuckt es irgendwann wieder aus ...


Meine Meinung:
Es ist für mich schwer zu einem Buch eine Rezension zu schreiben das ich vor allem wegen seiner Stimmung so gerne mochte und das mir beim Lesen öfter den Gedanken entlockte: Das ist einfach schön geschrieben! Der Autorin ist es nicht nur gelungen die Stimmung ihrer Figuren zu transportieren sondern auch die Landschaft und die Umgebung am Meer in La Hague sehr farbenreich zu schildern, zwar ist alles eher grau und düster gehalten aber man bekommt so einen Eindruck von der Gegend und vor allem auch den Menschen. So war ich sehr schnell mitten in der Handlung und ein innerer Film lief vor mir ab. Irgendwie passt auch die Umgebung ganz zur Handlung die in Die Brandungswelle erzählt wird. Wenn etwas Ereignisreiches geschieht ändert sich auch das Wetter, so scheinen die Menschen in La Hague unbewusst auf die Natur zu reagieren und die Natur unterstreicht wiederum die Menschen die in ihr Leben. Vor allem das eher raue Klima hat es der Autorin wohl angetan. Ihre Beschreibung eines Sturms der die Handlung einleitet hat mir sehr gefallen und irgendwie hatte ich fast das Gefühl mitten darin zu sein. 

Die Figuren sind da schon schwieriger, mit Ecken und Kanten, man muss schon etwas genauer hinsehen um das Liebenswerte vielleicht zu erkennen. Die Konstellationen sind oft auch nicht ganz einfach, nicht weil man die Menschen nicht auseinander halten könnte – sondern auf einer zwischenmenschlichen Ebene gesehen. Über die Jahrzehnte haben sich unterdrückte Gefühle wie Hass, Verlustängste aber auch Liebe und Leidenschaft aufgestaut. Etwas scheint fast zu brodeln und möchte an die Oberfläche. Die Erzählerin – denn der Roman wird ganz aus ihrer Sicht erzählt – kann manchmal nur erraten was hier vor langer Zeit begann und warum manche  Verhältnisse so sind wie sie sind. Aber sie deckt durch ihre eigene Suche nach der Wahrheit so manches auf und so wird dann am Ende auch dem Leser Einiges klar. Dabei haben wir es hier mit einer recht traurigen Geschichte zu tun und am Ende merkt man schnell das die Wahrheit oft sehr sehr schmerzhaft sein kann. Und dies auf beiden Seiten: auf der Seite desjenigen vor dem etwas verborgen wurde, aber auch genauso auf der Seite desjenigen der verborgen hat. Gerade dies aufzudecken ist der Autorin wirklich sehr gut gelungen.

Der Roman ist irgendwie wie das Meer, In manchen Kapiteln ist es ruhig und sanft  und in manchen dann wieder sehr aufbrausend bis am Ende noch einmal ein Sturm aufzieht.  Dennoch erzählt sie in leisen Tönen und hat so auch Zeit für Erzählstränge die eher zum Gesamtbild der Menschen in La Hague beitragen. Vor allem der Künstler Raphael ist hier für mich genial eingefangen worden. Seine Skulpturen ziehen sich durch die Handlung und passen je beim genaueren Hinsehen zur jeweiligen Situation. Auch sein künstlerisches Schaffen kann man sich richtig vorstellen. An manchen Tagen darf dann auch niemand sein Atelier betreten so lange bis der rote Stein vor der Tür wieder fort genommen wurde. Die Autorin deutet hier auch eine Geschwisterliebe an die etwas problematisch erscheint. Fast hat man den Eindruck zwischen Raphael und Morgane als es zwischen Geschwistern sein sollte. Dennoch bleibt dem Leser selbst überlassen was er davon nun eigentlich halten soll.

Dadurch dass es hier keinen allwissenden Erzähler gibt, bleiben die Figuren dem Leser dann aber doch etwas fremd. Vieles ist ja nur Interpretation der Erzählerin und auch sie hat in vieles keinen Einblick. Vielleicht hätte mich das zu weilen etwas gestört aber es beschreibt dadurch auch die Situation der Erzählerin die selbst als Fremde in La Hague lebt und vor der man also auch so manches verheimlicht. Es ist nicht erwünscht das sie nach hakt und versucht hinter die Fassade zu blicken. Gleichzeitig erfährt der Leser auch von der Erzählerin wenig, sie hält sich zurück. Doch ihr Schmerz ist dennoch spürbar, ihr Verlust so treffend beschrieben dass es wehtut.
Hier dringt man tief in die Gefühle anderer Menschen ein, in die Abgründe die sich auftun wenn man jahrzehntealten Hass hegt und pflegt, verschmähte Liebe nicht vergessen kann und alte Wunden dadurch nicht heilen können. Der schwere Verlust der Hauptfigur passt hierbei genauso ins Bild, irgendwie reiht sie sich ein Stück weit in die Menschen des Dorfes ein, auch wenn sie selbst als Einzige am Ende die Möglichkeit findet sich von der Vergangenheit zu lösen und einen Neuanfang zu wagen.  Dies Einzufangen, vor allem auch eine Stimmung zwischen den Zeilen zu entwerfen ist der Autorin wirklich sehr gut gelungen. Einzig ein kleiner Kritikpunkt am Ende bleibt dann doch noch: ich fand die Handlung zum Teil etwas vorrausehbar und irgendwie wusste man ab einem bestimmten Punkt sehr genau was passieren würde, noch ehe die Figuren selbst sich darüber im klaren waren.
Es fällt mir nach wie vor schwer die Stimmung des Buches in Worte zu fassen und ich habe das Gefühl, das was ich schreiben wollte habe ich nicht geschrieben.

Von mir gibt es:

4ratten :marypipeshalbeprivatmaus:
Gespeichert
Seltsam im Nebel zu wandern.... H.Hesse

"[...] wir sind hier alle verrückt. Ich bin verrückt, du bist verrückt" *L.Carroll*

Mein Interview mit Gail Carriger :elch:
Sonnenschirm

Valentine

  • Fangirl Missionary - unterwegs im Namen des Herrn S.
  • Global Moderator
  • *
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 7965
  • Brainy is the new sexy!
Antw:Claudie Gallay - Die Brandungswelle
« Antwort #1 am: 09. März 2010, 11:11:07 »

Die Gegend kenne ich, da ist es wirklich manchmal ganz übel windig ... und es gibt in der Nähe der wunderschönen Küstenlandschaft die furchtbar hässliche atomare Wiederaufbereitungsanlage. Wird die auch mal erwähnt oder spielt das Buch, bevor sie gebaut wurde?
Gespeichert
Until I feared I would lose it, I never loved to read. One does not love breathing.
Harper Lee, To Kill a Mockingbird

Wer lesen kann, hat ein zweites Paar Augen, und er muss nur aufpassen, dass er sich dabei das erste Paar nicht verdirbt.
Erich Kästner

HoldenCaulfield

  • Käferprinzessin
  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 10895
Antw:Claudie Gallay - Die Brandungswelle
« Antwort #2 am: 09. März 2010, 18:09:36 »

@Valentine
Das Buch spielt so zu sagen in der Jetzt Zeit. Diese Aufbereitungsanlage spielt aber keine Rolle. Zumindest keine Zentrale. Es gibt einmal eine Bemerkung zu den Vögeln die die Erzählerin beobachtet, aber ansonsten hat das Ganze keine wichtige Rolle.
Gespeichert
Seltsam im Nebel zu wandern.... H.Hesse

"[...] wir sind hier alle verrückt. Ich bin verrückt, du bist verrückt" *L.Carroll*

Mein Interview mit Gail Carriger :elch:
Sonnenschirm

tom leo

  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Männlich
  • Beiträge: 91
Re: Claudie Gallay - Die Brandungswelle
« Antwort #3 am: 17. März 2010, 18:27:03 »

Tolle Vorstellung!

Claudie Gallay hat nicht von Werbung und großen Verlagshäusern profitiert: ihre Erfolge, nun insbesondere von "Les déferlantes", verdankt sie der Mund-zu-Mund Propaganda! Nun reißt man sich um sie, doch sie bleibt ziemlich diskret.
Sie wurde 1961 in Bourgoin-Jallieu geboren. Ich freue mich, dass ich ihren Roman noch (auf Französisch) vor mir habe!
Gespeichert
Gruß, tom leo

Lese gerade:
Léonid Andreïev - Le gouffre
Franz Kafka - Brief an den Vater
Ludmila Ulitzkaja - Sonjetschka

HoldenCaulfield

  • Käferprinzessin
  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 10895
Re: Claudie Gallay - Die Brandungswelle
« Antwort #4 am: 17. März 2010, 18:29:47 »

Das klingt sehr sympathisch. :) Ich habe bisher von der Autorin noch nie etwas gehört. Aber das liegt sicher auch daran das wohl sonst noch nichts von ihr ins deutsche übersetzt wurde. Zumindest soweit ich weiß. Ich könnte mir aber schon vorstellen das sich das vielleicht bald ändert. Ich würde es mir wünschen.
Gespeichert
Seltsam im Nebel zu wandern.... H.Hesse

"[...] wir sind hier alle verrückt. Ich bin verrückt, du bist verrückt" *L.Carroll*

Mein Interview mit Gail Carriger :elch:
Sonnenschirm

Valentine

  • Fangirl Missionary - unterwegs im Namen des Herrn S.
  • Global Moderator
  • *
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 7965
  • Brainy is the new sexy!
Re: Claudie Gallay - Die Brandungswelle
« Antwort #5 am: 31. August 2010, 09:04:03 »

Die namenlose Ich-Erzählerin hat nach dem Tod ihres Partners eine Stelle als Ornithologin in La Hague angenommen, oben im sturmumtosten Norden der Normandie. Dort lebt sie nun in einem uralten Haus direkt am Meer, das sie sich mit dem Geschwisterpaar Raphaël und Morgane teilt. Raphaël ist aufstrebender Bildhauer, Morgane jobbt im Dorfbistro. Dort hält sich auch die Erzählerin häufig auf, so auch an dem Tag, als sie Lambert zum ersten Mal sieht. Lambert, der sie sofort an ihren verstorbenen Partner erinnert. Lambert, der im Dorf an alte Erinnerungen rührt, denn er ist derjenige, dessen Familie Jahrzehnte zuvor bei einem Bootsunglück ausgelöscht wurde.

Der Vorwurf, der Leuchtturmwärter Théo, der recht betagt immer noch im Leuchtturm wohnt, umringt von seinen zahlreichen Katzen, habe damals den Leuchtturm abgeschaltet und so das Unglück verursacht, kommt nun wieder aufs Tapet, alte Konflikte entzünden sich neu. Ist die alte Nan, die als Kind einen Schiffbruch überlebte, nicht ganz richtig im Kopf und meint deshalb, in Lambert jemand anderen zu erkennen, oder erinnert er sie wirklich an einen Menschen, den sie kennt?

Die Erzählerin selbst ist von Lamberts Auftauchen ziemlich aus der Bahn geworfen. Er übt eine gewisse Anziehung auf sie aus, doch sie ist nicht sicher, ob sie einen anderen Mann lieben kann, nachdem sie den Leidensweg ihres Partners miterleben musste. Und die alten Geschichten, die nun wieder hochkochen, lassen auch sie als Zugezogene nicht kalt.

Die Sprache in diesem Buch ist so schlicht und manchmal rauh wie Land und Leute, die sie beschreibt. Sentimentalitäten sucht man vergebens, und es braucht etwas Zeit, sich an die sehr schnörkellosen, fast spröden kurzen nd klaren Sätze zu gewöhnen. Die ganze Atmosphäre ist düster, grau wie vor einem dräuenden Sturm, und sehr intensiv. Anfangs war ich nicht sicher, ob ich das wirklich mag, doch dann zog mich die Geschichte recht schnell in ihren Bann.

Nicht nur die Erzählerin scheint zerrissen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Unter den meist wortkargen Ortsansässigen schwelen alte, oft unausgesprochene Konflikte und Aggressionen, Vermutungen und Anschuldigungen. Für mich gab es keinen durchgängigen Sympathieträger, doch vielleicht sind die Figuren gerade deshalb so gut vorstellbar (wenn auch für meine Begriffe insgesamt ein wenig zu schroff und verschlossen, so durch die Bank fand ich das ein klein wenig klischeehaft.)

Die Auflösung des "Geheimnisses", das eine große Rolle spielt, ist relativ vorhersehbar, was aber wenig stört, weil der Weg dorthin sich trotzdem recht spannend gestaltet.

4ratten
Gespeichert
Until I feared I would lose it, I never loved to read. One does not love breathing.
Harper Lee, To Kill a Mockingbird

Wer lesen kann, hat ein zweites Paar Augen, und er muss nur aufpassen, dass er sich dabei das erste Paar nicht verdirbt.
Erich Kästner

illy

  • chronischer Bücherjunkie
  • Global Moderator
  • *
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 2608
Re: Claudie Gallay - Die Brandungswelle
« Antwort #6 am: 31. August 2010, 15:27:55 »

„La Griffue“, wird die Erzählerin dieses Buches von den Einheimischen des kleinen Dorfes in der Normandie, in dem sie nun lebt, genannt, nach dem Haus direkt am Meer, in dem sie wohnt. Nach dem Tod ihres Partners hat die Ornithologin hier einen Auftrag angenommen, so weit von ihrer Heimat entfernt, wie es innerhalb Frankreichs nur geht. Am Tag eines heftigen Sturms kommt ein Fremder in das Dorf, der ein altes Geheimnis aufzudecken versucht. Was geschah damals wirklich, vor rund vierzig Jahren, als seine Familie bei einem Bootsausflug umkam?

Claudie Gallay gelingt es sehr gut die Stimmung eines Dorfes einzufangen, das sich eigentlich nicht für irgendetwas außerhalb interessiert und in gewisser Weise auch selbst außerhalb der Zeit existiert, die moderne Welt ist hier nicht wirklich angekommen.

Man erfährt eigentlich auch nichts über die Hauptfigur oder den Verlust, den sie erlitten hat und muss sich mit kleinen Informationshappen zufrieden geben. Das Dorf hat sie nicht völlig integriert und wird es auch nie tun, sie wird immer „La Horsaine“ – die Zugereiste bleiben. Ihr ist das, gerade zu Beginn des Buches, sehr recht. Sie suchte die Einsamkeit und loser gesellschaftlicher Kontakt zu ihren Mitbewohnern und der Wirtin ihres Stammbistros reichen ihr. Freundschaft oder gar eine neue Liebe liegen ihr fern. Immer wieder wendet sie sich im Buch direkt an ihren verstorbenen Partner, er ist nach wie vor ein Teil ihres Lebens. Doch dann wird der Fremde immer wichtiger für sie und die Geheimnisse der Vergangenheit beginne auch die Erzählerin immer mehr zu interessieren.

„Die Brandungswelle“ ist ein Buch über das Überwinden eines Verlustes und als solches gerade zu Beginn von depressiver Grundstimmung, die sich aber glücklicherweise dann doch ein wenig erhellt. Das Buch ist spröde, es dauert bis man Zugang zu ihm findet und es ist ebenso wenig sympathisch oder nett wie seine Figuren, aber es fasziniert und zieht einen in seinen Bann. Obwohl das Buch im Sommer spielt, ist es eher für stürmische Winterabende als für einen Liegestuhl am Strand geeignet.

4ratten
Gespeichert
Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen.  (Friedrich Nietzsche)