Hallgrímur Helgason - Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnenOriginaltitel: 10 ráð til að hætta að drepa fólk og byrja að vaska upp

KurzbeschreibungEigentlich ist er Kroate, eigentlich lebt er in New York und eigentlich ist er kein Priester, sondern ein Auftragskiller mit 66 erfolgreich ausgeführten Morden. Doch einmal in Island angekommen, bleibt Toxic nichts anderes übrig, als die Rolle des Predigers zu spielen. Mehr schlecht als recht absolviert er einen Auftritt in einer TV-Show und verliebt sich auch noch in die Tochter seiner Gastgeber. Bald schon droht er aufzufliegen ...
Meine EindrückeDer letzte Auftragsmord von Tomislav Bokšic -genannt Toxic- traf zwar den "Richtigen", doch nachdem sich dieser als FBI-Mann entpuppte, muss der gewiefte Profikiller abtauchen. Am Flughafen muss sekundenschnell umdisponiert werden, als zwei FBI-Beamte im Terminal auftauchen. Toxic nimmt den erstbesten Mann für den nötigen Rollentausch als Opfer, einen Fernsehprediger auf dem Weg nach Island. Dessen Identität auch nuransatzweise anzunehmen, fordert Toxics ganzes Können, denn in Reykjavik angekommen muss er nicht nur den salbungsvollen Gottesmann mimen, sondern auch gleich noch für einen kleinen Religionssender vor die Kamera. Unter unauffälligem Abtauchen hatte er sich etwas anderes vorgestellt.
Es kommt, wie es kommen muss: Ein Fehler bei der Ankunft in Island setzt die Polizei auf seine Fährte und Toxic wird erneut zum Gejagten. Ausgerechnet die Tochter des Predigers "Gutmunduhr" (so jedenfalls spricht Toxic den Namen aus) bietet ihm Unterschlupf.
Helgason hat eine "rabenschwarze Komödie" abgeliefert, "zum Brüllen komisch" so findet jedenfalls ein Kritiker im isländischen Fréttablaðið. Rabenschwarz? Ja! Komödie? Nicht so ganz. Je weiter man im Buch kommt, umso mehr spürt man, dass Helgasons Romanstoff eigentlich einen überaus traurigem Hintergrund hat. Statt das jedoch emotional oder kühl analytisch zu erzählen, wählt er eine manchmal fast absurde Geschichte. Die reizt wohl zum Lachen, lädt den Schrecken aber hinterrücks in kleinen Portionen ab.
Toxic ist ein Kind des Balkankriegs, der schon in seiner ersten Kriegswoche Vater und Bruder verliert und der mehr gesehen hat, als es auch nur für irgendjemand gut ist. Er kann stundenlang nach seiner damaligen Freundin Senka im Internet surfen, um herauszufinden, was nach dem Krieg aus ihr geworden ist. Er durchforstet die Blogs ehemaliger Kameraden. Vielleicht, weil er das Töten so drastisch gelernt hat, macht er als Auftragskiller weiter. Was vorher bloßes Ballern war, um die eigene Haut zu retten, hat plötzlich einen vermeintlichen "professionellen" Anstrich.
Auf Island stehen Welt und Wertskala allerdings Kopf. Einen krasseren Gegensatz konnte Toxic nicht bekommen, denn die Predigerfamilie lebt in ihrem Vertrauen auf Gott bedingungslos. Im Haushalt gibt es nicht einmal Aspirin, denn "der Herr ist unser Schmerzmittel", lässt die Predigerfrau ihn wissen. Er erlebt eine aberwitzige Mischung aus Errettungsphasen und Abstürzen.
Island ist eine Art Himmel auf Erden, aber es ist ein sehr merkwürdiger. Die Prediger legen bei Bekehrungsversuchen recht fragwürdige Methoden an den Tag und überraschen durch bemerkenswert boshafte, eigene Vorgeschichten. Wie sich ihre Vorstellung von der Errettung einer verlorenen Seele mit der Hingabe zu Gott verbinden lässt, wird defintiv ein Geheimnis bleiben.
Dafür spickt Helgason die Erzählung mit einem herrlich komischen Wortwitz. Über das gesamte Buch hinweg wird fast kein einziger isländischer Name korrekt geschrieben (... einzig die Namen der isländischen Krimiautoren, die stolz aufgezählt werden, sind übrigens auf Anhieb alle korrekt *g*). Die Verballhornungen verraten durchaus ein bisschen über die Personen. Aus der angebeteten Gunnhildur wird Gunholder, aus dem Prediger Thórður wird Tortur und dieser Gag zieht sich konsequent durch das gesamte Buch.
Die Beschreibungen von Szenen, ob grausam oder harmlos, geraten flapsig bis schnoddrig. Ich wusste bis heute nicht, dass Geschirrwaschen klingen kann wie die Probe einer Punk-Band. Helgason teilt nach Gut und Böse hin gleichermaßen Seitenhiebe aus. Prediger Tortur muss sich von Toxic zum Beipiel sagen lassen, dass Töten ganz sicher so sei wie Predigen: "Man fühlt sich mächtig. Man hat Macht." So rasant, schrill und schräg die zehn Tipps geschrieben sind, so bringen sie das Lachen doch hin und wieder zum Stocken und machen nachdenklich.
