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Autor Thema: Johann Wolfgang Goethe - Faust I  (Gelesen 4968 mal)

bibliomonster

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #30 am: 06. März 2010, 22:55:27 »

Hallo zusammen,

ich habe nun die beiden Studierzimmer-Szenen beendet und weiß gar nicht, was ich schreiben könnte. Außer dass ich mit Begeisterung die Verse lese. Diese weder antiquarisch-verstaubt, noch trocken-langweilig empfinde. Mich vielmehr ihre Lebendigkeit und oft auch ihr melodischer Klang mitreißt. Kurz: das Geschriebene gefällt mir ausnehmend gut!

Allerdings kann ich mit Faust selbst nicht viel anfangen. Mir kommt er vor wie ein kleines Kind, dem man nicht seinen Willen gelassen hat und der nun mit nervtötendem Geplärr seine Eltern (d.h. Leser) nervt. Mit seiner (ausladenden) Wehleidigkeit, seinem Selbstmitleid und den ewigen Stimmungsschwankungen (welche den häufigen Versmaßwechsel oft verwirrend machen) ist er für mich einfach (noch) kein Sympathieträger. Er scheint sich in seinem wortreich erklärten Schmerz richtig zu suhlen - Mephisto trifft es dabei auf den Punkt: Hör' auf mit deinem Gram zu spielen, Der, wie ein Geier, dir am Leben frißt (V 1635-6) und dessen übereiltes Streben Der Erde Freuden überspringt (V 1858-9).

Überrascht hat mich auch, dass Faust (noch) so wenig "tragisch" ist. Mephistopheles' Rede an den Schüler ist herrlich bissig und selbst Faust hat seine (gewollt, ungewollt?) komischen Momente (wobei seine ausschweifende Wehleidigkeit auch erheiternd sein kann).

Was bringt Faust eigentlich dazu, hinter ihm etwas Unheimliches zu vermuten? Wagner sieht einen bloßen Hund, Faust anfangs mehr (Feuerstrudel). Liegt das daran, dass er in die Geheimnisse dieser und der höheren Welt weiter eingedrungen ist als Wagner, oder ist das vielleicht dem Teufel schon jetzt so weit verfallen, dass er ihn wahrnehmen kann? Sieht er das Böse, weil er besonders gläubig ist, Gott sehr nahe steht, oder weil er sich im Gegenteil weit von Gott entfernt und der anderen Seite angenähert hat? Oder liegt es ganz banal nur daran, dass Mephistopheles ihn mehr sehen lässt als seinen Begleiter?

Genau! :breitgrins: Das Schöne an dem Text ist ja, dass vieles der eigenen Interpretation anheimfällt. Ich habe die betreffende Szene bspw. als böses Omen gelesen. In meinem Kommentarband steht Goethes eigene Antwort: "Ein dunkler Gegenstand , sobald er sich entfernt, hinterläßt dem Auge die Nötigung dieselbe Form hell zu sehen. In Scherz und Ernst führen wir eine Stelle aus Faust an, welche hierher bezüglich ist (<Zitat der Verse>)." (Goethe über Physiologe Farben) Und ich bleibe trotzdem bei meiner Omen-Interpretation.

Lieben Gruß,
bimo

P.S. Sagt mal, geht es eigentlich nur mir so, dass ich nach dem Lesen immer in Reimen denke und sprechen will?
« Letzte Änderung: 06. März 2010, 23:03:19 von bibliomonster »
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foenig

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #31 am: 07. März 2010, 10:32:47 »

Hey,
ich habe mich nun auch mit der Szene Vor dem Tor befasst!

Mir hat hier besonders die Beschreibung der Herstellung von (vermeindlichen) Medikamenten gefallen. Es werden recht viele Worte benutzt, die positive Assoziationen hervorrufen, wie z.B. vermählen, Brautgemach, bunte Farben... Aber genauso oft wird dieses Positive vom Negativen vernichtet: Flammenfeuer, gequält, Patienten starben. Diese Stelle musste ich mehrmals lesen, weil mir die Wortwahl so gut gefallen hat, aber ich beim Lesen dadurch überhaupt nichts mehr vom Inhalt mitbekommen habe.  :breitgrins:

Als der schwarze Hund, also der Pudel, auftaucht, musste ich ehrlich gesagt an das erste Auftauchen von Sirius Black bei Harry Potter denken!  :redface: Dort ist es ein sehr schlechtes Omen, wenn man einen großen schwarzen Hund sieht. Das bedeutet nämlich den baldigen Tod! Da kam doch gleich bei mir die Frage auf, ob Frau Rowling wohl diese Idee aus Faust hat...

Die Pudelszene hat mich ehrlich gesagt zunächst ein wenig verwirrt, weil ich nicht verstanden habe, warum Faust irgendetwas Böses in dem Pudel sieht. Ich habe ihn mir genau wie Wagner als ganz normalen Pudel vorgestellt und mich gefragt, ob Faust vielleicht doch schon ein wenig verrückt geworden ist...
Nachdem ich in den Interpretationen gelesen habe, dass der Pudel wohl Mephisto ist, gehe ich dann doch mal wieder von Fausts geistiger Gesundheit aus. Aber auf diese Idee wäre ich ehrlich gesagt gar nicht gekommen...

Viele Grüße
foenig
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Annabas

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #32 am: 07. März 2010, 12:32:23 »

Als der schwarze Hund, also der Pudel, auftaucht, musste ich ehrlich gesagt an das erste Auftauchen von Sirius Black bei Harry Potter denken!  :redface: Dort ist es ein sehr schlechtes Omen, wenn man einen großen schwarzen Hund sieht. Das bedeutet nämlich den baldigen Tod! Da kam doch gleich bei mir die Frage auf, ob Frau Rowling wohl diese Idee aus Faust hat...

Schwarze Hunde gelten als Todesboten - dieser Volksglaube ich aber wesentlich älter als Goethe, der ihn vermutlich für den Faust nur übernommen hat. In Großbritannien ist dieser Glaube noch weiter verbreitet, ähnlich wie bei uns die schwarze Katze, die Unglück bringen soll, wenn sie unseren Weg kreuzt. Frau Rowling konnte davon ausgehen, dass ihr schwarzer Hund schon richtig verstanden werden wird - denke ich mal.

Grüße von Annabas  :winken:
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kaluma

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #33 am: 07. März 2010, 17:47:05 »

Ich brauchte den "Osterspaziergang" zwar nie auswendig lernen, musste aber doch feststellen, dass sich hier (mir) bekannte Zitate häufen. Dabei hatte ich allerdings meist keine Ahnung, woher sie stammen. Dass die "2 Seelen" z. B. in Fausts Brust hausten, war mir nicht klar. :redface: Oder auch "Hier bin ich Mensch". - Nun ja, jetzt bin ich klüger.
Interessant, daß selbst ein sehr belesener Mensch wie du das nicht wußte!
Ich frage mich, ob es wohl Leute gibt, die diese Zitate gar nicht kennen (nachdem ich von euch erfahren habe, daß Faust gar nicht bei allen in der Schule behandelt wurde) und die dann so etwas wie z.B. den Werbespruch der dm-Drogerie gar nicht zuordnen können. Für mich war das immer so sonnenklar...

Überhaupt frage ich mich nun, wie weit es mit Fausts Gläubigkeit eigentlich her ist. Immerhin sagt er in seiner ersten Replik Sie feiern die Auferstehung des Herrn. "Sie" wohlgemerkt, nicht "wir". Er feiert nicht mit. Mit seinem Glauben steht es nicht zu besten, will mir scheinen.
Sehr genau beobachtet. Ich meine aber, daß man hier unterscheiden muß zwischen Glauben und Theologie/Ritualen. Die allgemein üblichen Rituale sind offenbar nicht Fausts Fall und auch seine Antwort auf die Gretchenfrage geht ja in diese Richtung (die kommt zwar erst später, aber soviel weiß ich noch vom früheren Lesen) - so kam ich auf meine Deutung des "leider".

Daß ihr in dem schwarzen Pudel ein schlechtes Omen seht, finde ich ja interessant - darauf wäre ich nicht gekommen (das erinnert mich aber gerade an die Diskussion im Avatar-Thread vor ein paar Tagen). Für mich sind eher die schwarzen Katzen die Unglücksboten.



Allerdings kann ich mit Faust selbst nicht viel anfangen. Mir kommt er vor wie ein kleines Kind, dem man nicht seinen Willen gelassen hat und der nun mit nervtötendem Geplärr seine Eltern (d.h. Leser) nervt. Mit seiner (ausladenden) Wehleidigkeit, seinem Selbstmitleid und den ewigen Stimmungsschwankungen (welche den häufigen Versmaßwechsel oft verwirrend machen) ist er für mich einfach (noch) kein Sympathieträger. Er scheint sich in seinem wortreich erklärten Schmerz richtig zu suhlen
Nun, immerhin steckt er in einer persönlichen Krise, in einer tiefen Depression. Vielleicht auch Burnout-Syndrom. Da darf man schonmal ein bißchen jammern (zumal wenn das Jammern schön zu lesen ist  :zwinker:). Heutzutage würde er zum Arzt gehen und Medikamente oder eine Psychotherapie bekommen... Immerhin versucht er, bei all dem Gejammer, aus eigener Kraft wieder aus seiner Depression herauszufinden (und das rechne ich ihm hoch an). Wer jemals depressiv war, weiß wie schwer das ist. Und ganz offenbar fehlen Faust ernsthafte Gesprächspartner (Wagner hat ja kaum Verständnis).

P.S. Sagt mal, geht es eigentlich nur mir so, dass ich nach dem Lesen immer in Reimen denke und sprechen will?
Zwar nicht in Reimen, aber ich habe schon früher festgestellt, daß ich dazu neige, wenn ich viel Goethe lese, meinen Wortschatz und Satzbau ein wenig anzupassen.

Diese Stelle musste ich mehrmals lesen, weil mir die Wortwahl so gut gefallen hat, aber ich beim Lesen dadurch überhaupt nichts mehr vom Inhalt mitbekommen habe. 
So ähnlich geht es mir auch immer wieder - ich überlasse mich dem Text und stelle nach einer halben Seite fest, daß ich den Faden verloren habe...

Ich bin noch mitten im Studierzimmer.
Schon immer genial fand ich die Stelle, an der Mephisto sich offenbart: "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft." Da ist seine Rolle gut auf den Punkt gebracht - u.a. ist das die Erwartung, die Gott hatte, als er Mephisto auf Faust "ansetzte".

Später mehr, viele Grüße
kaluma
« Letzte Änderung: 07. März 2010, 22:12:02 von kaluma »
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Annabas

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #34 am: 07. März 2010, 21:20:21 »

Hallo miteinander,

ich habe noch etwas weiter gelesen: In "Auerbachs Keller" spielt Faust nur eine kleine Rolle. Es ist Mephisto, der die vier lustigen Gesellen vorführt. Als ich Leipzig besuchte, war ich übrigens auch dort - natürlich ohne Mephisto.   :zwinker:   Eigentlich trägt diese Szene ja nicht wirklich was zur Handlung bei. Ich vermute, sie soll Faust Mephistos Macht zeigen.

Die "Hexenküche" dagegen ist eine Szene, die für Faust wichtig ist, er soll nämlich verjüngt werden. Witzig fand ich Mephistos Empfehlungen in den Zeilen um 2355, in denen er Faust als Jungbrunnen ein einfaches und gesundes Leben mit Arbeit an der frischen Luft anträgt - klingt sehr modern. Faust steigt aber gar nicht auf den Vorschlag ein - ein Trank ist ihm lieber, da muss er sich weniger anstrengen. Ich kann das schon nachvollziehen.   :breitgrins:   Ich kann mich auch erinnern, dass ich beim früheren Lesen überrascht war, dass das "Hexeneinmaleins" aus Goethes Feder stammt, ich hatte immer gedacht, es wäre irgendetwas ganz Altes und Rituelles, auch etwas aus dem Volksglauben.

Ich habe zwar noch ein paar Seiten weiter gelesen, aber die folgenden Szenen sind immer sehr kurz - ich denke, ich lese sie bis zur Walpurgisnachtszene am Stück und poste dann. Schließlich kommt jetzt auch das Gretchen dazu.

und die dann so etwas wie z.B. den Werbespruch der dm-Drogerie gar nicht zuordnen können.
Da musste ich jetzt mal schnell googeln, aber du hast recht: "Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein."  :zwinker:

Grüße von Annabas  :winken:
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Saltanah

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #35 am: 08. März 2010, 10:44:22 »

Studierzimmer:
Hurra! Endlich geht's ans Eingemachte!

Interessant fand ich ja, dass Mephistopheles sich von Faust erst beschwören lässt, obwohl er doch schon im Zimmer ist. Ist das vielleicht sein "Ausweis"? So dass Faust ihm gleich seine höllische Herkunft gleich glaubt?
Jedenfalls ist Mephistopheles sehr geschickt. Wie er Faust glauben macht, er hätte ihn gefangen (hat er in gewisser Hinsicht auch, aber nicht so, dass sich - wie wir sehen - Mephistopheles nicht aus eigener Kraft befreien könnte), ist schon ein cleverer Schachzug. So kann Faust meinen, die Oberhand zu haben.

Es überrascht mich ja, dass Faust sich so wenig um das Leben nach dem Tode kümmert. Danach mag, was will und kann, geschehn.
Ich habe ehrlich gesagt Schwierigkeiten zu verstehen, was Faust eigentlich von Mephistopheles will:
Was willst du armer Teufel geben?

Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben,
Von deines Gleichen je gefaßt?
Doch hast du Speise die nicht sättigt, hast
Du rothes Gold, das ohne Rast,
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,

Ein Spiel, bey dem man nie gewinnt,
Ein Mädchen, das an meiner Brust
Mit Aeugeln schon dem Nachbar sich verbindet,
Der Ehre schöne Götterlust,
Die, wie ein Meteor, verschwindet.

Zeig mir die Frucht die fault, eh’ man sie bricht,
Und Bäume die sich täglich neu begrünen!
(1675-87)
 :schulterzuck: Hä?
Soll das bedeuten, dass er sich nun kopfüber ins Sinnenleben stürzen will? Zugleich will er doch aber auch die Kehrseiten von Schlemmerei, Reichtum, Liebe, Ansehen. Um das zu erreichen, braucht man doch eigentlich keine übernatürliche Hilfe. Das schaffen Menschen auch alleine.
Dass er "bezahlen" will, sobald er einmal mit sich und der Welt zufrieden ist, ist natürlich übel. Damit hat er sich selbst eine Fallgrube gebaut, die es in sich hat. Er darf also nie wirkliche Befriedigung erreichen (das meine ich jetzt nicht nur sexuell), sonst ist's um ihn geschehen.

sobald Faust in seinem Streben nach Wissen nachlässt
Ich dachte auch erst, er wolle mit Mephistopheles Hilfe seine frühere Suche nach Wissen fortführen (das würde ja gut passen), aber dafür finde ich keinen direkten Beleg im Text. Im Gegenteil heißt es später:
Dem Taumel weih’ ich mich, dem schmerzlichsten Genuß,
Verliebtem Haß, erquickendem Verdruß.
Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen,
(1766 ff)
Und auch aus den folgenden versen geht deutlich hervor, dass er nun nicht mehr denken, sondern nur noch erleben will, am eigenen Leibe alles erfahren, was Menschen widerfährt.
Grau, theurer Freund, ist alle Theorie (ach, das ist auch Faust?) - jetzt macht Faust sich an die Praxis!

P.S. Sagt mal, geht es eigentlich nur mir so, dass ich nach dem Lesen immer in Reimen denke und sprechen will?

Oh ja, das kenne ich auch :breitgrins: . Der Rhythmus der Verse ist einfach zu ansteckend. Bei Shakespeare geht mir das auch immer so, aber das hier ist das erste Mal, dass ich dies mit deutscher Literatur erlebe.
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kaluma

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #36 am: 10. März 2010, 00:46:04 »

Saltanah, ich hoffe du hast nichts dagegen, wenn ich mich für meine Kommentare ein bißchen an deinem Text festhalte!

Im Studierzimmer:

Studierzimmer:
Es überrascht mich ja, dass Faust sich so wenig um das Leben nach dem Tode kümmert. Danach mag, was will und kann, geschehn.
Ja, das hat mich auch gewundert.

Studierzimmer:
Ich habe ehrlich gesagt Schwierigkeiten zu verstehen, was Faust eigentlich von Mephistopheles will:
Was willst du armer Teufel geben?

Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben,
Von deines Gleichen je gefaßt?
Doch hast du Speise die nicht sättigt, hast
Du rothes Gold, das ohne Rast,
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,

Ein Spiel, bey dem man nie gewinnt,
Ein Mädchen, das an meiner Brust
Mit Aeugeln schon dem Nachbar sich verbindet,
Der Ehre schöne Götterlust,
Die, wie ein Meteor, verschwindet.

Zeig mir die Frucht die fault, eh’ man sie bricht,
Und Bäume die sich täglich neu begrünen! (1675-87)
Hier zählt Faust Dinge auf, die er für unmöglich hält - die zwar der menschlichen Phantasie entspringen können, aber offenbar hält er Mephisto für unfähig, solche Dinge zu erschaffen/heranzuschaffen.

Dies hier (1699ff):
"Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!"

habe ich auch immer nur schwer nachvollziehen können (jetzt noch schwerer, als in meiner Jugend). Eine gewisse Rastlosigkeit, einen Drang sich weiterzuentwickeln kann ich verstehen, und echte Lebenserfahrungen sind dafür sehr wichtig. Aber das Streben nach Zufriedenheit, nach einem Leben in Einklang mit sich selbst und der Welt ist doch zutiefst menschlich, und schließt doch einen solchen Weiterentwicklungsdrang nicht aus?
Fausts Verzweiflung muß sehr tief sein.

sobald Faust in seinem Streben nach Wissen nachlässt
Ich dachte auch erst, er wolle mit Mephistopheles Hilfe seine frühere Suche nach Wissen fortführen (das würde ja gut passen), aber dafür finde ich keinen direkten Beleg im Text. Im Gegenteil heißt es später:
Dem Taumel weih’ ich mich, dem schmerzlichsten Genuß,
Verliebtem Haß, erquickendem Verdruß.
Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen,
(1766 ff)
Und auch aus den folgenden versen geht deutlich hervor, dass er nun nicht mehr denken, sondern nur noch erleben will, am eigenen Leibe alles erfahren, was Menschen widerfährt.
Dsa sehe ich auch so, und auch diese Zeilen zeigen, daß Faust nun wirklich nichts mehr von Büchergelehrsamkeit wissen will, sondern sich ins pralle Leben stürzen:
"Mir ekelt lange vor allem Wissen
Laß in den Tiefen der Sinnlichkeit
Uns glühende Leidenschaften stillen!"
(1749-51)
Das ist eine 180-Grad-Wende zum Anfangsmonolog.

Köstlich fand ich übrigens Mephistos Gespräch mit dem Schüler, der daherkommt und zwar auf jeden Fall studieren will, aber nicht recht weiß, was :rollen:. Mephisto karikiert die "ernsten Wissenschaften" ziemlich treffend. :breitgrins:

Auerbachs Keller

Das ist Mephistos erster Versuch, Faust durch Sinnesgenuß von seinem Streben nach Wahrheit (und damit von Gott) zu entfernen. Hier ist Faust vorwiegend Beobachter. Aber eines hätte er hier lernen können: nämlich daß Mephisto nicht mit fairen Mitteln spielt, sondern Lüge und Betrug von ihm zu erwarten ist. Aber ich glaube, Faust hat noch nicht begriffen, daß er auf der Hut sein muß.
In Auerbachs Keller war ich schon des öfteren, und an den Figuren, die oben davorstehen, bin ich hunderte von Malen vorbeigegangen (und habe Fausts Fuß getätschelt :zwinker:). Die sind mir also ganz gegenwärtig.

Hexenküche

Ja, die Empfehlung, zur Verjüngung ein einfaches, arbeitsreiches Leben zu führen, und Fausts Reaktion darauf, hat auch mich zum Schmunzeln gebracht...  :breitgrins:
Am Hexeneinmaleins habe ich mich ein wenig aufgehalten und mal Google bemüht. Was ich noch nicht kannte, sind die verschiedenen Deutungen dafür, siehe hier. Finde ich hochinteressant.
Ich finde aber, jede von ihnen ist an mindestens einer Stelle nicht ganz nachvollziehbar. Am besten gefällt mir noch die erste Lösung, weil sie ein echtes magisches Quadrat ergibt.

Viele Grüße
kaluma


« Letzte Änderung: 10. März 2010, 01:12:08 von kaluma »
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Saltanah

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #37 am: 10. März 2010, 13:03:56 »

Studierzimmer:
Ich habe ehrlich gesagt Schwierigkeiten zu verstehen, was Faust eigentlich von Mephistopheles will:
Was willst du armer Teufel geben?

Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben,
Von deines Gleichen je gefaßt?
Doch hast du Speise die nicht sättigt, hast
Du rothes Gold, das ohne Rast,
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,

Ein Spiel, bey dem man nie gewinnt,
Ein Mädchen, das an meiner Brust
Mit Aeugeln schon dem Nachbar sich verbindet,
Der Ehre schöne Götterlust,
Die, wie ein Meteor, verschwindet.

Zeig mir die Frucht die fault, eh’ man sie bricht,
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Hier zählt Faust Dinge auf, die er für unmöglich hält - die zwar der menschlichen Phantasie entspringen können, aber offenbar hält er Mephisto für unfähig, solche Dinge zu erschaffen/heranzuschaffen.

Du meinst also, Faust geht es nicht um die aufgezählten Dinge an sich, sondern will nur wissen, ob Mephistopheles das wirklich tun kann? Das ist natürlich eine verständliche Deutung, auf die ich nicht gekommen war, denn unmöglich sind doch zumindest einige der Dinge wirklich nicht.
Zitat
Doch hast du Speise die nicht sättigt
Okay, Faust kannte vielleicht noch kein Fast Food :zwinker: , aber das
Zitat
rothes Gold, das ohne Rast,
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,
tut Geld doch eigentlich immer, das ist immer schon weg, bevor man es richtig hat, und dieses Verhalten
Zitat
Ein Mädchen, das an meiner Brust
Mit Aeugeln schon dem Nachbar sich verbindet,
wird doch Frauen seit jeher von Männern vorgeworfen. Daher mein Unverständnis, was Fausts Wünsche angeht.
« Letzte Änderung: 10. März 2010, 13:06:44 von Saltanah »
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kaluma

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #38 am: 10. März 2010, 13:41:20 »


Du meinst also, Faust geht es nicht um die aufgezählten Dinge an sich, sondern will nur wissen, ob Mephistopheles das wirklich tun kann? Das ist natürlich eine verständliche Deutung, auf die ich nicht gekommen war, denn unmöglich sind doch zumindest einige der Dinge wirklich nicht.
Du hast recht, unmöglich sind einige der Dinge wirklich nicht, vor allem das mit der Frau. Aber generell habe ich in diesem Abschnitt das Gefühl, daß Faust hier über alle Grenzen gehen will und austesten will, ob Mephisto wirklich all diese Dinge (weit jenseits des Alltäglichen) kann/beherrscht... Ob er dann wirklich all diese Erfahrungen auch real machen will, steht auf einem anderen Blatt, darüber bin ich mir nicht ganz klar.



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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #39 am: 10. März 2010, 16:25:10 »

Studierzimmer:
Ich habe ehrlich gesagt Schwierigkeiten zu verstehen, was Faust eigentlich von Mephistopheles will:
Was willst du armer Teufel geben?

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Hallo ihr beiden!

Ich habe diese Verse als Verhöhnung von Mephistopheles teuflischen 'Fähigkeiten' verstanden. Dass Mephisto eh nur solche negativen Dinge bewerkstelligen könnte. (Du hast doch nur Speise die nicht sättigt. Du hast nur Gold, das in der Hand zerrinnt...) Laut meinem Kommentarband haben diese Zeilen einige Deutungskontroversen hervorgerufen.

Faust. Eine Interpretation.
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kaluma

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Re: Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #40 am: 10. März 2010, 23:43:13 »

Ich habe diese Verse als Verhöhnung von Mephistopheles teuflischen 'Fähigkeiten' verstanden. Dass Mephisto eh nur solche negativen Dinge bewerkstelligen könnte. (Du hast doch nur Speise die nicht sättigt. Du hast nur Gold, das in der Hand zerrinnt...)
Ah!  :pling:  Danke, was du schreibst leuchtet ein, wenn man diese Zeilen als Aussage liest, und nicht, wie ich sie gelesen habe, als Frage... (Genaugenommen steht da ja auch gar kein Fragezeichen...)

Laut meinem Kommentarband haben diese Zeilen einige Deutungskontroversen hervorgerufen.
Ja, das ist sicher eine Stelle, die man auf verschiedene Art interpretieren kann.
Ich sollte wohl an solchen Stellen dann auch mal lieber die Sekundärliteratur zu Rate ziehen.
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foenig

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Re: Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #41 am: 11. März 2010, 08:45:12 »

Hey,
ich habe mich auch mal wieder in Ruhe auf die Couch gesetzt und weitergelesen...

Schwarze Hunde gelten als Todesboten - dieser Volksglaube ich aber wesentlich älter als Goethe, der ihn vermutlich für den Faust nur übernommen hat. In Großbritannien ist dieser Glaube noch weiter verbreitet, ähnlich wie bei uns die schwarze Katze, die Unglück bringen soll, wenn sie unseren Weg kreuzt. Frau Rowling konnte davon ausgehen, dass ihr schwarzer Hund schon richtig verstanden werden wird - denke ich mal.
Ach, was! Das ist mir neu und schon wieder was gelernt. Da werde ich demnächst mal drauf achten, wo mir schwarze Hunde begegnen!

Studierzimmer:
Etwas verwundert hat mich, dass Faust zunächst über das Neue Testament redet und dann eine Übersetzung anfängt. Ich habe erwartet, dass er nun anfängt das Neue Testament zu übersetzen, aber er fängt mit "Im Anfang war das Wort!" So fängt aber das Alte Testament an! Ich gehe mal davon aus, dass Goethe das auch sehr wohl wusste. Also, habe ich die Stelle (V. 1215 ff) mir noch mehrmals angeschaut. Nennt man das Alte Testamten auch Grundtext? Ich dachte, er meinte damit die lateinische Übersetzung...
Für die Interpretation der Studierzimmerszene spielt dies keine Rolle, aber ich wollte mal erwähnen über was ich so gestolpert bin.  :smile:

Studierzimmer:
Es überrascht mich ja, dass Faust sich so wenig um das Leben nach dem Tode kümmert. Danach mag, was will und kann, geschehn.
Ja, das hat mich auch gewundert.
Und mich erst! Ich bin davon ausgegangen, dass Faust an ein Leben nach dem Tod glaubt, auch wenn er sehr skeptisch der Religion gegenüber ist. Aber scheinbar glaubt er nicht daran, dass es einen Zusammenhang zwischen dem irdischen und dem himmlischen Leben gibt.

Am besten gefallen hat mir das Gespräch zwischen dem verkleideten Mephistopheles und dem Schüler, der so gerne studieren möchte, aber nicht weiß was.  :klatschen:

Viele Grüße
foenig
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Re: Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #42 am: 11. März 2010, 12:54:11 »

Hallo,

Etwas verwundert hat mich, dass Faust zunächst über das Neue Testament redet und dann eine Übersetzung anfängt. Ich habe erwartet, dass er nun anfängt das Neue Testament zu übersetzen, aber er fängt mit "Im Anfang war das Wort!" So fängt aber das Alte Testament an!
ich habe gerade mal nachgesehen! Das stimmt schon, es ist das Neue Testament.
"Am Anfang war das Wort,..." steht im Johannesevangelium (Johannes 1,1).
Das Alte Testament beginnt mit "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde." (1. Mose 1,1)

Der Grundtext des neuen Testaments ist Griechisch, soviel ich weiß.


 
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Re: Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #43 am: 11. März 2010, 17:07:05 »

Etwas verwundert hat mich, dass Faust zunächst über das Neue Testament redet und dann eine Übersetzung anfängt. Ich habe erwartet, dass er nun anfängt das Neue Testament zu übersetzen, aber er fängt mit "Im Anfang war das Wort!" So fängt aber das Alte Testament an!
ich habe gerade mal nachgesehen! Das stimmt schon, es ist das Neue Testament.
"Am Anfang war das Wort,..." steht im Johannesevangelium (Johannes 1,1).
Das Alte Testament beginnt mit "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde." (1. Mose 1,1)
Ach, ich Trottel... Klar werden erst mal Himmel und Erde geschaffen!!!
Da war ich wohl zu abgelenkt vom Anfang und zum Nachschauen war ich ehrlicht gesagt zu bequem  :redface: Ich habe nur mal nachgeschaut, wie das Matthäus-Evangelium beginnt, denn dort beginnt für mich das NT.

Auerbachs Keller:
Den Abschnitt fand ich etwas langweilig, weil Faust eigentlich gar nicht auftritt.
Die sehr angetrunkenen Männer haben mich ein wenig gewundert. Ich versuche doch niemanden anzugreifen, der Wein herzaubern kann und diesen noch in Feuer verwandeln kann. Naja, vielleicht haben die Männer sich mittlerweile den Verstand weggetrunken und dafür umso mehr Mut angetrunken...
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foenig

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Re: Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #44 am: 12. März 2010, 08:22:12 »

Hexenküche:
Diese Szene hat mir im Gegensatz zur vorigen wieder richtig gut gefallen. Ich fand es einfach sehr interessant mal in eine Hexenküche zu schauen. :breitgrins:
Wenn ich gleich arbeite, werde ich daran denken, dass der körperliche Einsatz meinen jugendlichen Aussehen zu Gute kommt. :zwinker: Obwohl ich zugeben muss, dass mir der einfache Weg mit einem Hexentrank genau wie Faust lieber wäre. Jedenfalls wenn ich dafür nicht einen Pakt mit Mephisto eingehen muss.

In einer Interpretation habe ich gelesen, dass die Menschen sich in Auerbachs Keller sich wie die Tiere aufführen und im Gegensatz dazu sich die Tiere in der Hexenküche wie Menschen benehmen. Dieser Vergleich gefällt mir! Leider stimmt es ja auch, dass die Menschen sich nur allzu oft wie die Tiere benehmen. :rollen:

Interessant fand ich auch die Anmerkung, dass die Ereignisse der Franzözischen Revolution satirisch kommentiert werden, wobei Mephisto der König ist, dessen Krone zerbricht. Ich habe mich beim Lesen schon gefragt, was die Tiere und Mephisto da eigentlich machen, aber auf die Franzözische Revolution wäre ich alleine auf Garantie nie gekommen...
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