Hallo zusammen!
nach einer turbulenten Woche bin ich erst heute dazugekommen,
Nacht und
Vor dem Tor zu lesen.
Die Sekundärliteratur lasse ich auch erstmal beiseite und schreibe nur meine laienhaften Gedanken auf.
NachtIch kann Fausts Verzweiflung, die er in dem Monolog gleich am Anfang ausdrückt, gut nachvollziehen. Je mehr er studiert und forscht, desto mehr neue Fragen tun sich auf und schließlich zweifelt er daran, daß man überhaupt etwas wissen kann. Hier wird die Frage nach der Möglichkeit einer absoluten Erkenntnis gestellt (oder wie auch immer die genaue philosophische Bezeichnung dafür ist). Er will
"erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält" - das kann ich als Naturwissenschaftlerin gut verstehen!
Auch heute kommt es in der Wissenschaft ja vor, daß man irgendwann nicht mehr weiterkommt und offene Fragen einfach nicht mehr beantworten kann. Umso mehr unter den Bedingungen, unter denen Faust forscht. An so einem Punkt gerät Faust in Versuchung, Magie zur Erklärung heranzuziehen (so, wie auch heute noch manche Leute, wenn sie etwas nicht erklären können, an Außerirdische, Astrologie, Homöopathie und dergleichen glauben). Nicht jeder kann an diesem Punkt ehrlich zugeben, "das weiß ich nicht, ich kann es nicht erklären". Und genau das unterscheidet Faust von Wagner: Wagner sagt
"zwar weiß ich viel, doch möcht ich alles wissen", Faust:
"ich sehe, daß wir nichts wissen können". Wagner muß noch viel lernen und verstehen. Außerdem geht es ihm nicht vorrangig um die Erkenntnis, sondern mehr um die Reputation.
Nicht ganz klar ist mir, warum Faust gleich ziemlich am Anfang sagt
"Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel", aber der ganze Monolog eigentlich nur von Zweifeln handelt. Ist mit
"Skrupel und Zweifel" vielleicht eher die Angst vor Denk-Tabus (die Faust nicht hat) gemeint ?
Fausts Zweifel lassen ihn zwischen den Extremen schwanken. Er fühlt sich einerseits als Ebenbild Gottes, aber nachdem Wagner wieder gegangen ist, stürzt er noch tiefer in den Zweifel (
"den Göttern gleich ich nicht!")
Fazit ist: die Bücher allein bringen Faust nicht weiter. Er muß handeln und tätig werden, um weiterzukommen. Das sagt ihm ja auch der Erdgeist, den er beschworen hat.
Ein Diskussionspartner ist manchmal eben sehr nützlich!

Die Nacht, besonders kurz vor Sonnenaufgang, ist ja die Zeit, in der Depressionen am stärksten sind. Faust ist ganz offensichtlich depressiv und um da herauszukommen, würde er sogar die Schwelle des Todes überschreiten - ziemlich risikofreudig, denn von da gibt es keinen Weg zurück und wer weiß, ob ihm die dadurch gewonnene Erkenntnis etwas nützt? Zum Glück halten die Osterglocken ihn davon ab, die Schale mit dem Gift auszutrinken, denn das wäre der falsche Weg.
Schon allein das "leider!" in "leider! auch Theologie" lädt zum Schreiben eines laaaangen Aufsatzes ein. Ich bin gerade am Überlegen, wie das "leider" zu einem gottesfürchtigen, frommen Menschen passt, als der Faust mir im Prolog laut Gott rüberkommt.
Vielleicht als Bedauern darüber, wie sehr die institutionalisierte Religion, die in der Theologie gelehrt wird, den Menschen von Gott entfremdet?
Das wäre eine Möglichkeit.
Ich deute es eher so, daß durch das Studium der Theologie Fragen und Zweifel bei ihm aufgekommen sind und er die Gefahr sieht, seinen Glauben an Gott zu verlieren, wenn er diese zuende denkt.
Vor dem TorDen Osterspaziergang (
"Vom Eise befreit..") mußten wir damals übrigens auswendig lernen. Ich kann ihn noch fast aus dem Kopf aufsagen.
Faust zeigt sich hier von einer sympathischen und lebensfrohen Seite, wieder fällt der Unterschied zu Wagner auf, der sich über die Freude der einfachen Menschen nur abfällig äußert. Auch, als es um die Heilung der Kranken geht: Faust hat zwar sein Bestes getan, aber macht sich trotzdem Vorwürfe, weil er nicht alle heilen konnte. Wagner dagegen meint, es würde schon reichen, wenn man
gewissenhaft und pünktlich seine Kunst ausübt... damit wird klar, daß für Wagner Ehre und Ansehen wichtiger sind als die Sache an sich. Ziemlich arroganter und unsympathischer Kerl.
Diesen Gegensatz hatte ich vom früheren Lesen gar nicht so in Erinnerung.
Der Krug mit dem Bier (oder was für einem Getränk auch immer), den der alte Bauer Faust reicht, ist ein schönes Gegenstück zu dem Gifttrank vorher. Und diesen Lebenstrank trinkt Faust dann auch aus!
... ich nehme an, dass mit "englisch" nicht die Sprache der Engländer gemeint ist, sondern es von "Engel" abgeleitet ist.
Genau so ist es.