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Autor Thema: Johann Wolfgang Goethe - Faust I  (Gelesen 4969 mal)

foenig

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #15 am: 03. März 2010, 12:50:33 »

Ich habe mittlerweile die Nacht-Szene gelesen und freue mich, dass die Geschichte nun richtig anfängt, auch wenn ich so lange Monologe nicht besonders mag.

Ich kann Fausts Verhalten nicht ganz nachvollziehen. Zum einen erkennt er, dass er in den ganzen Wissenschaften, die er studiert hat, keine "Universalerkenntnis" finden kann, die er aber sucht. Selbst die Magie ist ihm dabei keine große Hilfe. Er fühlt sich eingesperrt in seinem Studierzimmer. Aber warum sieht er nur im Tod zunächst die Befreiung aus seinem selbst gemachten Gefängnis? Er könnte doch auch hinaus und die Welt erforschen. Warum ist das für ihn scheinbar keine Lösung?

Überrascht war ich, dass Faust einfach so einen Todestrunk in seinem Zimmer stehen hat. Ob er schon früher den Freitod in Erwägung gezogen hat? Oder ist es einfach nur "schick" als Gelehrter seltsame Dinge zu besitzen?
In einer Interpretation habe ich gelesen, dass es sich bei diesem Todestrunk eventuell um hochkonzentrierter Opiumsaft handeln könnte. Ob sich Faust davon vielleicht verdünnt als Droge abundzu was gönnte und deswegen sich diese Phiole in seinem Besitz befindet?

Viele Grüße
foenig
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gretchen

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #16 am: 03. März 2010, 18:25:03 »

Hallo Ihr,

nach längerer Abstinenz stolpere ich hier über die Faust-Leserunde und bin begeistert.
Mit Faust kam ich erstmals während meiner Abendschule vor ungefähr zehn Jahren in Kontakt und fand in sofort phänomenal.

Wenn ich darf und wenn es meine Zeit erlaubt, würde ich hier gerne zumindest mitlesen.

Liebe Grüße

gretchen   :smile:
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Jari

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #17 am: 03. März 2010, 20:10:52 »

Ich möchte mich Gretchen anschliessen und werde bestimmt länger mitlesen. Habe nun grosse Lust, den Faust wieder aus dem Regal zu holen. Bin sehr auf eure Gedanken gespannt :winken:

PS: Mephisto ist mein literarischer Liebingscharakter :smile:
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//Grösser ist doof//

Annabas

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #18 am: 03. März 2010, 22:37:37 »

Aber warum sieht er nur im Tod zunächst die Befreiung aus seinem selbst gemachten Gefängnis?

Ich kann das schon nachvollziehen. In seinen Augen ist er mit allem, was er wollte, gescheitert.

@gretchen und Jari: je mehr desto besser, meine ich doch.  :smile:

Grüße von Annabas  :winken:
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Doris

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #19 am: 04. März 2010, 21:40:46 »

Ich bin immer noch dabei, auch wenn ich mich nicht melde, was daran liegt, dass ich meine spärlichen Ideen nicht in Worte fassen kann. Inzwischen bin ich dazu übergegangen, halblaut zu lesen, wodurch die Worte ganz anders wirken - viel eindringlicher und schöner. Eure Kommentare bringen für mich mehr Licht ins Faustsche Dunkel als der Anhang meines Buches, der in seiner Fülle eher verwirrend ist. Einige Abschnitte verstehe ich ganz anders, nachdem ich sie mit euren Eindrücken im Hinterkopf noch einmal gelesen habe.  :smile:

Überrascht war ich, dass Faust einfach so einen Todestrunk in seinem Zimmer stehen hat. Ob er schon früher den Freitod in Erwägung gezogen hat? Oder ist es einfach nur "schick" als Gelehrter seltsame Dinge zu besitzen?
In einer Interpretation habe ich gelesen, dass es sich bei diesem Todestrunk eventuell um hochkonzentrierter Opiumsaft handeln könnte. Ob sich Faust davon vielleicht verdünnt als Droge abundzu was gönnte und deswegen sich diese Phiole in seinem Besitz befindet?

Da Faust unter anderem Medizin studiert und Pestkranke behandelt hat, könnte die Phiole ein Überbleibsel seiner Medikamente sein. Auch seine Todessehnsucht kann mit der Pest zusammenhängen. So viel Elend zu sehen und wenig dagegen unternehmen zu können, mag für einen empfindsamen Menschen schon schwer zu ertragen sein.
« Letzte Änderung: 04. März 2010, 21:53:30 von Doris »
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Saltanah

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #20 am: 05. März 2010, 08:07:18 »

Nacht:
Ach - schöne Sprache, sehr schöne Sprache. Die leider zu Folge hat, dass ich noch weniger vom Inhalt mitbekomme und alles doppelt und dreifach lesen muss. Ansonsten berausche ich mich am Ton und Rhythmus der Worte.

So hatte ich z. B. nicht sofort mitbekommen, dass Faust Selbstmord begehen wollte. Über seinen Besitz von Gift wundere ich mich nicht. Er hat doch sicher im Versuch, die Welt zu verstehen, auch Naturphilosophie (falls es die im Mittelalter gab) oder Alchemie studiert und sich für sein "Chemielabor" eine Anzahl chemischer Substanzen besorgt.
(Ich frage mich übrigens, wie viele Generationen genervter Schüler sich gewünscht haben, er hätte das Gift genommen :zwinker: . Ich hätte sicher zu ihnen gehört, aber zum Glück blieb mir der Faust in der Schule ja erspart.)

sichtbar z.B. an den 37 (!) unterschiedlichen Metren

Der Wechsel des Metrum ist mir richtig deutlich aufgefallen, als Faust Nostradamus' Buch zwecks Geisterbeschwörung aufschlägt. Mit Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick ändert sich das Versmaß, wird viel beschwingter, hoffnungsvoller, und macht so seinen geänderten Geisteszustand deutlich.

Ich bin eigentlich froh darüber, keine Sekundärliteratur zu Faust zu besitzen. Ich glaube, in den Interpretationen kann man bis zum Lebensende versinken. Hier gibt aber auch fast jeder Satz was her. Schon allein das "leider!" in "leider! auch Theologie" lädt zum Schreiben eines laaaangen Aufsatzes ein. Ich bin gerade am Überlegen, wie das "leider" zu einem gottesfürchtigen, frommen Menschen passt, als der Faust mir im Prolog laut Gott rüberkommt.
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Aldawen

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #21 am: 05. März 2010, 08:55:21 »

Schon allein das "leider!" in "leider! auch Theologie" lädt zum Schreiben eines laaaangen Aufsatzes ein. Ich bin gerade am Überlegen, wie das "leider" zu einem gottesfürchtigen, frommen Menschen passt, als der Faust mir im Prolog laut Gott rüberkommt.

Vielleicht als Bedauern darüber, wie sehr die institutionalisierte Religion, die in der Theologie gelehrt wird, den Menschen von Gott entfremdet?
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Kinywa ni jumba la maneno.
Der Mund ist der Palast der Worte. – Sprichwort aus Ostafrika

Annabas

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #22 am: 05. März 2010, 09:52:54 »

Guten Morgen,

(Ich frage mich übrigens, wie viele Generationen genervter Schüler sich gewünscht haben, er hätte das Gift genommen :zwinker: . Ich hätte sicher zu ihnen gehört, aber zum Glück blieb mir der Faust in der Schule ja erspart.)
:lachen:  Wobei ich den Faust in der Schule sehr gern gelesen habe. Hat wesentlich mehr Action als manch andere Schullektüre.  :zwinker:

Ich habe inzwischen auch den Osterspaziergang bzw. die Szene "Vor dem Tor" gelesen - ein Abschnitt, der hervorragend in die momentane Jahreszeit passt.
Als erstes fiel mir wieder auf, wie wenig sich die Menschen geändert haben. Auch bei Goethe beklagen sich die Bürgersleute über Abgaben, die jungen Männer laufen den Mädchen nach bzw. die jungen Mädchen spekulieren über Jungs, die Alten regen sich über das Herausputzen der jungen Frauen auf u.s.w. Herrlich!
Faust spielt hier auch eine sehr sympathische und menschliche Rolle, sein Ansehen ist auch nicht nur in Universitätskreisen hoch, sondern auch (oder noch mehr) beim "gemeinen Volk".
Wagners Dünkelhaftigkeit kommt hier noch krasser zum Ausdruck - er schaut auf alles Menschliche herab, im Gegensatz zu Faust, der sich in der Natur und unter den Menschen sehr wohl fühlt.

In den beiden folgenden Studierzimmer-Szenen kommt es zur Wette zwischen Faust und Mephisto - wobei ich zuerst gar nicht durchschaut habe, worin sie jetzt genau besteht. Was Mephisto will, ist klar. Aber Faust? Ich habe es dann so verstanden: sobald Faust in seinem Streben nach Wissen nachlässt und/oder eitel wird ("... mich je auf ein Faulbett legen ... dass ich mir selbst gefallen mag ...") hat er verloren. Bis dahin ist Mephisto sein Diener.
Die Schüler-Szene habe ich noch aus dem Gründgens-Film gut in Erinnerung, ich habe sie jetzt beim Lesen auch wieder sehr witzig gefunden. Wie Mephisto die Fakultäten beleuchtet, ist Realsatire und seine "Empfehlung" des Medizinstudiums recht teuflisch.  :zwinker:

Auerbachs Keller werde ich dann erst am Wochenende besuchen können.

Grüße von Annabas  :winken:
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midnight

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #23 am: 05. März 2010, 12:32:34 »

Ich glaube, ich werde in dieser Leserunde der stumme Mitleser sein. Eure Ideen und Interprationen helfen mir wirklich sehr weiter. Mir wäre einiges ohne euch entgangen, deswegen blätter ich die ganze Zeit hin und her und lese alles laut. :rollen:

Gruß,
der stille midnight

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Meli

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #24 am: 05. März 2010, 17:37:03 »

Phu, ich habe mittlerweile "Nacht" und "Vor dem Tor" gelesen und ohne eure Kommentare hier hätte ich ziemlich sicher viel weniger von dem Ganze verstanden.
Die Sprache find ich wunderschön und wie die meisten von euch lese ich über viele Strecken den Text laut für mich vor. Trotzdem verliere ich mich immer wieder im schönen Klang und vergesse dabei mich auf den Sinn der Worte zu achten.

Wagners Dünkelhaftigkeit kommt hier noch krasser zum Ausdruck - er schaut auf alles Menschliche herab, im Gegensatz zu Faust, der sich in der Natur und unter den Menschen sehr wohl fühlt.

Das habe ich irgendwie verpasst. Muss ich gleich nochmals nachlesen.

Hat jemand von euch eine Idee was er mit diesen Zeilen meint:
"Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,
Und lispeln englisch, wenn sie lügen." Zeile 1140
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:leser:
Abdelwahab Meddeb - Die Krankheit des Islam
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Saltanah

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #25 am: 05. März 2010, 17:47:01 »

Hat jemand von euch eine Idee was er mit diesen Zeilen meint:
"Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,
Und lispeln englisch, wenn sie lügen." Zeile 1140

So weit bin ich zwar noch nicht, aber ich nehme an, dass mit "englisch" nicht die Sprache der Engländer gemeint ist, sondern es von "Engel" abgeleitet ist.
(Ich habe in einem Film mal die "englischen Heerscharen" gesehen. "Präsentiiiiert die Flügel!" :breitgrins: )
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kaluma

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #26 am: 05. März 2010, 20:00:30 »

Hallo zusammen!

nach einer turbulenten Woche bin ich erst heute dazugekommen, Nacht und Vor dem Tor zu lesen.
Die Sekundärliteratur lasse ich auch erstmal beiseite und schreibe nur meine laienhaften Gedanken auf.

Nacht

Ich kann Fausts Verzweiflung, die er in dem Monolog gleich am Anfang ausdrückt, gut nachvollziehen. Je mehr er studiert und forscht, desto mehr neue Fragen tun sich auf und schließlich zweifelt er daran, daß man überhaupt etwas wissen kann. Hier wird die Frage nach der Möglichkeit einer absoluten Erkenntnis gestellt (oder wie auch immer die genaue philosophische Bezeichnung dafür ist). Er will "erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält" - das kann ich als Naturwissenschaftlerin gut verstehen!
 
Auch heute kommt es in der Wissenschaft ja vor, daß man irgendwann nicht mehr weiterkommt und offene Fragen einfach nicht mehr beantworten kann. Umso mehr unter den Bedingungen, unter denen Faust forscht. An so einem Punkt gerät Faust in Versuchung, Magie zur Erklärung heranzuziehen (so, wie auch heute noch manche Leute, wenn sie etwas nicht erklären können, an Außerirdische, Astrologie, Homöopathie und dergleichen glauben). Nicht jeder kann an diesem Punkt ehrlich zugeben, "das weiß ich nicht, ich kann es nicht erklären". Und genau das unterscheidet Faust von Wagner: Wagner sagt "zwar weiß ich viel, doch möcht ich alles wissen", Faust: "ich sehe, daß wir nichts wissen können". Wagner muß noch viel lernen und verstehen. Außerdem geht es ihm nicht vorrangig um die Erkenntnis, sondern mehr um die Reputation.

Nicht ganz klar ist mir, warum Faust gleich ziemlich am Anfang sagt "Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel", aber der ganze Monolog eigentlich nur von Zweifeln handelt. Ist mit "Skrupel und Zweifel" vielleicht eher die Angst vor Denk-Tabus (die Faust nicht hat) gemeint ?

Fausts Zweifel lassen ihn zwischen den Extremen schwanken. Er fühlt sich einerseits als Ebenbild Gottes, aber nachdem Wagner wieder gegangen ist, stürzt er noch tiefer in den Zweifel ("den Göttern gleich ich nicht!")
Fazit ist: die Bücher allein bringen Faust nicht weiter. Er muß handeln und tätig werden, um weiterzukommen. Das sagt ihm ja auch der Erdgeist, den er beschworen hat.
Ein Diskussionspartner ist manchmal eben sehr nützlich!  :zwinker:

Die Nacht, besonders kurz vor Sonnenaufgang, ist ja die Zeit, in der Depressionen am stärksten sind. Faust ist ganz offensichtlich depressiv und um da herauszukommen, würde er sogar die Schwelle des Todes überschreiten - ziemlich risikofreudig, denn von da gibt es keinen Weg zurück und wer weiß, ob ihm die dadurch gewonnene Erkenntnis etwas nützt? Zum Glück halten die Osterglocken ihn davon ab, die Schale mit dem Gift auszutrinken, denn das wäre der falsche Weg.

Schon allein das "leider!" in "leider! auch Theologie" lädt zum Schreiben eines laaaangen Aufsatzes ein. Ich bin gerade am Überlegen, wie das "leider" zu einem gottesfürchtigen, frommen Menschen passt, als der Faust mir im Prolog laut Gott rüberkommt.

Vielleicht als Bedauern darüber, wie sehr die institutionalisierte Religion, die in der Theologie gelehrt wird, den Menschen von Gott entfremdet?
Das wäre eine Möglichkeit.
Ich deute es eher so, daß durch das Studium der Theologie Fragen und Zweifel bei ihm aufgekommen sind und er die Gefahr sieht, seinen Glauben an Gott zu verlieren, wenn er diese zuende denkt.

Vor dem Tor

Den Osterspaziergang ("Vom Eise befreit..") mußten wir damals übrigens auswendig lernen. Ich kann ihn noch fast aus dem Kopf aufsagen.

Faust zeigt sich hier von einer sympathischen und lebensfrohen Seite, wieder fällt der Unterschied zu Wagner auf, der sich über die Freude der einfachen Menschen nur abfällig äußert. Auch, als es um die Heilung der Kranken geht: Faust hat zwar sein Bestes getan, aber macht sich trotzdem Vorwürfe, weil er nicht alle heilen konnte. Wagner dagegen meint, es würde schon reichen, wenn man gewissenhaft und pünktlich seine Kunst ausübt... damit wird klar, daß für Wagner Ehre und Ansehen wichtiger sind als die Sache an sich. Ziemlich arroganter und unsympathischer Kerl.
Diesen Gegensatz hatte ich vom früheren Lesen gar nicht so in Erinnerung.

Der Krug mit dem Bier (oder was für einem Getränk auch immer), den der alte Bauer Faust reicht, ist ein schönes Gegenstück zu dem Gifttrank vorher. Und diesen Lebenstrank trinkt Faust dann auch aus!

... ich nehme an, dass mit "englisch" nicht die Sprache der Engländer gemeint ist, sondern es von "Engel" abgeleitet ist.
Genau so ist es.

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Ich lese gerade: Alan Garner "Feuerfrost"/Wulf Dorn "Mein böses Herz"/Bettina Belitz "Luzie&Leander 2 - Verdammt feurig"

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Annabas

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #27 am: 05. März 2010, 21:22:40 »

Wagners Dünkelhaftigkeit kommt hier noch krasser zum Ausdruck - er schaut auf alles Menschliche herab, im Gegensatz zu Faust, der sich in der Natur und unter den Menschen sehr wohl fühlt.

Das habe ich irgendwie verpasst. Muss ich gleich nochmals nachlesen.

Ich meinte die Stelle (um Zeile 945 herum) - Wagner trägt die Nase schon recht hoch:
"... Weil ich ein Feind von allem Rohen bin.
Das Fiedeln, Schreien, Kegelschieben
Ist mir ein gar verhaßter Klang;
Sie toben wie vom bösen Geist getrieben
Und nennen's Freude, nennen's Gesang."


Hat jemand von euch eine Idee was er mit diesen Zeilen meint:
"Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,
Und lispeln englisch, wenn sie lügen." Zeile 1140

So weit bin ich zwar noch nicht, aber ich nehme an, dass mit "englisch" nicht die Sprache der Engländer gemeint ist, sondern es von "Engel" abgeleitet ist.

Mein Kommentator (Herr Trunz) sagt dazu:
"lispeln englisch = flüstern freundlich wie die Engel, und dabei lügen sie."

Schon allein das "leider!" in "leider! auch Theologie" lädt zum Schreiben eines laaaangen Aufsatzes ein. Ich bin gerade am Überlegen, wie das "leider" zu einem gottesfürchtigen, frommen Menschen passt, als der Faust mir im Prolog laut Gott rüberkommt.

Vielleicht als Bedauern darüber, wie sehr die institutionalisierte Religion, die in der Theologie gelehrt wird, den Menschen von Gott entfremdet?
Das wäre eine Möglichkeit.
Ich deute es eher so, daß durch das Studium der Theologie Fragen und Zweifel bei ihm aufgekommen sind und er die Gefahr sieht, seinen Glauben an Gott zu verlieren, wenn er diese zuende denkt.

Ich habe mir beim Lesen dieser Stelle überhaupt keine Gedanken dazu gemacht, dafür jetzt nach euren Überlegungen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass das "leider" aus der Erkenntnis kommt, dass die Theologie Faust eben gar nicht in seinem Streben weiter gebracht hat, er es also als Zeitverschwendung abtut.

Ich glaube, ich werde in dieser Leserunde der stumme Mitleser sein.

Ach nö, schreib doch mit. Je mehr desto besser.  :winken:

Grüße von Annabas
« Letzte Änderung: 05. März 2010, 21:47:32 von Annabas »
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kaluma

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #28 am: 05. März 2010, 21:44:52 »

@annabas
Ich habe mir beim Lesen dieser Stelle überhaupt keine Gedanken dazu gemacht, dafür jetzt nach euren Überlegungen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass das "leider" aus der Erkenntnis kommt, dass die Theologie Faust eben gar nicht in seinem Streben weiter gebracht hat, er es also als Zeitverschwendung abtut.
Auf den Gedanken bin ich gar nicht gekommen. Aber das klingt sehr einleuchtend, wenn ich es recht bedenke.

Ich glaube, ich werde in dieser Leserunde der stumme Mitleser sein.

Ach nö, schreib doch mit. Je mehr desto besser.  :winken:

Ich schließe mich an - je mehr mitmachen, desto besser!  :smile:
Aber zwingen können wir natürlich niemanden.
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Saltanah

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Antw:Johann Wolfgang Goethe - Faust I
« Antwort #29 am: 05. März 2010, 21:59:26 »

Vor dem Tor
Herrlich! Ich finde, Goethe ist es ganz hervorragend gelungen, die Stimmung der Menschen, die sich am schönen Wetter in der freien Natur ergötzen, einzufangen. Die Menschen wuseln durcheinander, quatschen jeder über das, was ihm oder ihr am nächsten am Herz liegt (ja, Annabas, nichts Neues unter der Sonne :breitgrins: . Die Menschen bleiben sich immer gleich), und machen das Lesen leicht. Faust allerdings monologisiert in alter Form weiter. Zu meiner Überraschung erweist er sich aber als beim Volk wohlbekannt und beliebt. Ich hatte eigentlich angenommen, er hätte die letzten Jahr(zehnt)e in seinem Elfenbeinturm verbracht.

Wagner erschien mir beim ersten Lesen gar nicht so unsympathisch wie ihr ihn beschriebt, aber ein erneutes Angucken seiner Zeilen zeigt schon ganz schön deutlich einen Schleimer, der sich im Glanze seines angesehenen Begleiters sonnt. Ihm geht es tatsächlich vorrangig um Ansehen und Geld, während Faust sein Wissen (auch?) zum Nutzen anderer erweitern will. Aber ich denke, man muss bei einem Vergleich der beiden auch in Betracht ziehen, dass Wagner nur der Famulus, der Lehrling von Faust ist. Er hat eben noch viel zu lernen, unter anderem eben auch, wozu man lernt. Er glaubt auch noch - wie Faust früher auch, sonst wäre er ja jetzt nicht so desillusioniert -, dass man "alles" lernen kann. Er ist eben noch ein Anfänger.

Ich brauchte den "Osterspaziergang" zwar nie auswendig lernen, musste aber doch feststellen, dass sich hier (mir) bekannte Zitate häufen. Dabei hatte ich allerdings meist keine Ahnung, woher sie stammen. Dass die "2 Seelen" z. B. in Fausts Brust hausten, war mir nicht klar. :redface: Oder auch "Hier bin ich Mensch". - Nun ja, jetzt bin ich klüger.

Überrascht hat mich, dass der Pudel (immerhin weiß ich von dem, woher er kommt), schon jetzt auftaucht. Ich dachte, der käme erst im Studierzimmer auf die Szene. Was bringt Faust eigentlich dazu, hinter ihm etwas Unheimliches zu vermuten? Wagner sieht einen bloßen Hund, Faust anfangs mehr (Feuerstrudel). Liegt das daran, dass er in die Geheimnisse dieser und der höheren Welt weiter eingedrungen ist als Wagner, oder ist das vielleicht dem Teufel schon jetzt so weit verfallen, dass er ihn wahrnehmen kann? Sieht er das Böse, weil er besonders gläubig ist, Gott sehr nahe steht, oder weil er sich im Gegenteil weit von Gott entfernt und der anderen Seite angenähert hat? Oder liegt es ganz banal nur daran, dass Mephistopheles ihn mehr sehen lässt als seinen Begleiter?

Ich könnte mir auch vorstellen, dass das "leider" aus der Erkenntnis kommt, dass die Theologie Faust eben gar nicht in seinem Streben weiter gebracht hat, er es also als Zeitverschwendung abtut.

Das ist meine Lieblingserklärung, aber die anderen haben auch was für sich. Überhaupt frage ich mich nun, wie weit es mit Fausts Gläubigkeit eigentlich her ist. Immerhin sagt er in seiner ersten Replik Sie feiern die Auferstehung des Herrn. "Sie" wohlgemerkt, nicht "wir". Er feiert nicht mit. Mit seinem Glauben steht es nicht zu besten, will mir scheinen.

@Midnight:
Kneifen gilt nicht!
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