So, mein Buch ist zwischen den Bücherstapeln wieder aufgetaucht -> ich kann weiterlesen!
Das
2. Kap. ist wirklich wundervoll. Wie Ronja die große, weite Welt entdeckt, ist mit soviel Herz und Gefühl geschildert, dass ich es kaum fassen kann. Aber was Lindgren eben zu einer ganz besonderen Schriftstellerin macht, ist das, was hinter dem Text auch steht. Sie beschreibt eigentlich nicht nur Ronjas ersten Ausflug, sondern die normale Kindheitsentwicklung. Erst beschränkt sich die kindliche Welt auf den ganz engen Familienrahmen, um sich dann auszuweiten.
"Inte ens det höga Mattisberget var hela världen, nej världen var större än så."Das Kind löst sich von den Eltern und fängt an, die Welt selbst zu erkunden, und entdeckt dort, was die Worte, die es von den Eltern gelernt hat, wirklich bedeuten.
"Skogen hade de talat om. Men inte förrän hon nu såg den så mörk och underlig, förstod hon vad skogar var"Dieses Zitat könnte man eigentlich als Argument gegen das Bücherwissen nehmen. Nur selbst erfahrene Wirklichkeit ist richtig wirklich.
Das alles merkt ein Kind beim Lesen natürlich nicht, aber das ist auch nicht wichtig; das Buch funktioniert ja hervorragend auch auf der reinen Handlungsebene, aber dahinter gibt es - wenn man will und kann - mehr zu entdecken, und ich bin überzeugt davon, dass Kinder das irgendwie auch wahrnehmen, wenn auch nicht bewusst.
Meine Lieblingsstelle im Buch ist ja seit jeher das
"akta och öva sig". Lovis und Mattis wussten nicht immer, wie sehr sie sich übte und achtete

. Welch ein Glück für deren Seelenfrieden! Und diese kindliche Logik: Ich kann doch wohl nicht aufpassen, nicht ins Wasser zu fallen, wenn ich mitten im Wald bin. Das kann ich nur am Wasser tun. Zum Kringeln.

Auch hier der Hintergrund: Kinder müssen sich der Gefahr aussetzen, sonst können sie nicht lernen, mit ihr umzugehen, sie zu bewältigen. Das Überbeschützen der Kinder, das Einwickeln in Watte, die ständige Kontrolle, die manche Eltern ausüben, ist - auch wenn es die Erwachsenen nur zum Wohle des Kindes tun - eben nicht das Beste für ein Kind. Das sieht selbst Mattis ein und lässt seine Tochter alleine in den Wald. Aber, wie es bei wirklich guten Eltern der fall ist, ist er zur Stelle, wenn seine über alles geliebte Tochter Hilfe braucht.
Aber da ist eben auch die Einsamkeit. Madicken hat die Sätze ja schon zitiert, und ja, in dem
"Vem skulle hon sakna?" steckt eine unbewusste Traurigkeit, die erst aufgelöst wird, als Ronja Birk zum ersten Mal sieht. Ich zitiere den Satz noch einmal, weil er so schön ist:
"Och hon skrattade tyst för att han fanns."Ich habe mich köstlich über mich selbst amüsiert als ich beim Wort grådvärgar nicht genau wusste, wonach ich suchen sollte. Ich hab schließlich gute 10 Minuten damit verbracht nach den Wörtern gråd und värgar zu suchen, in allen Variationen. 

Hach, an solche Situationen erinnere ich mich nur zu gut. Da muss man durch - und fleißig Wörterbücher wälzen.
Vildvittrorna sind ja nun zum Beispiel keine Wesen, die mir tagtäglich unterkommen, in welcher Sprache auch immer. 
Die werden dir auch nur hier unterkommen. Das sind keine Wesen aus dem schwedischen Volksglauben, sondern Astrid Lindgren hat sie sich selbst ausgedacht. Wie heißen sie eigentlich in der deutschen Übersetzung?
Ich bin jetzt schon fast am Ende von Kapitel 2 angekommen und das ich verstehe das Schwedisch auch immer besser.
Super!

Aber die Sprachen sind ja wirklich ganz schön ähnlich, wobei es natürlich auch einige Fallen gibt. Ich bin überzeugt, dass die skandinavischen Sprachen bei einer anderen geschichtlichen Entwicklung - wenn es ein großes Nordisches Reich gäbe - den Status von Dialekten, nicht von eigenen Sprachen hätten. Aber so ist es schon ein tolles Gefühl, wenn man ein Buch auf einer Sprache liest, die man eigentlich nicht kann.