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Autor Thema: Ranya Paasonen - Der Stand der Sonne  (Gelesen 395 mal)

Breña

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Ranya Paasonen - Der Stand der Sonne
« am: 14. Februar 2010, 20:23:12 »



Die Autorin
Ranya Paarsonen wurde 1974 in Madras/Indien als Tochter einer finnischen Mutter und eines ägyptischen Vaters geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in Indien, Tschad, Saudi-Arabien, Libyen, Ägypten und Finnland, wo sie seit 1987 lebt. Studium an der Universität Helsinki: Semitische Sprachen, Islamwissenschaft, Philosophie, Slawistik und Politische Geschichte.

Klappentext
Eine junge Frau aus dem hohen Norden Europas und ein Ägypter verlieben sich im Zug auf einer Reise von Luxor nach Assuan. Fast dreißig Jahre später erzählt ihre Tochter die Liebesgeschichte der Eltern - und von den Folgen für das Leben einer Familie zwischen den Kulturen.

Meine Meinung
Den Klappentext habe ich (in Teilen) übernommen, weil es so schwierig ist einen roten Faden in die Handlung zu bekommen. Und immerhin ist er nicht ganz verkehrt, aber wie so oft auch nicht richtig. Die Handlung besteht im Wesentlichen aus der Begegnung der Eltern und Episoden aus der Kindheit der Protagonistin und aktuellen Ereignissen. Dabei vermischt Paasonen die verschiedenen Zeitebenen und Orte ungehemmt mit Gedankenfetzen, manchmal wechselt der Schauplatz mehrfach innerhalb eines Abschnitts - oder auch innerhalb eines Satzes. Der Vergleich mit einem Mosaik drängt sich auf: Erinnerungen, Reflexionen und Ängste stellt Paasonen scheinbar ungeordnet nebeneinander und doch fügen sich diese Scherben zu einem Bild zusammen.

Hinzu kommt, dass Paasonens Stil sehr lyrisch ist. Manchmal hatte ich das Gefühl eher ein sehr langes Gedicht als einen Roman zu lesen, was durch die kurzen Kapitel noch unterstrichen wird. Und obwohl sie auf Finnisch geschrieben hat, ist die Sprache sehr arabisch gefärbt, manche Sätze mäandern förmlich über die Seiten, von einer Beobachtung zur nächsten. Dabei ist es egal, ob sie die chaotische Hitze Ägyptens oder die kühle Ordnung Finnlands beschreibt.

Da blühten alle Blumen endlich auf, sie passten nicht in mich hinein, und so kamen sie als Tränen aus meinen Augen heraus. (S. 114)

Sehr auffällig ist auch ihr Umgang mit Wiederholungen. Die erste Begegnung ihrer Eltern zieht sich durch das gesamte Buch, nur mit Variationen des Blickwinkels oder neuen Details. Auch bestimmte Bilder, die für sich genommen schon sehr ausdrucksstark sind, tauchen immer wieder auf.

Eine Apfelsine kann man auf zwei Arten schälen, aber ich kann sie nicht auf beide Arten schälen, wenigstens nicht dieselbe Apfelsine, keinesfalls, und so saß ich lange am Tisch, draußen geschahen allerlei Dinge, an denen ich nicht teilnahm, und ich konnte auf dieser Welt nicht mit beiden zusammen sein. Ganz und gar nicht. (S. 11)

Wie sehr sie Unrecht damit hatte, weiß ich, denn wenn ich eine Apfelsine schäle, kann ich entweder vier Schnitte machen, worauf die Schale sich leicht löst und ich an Finnland denken kann, oder ich kann die Schale in einer langen Spirale herunterschneiden, mit der ich eine Weile mein Handgelenk kleiden und an Ägypten denken kann, und letztendlich kann ich nicht auf beide Arten schälen, jedenfalls nicht dieselbe Apfelsine, und das ist traurig, denn so kommt man nicht weiter, an dieser Stelle entspringen keine Pfade, denen ich folgen könnte, um nicht so verdrossen zu sein. (S. 32)

Ich will nicht mehr wählen zwischen euch. Wenn ich es eilig habe, schäle ich die Apfelsine so, dass ich vier Schnitte hineinmache, worauf sich die Schale leicht lösen lässt. Und wenn ich Zeit habe, schneide ich die Schlale in einer langen Spirale herunter, die ich mir kurz über das Handgelenk schiebe, wie einen Schmuck. Ich will nicht mehr Wurzeln fassen, meine Insel wandert mit mir, von diesem Tag an. (S. 148)

Dieses Bild vom Schälen einer Apfelsine finde ich besonders gelungen, weil es verdeutlicht, worum es eigentlich geht: die Suche nach der eigenen Identität. Was auch so schon schwer fällt gestaltet sich für die Protagonistin umso schwieriger, ist sie doch hin und her gerissen zwischen den verschiedenen Welten ihrer Eltern. Auf der einen Seite die Mutter, die sie mit Wasser in Verbindung bringt und für einen Engel hält; welche die Kühle des Nordens genauso wie Zurückhaltung und Ordnung verkörpert. Auf der anderen Seite der Vater, das "Feuertier", der am Leben teilnimmt und seinen Idealen folgt und an finnischen Sommerabenden auf und ab geht und darauf wartet, dass die Sonne untergeht, damit er endlich beten kann. Beide werden von der Tochter überhöht, so dass es ihr unmöglich ist den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Und immer, wenn sie sich für einen von beiden entscheidet, hat sie das Gefühl sich vom anderen abzuwenden. Erst als sie sich nicht mehr über Mutter oder Vater zu definieren versucht, sich also nicht mehr für eine der beiden Kulturen entscheiden will sondern akzeptiert, dass sie beide verkörpert, findet sie sich selbst.

[...] und es gibt Zeiten, in denen man sich trauen muss, egoistisch zu sein, und dann sind meine Hände meine Hände, meine Nase ist meine Nase, und leise kommt der Schrei: ich bin niemandes Kind mehr. (S. 70)

Ein Roman, der irgendwie keiner ist und sich dem Leser nicht einfach erschließt. Wenn man sich auf die poetische Sprache und den ungewöhnlichen Stil einlässt, gewährt er sehr persönliche Einblicke in eine Suche nach der eigenen Identität irgendwo zwischen Heimatlosigkeit und kultureller Vielfalt.

4ratten

Viele Grüße
Breña
« Letzte Änderung: 06. März 2010, 12:09:48 von Breña »
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Myriel

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Antw:Ranya Paasonen - Der Stand der Sonne
« Antwort #1 am: 05. März 2010, 22:35:43 »

Vielen Dank für die tolle Rezi, Breña . Das Buch ist gleich auf meinem Wunschzettel gelandet.  :winken:
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Breña

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Antw:Ranya Paasonen - Der Stand der Sonne
« Antwort #2 am: 06. März 2010, 12:11:31 »

Schön, dass sie Dir gefällt, umso mehr weil mir das Schreiben nicht leicht gefallen ist. Hoffentlich bekomme ich irgendwann Deine Einschätzung zu lesen!
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Re: Ranya Paasonen - Der Stand der Sonne
« Antwort #3 am: 05. Februar 2011, 13:52:39 »

Durch den Finnland-Thread bin ich jetzt hier gelandet und habe deine Rezi gelesen. Das Buch hört sich sehr interessant an und auch die Zitate klingen so, als könnte mir das Buch gefallen. Ich setze es mal weit oben auf meine Wunschliste und werde berichten, wenn ich es irgendwann kaufe und lese. Danke für die schöne Rezi, Breña!
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Breña

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Re: Ranya Paasonen - Der Stand der Sonne
« Antwort #4 am: 08. Februar 2011, 12:34:44 »

Danke! :smile:
Ich freue mich schon auf weitere Meinungen zu dem Buch - weit oben auf der Wunschliste klingt vielversprechend. ;)
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