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Autor Thema: Jan Christophersen - Schneetage  (Gelesen 842 mal)

Breña

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Jan Christophersen - Schneetage
« am: 06. Februar 2010, 22:47:51 »



"Warum finden, wenn man auch suchen kann."

Inhalt
Im Winter 1978/79 versinkt Norddeutschland im Schnee. In Vidtoft, einem kleinen Dorf an der deutsch-dänischen Grenze, bricht der Wirt des "Grenzkrugs" plötzlich zusammen. Paul Tamm wird ins Krankenhaus gebracht, zurück bleibt seine besorgte Familie. Besonders sein Ziehsohn Jannis leidet unter der Ungewissheit, so dass er sich in Erinnerungen flüchtet: wie er selbst nach dem Zweiten Weltkrieg als kleiner Junge in die Familie kam, wie die Gastwirtschaft gemeinsam wiederaufgebaut wurde und wie er mit Paul im Watt nach Spuren der versunkenen Stadt Rungholt suchte.

Meine Meinung
Abwechselnd werden die beiden Erzählstränge verfolgt, wobei Jannis' Erinnerungen den größeren Raum einnehmen. Die Rückblenden setzen mit Pauls Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft ein und beleuchten in erster Linie das Verhältnis der beiden zueinander, aber auch die Höhen und Tiefen der Familie. Paul steckt zuerst all seine Energie in den Wiederaufbau des Gasthofs, reißt die anderen Familienmitglieder durch seine Motivation mit und fügt dadurch auch die Familie wieder zusammen. Nach einer Weile zieht er sich aber mehr und mehr aus dem Betrieb zurück und wendet sich einer leidenschaftlichen Suche nach Rungholt zu. Mit Jannis unternimmt er Ausflüge ins Watt, lässt ihn an seinem Wissen teilhaben und diskutiert mit ihm seine Theorien; die Familie droht wieder zu zerbrechen. So wie Paul nach Überresten Rungholts sucht, ist Jannis auf der Suche nach seinen Wurzeln. Nie fragt er seinen Ziehvater direkt und erhält somit immer nur Fragmente seiner eigenen Geschichte.
Neben dieser doppelten Spurensuche nimmt das Geflecht von Beziehungen einen zentralen Platz ein, wobei nicht nur die Familie im "Grenzkrug" beleuchtet wird sondern auch die gesamte Dorfgemeinschaft, einschließlich der Flüchtlinge, die nach dem Krieg im Gasthof untergebracht werden. Und damit eng zusammenhängend gibt es natürlich auch zahlreiche kleinere und größere Konflikte, von persönlichen Abneigungen bis hin zum deutsch-dänischen Konflikt.
Die Verschränkung der beiden Erzählebenen erzeugt, auch wenn nicht wirklich viel passiert, einen Sog, der mich das Buch nur widerwillig aus der Hand legen ließ. Viele Fragen werden aufgeworfen, aber nicht alle beantwortet, was durchaus zum Reiz des Buches beiträgt. Im Gegenzug arbeitet Christophersen Details ein, die erst an späterer Stelle, meist durch die Rückblicke, eine Bedeutung erhalten.

Das Buch lebt eindeutig von der Sprache - nordisch-karg, schnörkellos, auf den Punkt. Christophersen charakterisiert seine Protagonisten oft durch deren Handlungen, die er umso genauer beschreibt. Besonders gefallen haben mir seine Landschaftbeschreibungen; die zahlreichen Farben des Himmels und des Meeres, die unterschiedlichen Beschaffenheiten des Watts, die verschiedenen Formen des Horizonts. Hinzu kommt der Schnee, der zwar nichts von seiner Bedrohlichkeit einbüßt, aber ebenso seine Schönheit entfalten kann. Von Farben und Formen bis hin zu Geräuschen hat Christophersen alles eingefangen, was den Norden ausmacht, eingeschneit oder nicht. Am liebsten wäre ich einfach ins Auto gesprungen und Richtung Norden gefahren, hätte vor meinem eigenen Fenster nicht gerade ein Schneesturm gewütet...

Zum Lesevergnügen hat sicherlich auch die Aufmachung des Buches beigetragen, der mareverlag hat hier eine (stil-)sichere Hand bewiesen. Abgesehen davon, dass ich das Cover großartig finde, wird auch im Inneren mit gedeckten Grau- und Blautönen gearbeitet. Nur eine Kleinigkeit, aber für mich trotzdem eine willkommene Abwechslung zum sonstigen Einerlei.

Dieses stille, aber stimmungsvolle Buch hat definitiv 5ratten verdient!

Viele Grüße
Breña
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"Natürlich kann man sein ohne zu lesen, ohne Bücher, aber ich nicht, ich nicht."  J. L. Borges

Aldawen

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Antw:Jan Christophersen - Schneetage
« Antwort #1 am: 06. Februar 2010, 23:11:58 »

Ja, ist ja schon gut, ich lese es diesen Monat noch  :breitgrins:  Dieser nachdrücklichen Aufforderung, nachdem Du mir schon das Buch selbst in die Hand gedrückt hast, kann ich mich ja gar nicht entziehen ...
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Kinywa ni jumba la maneno.
Der Mund ist der Palast der Worte. – Sprichwort aus Ostafrika

Breña

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Antw:Jan Christophersen - Schneetage
« Antwort #2 am: 06. Februar 2010, 23:39:38 »

Ja, ist ja schon gut, ich lese es diesen Monat noch  :breitgrins:

:pueh:

Abgesehen davon, dass es ein SLW-Buch war, hat es einen Thread einfach verdient. Und wenn ich mich mit Lobhudeleien nicht immer so schwer tun würde, hätte ich schon vor zwei Wochen was geschrieben... Aber sieh es einfach als Aufforderung. Und alle anderen bitte auch. :breitgrins:
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Aldawen

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Antw:Jan Christophersen - Schneetage
« Antwort #3 am: 20. Februar 2010, 21:15:06 »

Das Buch lebt eindeutig von der Sprache - nordisch-karg, schnörkellos, auf den Punkt.

Ich habe zwar vorhin erst angefangen und bin jetzt gerade irgendwo auf Seite 60 und ein paar Gequetschte, aber ich muß es einfach loswerden: Das kann ich nur bestätigen, Christophersens Stil gefällt mir ausnehmend gut!

Besonders gefallen haben mir seine Landschaftbeschreibungen; die zahlreichen Farben des Himmels und des Meeres, die unterschiedlichen Beschaffenheiten des Watts, die verschiedenen Formen des Horizonts.

Und auch das kann ich nur unterschreiben. Ich war in den letzten Jahren immer nur im Winter an der Küste, zwar in Ost- und nicht in Nordfriesland, kenne aber auch letzteres von dem ein oder anderen Besuch. Und seine Beschreibungen decken sich so exakt mit meinen Bildern, daß ich davon völlig überflutet werde. Ich fürchte, ich werde mir dieses Buch auch noch fürs eigene Regal kaufen müssen  :zwinker:
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Aldawen

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Antw:Jan Christophersen - Schneetage
« Antwort #4 am: 28. Februar 2010, 10:30:37 »

Ausgelesen ist es schon ein paar Tage, ich habe es noch etwas wirken lassen und bin nach wie vor begeistert. Allerdings tue ich mich schwer damit, Breñas Kommentar noch etwas Subtanzielles hinzufügen.

Die Sprache hat mir, wie ja schon zuvor festgehalten, ausnehmend gut gefallen, sicher auch in den Details, was sich besonders an den nicht ausufernden, aber notwendigen Beschreibungen zeigt. Die Landschaft in der Wechselwirkung mit Wind und Wetter findet ihre Entsprechung in den Charakteren und ihren Handlungen, nichts davon könnte anders sein.

Pauls Suche nach Rungholt bzw. seinen Hinterlassenschaften entwickelt sich langsam, von einer zunächst liebenswerten Spinnerei zu einer – vor allem auch für ihn selbst – bedrohlichen Obsession. Jannis ist dem bei weitem nicht so verfallen, er folgt Paul auf diesem Weg, weil er ihn als Vater liebt, auch wenn Paul das (biologisch) nicht ist. Vieles bleibt in diesem Verhältnis ungesagt, und so wenig wie Jannis seine Geschichte kennt, so wenig weiß auch der Leser.

Die am Ende noch offenen Fragen, und das waren einige, schmälern aber den Gesamteindruck keinesfalls, im Gegenteil. Schließlich ist es oft genug so, daß sie sich auch im „richtigen“ Leben nicht beantworten ließen. Eine zweite Lektüre würde sicher eine Reihe von Verbindungen aufdecken, die beim ersten Lesen noch nicht auffallen können, und manch einem Detail eine weitere Bedeutung geben.

 5ratten

Schönen Gruß,
Aldawen
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Breña

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Antw:Jan Christophersen - Schneetage
« Antwort #5 am: 28. Februar 2010, 14:42:28 »

Es freut mich, dass Dir das Buch so gut gefallen hat! Alles andere hätte mich aber auch gewundert. :zwinker:
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Aldawen

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Antw:Jan Christophersen - Schneetage
« Antwort #6 am: 28. Februar 2010, 14:45:39 »

Es freut mich, dass Dir das Buch so gut gefallen hat! Alles andere hätte mich aber auch gewundert. :zwinker:

Ja, inzwischen können wir uns ganz gut einschätzen in unserem Lesegeschmack  :breitgrins:
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nimue

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Re: Antw:Jan Christophersen - Schneetage
« Antwort #7 am: 05. Juni 2011, 12:51:34 »

Hallo ihr beiden,

Thread gefunden!  :breitgrins: Der nächste Winter in Badisch Sibirien kommt bestimmt und bei den verhaltenen Begeisterungsausbrüchen, als ich das Wintergrillen erwähnt habe, muss ich mir die Zeit wohl anders vertreiben :zunge:

Grüßle
nimue
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Aldawen

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Re: Jan Christophersen - Schneetage
« Antwort #8 am: 05. Juni 2011, 14:55:38 »

Ich würde sagen, dieses Buch stellt dazu eine ausgezeichnete Alternative dar  :breitgrins:
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Breña

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Re: Antw:Jan Christophersen - Schneetage
« Antwort #9 am: 05. Juni 2011, 17:02:50 »

und bei den verhaltenen Begeisterungsausbrüchen, als ich das Wintergrillen erwähnt habe,

Wie gesagt, wenn wir ein Iglu bauen, bin ich dabei. :breitgrins: Dann aber bitte auch mit Lesung aus dem Buch.

Zitat
Noch über Nacht hatte es zu schneien begonnen, und auch über Nacht hörte und hörte es nicht auf. Die Luft weiß von Schnee. [...]
Milchiges Licht drang durch die Eisblumen ins Zimmer. Schneetreiben hinter der Fensterscheibe, dass der Rahmen knackte. Der Sturm draußen wurde hier drinnen zu einem Geräusch, das verstummte, wiederkam, immer wieder, und kalt klang.
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finsbury

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Re: Jan Christophersen - Schneetage
« Antwort #10 am: 25. Dezember 2011, 12:24:38 »

Hallo,

vor zwei Tagen habe ich auch diesen Roman nach kurzer Lesezeit beendet: Man kann sich dem Sog kaum entziehen. Auch wenn ich kein großer Fan der nordfriesischen Küstenlandschaft bin: Man hätte ihr kein  schöneres Denkmal setzen können. Diese lakonische und dennoch ausdrucksstarke Sprache, eine ebensolche Story, in der vieles ungesagt bleibt und gerade deshalb besonders wirkt: Ich freue mich schon auf weitere Bücher dieses Autors!


finsbury
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