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Autor Thema: Christian Mähr - Alles Fleisch ist Gras  (Gelesen 405 mal)

mondy

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Christian Mähr - Alles Fleisch ist Gras
« am: 05. Februar 2010, 13:59:38 »



Inhalt
Anton Galba, der Chef der Dornbirner Kläranlage, hat Probleme: in seiner Ehe läuft es eher schlecht als recht. Er hat eine Affäre mit seiner jungen Mitarbeiterin Helga und wird dabei von einem weiteren Mitarbeiter gefilmt und erpresst. Ein kleiner, unschuldiger Schubser von der Treppe löst letzteres Problem, doch jetzt steht die Polizei vor der Tür. Deren Vizechef und ehemaliger Klassenkollege Nathanael Weiß kommt auch bald auf die richtige Spur ... aber er reagiert ganz anders, als Anton Galba erwartet: Nathanael hätte da nämlich selbst noch eine Person im Auge, die möglichst schnell verschwinden sollte.

Erster Satz
Erst als er fertig war, fiel ihm auf, wie lächerlich das aussah, was sie hier machten; das blanke Hinterteil vor ihm, der hochgeschlagene Rock - und er selber mit den Hosen, die sich um die Knöchel wulsteten, dabei hatte er sich vorgenommen, nie in eine Situation zu geraten, in der er mit knöchelverhüllendem Hosenwulst hinter einer gebückten Frau stand, er hasste dieses Bild, es zerstörte alles Ernste am Sex, machte die Szene zu einer Witzzeichnung, es fehlte nur die Unterschrift, irgendein blöder Spruch.  :schwitz:

Meine Meinung
Ich bin echt begeistert! Nach der Leseprobe bei vorablesen war ich ja noch etwas skeptisch, aber dieses Buch ist echt der Knaller!
Man braucht ein bisschen Zeit, um sich in den Schreibstil einzulesen. Der Autor wechselt am Anfang sehr schnell und unbemerkt die Perspektiven, was schon etwas nervig ist. Nach ein paar Seiten legt sich dieses Phänomen aber und man kann ungestört in die Geschichte versinken.
Ein wenig Galgenhumor sollte man schon mitbringen. Man beobachtet schließlich Mörder bei ihrer "Arbeit". Das ganze wird aber eher lustig erzählt, die Grausamkeiten werden ausgespart oder nur angedeutet. Es geht mehr um die Geschichte und die Ideen außenrum, um die beteiligten Personen, deren Vorstellungen und Gefühle.
Die Personen sind alle miteinander recht eigen. Die anfängliche Hauptperson Anton Galba gerät eher unbeabsichtigt in die ganze Sache. Er schubst aus einem Reflex heraus seinen Erpresser von der Treppe und lässt dessen Leiche aus Panik im Fleischhäcksler der Kläranlage verschwinden. Der ermittelnde Inspektor Nathanael Weiß macht sich diese Methode zu Nutzen, um dort Leute verschwinden zu lassen, die dem Glück der Gesellschaft entgegen stehen. Dabei kommt es natürlich zu allerlei Zwischenfällen, Verwechslungen und Fehlern.
Der Schreibstil ist natürlich sehr "österreichisch". Irgendwie (mir völlig unerklärlich  :breitgrins:) scheint Österreich aber in der Nähe von Bayern zu liegen, so dass ich einige Eigenarten echt gut wiedererkennen konnte. Da bleiben natürlich die Lacher nicht aus und ich konnte mich ausgelassen über so manche Reaktion amüsieren.
Spannend finde ich übrigens auch, dass der Autor über seinen Heimatort schreibt und sich zusätzlich sehr gut in technischen und chemischen Bereichen auskennt. Wer weiß, wie viel Wahrheit in diesem Buch steckt?!  :entsetzt: :zwinker:
 
Fazit: Wer es überhaupt nicht erträgt, Morde bzw. Selbstjustiz aus einer verrückten, humorvollen (und ja, sehr urigen) Sicht zu erleben, sollte sich dieses Buch sparen. Alle anderen können getrost zugreifen.   

 4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:
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:lesen: "Tochter der Krokodile" (Marie-Florence Ehret)

Bettina

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Re: Christian Mähr - Alles Fleisch ist Gras
« Antwort #1 am: 12. März 2010, 13:32:23 »

Meine Eindrücke

Anton Galba, Leiter der städtischen Abwasserreinigungsanlage ARA, amüsiert sich außerdienstlich mit seiner Laborantin. Das stößt seinem rassistischen Mitarbeiter Roland Mathis bitter auf, denn er glaubt, die einheimische Helga vor dem vermeintlich slawischen Chef schützen zu müssen. Die Erpressung, um die "unpassende" Liaison zu beenden, geht jedoch gründlich schief. Galba ist gar nicht schockiert von der Idee, die heimlich geschossenen Bilder doch gleich seiner Ehefrau zuzumailen. Ein kurzes Handgemenge später und Mathis liegt tot am Fuß der Treppe. Da der Unfall unter diesen Umständen schwer als solcher deklarierbar ist, lässt Galba die Leiche kurzerhand in einem Zerkleinerer enden, der auf dem Gelände der ARA installiert ist.

Um den Vermisstenfall Mathis kümmert sich Galbas alter Schulkamerad Nathanael Weiß - der ahnt sehr schnell, was wirklich vorgefallen ist, nur nachweisbar ist es kaum. Für Weiß kein Problem: Er bleut Galba ein, dass er sehr wohl Bescheid weiß und damit gerät Galba vom Regen in die Traufe. Denn Weiß denkt über "unpassende" Individuen nach und will Galbas Methode für eigene Zwecke nutzen. Den "Schädlinge der Gesellschaft" soll es an den Kragen gehen, allen voran dem Mann, der Weiß einst die Frau ausspannte und diese nun nach Kräften hintergeht. Damit beginnt eine irrwitzige Kette von Selbstjustiz, die sich aus alten Femeregeln speist und unerwartete Unterstützung erhält.

Eine rabenschwarze und bitterböse Geschichte entspinnt sich um Werte, Gesellschaft und Moral sowie die Frage, wer sich um deren Wahrung kümmern soll. Wer darf Fehltritte bestrafen und wie weit darf man gehen? Immerhin ist die "Methode Galba" eine absolute und folglich diskutieren die Beteiligten mehr als einmal, dass man schnell halb Dornbirn in die ARA locken müsste, wenn man die selbst gewählten Regeln der Feme konsequent anwende. Ziemlich willkürlich fällt die Auswahl, wer sich auf die Liste der Verschwundenen einreiht und reichlich obskur fällt die Begründung aus, weshalb ausgerechnet die mittelalterliche Feme zu Rate gezogen und ausgeübt wird. Obskur muss sie wohl sein, wenn sich die private Feme auf einen König beruft, den schon seit Jahrhunderten nicht mehr gibt.

Galba will sich zu Recht von den skrupellosen Säuberungsaktionen distanzieren und versucht, Weiß und seine ominöse Helferin zu stoppen. Aber Galbas Mittel sind nur zu Beginn makellos; auch er wird dreister und man fragt sich zunehmend, wo die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen. Die Geschichte endet völlig anders als gedacht und deutet an, dass die Diskussionen weder für Galba noch für den Leser je zu Ende sein werden.
Das Buch ist sehr klug geschrieben. Viele Denkanstöße bemerkt man nicht sofort, dafür aber ist eine latente Gesellschaftskritik stets spürbar. Die Wut über einzelne Menschen mag berechtigt sein und bei Mähr dürfen die Protagonisten stellvertretend für andere Betroffene fehlbare Menschen für ihre Vergehen strafen und ihr individuelles Gerechtigkeitsempfinden ausleben. Bei Mährs Gedankenexperiment darf es bis zum äußersten gehen; es geht so weit, dass sich das endgültige Urteil des Lesers über Selbstjustiz ziemlich schnell einstellen dürfte.

Sehr clever finde ich die doppeldeutige Titelwahl. "Alles Fleisch ist Gras" stammt aus einem Bibelvers (was recht schnell erläutert wird) und erhält über eine besondere Prozesstufe in der ARA einen Hintersinn ... und wieder was zum Nachdenken ...

3ratten
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