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Autor Thema: [Tadschikistan] Sadriddin Aini – Der Tod des Wucherers  (Gelesen 586 mal)

Aldawen

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[Tadschikistan] Sadriddin Aini – Der Tod des Wucherers
« am: 29. Januar 2010, 16:24:26 »



Inhalt: Auf der Suche nach einer neuen Unterkunft, um sein Studium in Buchara fortsetzen zu können, wird der Ich-Erzähler auf Kori-Ischkamba aufmerksam gemacht, an den er sich wenden solle. Zunächst versucht er, etwas über diesen Kori-Ischkamba herauszufinden und verfolgt ihn eine Weile auf dem Bazar, wobei er zu seinem Erstaunen feststellt, daß sich dieser Mann an jeder Ecke Dienstleistungen und vor allem etwas zu essen und zu trinken verschafft, ohne dafür zu bezahlen oder wenn, dann keinen angemessenen Preis. Durch Zufall geraten die beiden dann doch noch mal aneinander und Kori offeriert eine Unterkunft gegen tägliche Beköstigung mit Pilaw, was der Erzähler ablehnt. Daß Kori auch ein überaus sparsamer Mensch ist, zeigt sich, als der Erzähler einen Freund dorthin begleitet, der seine Schulden bezahlen will. Das ganze Haus ist weder beleuchtet noch beheizt, und zwischenzeitlich werden die beiden Freunde im Dunkeln zurückgelassen, weil sie sich ja auch so unterhalten könnten. Der Vater dieses Freundes erbittet eines Tages einen Dienst von dem Erzähler, den dieser zwar zunächst gerne ausführt, nur um hinterher festzustellen, daß er hier dazu beigetragen hat, eine arme Familie zu betrügen. Angewidert wendet sich er sich von diesen Kreisen ab. Unterdessen entwickelt Kori-Ischkamba neue Methoden, um sich auf den Dörfern eine zusätzliche Einnahmequelle zu erschließen, und viele Bauern verlieren ihr Land, weil die Schulden kurz vor der Ernte eingeklagt werden, wenn sie sie nicht bezahlen können und deshalb ihren Besitz unter Wert verkaufen müssen. Aber auch das Emirat und damit Buchara werden von den aktuellen Entwicklungen andernorts erfaßt, und die russische Revolution macht die Banken nicht sicherer ...


Meine Meinung: Aini, selbst nahe von Buchara (heute Usbekistan) geboren, gilt als Begründer der tadschikischen Literatur. Unter dem Emir von Buchara wurde er verfolgt, die Oktoberrevolution beendete seine Haft. Auf Grund seiner eigenen Erfahrungen mit dem Regime des Emirs stellte sich Aini auf die Seite der Revolution, als Autor und Publizist. Diese Nähe merkt man diesem Roman vor allem zum Ende hin auch deutlich an. Gleichwohl hat die Erzählung nicht den typischen sozialistischen Tonfall, den man meist nach zwei, drei Sätzen schon erkennt, dafür sind die orientalischen Erzähltraditionen zu stark, die hier streckenweise ein Tausendundeine-Nacht-Gefühl verbreiten – nur ist der Inhalt weniger märchenhaft als erschreckend.

Mit Kori-Ischkamba hat er einen Typ beschrieben, dem man permanent den Hals umdrehen könnte. Die Selbstverständlichkeit, mit der er sich selbst zum Essen einlädt, unter Mißachtung aller Höflichkeit den eigenen Magen vollstopft, so daß den übrigen Tischgenossen schlicht der Appetit vergeht, wäre allein schon Grund genug, ihn ekelhaft zu finden. Aber die Geschäftspraktiken, mit denen er Bauern um ihr Land und in die Leibeigenschaft bringt, die ist einfach nur widerwärtig. Es ist anzunehmen, daß daran im Grundsatz nicht einmal allzuviel erfunden ist, denn ich kann mir gut vorstellen, daß skrupellose Geschäftemacher mit den Analphabeten auf dem Land genauso umgegangen sind (und ob die Verhältnisse heute allerorten so viel anders geworden sind, ist dabei noch eine ganz andere Frage). So behält die Erzählung, wenngleich schon aus den 1930er Jahren, eine traurige Aktualität.

Daß man beim Lesen trotz allem nicht ständig vor Wut kocht, hat vor allem mit dem bereits erwähnten Erzählstil zu tun. Immer wieder werden kleinere Anekdoten und Randgeschichten eingestreut, die zum Schmunzeln einladen, und besonders natürlich dann, wenn die Reichen und Wichtigen ihr Fett abkriegen. Und so läßt dann auch das Ende (fast) keine Wünsche im Hinblick auf Koris Schicksal offen ...

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Aldawen
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Saltanah

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Re: [Tadschikistan] Sadriddin Aini – Der Tod des Wucherers
« Antwort #1 am: 31. Juli 2011, 16:01:05 »

Mit der Figur des Wucherers Kori-Ischkamba hat der tadschikische Autor Sadriddin Aini eine der widerlichsten Figuren geschaffen, die mir in meiner mittlerweile einige Jahrzehnte langen Lesekarriere begegnet sind. Bei der Beschreibung, wie dieser Mensch sich mit Essen voll stopft, kann es einem leicht den Magen umdrehen, so wie es auch dem Ich-Erzähler erging, als er Zeuge einer von Kori-Ischkambas Fressorgien erging. Dass der Wucherer sich den Magen stets auf Kosten anderer voll schlägt, versteht sich dabei von selbst.

Aber nicht nur was Essen angeht, ist er unersättlich. Sein großes Lebensziel ist es, Geld anzuhäufen, so viel wie nur irgend möglich. Zu diesem Zweck greift er zu den abscheulichsten Geschäftsgebahren und wehe dem, der in die Klauen von Kori-Ischkamba gerät. Auch den letzte Pul presst er aus seinen Opfern heraus und beweist bei dieser Arbeit eine erstaunliche Kreativität. Seine Opfer stehen ihm hilflos gegenüber und wenn sie auch manchmal den Verdacht haben, es könne nicht alles mit rechten Dingen zugehen, so können sie sich doch nicht wehren. Denn Kori-Ischkamba kann immer auf die Hilfe der Rechtsgelehrten bauen, die ihrerseits hauptsächlich daran interessiert sind, ihr Einkommen zu erhöhen.

Gerade letzteres ist das Erschreckendste an dem Buch. Kori-Ischkamba ist kein Einzelfall, sondern nur ein Zahnrädchen in einer durch und durch korrupten Gesellschaft. Dass unter diesen Bedingungen die sozialistische Revolution, die sich gegen Ende des Buches ankündigt, begeistert begrüßt wird, ist nur verständlich.

Positiv erwähnen möchte ich noch die Illustrationen von Alexius Ulazewski, mit der meine Ausgabe (Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin 1966) versehen ist.

Ein Mäuschen Abzug, da mir anfangs die Gestalt des Wucherers ein wenig zu übertrieben war, vor allem in der Darstellung seiner Fressattacken.

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Breña

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Re: [Tadschikistan] Sadriddin Aini – Der Tod des Wucherers
« Antwort #2 am: 05. Februar 2012, 19:27:12 »

Kori-Ischkamba ist wirklich einer der widerlichsten Protagonisten, über die ich bisher gelesen habe. Er nutzt die Sitte der Gastfreundschaft aus und schlägt sich auf anderer Leute Kosten den Bauch voll, jeglichen Anstand dabei vergessend. Er erklärt Geld zum höchsten Gut, ohne das sein Leben nicht wert ist, gelebt zu werden. Und dementsprechend setzt er alles daran, an das Geld Anderer zu gelangen, vornehmlich an das der armen (Land-)Bevölkerung. Initiative und Erfindungsreichtum beweist er immer dann, wenn es darum geht, jemanden über's Ohr zu hauen. Ein Ekelpaket der ersten Sorte. Erschreckend ist dabei besonders, dass die geschilderten Praktiken sicherlich aus der Realität übernommen und noch nicht einmal übertrieben dargestellt worden sind.

Von Kori-Ischkambas Schandtaten erfährt der Leser episodenhaft, der Erzählstil erinnert tatsächlich stark an die orientalische Märchentradition und verzichtet weitestgehend auf den sozialistisch-moralischen Zeigefinger. Allerdings hat genau diese Erzählweise und die Tatsache, dass es thematisch kaum Variationen gibt, auch dazu geführt, dass mich die Geschichte irgendwann gelangweilt hat. Man bekommt immer nur neue Facetten der Gier und Ausbeutung vorgesetzt, bis am Ende doch noch ein wenig der erhobene Zeigefinger durchscheint, wenn die Reichen und Mächtigen und besonders Kori-Ischkamba die Quittung für ihr Tun erhalten.

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Viele Grüße
Breña
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"Natürlich kann man sein ohne zu lesen, ohne Bücher, aber ich nicht, ich nicht."  J. L. Borges