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Autor Thema: Alfred Lansing - 635 Tage im Eis  (Gelesen 3466 mal)

Doris

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Re: Alfred Lansing - 635 Tage im Eis
« Antwort #60 am: 21. Dezember 2011, 00:04:51 »

Ich bin wieder zurück von meiner Reise mit Shackleton und noch sehr beeindruckt. Lansing hat aus den vielen Einzelberichten einen anschaulichen und sachlichen Bericht verfasst, der sich auf die Abläufe um die Expedition beschränkt. Ein bisschen mehr Zwischenmenschliches hätte es sein dürfen, denn dass alles gar so konfliktarm ablief, kann ich mir nicht vorstellen. Es gab zwar einige Streitereien, aber erstaunlich wenige für die Dauer der Fahrt und das Maß an Belastung. Diesbezüglich dürfte etwas unter den Tisch gefallen sein.

Die Reise wird sehr plastisch beschrieben, da war es nicht schwer, sich förmlich mit ins Boot zu setzen. Am spannendsten waren die Fahrten mit den kleinen Booten, nachdem die Endurance gesunken war.  Alleine die Vorstellung löste schon ein beklemmendes Gefühl aus. Wären da nicht die ganzen Augenzeugenberichte und Tagebucheinträge der verschiedenen Mannschaftsmitglieder, könnte man glatt vermuten, dass ein Autor sich bei seiner Erzählung ein wenig übernommen hat. Es ist eine erstaunliche Leistung, eine Reise unter so widrigen Umständen ohne Verluste abzuschließen. Man darf nicht vergessen, dass die Leute damals ohne technische Hilfsmittel, Funktionskleidung und mit wenig Nahrung auskommen mussten. Dass die Expedition letztlich zu einem glücklichen Ende führte, ist vor allem Ernest Shackleton zu verdanken, der die Mannschaft mit Einfühlungsvermögen und Führungsqualitäten immer wieder positiv beeinflussen konnte, auch wenn er selbst manchmal schon am guten Ausgang zweifelte.

In der Dezember-Monatsrunde habe ich mehr dazu geschrieben. Ab hier geht's los. Man möge mir verzeihen, dass ich nicht alle Beiträge einzeln verlinke.

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Kirsten

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Re: Alfred Lansing - 635 Tage im Eis
« Antwort #61 am: 21. Dezember 2011, 09:15:13 »

Hallo!

Ein bisschen mehr Zwischenmenschliches hätte es sein dürfen, denn dass alles gar so konfliktarm ablief, kann ich mir nicht vorstellen.

Das konnte ich mir bei meiner Lektüre auch nicht. Ich hätte eher täglich mit mehr oder weniger heftigen Streitereien gerechnet. Aber vielleicht war den Männern auch klar, dass man jedes bisschen Energie braucht und sie nicht in unnötigen Konflikten vergeuden sollte. Deine Rezi hat mir noch mehr Lust gemacht, endlich noch einmal zu dem Buch zu greifen.

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Doris

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Re: Alfred Lansing - 635 Tage im Eis
« Antwort #62 am: 21. Dezember 2011, 21:25:19 »

Streitereien gab es schon, aber es waren auffallend wenige. Man muss überlegen, dass fast dreißig Männer eng aufeinandersaßen, wenig Abwechslung und Nahrung hatten. Da ist die Toleranzgrenze viel niedriger. Einer der Männer drückte sich zum Beispiel vor allen möglichen Arbeiten. Nur wenn er eine Möglichkeit sah, sich selbst damit ins beste Licht zu rücken, legte er Hand an. Schwer vorstellbar, dass die anderen Männer, die die Arbeiten für ihn miterledigen mussten, da nicht ärgerlich waren. Shackleton versuchte sicher, die Energie zu kanalisieren und für das Wesentliche einzusetzen, aber das ist ihm in all der Zeit bestimmt nicht immer gelungen.

Der Film, den ich mir gegen Ende des Buches nochmal angesehen habe, war in dieser Hinsicht offener.

Liebe Grüße
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Kirsten

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Re: Alfred Lansing - 635 Tage im Eis
« Antwort #63 am: 17. Januar 2012, 11:18:32 »

Hallo!

635 Tage im Eis zeigt auf beeindruckende Weise, wozu der Mensch in Extremsituationen fähig ist. Die von Doris vermissten Streitereien sind auch in meiner Ausgabe nicht aufgetaucht :zwinker: Dafür war von ständigen kleineren Reibereien zu lesen, die wahrscheinlich der Grund für keine größeren Auseinandersetzungen waren. Das Verhältnis der Männer untereinander war auch nach der langen Zeit noch so gut, dass sie ihrem Unmut immer direkt Luft machen konnten und so keinen Groll aufbauten. Was (mir) auch fehlte war Verzweiflung. Ich hätte erwartet, dass nach so langer Zeit einige Männer die Hoffnung aufgeben würden und es zu größeren Gefühlsausbrüchen kommen würde. Aber abgesehen von einer gewissen Resignation war die Erzählung recht gefühlsarm.

Das ist mir auch auch bei Shackletons Landung auf Südgeorgien aufgefallen. Die Umstände müssen dramatisch gewesen sein. Die Beschreibung der Landung dagegen ist sehr ruhig, fast schon neutral. Am lebendigsten wirken die Männer auf mich als sie auf ihrem Hosenboden den Berg hinunterrutschen. Aber egal, ob ruhig oder mit vielen Emotionen erzählt, die ganz Geschichte ist unglaublich fesselnd.

Shakleton ist zweifelsohne ein großartiger Führer und Motivator, aber aufgrund der Beschreibung auf den ersten Seiten wirkte er auf mich eher unsympathisch. Auch wenn ich später großen Respekt vor seiner Leistung hatte, hat sich an meinen Gefühlen ihm gegenüber nichts geändert. Aber ich muss ihn auch nicht mögen, wichtig ist dass er seine Männer bei der Stange halten konnte. Und das konnte er wirklich gut, denn auch wenn manche Entscheidungen auf wenig Begeisterung stießen wurden sie trotzdem hingenommen und zumindest nicht öffentlich hinterfragt. Manchmal, wie beim Umgang mit den Schlittenhunden konnte ich an den Eintragungen in den Tagebüchern erkennen dass die Ausführung eines Befehls schwer fiel, aber trotzdem wurde er ausgeführt.

Aber nicht nur Shakleton war ein besonderer Mensch, auch seine Crew war etwas Besonderes. Auch wenn er manch einen eher aus einer Laune heraus eingestellt hat, so hat er doch eine glückliche Hand bewiesen. Jeder für sich gesehen hatte seine Ecken und Kanten, aber gemeinsam haben sie perfekt funktioniert.
4ratten

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