Hallo!
635 Tage im Eis zeigt auf beeindruckende Weise, wozu der Mensch in Extremsituationen fähig ist. Die von Doris vermissten Streitereien sind auch in meiner Ausgabe nicht aufgetaucht

Dafür war von ständigen kleineren Reibereien zu lesen, die wahrscheinlich der Grund für keine größeren Auseinandersetzungen waren. Das Verhältnis der Männer untereinander war auch nach der langen Zeit noch so gut, dass sie ihrem Unmut immer direkt Luft machen konnten und so keinen Groll aufbauten. Was (mir) auch fehlte war Verzweiflung. Ich hätte erwartet, dass nach so langer Zeit einige Männer die Hoffnung aufgeben würden und es zu größeren Gefühlsausbrüchen kommen würde. Aber abgesehen von einer gewissen Resignation war die Erzählung recht gefühlsarm.
Das ist mir auch auch bei Shackletons Landung auf Südgeorgien aufgefallen. Die Umstände müssen dramatisch gewesen sein. Die Beschreibung der Landung dagegen ist sehr ruhig, fast schon neutral. Am lebendigsten wirken die Männer auf mich als sie auf ihrem Hosenboden den Berg hinunterrutschen. Aber egal, ob ruhig oder mit vielen Emotionen erzählt, die ganz Geschichte ist unglaublich fesselnd.
Shakleton ist zweifelsohne ein großartiger Führer und Motivator, aber aufgrund der Beschreibung auf den ersten Seiten wirkte er auf mich eher unsympathisch. Auch wenn ich später großen Respekt vor seiner Leistung hatte, hat sich an meinen Gefühlen ihm gegenüber nichts geändert. Aber ich muss ihn auch nicht mögen, wichtig ist dass er seine Männer bei der Stange halten konnte. Und das konnte er wirklich gut, denn auch wenn manche Entscheidungen auf wenig Begeisterung stießen wurden sie trotzdem hingenommen und zumindest nicht öffentlich hinterfragt. Manchmal, wie beim Umgang mit den Schlittenhunden konnte ich an den Eintragungen in den Tagebüchern erkennen dass die Ausführung eines Befehls schwer fiel, aber trotzdem wurde er ausgeführt.
Aber nicht nur Shakleton war ein besonderer Mensch, auch seine Crew war etwas Besonderes. Auch wenn er manch einen eher aus einer Laune heraus eingestellt hat, so hat er doch eine glückliche Hand bewiesen. Jeder für sich gesehen hatte seine Ecken und Kanten, aber gemeinsam haben sie perfekt funktioniert.

Liebe Grüße
Kisten