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Autor Thema: B. Traven - Die Baumwollpflücker  (Gelesen 910 mal)

mombour

  • Gast
B. Traven - Die Baumwollpflücker
« am: 16. März 2009, 11:07:58 »

Hallo,

B. Traven: Die Baumwollpflücker



„Ich fühle mich als Arbeiter, namenlos, ruhmlos wie jeder Arbeiter.", schrieb B. Traven einmal, der seine Person als Pseudonym tarnte, ein Geheimnis, das inzwischen aber als gelüftet gilt (siehe hier). 1923 kam er nach Mexiko und schrieb abenteuerliche, sozialkritische Romane. Traven schrieb immer aus der Perspektive der Verarmten und Unterdrückten. Wegen ihrer humanitären Aussage halte ich sein Werk für bedeutsam. Aus Tucholskys Munde entsprangen die Worte, B. Traven sei ein episches Talent größten Ausmaßes.  „Die Baumwollpflücker“ sind autobiografisch orientiert. Genauso wie sein Held Gales trieb Traven vagabundierend als Gelegenheitsarbeiter in Mexiko umher: Er hat auf Ölfeldern gearbeitet, als Baumwollpflücker, in einer Bäckerei und als Viehtreiber....

 Durch B. Traven's Roman erfahren wir sehr viel über die soziale Situation der Arbeiter in Mexiko in der 20er und 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Bemerkenswert oder doch eher erschreckend ist, das wir Parallelen zu unserer Gesellschaft  wiederfinden.

Zitat von: Traven
...der Trick, den sie mit den Arbeitslosen spielen. Überall wird angeworben, weil sie nicht wissen wer kommt und wer nicht kommt...der Farmer hat dann die Auswahl, sich die Billigsten auszusuchen und den Pflückerlohn zu pressen, weil der arme Teufel nicht mehr fortkann; er muss flücken, und wenn ihm nur drei Centavos für das Kilo geboten werden.

Er konnte nicht mehr wegfahren, weil er seine letzten Pesos für die Hinfahrt zum Landwirt ausgegeben hat. Die Entgeltpresserei erleben wir auch heute, wenn z.B. in einem Altenheim lieber eine polnische Mitarbeiterin angesellt wird, die sich mit 5€ /h zufrieden gibt, als eine teure Fachkraft.  Die Arbeitsaufträge, die Gales bekam, waren alle nur vorrübergehend, denn wenn z.B. die Zeit des Baumwollpflückens vorbei war,  dann war auch der Job weg. Es ist ähnlich so, wie man heute von einem befristeten Arbeitsvertrag in den nächsten befristeten Vertrag rutscht. Das Szenario geht weiter: Als Baumwollpflücker verdiente Gales pro Kilo acht Centavos, weil er ein Weißer ist, das sind zwei Centavos mehr, als die Schwarzen bekommen. Wen man es mit heutigen Zuständen vergleichen will, so komme ich auf den Gedanken, dass Mitarbeiter von einer Zeitarbeitsfirma weniger verdienen, als diejenigen, die beim Betrieb fest angestellt sind. Überhaupt, die Gelegenheitsarbeiter, die in Mexiko von einer befristeten Arbeit zu einer nächsten geschritten sind, erinnern ebenso an diverse Einsätze von heutigen Leiharbeitern (was für ein diskriminierendes Wort).

Zitat von: Traven
Für ein Kilogramm Baumwolle pflücken bekamen wie sechs Centavos, ich ausnahmsweise acht. Und ein Kilo Baumwolle ist beinahe ein kleiner Berg, den zu schaffen man unter ständigem Bücken in der mitleidlosen Tropensonne zweihundert bis fünfhundert Knollen ausrupfen muss.

Dazu gab es eine äußerst bescheidene Ernährung: Im Wechsel „den einen Tag schwarze Bohnen mit Pfeffer, den nächsten Tag Reis mit Pfeffer“ und dann wieder von vorne. Dazu gab es selbstgebackenens Weizen-oder Maismehlbrot, was entweder kleistrig oder zu Kohle verbrannt war..usw. Alles trotz harter Arbeit äußerst karg. Dabei hatten die Leute Kleidung, die man eher als Flickfetzen bezeichnen konnte. Im Grunde genommen arbeiteten die Menschen auf den Baumwollfeldern unter dem Niveau einer Grundsicherung, wie wir es in Deutschland zu pflegen sagen. In dem damaligen Mexiko gab es keine zusätzlichen staatlichen Hilfen. Wie es dort heute ist, weiß ich nicht. Ich denke aber, inzwischen müsste es dort besser gehen, denn schon in Travens Roman wird eine Streikwelle der Bäcker ins Leben gerufen, um bessere Rechte der Bäcker durchzusetzen, dass eben nicht all der Gewinn in die Taschen des Chefs landet, sondern Mitarbeiter  gerecht entlohnt werden. Es ist schon bezeichnend, wie Señor  Doux, der Konditormeister, herumknausert, seinen Mitarbeitern mehr Rechte zu gönnen.

Bemerkenswert finde ich das Plädoyer für Huren. Traven verliert nie den Blick auf die Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehend für ihr Dasein kämpfen müssen, sei es ein arbeitender Indianer oder eine Prostituierte. Dieses macht den Roman und allgemein gesprochen Travens Werk so humanitär. Seine Romane haben uns, wie wir am Beispiel der Baumwollpflücker gesehen haben, immer noch etwas zu sagen – gerade in unserer wirtschaftlichen Krisenzeit.

Liebe Grüße
mombour
« Letzte Änderung: 16. März 2009, 11:13:44 von mombour »
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Aldawen

  • Msomaji mkubwa
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Re: B. Traven - Die Baumwollpflücker
« Antwort #1 am: 14. Januar 2012, 11:07:42 »

Eigentlich würde ich etwas davor zurückscheuen, hier von einem Roman zu sprechen, denn auch wenn der Ich-Erzähler Gerald Gales mit seinen wechselnden Beschäftigungsverhältnissen das Ganze zusammenhält, so ist die Struktur insgesamt doch sehr anekdotisch und es würde auch kaum auffallen, wechselte die Hauptperson von Abschnitt zu Abschnitt. So begleitet der Leser Gales zunächst zum Baumwollpflücken, eine schlechtbezahlte Knochenarbeit bei kärglicher Kost und Wassermangel. Gales kann noch von Glück sagen, daß er als Weißer zwei Centavos pro Kilo mehr bekommt, als seine Kollegen. Danach arbeitet er ein paar Wochen auf den Ölfeldern, was bei besseren Bedingungen auch noch besser bezahlt ist, aber er ist dort eben nur Aushilfe. In der Stadt nimmt er dann eine Stelle in einer Bäckerei an, obwohl er keine Ahnung vom Backen hat. Der Inhaber pflegt mit den Löhnen ständig in Rückstand zu bleiben, um so seine Leute an sich zu binden. Schließlich gibt Gales diesen Job auf und heuert für einen Viehtrieb an, was dem Werk noch einmal eine abenteuerliche Komponente verpaßt.

Der Roman wurde auch unter dem Titel Der Wobbly veröffentlicht, eine Bezeichnung für Mitglieder einer anarchosyndikalistischen Gewerkschaft, die als „Unruhestifter“ galten. Gales hat das Pech, daß in seiner Nähe gerne Streiks ausbrechen, mit denen die Arbeiter neben höherer Bezahlung auch eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen erreichen wollen. Dabei tritt er selbst nicht aktiv in Erscheinung, inwieweit er „aufwieglerisch“ tätig ist, bleibt aber auf Grund der Erzählperspektive durchaus etwas offen. Hier zeigt sich jedenfalls die für Traven typische Sympathie für die unteren Gesellschaftsschichten, die bei der herrschenden Einkommensverteilung und den wirkenden Mechanismen der Arbeitsvergabe auf keinen grünen Zweig kommen. Wie mombour schon richtig sagte, fühlt man sich durchaus an heutige Diskussionen und Fragestellungen erinnert, wenn man die richtigen Ersetzungen bei den Begriffen vornimmt. Das ist auch der Grund, warum ich Traven, obwohl sein Stil etwas antiquiert wirkt, immer noch gerne lese, im Hinblick auf Funktionsweisen und Wirkungen des Kapitalismus ist er leider immer noch hochaktuell. In späteren Werken schafft er es aber, seine Exkurse zu politischen und ökonomischen Fragestellungen etwas besser in den Erzählfluß zu integrieren, hier wirkte es auf mich teilweise doch recht voneinander abgegrenzt.

Traven zeichnet hier ein recht positives Bild von Mexiko, zumindest, soweit es die grundsätzlichen Möglichkeiten des Streikens und der Aushandlungsprozesse zwischen Arbeitgebern und Arbeitern betrifft. So betont er mehrfach, daß sich die Polizei nicht einmischen würde, und wenn, dann täte sie es auf der Seite der Schwächeren. Dies stellt er als Folge der mexikanischen Revolution der 1910er Jahre dar, aber ich bezweifle, daß das Bild tatsächlich derart rosig war, und wenn, dann vermutlich aus anderen Gründen. Eher würde ich vermuten, daß hier verdeckte Kritik an den deutschen Ordnungskräften, Polizei wie Militär, geübt werden sollte, die als Vertreter der Obrigkeit immer wieder massiv gegen Streikende vorgingen. Insgesamt m. E. nicht Travens bester Romans, ich würde ihn auch nicht zum Einstieg in sein Werk empfehlen, aber wer einmal den Kopf darüber schütteln möchte, wie wenig Fortschritte in grundlegenden sozio-ökonomischen Aspekten in den letzten 100 Jahren eigentlich zu verzeichnen sind, der wird hier sicher fündig.

 3ratten

Schönen Gruß
Aldawen
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Der Mund ist der Palast der Worte. – Sprichwort aus Ostafrika