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Autor Thema: Sabine Weiß - Die Wachsmalerin  (Gelesen 501 mal)

Valentine

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Sabine Weiß - Die Wachsmalerin
« am: 22. Januar 2010, 19:23:01 »



Als Marie Grosholtz fünf Jahre alt ist, muss sie von ihrer elsässischen Heimat Abschied nehmen. Die Mutter zieht mit ihr zu ihrem Onkel Philippe Curtius nach Paris, fort aus dem Dorf, in dem jeder sie als Nachkommen der örtlichen Henkersdynastie kennt.

Der deutschstämmige Curtius hat sich in Paris einen Namen als erstklassiger Hersteller lebensechter Wachsbüsten und -figuren gemacht, und als die kleine Marie sich davon äußerst fasziniert zeigt, bringt er ihr die Grundlagen seines Handwerks bei, und als sie älter wird, erweist sie sich als begabte Mitarbeiterin.

Es ist die Zeit, als Ludwig XVI. Marie Antoinette heiratet und das Volk jubelnd die Straßen füllt, und als Curtius anfängt, lebensgroße Abbilder der Königsfamilie zu großen Tableaus zu arrangieren, floriert sein Wachssalon, in dem er die berühmtesten Figuren seiner Zeit darstellt.

Nur wenige Jahre später kommt der große Umbruch der Französischen Revolution und die darauffolgende Schreckensherrschaft, während derer unter der Guillotine immer mehr Köpfe rollen. Nun gilt es, stets wachsam zu sein und die allerneuesten politischen Entwicklungen schnellstmöglich auch im Wachssalon darzustellen - der leiseste Verdacht der Königstreue oder sonstiger Verräterei kann genügen, um Marie und Curtius ins Gefängnis oder gar aufs Schafott zu bringen.

Bei Marie Grosholtz handelt es sich um die spätere Madame Tussaud, die Gründerin und Namensgeberin des weltberühmten Wachsfigurenkabinetts in London. Auf Basis der wenigen Dokumente, die aus ihren ersten Lebensjahrzehnten existieren, entwirft Sabine Weiß ein anschauliches Lebensbild einer sympathischen jungen Frau, die weiß, was sie will, sich aber trotzdem nicht wie ein Mann benimmt - dem doofen Titel zum Trotz (der noch dazu falsch ist, denn Marie stellt ganze Wachsfiguren her, gemalt wird da nur wenig).

Der historische Hintergrund ist geschickt mit dem Romangeschehen verwoben, hier wird Geschichte lebendig. Wünschenswert wäre nur manchmal etwas deutlichere zeitliche Orientierung gewesen, nach Zeitsprüngen ist gelegentlich nicht ganz klar, in welchem Jahr man sich eigentlich gerade befindet.

Die Figurenzeichnung ist nicht übermäßig raffiniert, doch die Charaktere sind erfreulich wandlungsfähig, so dass bis zum Schluss spannend bleibt, wer auf welcher Seite steht.

Auch eine kitschige Romanze sucht man vergebens. Maries Liebelei mit dem Maler Jacques-Louis David spielt zwar eine wichtige Rolle, rückt aber nicht in störender Weise in den Vordergrund.

Ein solider historischer Roman über die Frau, deren Idee bis heute Millionen von Menschen fasziniert, und eine interessante, wenn auch blutige Epoche.

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The best piety is to enjoy--when you can. You are doing the most then to save the earth's character as an agreeable planet. And enjoyment radiates. It is of no use to try and take care of all the world; that is being taken care of when you feel delight--in art or in anything else. Would you turn all the youth of the world into a tragic chorus, wailing and moralising over misery?
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Erendis

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Re: Sabine Weiß - Die Wachsmalerin
« Antwort #1 am: 31. Dezember 2011, 23:30:58 »

Meine Meinung:

Das Buch beginnt mit einer Szene im Paris des Jahres 1794; ein Jahr, in dem jeder Bürger der Stadt Angst vor seinen Nachbarn haben musste. Angst, denunziert und verraten zu werden und dem gnadenlosen Terrorregime Robespierres zum Opfer zu fallen. Genau das widerfährt Marie Grosholtz und ihrer Mutter Anna im Prolog dieses Buches, der mich sofort in den Bann zog.

Sabine Weiß erzählt glaubwürdig und spannend die Lebensgeschichte der legendären Wachsmalerin Madame Tussaud. Nach dem Prolog werden wir in Maries fünftes Lebensjahr zurückversetzt und werfen einen Blick auf die Kindheit der Henkerstochter in Straßburg.  Und diese ist nicht leicht: Maries Vater hat die Familie verlassen hat und aufgrund ihrer Herkunft ist sie Schikanen und Hänseleinen der anderen Kinder ausgesetzt. Nicht zuletzt deshalb beschließt die Mutter, mit ihrer Tochter nach Paris zu gehen, wo sie als Haushälterin für den Arzt und Wachskünstler Curtius arbeiten kann. Dieser erweist Marie schließlich die Ehre, ihr sein Handwerk beizubringen; sehr zur Missbilligung der Mutter, die ihre Tochter lieber früh verheiratet sähe.

Die Autorin breitet episodisch das junge Leben der Marie Tussaud vor dem Hintergrund der französischen Revolution und dem damit verbundenen Untergang des Ancien Régime aus. Von der Hochzeit des Königspaares, Ludwig XVI und Marie Antoinette, bis hin zu deren gewaltsamen Tod im Zuge des Umsturzes in den Revolutionsjahren, vom Freudentaumel der neu gewonnenen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bis hin zum blutigen Terrorregime, wird die Lebensgeschichte der Protagonistin gekonnt mit den bewegenden historischen Ereignissen verflochten.

Zudem muss Marie sich mit ihren starken Gefühlen gegenüber dem ehrgeizigen Maler Jacques-Louis David auseinandersetzen; eine Liebe die sich als unglücklich erweist und sich schließlich sogar zur ernsthaften Gefahr für die Künstlerin entwickeln könnte. Auch eine durch Neid und Misstrauen auseinanderbrechende Freundschaft transportiert die Folgen der Revolution direkt in Maries Leben.

 Dabei hält sich Sabine Weiß eng an die veröffentlichten Lebenserinnerungen der Künstlerin, was dem Buch große Authentizität verleiht. Aufgrund ihres Berufes begegnet Marie im Verlauf der Geschichte immer wieder Berühmtheiten dieser Zeit, sei es großen Philosophen wie Voltaire, Mitgliedern der königlichen Familie und führenden Revolutionären wie Robespierre. Alle diese historischen Figuren werden plastisch und glaubhaft ausgestaltet, so dass ich jederzeit das Gefühl hatte, dass sich alles tatsächlich so ereignet haben könnte.

Der Geist der Revolution, die anfängliche Begeisterung und Euphorie, die sich allmählich, mit der Etablierung des Schreckensregimes um Robespierre, in Grauen und Furcht wandelt – all das kann der Leser in diesem Buch förmlich spüren. Das gilt auch für Maries Leiden, ihre Angst um ihre Familie, sich selbst und nicht zuletzt den geliebten Wachssalon, den sie mit ihrem Onkel Curtius leitet. Die Angst vor Denunziation und davor, sich durch eine unbedachte Handlung oder unbedachte Worte als schlechte Patriotin und Verräterin Frankreichs verdächtig zu machen, bestimmt während der Terrorherrschaft ihr Leben. Diese ständige Furcht stellt die Autorin sehr eindringlich dar.

Der Sprachstil ist leicht und angenehm, so dass der Leser sich ganz auf den Inhalt konzentrieren kann. Dieser Inhalt mutet an wie eine Geschichtsstunde, so dass ich das Buch sogar auch als Unterrichtslektüre zum Thema der Französischen Revolution empfehlen würde. So erhielt ich – neben dem Einblick in die Lebensgeschichte einer starken und bewundernswerten Frau – auch noch eine lehrreiche Auffrischung des Geschichtsunterrichts.

Ein kleines Manko des Buches sind die Dialoge, die teilweise vor allem zur Vermittlung von Faktenwissen zu dienen scheinen und dadurch stellenweise etwas hölzern und konstruiert wirken. Zudem wechselt die Autorin zuweilen plötzlich vom (dominierenden) Präteritum ins Präsens, was mich etwas verwundert hat.

Alles in allem ist „Die Wachsmalerin“ aber ein spannender und auch lehrreicher historischer Roman, der mich in die Zeit der Französischen Revolution eintauchen und mit der jungen Madame Tussaud den Untergang des Ancien Régime erleben ließ.

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LG,
Erendis

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