Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren.

E-Mail: Passwort:

Autor Thema: Yasushi Inoue - Das Jagdgewehr  (Gelesen 533 mal)

MacOss

  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Männlich
  • Beiträge: 1615
Yasushi Inoue - Das Jagdgewehr
« am: 12. Januar 2010, 17:12:08 »


  Yasushi Inoue (1907-1991)
Das Jagdgewehr
Originaltitel: 猟銃 ryōjū
Erstveröffentlichung: 1949
aus dem Japanischen von Oscar Benl
Verlag: Suhrkamp
Taschenbuch
98 Seiten

Klappentext (gebundene Ausgabe)
Mit einem Jagdgewehr „auf dem wunderlich einsam wirkenden Rücken des Jägers“, der seinen Weg durchs Gebirge zieht, fängt alles an. Fasziniert von diesem Bild, schreibt ein Dichter das Gedicht „Das Jagdgewehr“. Der einsame Jäger liest das Gedicht in seiner „Jägerzeitung“, erkennt sich selbst in den Zeilen wieder und schreibt dem Dichter, genauer: Er schickt ihm die Abschiedsbriefe dreier Frauen, die sein Leben bestimmten: seiner Frau, seiner Geliebten und deren Tochter. Aus drei Perspektiven erzählen diese Briefe die Geschichte seines Lebens, die Geschichte einer verbotenen Liebe, die in Wirklichkeit eine Geschichte der Einsamkeit ist. Und sie erklären, weshalb der Mann mit dem Jagdgewehr so still und einsam seinen Weg geht.

Meine Meinung
Das Besondere an dieser Erzählung ist die Form: Es findet keine eigentliche Handlung statt, denn alles, was geschieht bzw. geschah, wird in den Briefen der drei Frauen geschildert. In diesen Briefen - allesamt auf die eine oder andere Weise Abschiedsbriefe - setzt sich mosaikartig das Leben des einsamen Jägers vor den Augen des Lesers zusammen.

Da ist die betrogene Ehefrau, die all' die Jahre von der Geliebten ihres Gatten wusste und ihn im Gegenzug genauso betrog. Dann ist da die Geliebte, die während all' der Jahre ihrer verbotenen Liebe hin und her gerissen, letztlich aber glücklich war, auch wenn sie sich stets über das Unrecht dabei im Klaren war. Und schließlich die Tochter der Geliebten, die erst aus den Tagebüchern ihrer Mutter von der Liebesbeziehung erfährt.

Schlicht und nüchtern, aber stets in einer schönen Sprache wird die Geschichte des Jägers vor dem Leser ausgebreitet. Jede der Frauen schildert mit ihren eigenen Worten und aus ihrer Sicht, wie das Lügengebäude nach all' der Zeit einstürzt. Hier braucht es keinen Cliffhanger oder unerwartete Wendungen. Alles, was geschieht, geschieht folgerichtig, und doch scheint die Katastrophe unausweichlich und unvermeidbar - das Leben des Jägers bricht auseinander.

Das erweckt streckenweise den Eindruck, als werde hier mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger gewedelt, aber natürlich spiegelt sich in dem Buch die japanische Gesellschaft um die Mitte des 20. Jahrhunderts wider, und das hat mich sehr fasziniert. Man kann erkennen, welche gesellschaftlichen Zwänge damals herrschten, welche Rolle Ehre und Anstand spielten und was die Aufdeckung eines Ehebruchs bedeutete. Nicht umsonst hat die Enthüllung der Liebesbeziehung in diesem Buch fatale Folgen...

Das Buch hat mir eine schöne Lesezeit bereitet und bekommt von mir:
4ratten
« Letzte Änderung: 31. Oktober 2010, 16:10:14 von MacOss »
Gespeichert

HoldenCaulfield

  • Käferprinzessin
  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 10897
Re: Yasushi Inoue - Das Jagdgewehr
« Antwort #1 am: 05. Januar 2012, 18:18:43 »

Meine Meinung:
Dieses kleine Büchlein hat mir einen stürmischen Nachmittag versüßt.
Durch diese Ausgangssituation bekommt man beim Lesen irgendwie eine gewisse Distanz, weil man den Rahmenerzähler im Kopf hat. Man wäre dem ganzen wohl näher wenn man die Briefe aus der Sicht des eigentlichen Empfängers lesen würde. Denn auch der Erzähler offenbart seine eigenen Gedanken zu den Briefen nicht, schreibt sogar es sei wohl besser so. So bleibt man als Leser mit seinen Gedanken zu den Briefen allein gelassen- eine ganz wunderbare Einsamkeit.

Irgendwie war ich  ganz versunken.  Für mich lasen sich die drei  Briefe  sehr eindringlich und vorallem auch sehr nachvollziehbar. Ich konnte mir total gut vorstellen das eine Frau - selbst wenn sie nicht aus Japan ist und es in der heutigen Zeit passieren würde, so oder ähnlich reagieren und handeln würde. Obwohl man wie erwähnt eine Gewisse Distanz wahrt, kommt man Shoko als auch ihrer Mutter Saiko und Midori, der Eherfrau Josukes  doch auch irgendwie nahe. Es war ganz eigentümlich. Nähe und Abstand gleichermaßen. Denn vor allem Midori, schreibt sehr distanziert und lässt ihren Mann spüren das wirkliche Nähe nie möglich gewesen war. Sehr schön fand ich die Veränderung des Tonfalles sodass man wirklich das Gefühl hatte jeweils den Brief einer völlig anderen Person zu lesen.

Am Ende bleibt die Frage warum er die Briefe dem Erzähler geschickt hat. Wollte er sie vielleicht doch aus dem Haus haben, sich der Wahrheit in ihnen nicht weiter stellen? Er hat den Erzähler gebeten die Briefe nach dem Lesen zu verbrennen. Übrigens auch mit dem Zusatz das der Erzähler über die Briefe ihn selbst kennenlernen würde. Über die Briefe anderer, nicht über die eigenen Aussagen. Ich persönlich habe mich aber viel intensiver mit den Frauen hinter diesen Briefen beschäftigt, das auch ein Mann, an den die Briefe ja gerichtet waren, in ihrem Leben eine Rolle spielte nahm ich immer eher am Rande wahr. Vielleicht sagt das sogar mehr über Josuke aus als man glaubt... 
Ein sehr melancholisches Büchlein das mir aber gut gefallen hat. Vor allem weil seine drei Fraugenfiguren für mich sehr realistisch gezeichnet waren. Auch abseits der damals vorherrschenden moralischen Zwänge könnte ich mir doch vorstellen das bestimmte Handlungen auch heute noch denkbar wären.

4ratten
Gespeichert
Seltsam im Nebel zu wandern.... H.Hesse

"[...] wir sind hier alle verrückt. Ich bin verrückt, du bist verrückt" *L.Carroll*

Mein Interview mit Gail Carriger :elch:
Sonnenschirm