Eduard von Keyserling – Im stillen Winkel. Erzählungen. Manesse, 247 Seiten.


Der Band enthält drei jeweils etwa 70 Seiten lange Erzählungen:
Harmonie (1905)
Seine Liebeserfahrung (1906)
Im stillen Winkel (1918)
Amazon-Kurzbeschreibung (bearbeitet)Nach der gefeierten Wiederentdeckung: Drei weitere Glanzstücke aus Keyserlings meisterhaftem Erzählwerk.
Er ist der Dichter des schweren Nachmittagslichts, der flimmernden Unruhe und schwebend-zarten Melancholie: Eduard von Keyserling, der »Fontane in Moll« (Tilman Krause). Eindrucksvoll bestätigt er in diesem Erzählband seinen Ruf als großartiger Stilist und Virtuose des literarischen Impressionismus in Deutschland.
Erneut sind es subtile Seelendramen, die Keyserling vor der Kulisse einer intensiv empfundenen Natur stimmungsvoll und mit sicherem Blick für die Psychologie seiner Figuren in Szene setzt
Zu zögerlich agiert der Held der ersten Erzählung „Harmonie“, ein zielloser Weltreisender, der nach langer Trennung erstmals wieder auf seine seelisch labile Ehefrau trifft. Die Gesellschaft auf dem heimischen Schloss scheint ihm fremd, er glaubt die »Harmonie« der Anwesenden zu stören, doch zu einer offenen Aussprache fehlen ihm Kraft und Entschlossenheit.
In »Seine Liebeserfahrung«, der zweiten Erzählung, die in Tagebuchform niedergeschrieben wurde, umspielt er den eitlen Narzissmus eines angehenden Schriftstellers mit ironischer Heiterkeit. Als der junge Mann eine offensichtlich unglücklich verheiratete Dame kennenlernt, bleibt er all zu lange über seine Gefühle für sie im Unklaren, laviert und vergibt das nahe Glück.
Die Landvilla einer wohlhabenden Bankiersfamilie ist schließlich Schauplatz der titelgebenden Geschichte, in deren Mittelpunkt der elfjährige Sohn Paul steht. Der Knabe, der »ein seltsam starkes Gefühl für die Unsicherheit unsres Daseins« hat, beobachtet das Werben eines leichtlebigen Bankvolontärs um seine Mutter mit Neugier; erwachen doch auch in ihm erstmals Gefühle für eine junge Dame. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges angesiedelt, erweist sich Keyserlings Erzählung als zarte Elegie auf das Leben einer Gesellschaft voller unbefriedigter Sehnsüchte.
MeinungDie FAZ bemerkt in ihrer Rezension, dass die drei Novellen zum Besten, Modernsten gehören, was Eduard von Keyserling geschrieben hat. Ich kann mich dem nicht vorbehaltlos anschließen. Während die erste Geschichte sehr einfühlsam beschreibt, wie ein geradlinig denkender Ehemann auf seine sensibel fühlende Ehefrau trifft und für diese wenig Verständnis aufbring, kommen die beiden anderen Geschichten wesentlich moderner daher. In der ersten Geschichte fabuliert Keyserling im typisch romantischen Ton, den man aus seinem Roman „Wellen“ kennt. Die beiden anderen Geschichten weisen eine versänderte, modernere Tonlage auf, über die ich doch recht überrascht war und mich nicht vollkommen überzeugt.
Die Titelgeschichte spielt am Vorabend des Ersten Weltkrieges und behandelt das Kriegsthema, welches jedoch in zwei „persönliche“ Erzählstränge eingebettet wird: Zum einen in die Geschichte um den sich in seiner Person und in seinen Gefühlen nicht sicher fühlenden elfjährigen Jungen Paul. Zum anderen in die Geschichte um das Werben eines Liebhabers um Pauls Mutter. Der Liebhaber ist ein Angestellter von Pauls Vater, der als Bankdirektor tätig ist, bevor es zum Krieg kommt. Keyserling zeigt hier auf eine sehr leise Weise die Grausamkeit des Krieges exemplarisch auf. Das ist durchaus gelungen.

Gruß, Thomas