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Autor Thema: Andrzej Szczypiorski - Die schöne Frau Seidenman  (Gelesen 2103 mal)

Saltanah

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Antw:Andrzej Szczypiorski - Die schöne Frau Seidenmann
« Antwort #15 am: 14. Januar 2010, 13:07:08 »

Ich habe gestern abend das 16. Kap. beendet und befinde mich mittlerweile auch im "philosophischen" Teil. Auch mir fällt es nun schwerer, dem Buch zu folgen. Alles verstehe ich nicht, was zum Teil auch daran liegt, dass mir die polnische Geschichte nicht wirklich vertraut ist. Das in Verbindung mit den philosophischen Betrachtungen, die angestellt werden und einer längeren Lesepause machen mir den Zugang zum Buch schwerer.

Im 14. Kapitel musste ich mächtig schlucken. Der Streifen Licht, der durch die geöffnete Tür fällt, bedeutet das ganze gewesene und zukünftige Leben vom alten Fichtelbaum. Dieser Lichtstreifen und wie der alte Mann davor sitzt und wartet, ist einfach nur beeindruckend und erschütternd zugleich. Dieses simple Bild, in seiner Tragik so wunderschön, hat mich unglaublich berührt.

Ja, das war ein ganz starkes Bild. Ähnlich stark hat auf mich das letzte Treffen von Henryk und Pawel im 16. Kapitel berührt. Pawel, der sich bewusst ist, seinen besten Freund nie wiederzusehen, versucht, Henio im Gedächtnis zu bewahren, während der zunehmende Abstand zwischen den beiden gleichzeitig durch den Wechsel von den Kose- zu ihren "richtigen" Namen betont wird.
Dann wird es richtig philosophisch und wie Bimo schrieb, pessimistisch. Die Überlegungen des erwachsenen Pawel, welchen Unterschied es zwischen dem Tod durch Erschießen oder durch Krebs gibt (S. 210/211), zeugt für mich für eine latente Depression. Pawel hat zwar überlebt, seine Lebensfreude nicht. Er ist für immer gezeichnet, wie wohl die anderen Personen im Buch auch.
Zwar redet er von einem neuen Anfang (S. 207) - meiner Meinung nach die Schlüsselszene für den Originaltitel - aber ein Neuanfang im Sinne von "jetzt wird alles besser" ist es nicht. Zwar nimmt der Krieg ein Ende, aber wirklich glücklicher werden die Menschen später auch nicht. Das ist wohl nicht nur auf den Kommunismus zurückzuführen, sondern auf die menschliche Natur an sich. Der Friede, anfangs wundervoll, wird später "nur noch selbstverständlich und noch etwas später langweilig und banal. Und nicht mehr der Krieg war schrecklich, sondern der Friede." Hier liegt der Schluss nahe, dass das Leben an sich schrecklich ist, wie auch immer die Situation aussieht. Die jungen Leute leiden unter den neuen, besseren (?) Verhältnissen noch mehr als Pawel, der "sich an eine vollkommenere Hölle erinnern" konnte (S. 211).
Ein richtig herunterziehender Gedankengang - man sollte das Buch glaube ich nicht lesen, wenn man sowieso schon niedergeschlagen ist. Ich kann den Gedanken folgen, muss sie sogar im Moment des Lesens für richtig halten, aber zum Glück wehrt sich etwas in mir dagegen. So darf es einfach nicht sein, sonst kann man sich ja genau so gut direkt umbringen; wieso auch nicht, wenn man ja - s. o. - sowieso sterben muss? Mache ich mir nur was vor? Verdränge ich die Wahrheit, wenn ich einen Unterschied zwischen einem gewaltsamen und einem normalen Tod sehe? Ach je - eine richtige Antwort habe ich darauf nicht, aber außer in meinen depressiven Phasen, in denen ich Pawel sehr gut verstehen kann, glaube ich doch an die Möglichkeit eines erfüllten Lebens und an die Wichtigkeit moralischen Handelns.
Unklar ist mir noch, wie weit Szczypiorski selbst den dargestellten Standpunkt vertritt, oder ob er nur eine existierende Denkweise darstellt. Eventuell gibt das Ende eine Antwort darauf, aber wirklich wichtig ist sie eigentlich nicht.

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Wickie

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Antw:Andrzej Szczypiorski - Die schöne Frau Seidenmann
« Antwort #16 am: 16. Januar 2010, 12:49:34 »

Ich bin letzte Woche leider kaum zum lesen gekommen. Ich habe jetzt Kapitel 11 beendet.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir genau das Kapiel 11 über die Rettung von Frau Seidemann. Gewundert habe ich mich wie wenig Frau Seidemann ihre Gefangenschaft und Rettung in ihrem späteren Leben beschäftigt und beeinflusst hat. Dagegen ist ihr das Unrecht das ihr im Kommunissmus wiederfahren ist viel stärker im Gedächtnis geblieben.
Tragisch ist das Schicksaal ihres Retters Johannes Müller, der Polen als seine Heimat begreift, dort aber nicht bleiben kann weil er auf dem Papier Deutscher ist.

Das 9. Kapitel fand ich bis jetzt am "heitersten". Wiktor wird so kauzig beschrieben, wie er es auch ist. Besonders gelungen fand ich seine Bemerkung, dass eine Frau so ängstlich wie Hitlers Arsch war. :breitgrins: Einfach nur klasse! Das werde ich wohl nie wieder vergessen.
Ja das Kapitel war wirklich toll. Ich fand es aber nicht nur sehr lustig sondern es hat mich auch zum nachdenken gebracht. Eigentlich ist Wiktor ja einer der "Helden" die viele Juden vor dem sicheren Tod bewahrt haben. Für ihn war das allerdings nur eine Gaunerei wie jede andere auch und er hat es auch nur gemacht, weil er gut dafür bezahlt worden ist. Für mich stellt sich da die Frage: Ist Wiktor ein Held oder ein Gauner?


Noch eine Info am Rande: Der polnische Titel Początek bedeutet eigentlich Der Anfang. (Quelle wiki)


Ich bin jetzt auch mal dazu gekommen mir ein paar Gedanken über den Originaltitel zu machen und ich denke nicht dass er sich auf das Leben der Personen bezieht. Für diese sind die Ereignisse während der Nazizeit selten besonders prägend oder gar eine Art Neuanfang. Besonders deutlich wird das bei der Geschichte von Frau Seidenman. Ich glaube vielmehr dass Szczypiorski damit andeuten will, dass der Nazionalsozialisms erst der Anfang ein einer Epoche der Totalitarismen ist. So ähnlich schreibt es es ja auch in Kapiel 9.
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JaneEyre

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Antw:Andrzej Szczypiorski - Die schöne Frau Seidenmann
« Antwort #17 am: 17. Januar 2010, 09:12:56 »

Ich habe gestern abend das 16. Kap. beendet und befinde mich mittlerweile auch im "philosophischen" Teil. Auch mir fällt es nun schwerer, dem Buch zu folgen. Alles verstehe ich nicht, was zum Teil auch daran liegt, dass mir die polnische Geschichte nicht wirklich vertraut ist. Das in Verbindung mit den philosophischen Betrachtungen, die angestellt werden und einer längeren Lesepause machen mir den Zugang zum Buch schwerer.

Ich habe das buch nun beendet und ich kann euch mit dem philosophischen Teil ab Kapitel 16 sehr zustimmen. Sehr traurig fand ich auch das Kapitel über den alten H. Fichtelbaum, wie er sich damit abgefunden hat zu sterben und nur darauf wartet abgeholt zu werden. Ebenso berührt hat auch mich der Teil wo Pawel und Henryk sich das letzte Mal sehen und das auch wissen. Und sich dann auf einmal nur noch mit ihren richtigen Vornamen ansprechen und es dann nicht richtig schaffen sich zu verabschieden, das fand ich sehr traurig.

Ich bin jetzt auch mal dazu gekommen mir ein paar Gedanken über den Originaltitel zu machen und ich denke nicht dass er sich auf das Leben der Personen bezieht. Für diese sind die Ereignisse während der Nazizeit selten besonders prägend oder gar eine Art Neuanfang. Besonders deutlich wird das bei der Geschichte von Frau Seidenman. Ich glaube vielmehr dass Szczypiorski damit andeuten will, dass der Nazionalsozialisms erst der Anfang ein einer Epoche der Totalitarismen ist. So ähnlich schreibt es es ja auch in Kapiel 9.

Das könnte natürlich auch der Fall sein, wobei ich mir da nicht sehr sicher bin.

Ein richtig herunterziehender Gedankengang - man sollte das Buch glaube ich nicht lesen, wenn man sowieso schon niedergeschlagen ist. Ich kann den Gedanken folgen, muss sie sogar im Moment des Lesens für richtig halten, aber zum Glück wehrt sich etwas in mir dagegen. So darf es einfach nicht sein, sonst kann man sich ja genau so gut direkt umbringen; wieso auch nicht, wenn man ja - s. o. - sowieso sterben muss? Mache ich mir nur was vor? Verdränge ich die Wahrheit, wenn ich einen Unterschied zwischen einem gewaltsamen und einem normalen Tod sehe? Ach je - eine richtige Antwort habe ich darauf nicht, aber außer in meinen depressiven Phasen, in denen ich Pawel sehr gut verstehen kann, glaube ich doch an die Möglichkeit eines erfüllten Lebens und an die Wichtigkeit moralischen Handelns.

So würde ich nicht denken Saltanah, es lohnt sich immer zu leben und dafür zu kämpfen. Das Leben ist eben kein Picknick und man muß was dafür tun, dass es sich gut anfühlt, man glücklich sein kann usw. Natürlich war das damals nicht nur von einem selber abhängig, aber mit viel Willen und etwas Hilfe von außen (die es ja mehrfach gab) kann man es schaffen und was daraus machen. Auf alle fälle gibt es einen Unterschied zischen einem gewaltsamen und einem natürlichen tod, so sehe ich das auch.
Ich hoffe Ihr blickt hier durch - das mit den Zitaten einfügen klappt bei mir immer nicht so wie ich will.

Ich habe die Zitate kenntlichgemacht und die Farben rausgenommen. Denk bitte auch an Leute, die hier mit anderen Designthemes unterwegs sind. Was für Dich noch in Ordnung aussieht, mag für andere unleserlich sein. LG, Aldawen
« Letzte Änderung: 17. Januar 2010, 09:18:06 von Aldawen »
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Saltanah

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Antw:Andrzej Szczypiorski - Die schöne Frau Seidenmann
« Antwort #18 am: 17. Januar 2010, 14:05:26 »

Ich bin jetzt auch mal dazu gekommen mir ein paar Gedanken über den Originaltitel zu machen und ich denke nicht dass er sich auf das Leben der Personen bezieht. Für diese sind die Ereignisse während der Nazizeit selten besonders prägend oder gar eine Art Neuanfang.  Ich glaube vielmehr dass Szczypiorski damit andeuten will, dass der Nazionalsozialisms erst der Anfang ein einer Epoche der Totalitarismen ist. So ähnlich schreibt es es ja auch in Kapiel 9.

Ja, es könnte es natürlich auch sein, dass Szczypiorski das auf die politischen Verhältnisse bezieht.
Allerdings glaube ich, dass sich der Titel auch auf das Leben der Personen bezieht. Für diese ist die Nazizeit schon prägend. Ihr altes Leben nimmt ja doch ein abruptes Ende, obwohl das hier im Buch durch die relativ emotionslose Darstellung etwas verschleiert wird. An einer Stelle heißt es (S. 58) z. B., dass die Polen nicht mehr das sind, was sie einmal waren. Ich denke, dass wir das Problem haben, mit einem "Anfang" etwas Positives zu assoziieren, aber positiv verändert sich das Leben der Protagonisten nach dem Krieg ja nicht direkt.
Aber je länger ich darüber nachdenke - vielleicht spielt Szczypiorski mit dem Titel ja tatsächlich auf die Politik an: Will er damit die Kommunisten bloßstellen, die (vermute ich) groß tönten, im neuen Polen wäre alles ganz anders und natürlich viel besser und überhaupt... Während der Autor hier zeigt, wie gering die Veränderungen eigentlich sind, und wie unglücklich die Menschen auch im Kommunismus sind. Ein ironischer Titel also?

Gerade im letzten Kapitel auch zeigt Szczypiorski ja die"Traditionen" auf, die sich durch die Jahrhunderte und Jahrtausende zieht: Die Starken misshandeln die Schwachen, egal ob es sich bei den Mächtigen um Römer, Nazis oder israelische Juden handelt. Kein Neuanfang also, nur die Fortsetzung alter Verhaltensweisen unter anderen Vorzeichen. Deprimierend, so wie das ganze Buch ganz schön deprimierend ist. Nicht wegen der entsetzlichen Untaten der Nazis, sondern wegen der fehlenden positiven Entwicklung für die Überlebenden und wegen des sehr traurigen Grundtons im gesamten Buch. Dieser Grundton wirkt auf mich noch bedrückender, weil es sich um keine lautstarke Klage im Stil von Hiob handelt, sondern eine akzeptierende, hoffnungslose Trauer. Mich hat die Lektüre jedenfalls ziemlich mitgenommen.
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Wickie

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Antw:Andrzej Szczypiorski - Die schöne Frau Seidenmann
« Antwort #19 am: 17. Januar 2010, 15:27:36 »

Aber je länger ich darüber nachdenke - vielleicht spielt Szczypiorski mit dem Titel ja tatsächlich auf die Politik an: Will er damit die Kommunisten bloßstellen, die (vermute ich) groß tönten, im neuen Polen wäre alles ganz anders und natürlich viel besser und überhaupt... Während der Autor hier zeigt, wie gering die Veränderungen eigentlich sind, und wie unglücklich die Menschen auch im Kommunismus sind. Ein ironischer Titel also?

Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Die Kritik am Kommunismus kommt ja im Buch auch immer wieder durch. Besonders bei der Geschichte der Frau Seidemann, die das Unrecht dass ihr durch die Kommunisten geschiet als sehr viel schlimmer empfindet als ihr Verhaftung durch die Nazis.
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JaneEyre

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Antw:Andrzej Szczypiorski - Die schöne Frau Seidenmann
« Antwort #20 am: 18. Januar 2010, 10:23:30 »



Gerade im letzten Kapitel auch zeigt Szczypiorski ja die"Traditionen" auf, die sich durch die Jahrhunderte und Jahrtausende zieht: Die Starken misshandeln die Schwachen, egal ob es sich bei den Mächtigen um Römer, Nazis oder israelische Juden handelt. Kein Neuanfang also, nur die Fortsetzung alter Verhaltensweisen unter anderen Vorzeichen. Deprimierend, so wie das ganze Buch ganz schön deprimierend ist. Nicht wegen der entsetzlichen Untaten der Nazis, sondern wegen der fehlenden positiven Entwicklung für die Überlebenden und wegen des sehr traurigen Grundtons im gesamten Buch. Dieser Grundton wirkt auf mich noch bedrückender, weil es sich um keine lautstarke Klage im Stil von Hiob handelt, sondern eine akzeptierende, hoffnungslose Trauer. Mich hat die Lektüre jedenfalls ziemlich mitgenommen.

Ich finde das Buch jetzt nicht deprimierend -aber schon teilweise sehr traurig. Stimmt Saltanah - die Entwicklung der Überlebenden klingt nicht wirklich positiv. Durch die emotionslose Schreibweise des Schriftstellers empfand ich das alles jetzt aber auch nicht so deprimierend wie evtl. Du - vielleicht war das ja auch etwas beabsichtigt??
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Antw:Andrzej Szczypiorski - Die schöne Frau Seidenmann
« Antwort #21 am: 21. Januar 2010, 18:15:03 »

Ich habe jetzt beschlossen, das Buch erst einmal zur Seite zu legen, da ich nicht so richtig weiterkomme. Das liegt allerdings nicht daran dass es mir nicht mehr gefällt. Ich habe im Moment nur jede Menge für die Uni zu lesen und kann mich desshalb abends nicht mehr so gut auf das Buch konzentrieren. Da brauche ich einfach etwas leichtes zum Entspannen.
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