Ich habe gestern abend das
16. Kap. beendet und befinde mich mittlerweile auch im "philosophischen" Teil. Auch mir fällt es nun schwerer, dem Buch zu folgen. Alles verstehe ich nicht, was zum Teil auch daran liegt, dass mir die polnische Geschichte nicht wirklich vertraut ist. Das in Verbindung mit den philosophischen Betrachtungen, die angestellt werden und einer längeren Lesepause machen mir den Zugang zum Buch schwerer.
Im 14. Kapitel musste ich mächtig schlucken. Der Streifen Licht, der durch die geöffnete Tür fällt, bedeutet das ganze gewesene und zukünftige Leben vom alten Fichtelbaum. Dieser Lichtstreifen und wie der alte Mann davor sitzt und wartet, ist einfach nur beeindruckend und erschütternd zugleich. Dieses simple Bild, in seiner Tragik so wunderschön, hat mich unglaublich berührt.
Ja, das war ein ganz starkes Bild. Ähnlich stark hat auf mich das letzte Treffen von Henryk und Pawel im 16. Kapitel berührt. Pawel, der sich bewusst ist, seinen besten Freund nie wiederzusehen, versucht, Henio im Gedächtnis zu bewahren, während der zunehmende Abstand zwischen den beiden gleichzeitig durch den Wechsel von den Kose- zu ihren "richtigen" Namen betont wird.
Dann wird es richtig philosophisch und wie Bimo schrieb, pessimistisch. Die Überlegungen des erwachsenen Pawel, welchen Unterschied es zwischen dem Tod durch Erschießen oder durch Krebs gibt (S. 210/211), zeugt für mich für eine latente Depression. Pawel hat zwar überlebt, seine Lebensfreude nicht. Er ist für immer gezeichnet, wie wohl die anderen Personen im Buch auch.
Zwar redet er von einem neuen
Anfang (S. 207) - meiner Meinung nach die Schlüsselszene für den Originaltitel - aber ein Neuanfang im Sinne von "jetzt wird alles besser" ist es nicht. Zwar nimmt der Krieg ein Ende, aber wirklich glücklicher werden die Menschen später auch nicht. Das ist wohl nicht nur auf den Kommunismus zurückzuführen, sondern auf die menschliche Natur an sich. Der Friede, anfangs wundervoll, wird später
"nur noch selbstverständlich und noch etwas später langweilig und banal. Und nicht mehr der Krieg war schrecklich, sondern der Friede." Hier liegt der Schluss nahe, dass das Leben an sich schrecklich ist, wie auch immer die Situation aussieht. Die jungen Leute leiden unter den neuen, besseren (?) Verhältnissen noch mehr als Pawel, der
"sich an eine vollkommenere Hölle erinnern" konnte (S. 211).
Ein richtig herunterziehender Gedankengang - man sollte das Buch glaube ich nicht lesen, wenn man sowieso schon niedergeschlagen ist. Ich kann den Gedanken folgen, muss sie sogar im Moment des Lesens für richtig halten, aber zum Glück wehrt sich etwas in mir dagegen. So
darf es einfach nicht sein, sonst kann man sich ja genau so gut direkt umbringen; wieso auch nicht, wenn man ja - s. o. - sowieso sterben muss? Mache ich mir nur was vor? Verdränge ich die Wahrheit, wenn ich einen Unterschied zwischen einem gewaltsamen und einem normalen Tod sehe? Ach je - eine richtige Antwort habe ich darauf nicht, aber außer in meinen depressiven Phasen, in denen ich Pawel sehr gut verstehen kann, glaube ich doch an die Möglichkeit eines erfüllten Lebens und an die Wichtigkeit moralischen Handelns.
Unklar ist mir noch, wie weit Szczypiorski selbst den dargestellten Standpunkt vertritt, oder ob er nur eine existierende Denkweise darstellt. Eventuell gibt das Ende eine Antwort darauf, aber wirklich wichtig ist sie eigentlich nicht.