Hallo liebe Mitleserinnen,
gestern habe ich die ersten 6 Kapitel gelesen und kann schon jetzt feststellen, dass das Buch eines meiner diesjährigen Highlights werden wird.
Nicht nur inhaltlich gefällt mir das Buch. Ich bin auch begeistert von dem Erzählstil. Szczypiorski gelingt es, mit ganz wenigen Worten eine Welt und die daran lebenden Personen lebendig werden zu lassen. Ich bin ja sowieso keine Freundin von ausufernden Beschreibungen und merke hier mal wieder, wie überflüssig die meistens sind. Um eine Person einzuführen braucht man keine 50 Seiten (so wie ich es letztlich in einem Buch erlebt habe

); 2-3 Seiten können einen genau so umfassenden Eindruck von einer Person verleihen. Und nicht nur von einer Person - auch für die Beziehungen zwischen mehreren Personen reicht es, wie man z. B. gut an der Beschreibung von Henio Fichtelbaums und Pawel Krynskis Freundschaft im 2. Kapitel sehen kann.
Inhaltlich ist mir bisher aufgefallen, wie viele Personen doch bereit sind, den Juden zu helfen. Da sind Pawel, der seinen besten Freund zu beschützen versucht, der Bauer und die Prostituierte, die ihm länger oder kürzer Asyl gewähren, da ist Schwester Weronika, die jüdische Kinder für christliche ausgibt. Dabei handelt sie zwar nicht ganz selbstlos, da ihr Lebensziel ja die Missionierung von möglichst vielen Heiden ist, aber das macht sie nicht weniger zur Retterin. Was dann aus den geretteten Kindern wird, entspricht vielleicht nicht ganz ihren Erwartungen, aber auch das ist nicht wichtig.
Aber auch wenn es viele Helfer gibt, so ist der Antisemitismus doch immer greifbar. Richtig übel finde ich es, dass er mit Ende der Naziherrschaft kein Ende nimmt, sondern die Polen 1968 dann endgültig zu
"einem Volk einheitlichen, gemeinsamen, heimischen Blutes" (S. 78 TB) werden, indem die letzten Überlebenden aus dem Land geworfen werden. Was das Verschwinden der Juden für die Polen bedeutet, beschreibt Szczypiorski sehr gelungen so:
"(...) so wie fast alle anderen Menschen in dieser Stadt, die mir ihren Angelegenheiten, mit dem Alltagsleben beschäftigt sind und nicht wissen, dass sie verkrüppelt wurden, denn ohne die Juden sind sie nicht mehr jene Polen, die sie einst waren und für immer hätten bleiben sollen." (S. 58, Ende 4. Kap.)
In diesem Zusammenhang möchte ich noch bemerken, dass mir die Ausblicke in das Leben nach dem Krieg sehr gut gefallen. So bekommt die Geschichte noch eine weitere Dimension. Die "Helden" sind eben nicht Helden, sondern ganz normale Leute, deren Leben trotz eventueller guter Taten einen durchschnittlichen, nicht besonders glücklichen Verlauf nimmt. Das ist zwar desillusionierend, aber nicht minder wahr.