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Autor Thema: Nick Hornby - A Long Way Down  (Gelesen 2207 mal)

Doris

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Antw:Nick Hornby - A Long Way Down
« Antwort #15 am: 10. Januar 2010, 23:14:22 »

Jess' Familiensituation ist in der Tat komplexer, als man am Anfang der Geschichte annehmen konnte. Schrecklich dieser Vater voller Ideale, guter Absichten und schlechten Gewissens.

Da ja Jess die Geschichte erzählt, erfährt man nur wenig über die Empfindungen ihrer Familie zum Verlust der Schwester, deshalb dürfte darin der Knackpunkt zu finden sein. Vermutlich leidet sie zutiefst darunter, dass nicht sie, sondern ihre Schwester verschwunden ist, die das Lieblingskind der Eltern war. Jess ist ein völlig anderer Charakter (vielleicht hat sie sich auch erst nach dem Verschwinden dazu entwickelt) und wird ihren Eltern die Schwester nie ersetzen können. Wahrscheinlich wurde dieses Unglück nie richtig aufgearbeitet, nie wirklich darüber gesprochen, und nun versucht eben jeder, auf seine Art damit fertig zu werden. Wobei Jess mit ihrer sehr eigenwilligen Persönlichkeit ständig nur aneckt und gerade mit den guten Absichten des Vaters kollidiert. Tia könnte uns da sicher noch einiges Interessantes dazu erzählen.

Der Vergleich zwischen JJ und Werther ist mir noch gar nicht aufgefallen, aber jetzt, wo du es sagst...

Mit Martin wird es nicht besser im Verlauf des 3. Teils, wogegen Maureen anscheinend langsam aus dem Sumpf herauskommt.
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Lucius Annaeus Seneca

Breña

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Antw:Nick Hornby - A Long Way Down
« Antwort #16 am: 11. Januar 2010, 22:30:42 »

Liebe Grüße von der weiterhin hinterherhechelnden Leserin! :breitgrins:

Inzwischen dürftest Du mich überholt haben. Ich habe das Buch zwischenzeitlich nicht weitergelesen und habe jetzt wohl etwas aufzuholen. :zwinker:

Als unverstandenes Genie hat er ziemlich deutliche Werther-Züge, und ich vermute, dass Hornby hier auch wirklich bewusst Parallelen gezogen hat, vor allem dort, wo JJ von seiner "Krankheit zum Tode" redet.

Es wird wirklich Zeit, dass ich den Werther mal lese, statt immer nur verblüfft davon zu lesen, wo überall Anspielungen auftauchen. :rollen:

Jess' Familiensituation ist in der Tat komplexer, als man am Anfang der Geschichte annehmen konnte.

Ja, hier hat Hornby dem Leser geschickt eine Falle gestellt und mal wieder bewiesen, dass man nicht zu voreingenommen an jemanden herangehen sollte, auch wenn es nur eine literarische Figur ist. Ich fand es wirklich spannend, wie sich die Andeutungen schließlich immer konkreter, wie ein Puzzle, zu einem Gesamtbild gefügt haben.

Vermutlich leidet sie zutiefst darunter, dass nicht sie, sondern ihre Schwester verschwunden ist, die das Lieblingskind der Eltern war. [...] Wahrscheinlich wurde dieses Unglück nie richtig aufgearbeitet, nie wirklich darüber gesprochen, und nun versucht eben jeder, auf seine Art damit fertig zu werden.

Ich glaube nicht, dass sie darunter leidet, nicht selbst im Mittelpunkt des Unglücks zu stehen, sondern eher unter dem Nichtverarbeiten innerhalb der Familie und der fehlenden Aufmerksamkeit ihr gegenüber. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Eltern so mit ihrer eigenen Trauer und eventuellen Schuldzuweisungen beschäftigt sind, dass sie sich nicht ausreichend um ihre andere Tochter gekümmert haben - bis sie so widerspenstig und eigenwillig wurde wie sie jetzt eben ist.
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"Natürlich kann man sein ohne zu lesen, ohne Bücher, aber ich nicht, ich nicht."  J. L. Borges

Doris

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Antw:Nick Hornby - A Long Way Down
« Antwort #17 am: 11. Januar 2010, 22:59:46 »

Vermutlich leidet sie zutiefst darunter, dass nicht sie, sondern ihre Schwester verschwunden ist, die das Lieblingskind der Eltern war. [...] Wahrscheinlich wurde dieses Unglück nie richtig aufgearbeitet, nie wirklich darüber gesprochen, und nun versucht eben jeder, auf seine Art damit fertig zu werden.

Ich glaube nicht, dass sie darunter leidet, nicht selbst im Mittelpunkt des Unglücks zu stehen, sondern eher unter dem Nichtverarbeiten innerhalb der Familie und der fehlenden Aufmerksamkeit ihr gegenüber. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Eltern so mit ihrer eigenen Trauer und eventuellen Schuldzuweisungen beschäftigt sind, dass sie sich nicht ausreichend um ihre andere Tochter gekümmert haben - bis sie so widerspenstig und eigenwillig wurde wie sie jetzt eben ist.

Ich meinte nicht, dass Jess lieber selbst verschwunden wäre, damit man sich um sie Sorgen macht, sondern dass sie darunter leidet, dass ihre viel versprechende und hoffnungsvolle Schwester verschwunden ist und sie selbst außerstande ist, diese Lücke zu schließen, um den Kummer ihrer Eltern zu erleichtern. Es ist nicht selten, dass Geschwisterkinder so reagieren. Natürlich leidet sie auch darunter, wenn ihre Eltern nur noch an ihre Schwester denken, und kann das nur durch Aggressivität zum Ausdruck bringen, worauf dann die Eltern mit Ablehnung reagieren, und so geht das hin und her und schaukelt sich immer weiter hoch. Das ist sicher ein wesentlicher Grund für ihre Entwicklung, auch wenn dafür gewisse Anlagen vorhanden sein müssen.
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Doris

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Antw:Nick Hornby - A Long Way Down
« Antwort #18 am: 12. Januar 2010, 23:20:29 »

Ich bin heute fertig geworden. Über den Rest schreibe ich vorerst noch nicht, warte erst mal eure weiteren Kommentare ab.
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ink-heart

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Antw:Nick Hornby - A Long Way Down
« Antwort #19 am: 14. Januar 2010, 22:15:51 »

Es wird wirklich Zeit, dass ich den Werther mal lese, statt immer nur verblüfft davon zu lesen, wo überall Anspielungen auftauchen. :rollen:

Über das beste Werther-Alter bist du zwar hinaus :breitgrins:, aber trotzdem solltest du's irgendwann nachholen. :zwinker:

Ich hab's jetzt auch zerbissen und fand bis zum Schluss, dass es sich angenehm unanstrengend und unterhaltend liest. Und um mal was ansatzweise Kritisches zu sagen: Auch inhaltlich ist es eher leichte Kost geblieben, finde ich. Da gibt es einige interessante Wendungen, mehrere Erkenntnisse und Wahrheiten, die im Laufe der Zeit so ausgesprochen werden, aber ganz, ganz wenig, woran ich mich in vier Wochen noch erinnern werde, und nichts, was einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen hat (so wie bei Hustvedt, die ich bis heute nicht wieder losgeworden bin).

Maureen und ihre Situation entwickeln sich in diesem Teil gewaltig, was natürlich auch mit ihren bescheidenen Ansprüchen zusammenhängt, die für meinen Geschmack etwas zu oft etwas zu sehr betont werden. Ganz stark zum Beispiel ihr Gespräch mit Jess' Mutter, das ja tatsächlich einiges leichter zu machen scheint für Jess. Deren Idee der Zusammenkunft aller Beteiligten ist auch ganz schön schräg und ein witziger Einfall (nicht nur von Jess, auch von Hornby). Überhaupt finde ich, dass die Frauen die deutlich interessanteren Figuren sind, vielleicht allerdings auch ein bisschen zu klischeehaft extrem gezeichnet.  Auch JJs Perspektivwechsel ist gewaltig, allerdings nicht sehr realistisch. Mit sowas kämpfen die meisten Leute vermutlich Jahrzehnte lang. :zwinker: Einzig Martin bleibt ein Idiot und Unsympath bis zum Ende, das ja eigentlich gar keins ist. Und irgendwie ist es ja auch schön, dass er trotz all seiner Verkorkstheit ganz selbstverständlich dazugehört.

Auch die Schlussmetapher mit dem Millenium Wheel mag ich gerne und finde, dass sie wunderbar zum Roman passt: leicht verständlich, ein bisschen poetisch und resignativ-hoffnungsvoll.

Übrigens war dieses (vielleicht zusamen mit 'About a Boy", aber da ist das Lesen schon ganz lange her) das Buch von Hornby, das mir bisher am besten gefallen hat. In den anderen (vor allem "Fever Pitch" und "High Fidelity") sind mir die männlichen Hauptfiguren, denen man sehr viel weniger gut entrinnen konnte als JJ und Martin, furchtbar auf den Wecker gefallen.

Es hat Spaß gemacht mit euch zu lesen. :smile: Wenn du mich nicht angeschubst hättest, Breña, würde das Buch wahrscheinlich in zehn Jahren noch meinen SUB zieren. Hoffentlich klappts bald mal wieder! :winken:
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Doris

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Antw:Nick Hornby - A Long Way Down
« Antwort #20 am: 14. Januar 2010, 22:39:42 »

Vom Ende war ich im ersten Moment enttäuscht und konnte gar nicht glauben, dass es das nun schon gewesen sein sollte. Aber nach genauerem Überlegen sieht man ja, in welche Richtung die Geschichte treibt und kann sich seine Gedanken über den weiteren Weg der Vier selbst machen.

Auch inhaltlich ist es eher leichte Kost geblieben, finde ich.

So leichte Kost ist das Thema Selbstmord aber nicht, auch wenn Hornby es gut verpackt hat. Gut, vor dem Vollzug haben sie sich ja gegenseitig bewahrt, aber die Geschichten, die dahinter stecken, machen doch sehr nachdenklich, vor allem bei Maureen und Jess. Bei Martin bin ich einer Meinung mit dir. Eine Weile hatte ich zwar erwartet, dass er auf eine gewisse Weise geläutert wird, aber er ist der Typ, der immer die Schuld bei anderen sucht und findet, und solche Menschen ändern sich nicht so leicht, schon gar nicht in Martins Alter.
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Antw:Nick Hornby - A Long Way Down
« Antwort #21 am: 17. Januar 2010, 20:20:16 »

Hallo ihr beiden,

während Schatz kocht kann ich in Ruhe meine Gedanken zum Buch sortieren, so gehört sich das. :zwinker:

Ich meinte nicht, dass Jess lieber selbst verschwunden wäre, damit man sich um sie Sorgen macht, sondern dass sie darunter leidet, dass ihre viel versprechende und hoffnungsvolle Schwester verschwunden ist und sie selbst außerstande ist, diese Lücke zu schließen, um den Kummer ihrer Eltern zu erleichtern.

Entschuldige, das habe ich falsch verstanden. :redface:

Über das beste Werther-Alter bist du zwar hinaus :breitgrins:, aber trotzdem solltest du's irgendwann nachholen. :zwinker:

Pah, was soll das denn heißen? Um herauszufinden, wie böse diese Bemerkung war, muss ich den Werther wohl schnellsten lesen. :zunge:

Auch inhaltlich ist es eher leichte Kost geblieben, finde ich. Da gibt es einige interessante Wendungen, mehrere Erkenntnisse und Wahrheiten, die im Laufe der Zeit so ausgesprochen werden, aber ganz, ganz wenig, woran ich mich in vier Wochen noch erinnern werde, und nichts, was einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen hat (so wie bei Hustvedt, die ich bis heute nicht wieder losgeworden bin).

So leichte Kost ist das Thema Selbstmord aber nicht, auch wenn Hornby es gut verpackt hat. Gut, vor dem Vollzug haben sie sich ja gegenseitig bewahrt, aber die Geschichten, die dahinter stecken, machen doch sehr nachdenklich, vor allem bei Maureen und Jess.

Insgesamt halte ich das Buch auch eher für leichte Kost, Hornby hat das Thema Selbstmord und die Schicksale, die in diesem Fall hinter der Geschichte stehen, zumindest in seiner gewohnt leichten Art verarbeitet. Das finde ich nicht schlecht, im Gegenteil, andererseits wird auch bei mir der bleibende Eindruck eher kurzfristiger Natur sein. Trotzdem gab es während des Lesens genug Punkte, mit denen ich mich auseinandersetzen konnte.

Ohne Frage habe ich die Entwicklung dieser vier verkorksten Typen gerne verfolgt, dabei ist mir Jess immer sympathischer geworden. Ihr Handeln steht im krassen Gegensatz zum ersten Eindruck, den sie vermittelt/ vermitteln will. Dabei glaube ich gar nicht mal, dass sie so eine starke Entwicklung durchgemacht hat sondern eher, dass Hornby immer mehr von ihr enthüllt. Sie bietet eigentlich ein gutes Beispiel für Rollenverhalten und den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdbild. :zwinker: Ganz anders bei Maureen, die ja tatsächlich eine neue Sicht auf ihr Leben gewinnt, was man ihr auch wünscht. JJ scheint ebenfalls ein Paradebeispiel zu sein und darf deswegen wahrscheinlich innerhalb kürzester Zeit zu tiefer Erkenntnis gelangen. Was Martin angeht teile ich euren Unmut, an dem sind Hopfen und Malz verloren gegangen.

Wenn du mich nicht angeschubst hättest, Breña, würde das Buch wahrscheinlich in zehn Jahren noch meinen SUB zieren. Hoffentlich klappts bald mal wieder! :winken:

Sehr gerne!
Es war schön mit euch gemeinsam zu lesen, viele Dank für's Gedanken teilen! :smile:

Viele Grüße
Breña
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Antw:Nick Hornby - A Long Way Down
« Antwort #22 am: 17. Januar 2010, 22:51:29 »

Überhaupt finde ich, dass die Frauen die deutlich interessanteren Figuren sind, vielleicht allerdings auch ein bisschen zu klischeehaft extrem gezeichnet.

Ja, die beiden Männer schneiden schlecht ab. Besonders JJ geht ein bisschen unter. Zwar scheint er ohnehin ein ruhiger Typ zu sein, aber es wird wenig auf ihn eingegangen. Ich wollte die ganze Zeit mal eine Statistik aufstellen, wer von den Vieren am öftesten zu Wort kam, aber bisher war ich zu faul dazu. Rein vom Gefühl her würde ich sagen, Jess war die redseligste.


Danke nochmal an euch, dass ihr wegen mir mit der Leserunde auf den 1. Januar gewartet habt! Es hat Spaß gemacht, mit euch zu lesen.

Liebe Grüße
Doris
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