

Der Inhalt dieses Romans, geschrieben 1873 von dem "Großvater der jiddischen Literatur"
Mendele Mojcher Sforim ist nicht ganz einfach wiederzugeben.
Der junge Jude Isrulik (ein Kosename für Israel) möchte der Enge seines Schtetls entkommen und ein "richtiger Mensch" werden. Dazu will er Medizin studieren und ein erfolgreicher Arzt werden. Eifrig bereitet er sich auf die Zulassungsprüfung vor, besteht sie, da er den Prüfern missfällt, allerdings nicht.
Dies führt zu einem psychischen Zusammenbruch, während dessen Isrulik Halluzinationen erfährt. Er trifft wiederholt auf eine alte, von allen misshandelte Schindmähre, die ihm zu seiner Überraschung erzählt, sie sei ein verwunschener Prinz, dem von bösen ägyptischen Zigeunern vor Jahrhunderten diese Gestalt verliehen worden war. Isrulik versucht, dieser Mähre zu helfen, was sich aber als nicht ganz einfach herausstellt.
In weiteren Halluzinationen begegnet Isrulik dem Dämon
Asmodai und anderen teuflischen Gestalten, die ihm das Elend und Schwächen der Menschheit zeigen und ihn dazu verführen wollen, eigenen Profit daraus zu schlagen.
Schnell wurde mir klar, dass die Mähre für das jüdische Volk steht, das von allen anderen geplagt und misshandelt wird oder dem bestenfalls von mitleidigen "Wohltätern" - vorausgesetzt, deren Verhaltensmaßregeln werden befolgt - herablassend Brosamen zugeworfen werden, aber das nie als gleichberechtigtes Volk unter gleichen anerkannt wird.
Dabei sind die Juden aber nie nur Opfer; in den teuflischen Halluzinationen werden die Schwächen aller Menschen gezeigt und dabei eben auch, wie Juden selbst ihren Mitmenschen das Leben schwer machen. Die "oberen Zehntausend" eines Schtetl bereichern sich auf Kosten der Ärmeren ebenso wie stärkere Völker an den Juden. So gibt z. B. Asmodai dem Isrulik Anweisungen, wie er
glücklich und im Wohlstand mit Weib und Kind leben und das Diesseits erringen kann:
Gehe davon aus: du bist die Stadt. Die Bedeutung davon ist sehr einfach. Tue alles, wie du willst, und sage: So will es die Gemeinde. [...]
Mein zweites Gebot ist: stets ein gottesfürchtiges Gesicht tragen. Scheinheiligkeit ist für einen klugen Menschen wie eine gute Kuh - sie gibt ihm Milch und Butter wie die beste Holstein. [...]
Mein drittes Gebot ist: Mitleid zeigen. Das bedeutet, man muss zwar alles auf dem Weg der Gemeinheit tun, aber immer sein Mitleid betonen.In einer sehr lebendigen Sprache prangert Mojcher Sforim in allgorischer Form alles Unrecht an, das Menschen anderen Menschen widerfahren lassen, unterbrochen von einigen poetischen Naturschilderungen. Allerdings ist es nicht immer ganz einfach zu lesen. Mehrfach habe ich den Faden in den halluzinatorischen Träumen verloren und nur mühsam wiedergefunden. Belohnt wurden meine Mühen aber durch spitzzüngige, treffende Kritik bestehender Ungerechtigkeiten, die auch heute unter anderen Vorzeichen noch aktuell ist.
