Oje, ich scheine die einzige zu sein, die nicht ganz überzeugt ist von diesem Forums-Renner...
Gail Carriger – Soulless

Alexia Tarabotti ist mit 26 Jahren eine alte Jungfer, lebt mit ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und ihren beiden Stiefschwestern im viktorianischen London und hat keine Seele. Ihre Familie lässt kein gutes Haar an ihr, ihre Haut ist zu dunkel (was ihrem –verstorbenen- italienischen Vater zu verdanken ist), ihre Nase zu groß, ihre Figur zu üppig und – oh Schreck – sie liest! Sie behandeln sie aber mit dem gebührenden Respekt, alles andere würde sie sich ohnehin verbitten, denn über Charakterschwäche kann Miss Tarabotti nicht klagen.
Es handelt sich um eine „Urban Fantasy“, gespickt mit ein bisschen Steampunk (Flugschiffe werden kurz erwähnt, nehmen aber in diesem Teil der Serie keine tragende Rolle ein, Wissenschaft und Forschung nehmen einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft ein und sämtliche Maschinen werden mit Dampf betrieben). Im viktorianischen London tummeln sich Vampire, Werwölfe und Geister. Alexias Seelenlosigkeit sorgt dafür, dass diese Wesen, wenn sie von ihr berührt werden, ihre übernatürlichen Kräfte verlieren, sie werden von ihr „neutralisiert“.
Alexia hat sich mit ihrem Schicksal abgefunden und ist zufrieden mit einem guten Tee, guter Lektüre oder einem interessanten Gesprächspartner. Ihr Schicksal nimmt aber eine andere Wendung, als sie unvermittelt von einem hungrigen Vampir attackiert wird.
Mich hat das Buch ein bisschen enttäuscht. Ich will aber zuerst die positiven Aspekte anführen. Es ist in einer anspruchsvollen Sprache geschrieben, der Humor kommt nicht zu kurz und die Charaktere waren mir am Schluss nahe und sympathisch genug, dass ich auf den nächsten Band neugierig bin. Außerdem ist es mal was anderes für mich gewesen. Wobei ich bis jetzt kein einziges Steampunk-Buch gelesen habe und aus der Vampir-Werwolf-Kiste habe ich bisher nur die Sookie Stackhouse-Bücher gelesen. Die sind im Vergleich dazu sprachlich auf einer viel niedrigeren Ebene, haben aber um einiges mehr an Handlung und Spannung zu bieten.
Und da bin ich schon bei meinem größten Kritikpunkt: Es passiert – für meinen Geschmack - so gut wie nichts in diesem Buch. OK, man braucht nicht immer Action (wobei in diesem Genre wäre das schon angebracht), aber auch abseits davon bietet die Geschichte nicht viel. Keine interessanten Gedanken, Philosophien, Dialoge, etc. Wäre nicht die Romanze eingeflochten, hätte ich mich wirklich nur durchgequält. Sprachliche Qualitäten schön und gut, aber mir hat ein bisschen Inhalt gefehlt. Der Plot selber war nicht sonderlich aufregend und die Auflösung am Ende hat mich auch nicht vom Hocker gerissen. Ich hätte mir mehr Informationen gewünscht zu dem geschichtlichen Hintergrund und auch zu der erfundenen Vampir-Werwolf-Welt. Die Geister zum Beispiel werden am Rande erwähnt, wie sie aber „funktionieren“ wird nicht erklärt. Die Charaktere sind auch lange Zeit sehr flach geblieben, erst gegen Ende des Buches bin ich der Hauptperson näher gekommen.
Alles in allem hat es bei mir den Eindruck hinterlassen, dass hier eine gute Idee für eine Geschichte von einer Autorin mit sprachlichem Talent und Humor aufgeschrieben wurde, aber nicht genug in die Tiefe gegangen wurde. Mit ein bisschen Bearbeitung hätte das Buch meiner Meinung nach viel, viel besser werden können.
Trotzdem, oder deshalb bin ich auf den nächsten Band neugierig. Hoffentlich verliert sich da nicht wieder der Text in Geplänkel über modische Spitzfindigkeiten und belanglosem Smalltalk…
Dieser Band bekommt von mir
