
Inhalt: Mirèio ist die einzige Tochter des reichen Bauern Ramoun. Auf dessen Hof kommt der alte Korbflechter Ambròsi mit seinem Sohn Vincèn. Die beiden jungen Leute verlieben sich ineinander, und deshalb weist Mirèio auch die übrigen Freier ab, die den Hof aufsuchen. Der Rinderhirte Ourrias nimmt diese Zurückweisung besonders übel und stellt Vincèn zum Kampf, wo er diesen mit unfairen Mitteln schwer verletzt. Auf seiner Flucht vor der Tat ertrinkt Ourrias aber in der Rhône, während Vincèn von der heilkundigen Zauberin Tavèn gerettet wird. Vincèn bittet seinen Vater, für ihn bei Ramoun um Mirèios Hand anzuhalten, was Ramoun ablehnt. Mirèio läuft daraufhin von zu Hause fort und will bei den heiligen Marien, den Schutzpatronninen der Provence, Hilfe erflehen. Dort angekommen hat sie eine Erscheinung. Die groß angelegte Suchaktion ihres Vaters bringt zwar Mirèios Eltern und auch Vincèn zur Kapelle, aber Mirèio erliegt der Belastung und einem Sonnenstich. Zurück bleiben bestürzte Eltern und ein tief verzweifelter Vincèn, der sich mit seiner Geliebten zusammen begraben lassen will.
Meine Meinung: Das Ganze könnte auch ein Operlibretto sein, tragisch genug ist es, und das Verhältnis von Menge an Handlung zur Textlänge paßt auch
Tatsächlich läßt sich dieses Werk recht flüssig lesen, da es als Versepos im Vergleich zu anderen Gedichten eine fortlaufende Handlung aufweist, an der man sich entlang hangeln kann. Dabei gibt es vor allem in der ersten Hälfte sogar richtig spannende Szenen wie den Kampf zwischen Vincèn und Ourrias. Zum Ende hin nahm mir der religiös aufgeladene Aspekt dann allerdings doch zu viel Raum ein, auch wenn ich dies bei einem Text aus der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht verwunderlich finde. Dafür gab es aber noch ein paar schöne Einblicke in das provenzalische Landleben jener Zeit und einiges über die Stadt Arles, was ich durchaus interessant fand, da ich die Stadt von unserer Oberstufenfahrt her ein wenig kenne.
Mistral gehörte einem Kreis an, der sich der Erneuerung und Wiederbelebung der provenzalischen Sprache verschrieben hatte. Das wurde in der Fassung von Projekt Gutenberg, die ich hier gelesen habe, zum einen in der Einleitung ausgeführt und im Text selbst immer wieder durch Hinweise auf die provenzalischen Formulierungen und die Probleme ihrer Übersetzbarkeit in Erinnerung gerufen. Darüber hinaus gab es auch direkte Erläuterungen zu vielen anderen Stellen, die sonst nicht ohne weiteres verständlich gewesen wären.
All das machte
Mirèio zu einer durchaus interessanten Leseerfahrung, vor allem im Vergleich zu den meisten anderen nobel geehrten Lyrikern, auch wenn ich nun nicht postwendend weiteres von Mistral lesen muß.

Schönen Gruß,
Aldawen