Ich habe eine Frage zum Taxi: Schon zum zweiten Mal werden Gutscheine erwähnt. Wie funktioniert denn das?
Ich kannte das System auch nicht, aber eine kurze Google-Suche hat ergeben, dass es sowas in Basel und Zürich tatsächlich gibt. Da kann man Taxigutscheine im Wert von 5 oder 10 Franken kaufen und die werden dann von fast allen Unternehmen angenommen. Ich kann mir vorstellen, dass Leute, die in diesen Städten wohnen, häufig ein Taxi nehmen.
Ich habe mich nämlich auch schon gefragt, wie sich Adrian Weynfeldt in der Stadt fortbewegt. Autofahren ist doof, weil man sich dann um einen Parkplatz bemühen muss und im Tram kann ich mir den Mann einfach nicht vorstellen. Ich glaube, der fährt die ganze Zeit Taxi (es wird ja ab und zu auch erwähnt). Das erklärt vielleicht auch, wieso er offenbar im Besitz von Blanko-Gutscheinen ist (gegen Ende von Kapitel 10, als Rolf Strasser dem Taxifahrer den Gutschein hinwirft und meint, er solle den Betrag einsetzen, den er wolle). Der bekommt wahrscheinlich jeden Monat eine Sammelrechnung...
Ich bin mit Kapitel 22 fertig und frage mich schon, wieso Weynfeldt sein Leben so lebt, wie er es tut. Er umgibt sich mit Leuten, die eigentlich nur etwas mit ihm zu tun haben wollen, weil er reich ist und das weiss er eigentlich auch. Ich frage mich nur, ob es ihm wirklich egal ist oder ob er es eifach verdrängt. Kann es wirklich sein, dass er halt lieber ein paar Blutsauger im Telefonbuch hat als gar niemanden, wie Bettina vermutet?
Ich finde es tragisch, dass Weynfeldt sich dann auch noch anhören muss, dass seine Grosszügigkeit mit Arroganz gleichgesetzt wird (Kapitel 13, Rolf Strasser verkracht sich mit Weynfeldt). Den Vorwurf darf man einem solchen Menschen vielleicht schon machen - aber nur dann, wenn man sich nicht von ihm finanzieren lässt...
Was Weynfeldt da an jungen Freunden um sich gruppiert hat, ist praktisch ausschliesslich Geschmeiss. Ich frage mich, wie lange er wohl braucht, bis er merkt, dass er das eigentlich nicht nötig hat. Und dass man mit Geld keine Freunde kaufen kann. Aber vielleicht sieht er sich auch eher als eine Art Mäzen - die von ihm unterstützten Personen sind ja alle in künstlerischen Berufen (Maler, Architekt, Regisseur) tätig. Die einzige, die aus dem Rahmen fällt, ist Lorena. Und zu der komme ich jetzt:
Da zeigt sich meines Erachtens, wie verunsichert Weynfeldt ist. Dass er so mit sich umspringen lässt - zahlen darf er, Lorena aus der Klemme helfen auch, aber ihren Nachnamen oder ihre Telefonnummer erfahren nicht - und sich dann auch noch in sie verliebt, zeigt, dass er keine Kontrolle mehr über diese Beziehung hat. Und es zeigt auch, dass auch reiche Leute (vielleicht sogar öfter als andere) manchmal arm dran sind. Ich konnte das persönlich schon öfter beobachten, weil ich in meiner Jugend eine im Buch erwähnte Bonzenschule selber besucht habe (nicht als Kind reicher Eltern, sondern als normale Schülerin, die es dort auch gibt). Da hatten wir Leute, die zum 18. Geburtstag einen fabrikneuen Porsche geschenkt bekamen etc. Aber glücklich waren die wenigsten von denen - weil auch die wenigsten freiwillig da waren. Ich glaube, die meisten haben sich (nicht zu Unrecht!) von ihren Eltern abgeschoben gefühlt. Der Teenager ist ein schwieriges Geschöpf und drum wird er mal in die Obhut von Profis gegeben, die den jungen Mann/die junge Frau dann so formen, dass man sie als anständige junge Leute zurückbekommt. Und den Urlaub - ja gut, den bringt man dann irgendwie hinter sich an einem schönen, teuren Ort.
Kein Wunder, dass Weynfeldt das Gefühl hat, die Sonne gehe auf, wenn sich eine Frau, für die er sich interessiert, sich auch für ihn interessiert. Lorena weiss das natürlich und nutzt es schamlos aus. Ich finde sowas widerlich, zumal sie ja merkt, dass Weynfeldt ein lieber Kerl und kein Vollidiot ist, der es verdient.
Man kann sich immer fragen, was denn wichtiger ist, materieller Reichtum oder wahre Nähe zu geliebten Menschen (seien es jetzt Eltern oder Freunde). Das eine schliesst zwar das andere nicht aus, aber in den Kreisen der Reichen scheint es nach meinem subjektiven Eindruck weniger wahrhaft glückliche Menschen zu geben als ausserhalb dieser Kreise. Zumal ja bei den Reichen noch was ganz Perfides hinzukommt: Viele von denen sehen sich gar nicht unbedingt als reich, weils für sie selbstverständlich ist und es halt immer noch Reichere gibt. Die vergleichen sich nicht mit den Normalbürgern, sondern mit ihresgleichen und da gibts dann schon wieder Unterschiede. Für einen materiell orientierten Menschen kann es ein echtes Problem sein, wenn er sich nebem dem Chalet in Gstaad kein zweites in Arosa leisten kann...
Es sind genau auch diese Materialisten, die Mühe haben, echte Freunde zu finden, weil sich Anti-Materialisten (die sich für Freundschaften viel besser eignen) nicht mit ihnen abgeben möchten. Wobei ich Weynfeldt jetzt nicht als Materialisten sehe, im Gegenteil. Er hat einfach das Pech, das Kind reicher Eltern zu sein und so zwar genug Geld, aber offensichtlich zu wenig Liebe mit auf den Lebensweg bekommen zu haben. Und jetzt möchte er zwar Nähe (wie jeder Mensch), hat aber keine Ahnung, was eine gute Freundschaft ausmacht.
Aber naja, mein Mitleid mit Materialisten (die gibt es in jeder Vermögensklasse) hält sich trotzdem in Grenzen. Wer nicht begreift, dass das Glück woanders liegt als im Anhäufen von Besitztümern, hat es wohl einfach nicht anders verdient...
Ihr seht also, auch wenn mir das Buch nicht unbedingt gefällt, es regt mich doch dazu an, meine Gedanken zu Materialismus und Freundschaft mal mit einem grösseren Kreis zu teilen

Liebe Grüsse
Alfa Romea