
Johan Theorin, Öland
(Piper Verlag, Juli 2008)
ISBN 978-3-492-05089-0
446 Seiten; € 19.90 (HC)
Originaltitel: Skumtimmen
Zum Autoren (vom Klappentext):
Johan Theorin, 1963 in Göteborg geboren, verbringt seit seiner Kindheit die Sommer auf der Insel Öland, deren mythische Landschaft ihn zu diesem Roman anregte. "Öland" ist der erste Teil eines geplanten Jahreszeiten-Quartetts und spielt im Herbst. In Schweden stand es sofort nach der Veröffentlichung viele Wochen auf der Bestsellerliste [...].
Zum Inhalt (ebenfalls vom Klappentext):
Ein neblig kühler Spätsommertag. Vorsichtig klettert ein Junge über die Steinmauer eines einsamen Hauses und blickt auf die grasbewachsene Ebene Ölands. Alles ist still, nichts bewegt sich. Der Junge tritt in den Nebel hinaus und verschwindet ohne Spur. Niemand, nicht seine Familie, nicht die Polizei und kein Helfer aus dem Suchtrupp, sieht ihn je wieder. Zwanzig Jahre später erhält Julia, die Mutter des Jungen, die noch immer an seine glückliche Heimkehr glaubt, einen ungeheuerlichen Anruf: Ihr Vater ist am Apparat und behauptet, es gebe einen Hinweis, ein neues Beweisstück. Julia soll nach Öland zurückkehren und ihm bei der Suche nach ihrem verschwundenen Sohn helfen. Dort geht das Gerücht, der unheilbringende Nils Kant sei der Mörder. Schon als Kind habe der seinen Bruder getötet und auch später so manches Unglück über die Insel gebracht. Aber Nils Kant liegt seit vielen Jahren begraben und starb, lange bevor der Junge verschwand. Manch einer dagegen behauptet, er wandere noch immer über die weite Kalkebene von Öland.
Meine Meinung:
Der Krimi startet stimmungsvoll, der Nebel, der an dem Tag, als Jens Davidsson verschwand, ist fast greifbar. Die erste Situation ist die, in der Jens über die Mauer geklettert ist und einem Mann begegnet, der sich als Nils vorstellt. Dann erst lernt man Julia kennen, die Mutter des Jungen, die auch zwanzig Jahre nachdem Jens verschwunden ist, noch sehr unter diesem Verlust leidet. Sie hat darüber vergessen zu leben, ist de facto arbeitsunfähig, lebt von einer Krankmeldung zur nächsten und sucht mit Hilfe von Rotwein ein bißchen Trost. Als ihr Vater Gerlof, ein alter Seemann, der mittlerweile im Altersheim wohnt, sie anruft, erwacht sie aus ihrer Lethargie und fährt zu ihm auf die Insel Öland - die Insel, die sie nach Jens' Verschwinden kaum noch betreten kann.
Einerseits fand ich den Beginn toll - man kann die Verzweiflung Julias spüren, aber ebenso Gerlof nachvollziehen, der ein andere Herangehensweise hat: auch er vermisst seinen Enkel noch immer, gibt sich selbst die Schuld am Unglück des besagten Tages, weil er nicht zuhause war, und wünscht sich ein besseres, näheres Verhältnis zu seiner Tochter Julia. Aber als ihm jemand anonym eine Kindersandale zuschickt, schöpft er Hoffnung auf eine Erklärung was mit seinem Enkeln passiert ist und beginnt sofort mit Nachforschungen.
Leider verzettelt sich der Autor meiner Meinung nach dann ein wenig. Die Figuren werden genauestens beleuchtet, immer wieder erzählen Rückblenden von Nils Kant und welches Unglück er über die Bewohner Stenviks gebracht hat. Und auch Gerlof, dem man den wortkargen Seebären vergangener Tage sehr wohl abnimmt, spricht manchmal doch verdammt wenig - gerade mit seiner Tochter. Hier war ein-, zweimal mein Lesefluß etwas gebremst, weil mir nicht so wirklich schlüssig war, warum Theorin diese Ausflüge unternimmt... Doch spätestens 70, 80 Seiten später ist dies vorbei: die Geschichte nimmt noch einmal Fahrt auf, die ersten Möglichkeiten, selbst mitzurätseln tun sich auf - was der Geschichte noch eine Tick besser steht.
Im Nachhinein bin ich versucht, zu behaupten, dass das Buch keine Längen hat: das mag vor allen Dingen daran liegen, dass die Geschichte einige gute Wendungen annimmt, die ohne so manchen kleinen Ausflug nicht hundertprozentig logisch gewesen wäre - aber wenn ich ehrlich bin, dann hat es mich in dem Moment, in dem ich die Stellen gelesen habe, schon ein bißchen gestört.
Ein klassischer Krimi ist "Öland" nicht. Die Polizei ermittelt nur wenig, sondern Großvater Gerlof Davidsson, zwei seiner Freunde und nach einer gewissen Zeit auch seine Tochter Julia. Stimmungsvoll bleibt das Buch durchweg - ich habe große Lust mir die Insel und vor allem die Alvar einmal anzusehen, auch wenn mir der Nebel spätestens jetzt doch Respekt einflössen würde... Interessant sind die zwischenmenschlichen Gegebenheiten und sehr spannend die Suche nach einer Erklärung nach Jens' Verschwinden und der Vergangenheit mit Nils Kant.
Fazit: Mal ein anderer Krimi, der durch ungewöhnliche Wendungen, viel zwischenmenschliche Entwicklungen, Habgier und Schmerz, Heimweh und Unglück, lebt und der vor allen Dingen durch einen wirklich guten Stil besticht.

und

Liebe Grüße
dubh
PS. Das Buch gibt es übrigens inzwischen auch als Taschenbuch-Ausgabe - ebenfalls bei Piper und für € 9.90.