Und darüber hinaus ist sie auch eindeutig homoerotisch. Das ist weder per se ein Nachteil noch grundsätzlich ein Qualitätskriterium gleich welcher Art, aber natürlich ein Unding zur Entstehungszeit, die hier mit der Erzählzeit übereinstimmt, nämlich im Fin de Siècle. Sá-Carneiro spielt mit Geschlechterrollen und sexuellen Phantasien (ohne dabei übermäßig pornographisch zu werden), aber irgendwie hatte ich eher den Eindruck, daß das gesamte Personal der Novelle einen guten Psychiater gebraucht hätte, und möglicherweise (wenn ich mir seine Biographie vergegenwärtige) der Autor gleich mit. Hätte ich länger daran lesen „müssen“, hätten das Buch und ich uns wohl vorzeitig getrennt.
Na, ja nun....es hilft literaturkritisch nicht weiter, wenn man das Personal und sogar den Autor in psychiatrischer Behandlung schicken möchte, wo kommen wir denn dann hin? Das Homosexualität im Fin de Siècle nicht gesellschaftsfähig war, kann ich mir schon vorstellen, trotzdem, im
Bildnis von Dorian Gray gibt es ebenso homosexuelle Anspielungen. Die Kunst richtet sich nicht danach, was gerade gesellschaftsfähig ist. Im Grunde genommen spielt de Sá-Carneiro, indem er mit Geschlechterrollen spielt, auf alte Gepflogenheiten an, wie sie schon bei Shakespeare ("Wie es euch gefällt") und Théophile Gautier ("Mademoiselle de Maupin") zu finden sind. Man denke hier auch an Hosenrollen in der
Hochzeit des Figaro oder im
Rosenkavalier.
Sá-Carneiros Kurzroman (oder Romannovelle) lässt viel Freiraum für Interpretationen. So lässt sich mit einigen Textbeispielen die These untermauern, dass Lúcio, Ricardo de Loureiro und Marta ein und dieselbe Person sind (und schon sind wir weit weg von Homosexualität). Sa-Canneiro will natürlich bewusst den Leser irgendwo hintreiben lassen, dass er nicht mehr weiß, wo er ist. Was Real und was Lúcios Fantasie ist, lässt sich nicht eindeutig ausmachen. Allerdings heißt es einmal:
Risse man uns plötzlich die Augen heraus, so hörten wir darum keineswegs zu sehen auf.
Interessant ist die These "über die Wollust" in der Kunst" - keine Unzucht, sondern "die Wollust als Rohstoff" benutzen, um "überirdische Werke" zu schaffen. Sa-Carneiro meint warscheinlich Sublimation.
Liebe Grüße
mombour
PS: Danke für die Literaturempfehlung
