Isabel Abedi - Lucian

Es fühlte sich an wie ein hauchfeiner Riss tief in meinem Inneren. Er war kaum wahrnehmbar, als ob mir jemand mit der Pinzette ein Härchen ausgerupft hätte, das nach innen gewachsen war. Ein kurzer Ruck, dann war es vorbei. Was blieb, war ein sonderbares Gefühl von Leere, das ich nicht deuten konnte.
Dieser Riss veränderte von einem Moment das Leben von Rebecca Wolff. Plötzlich hat sie einen immer wiederkehrenden Alptraum von sich und begegnet einem Jungen immer wieder, einem Jungen ohne Vergangenheit, der nicht weiß, wer er ist, aber Rebecca und er, Lucian, spüren von Anfang an, eine Verbindung zueinander…
Rebecca lebt bei ihrer Mutter Janne, die lesbisch ist und Psychologin von Beruf. Ihre Lebenspartnerin Patrizia, die von allen nur “Spatz” genannt wird, ist Künstlerin und sie ist es auch, die den Mittwochabend zum Ladys Night in macht, schon seit Rebecca klein ist.
Eines Mittwochabend beschließt Janne, die an diesem Abend bestimmen durfte, den Dachboden zu entrümpeln um ein paar alte Sachen auf dem Flohmarkt zu verkaufen. Und genau an diesem Abend kam es zu dem Riss in Rebeccas Innerem, ganz plötzlich und nichts war mehr so, wie sonst.
Von Isabel Abedi habe ich noch nie etwas gelesen, aber ich hatte es immer vor. Und kaum hatte ich erfahren, worum es in diesem Buch geht, musste ich es einfach haben. “Lucian” hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen, einerseits wollte ich es ununterbrochen lesen, aber andererseits wollte ich einfach nicht, dass es zu Ende ist, aber jetzt weiß ich, dass ich das Buch sicherlich noch öfter lesen werde… Allerdings fällt es mir wirklich schwer, etwas zu dem Buch zu schreiben, da ich “Angst” habe, entweder zu viel zu verraten oder dem Buch nicht gerecht zu werden…
Die verschiedenen Charaktere in dem Buch, seien es Janne, Rebecca, Spatz oder auch ihre beste Freundin Suse oder Rebeccas (Ex-)Freund Sebastian kamen mir sehr authentisch vor.
Anfangs war die Sache mit Lucian eher nebensächlich. Zwar musste Rebecca oft an ihn denken, dass durch die Ich-Perspektive deutlich rüberkam, aber dennoch gab es zuerst noch ihr richtiges Leben mit ihrer Familie und Freunde, die sie lieben und für sie da sind. Und die auch Probleme haben, z.B. Janne, die einen “schweren” Fall zu behandeln hat oder Suse, die ihren ersten Freund hat, aber ein kleines körperliches “Problem” hat. So gewannen auch die “Nebenpersonen” an Farbe und an Tiefe.
Doch genau dadurch wurde auch sehr gut hervorgehoben, wie Rebecca sich langsam immer mehr für Lucian interessierte und ihr familiäres Leben eher in den Hintergrund gerät und ihre Sehnsucht nach Lucian sie immer mehr zu ihm zog. Sie belog ihre Freunde, ihre Mutter, die sich Sorgen um sie machten, bis es zum Höhepunkt kommt und ihre Mutter keinen anderen Ausweg mehr sieht…
Während des Lesens bin ich emotional Achterbahn gefahren und auch in vielen Sachen, die Rebecca tat, habe ich selbst schon hinter mir und sehr ähnlich gehandelt, von daher war sie mir von Anfang an sehr sympathisch.
Das Geheimnis um Lucian ist zwar recht fantastisch, aber dennoch wunderschön. Vieles, z.B. das Verhalten von Personen, etc. kommt einem anfangs komisch vor, aber am Ende hat es Isabel Abedi geschafft, es zu einem Ganzen zu vereinen, sodass alles einen Sinn ergibt.
Das Cover ist sehr einfach gehalten, aber dennoch finde ich es sehr schön. Zu sehen ist einzig eine weiße Feder auf schwarzem Untergrund. Der Schriftzug von “Lucian” ist weiß und geht ins rötliche und passend dazu ist der Name der Autorin in rot geschrieben. Alles nicht sehr aufwendig, aber die Wirkung zusammen mit dem Inhalt macht das auf alle Fälle wieder wett. Und dazu gibt es noch ein rotes Lesebändchen und ein tolles Lesezeichen, passend zum Buch!
Ich muss sagen, mich hat das Buch tief berührt. Das Ende kam relativ plötzlich und schnell, aber für mich einfach ein perfektes Ende, dass an der richtigen Stelle aufgehört hat. Als ich das Buch zugeklappt hatte, hat es etwas gedauert, bis alles sacken konnte und auch immernoch ist der Inhalt in meinem Kopf verankert und wird sicherlich noch lange dableiben. Es hat mich sehr nachdenklich gemacht, vorallem wie es wäre, selbst einen Lucian zu haben…aber wer weiß.
“Lucian” gehört auf alle Fälle zu meinen Highlights und ich bin schon auf Isabel Abedis weitere Bücher gespannt.
