Aber seine Erklärungsversuche zu den psychologischen und sozialen Hintergründe der Täter empfand ich ich den meisten Fällen als sehr dürftig. Welchen Weg diese Menschen später genommen haben, wie sie mit ihrer Schuld umgehen, bleibt außen vor.
Da merkt man, dass er Anwalt und nicht Psychologe ist. Er reimt sich seine Analyse zusammen, wie wir das an seiner Stelle vielleicht auch tun würden und wenn der Fall abgeschlossen ist, kommt der Deckel drauf und gut ist. Der weitere Werdegang der Porträtierten hätte mich auch interessiert. Das fehlt in dem Buch, da gebe ich dir recht.
... sonst hat die Berichterstattung den faden Beigeschmack von Sensationsjournalismus.
Das empfinde ich nicht so. Man weiss ja nicht, wer die im Buch beschriebenen Leute sind. (Ich habe zwar nicht gegoogelt, aber ich nehme schon an, dass er die Namen und andere Merkmale, die die Leute identifizierbar machen, geändert hat.)
Sensationsjournalismus ist das höchstens in dem Sinne, dass hier auf unterhaltsame Weise die Härten der Unterwelt und die Fehlbarkeit des Menschen dargestellt werden. Unterhaltung, kreiert aus Elend... Wobei ich finde, dass von Schirach eine gute Balance zwischen süffigem und nüchternem Stil gefunden hat, um eben genau nicht in diese Falle zu tappen.
Meine Meinung:Die Geschichten werden als wahr verkauft und sollen sich so zugetragen haben. Bei manchen Geschichten fiel es mir nicht schwer, das zu glauben. Bei anderen war ich ziemlich sicher, dass von Schirach sie zumindest ein wenig ausgeschmückt hat. Grundsätzlich halte ich allerdings jede dieser Geschichten für möglich. Ob von Schirach das jetzt wirklich alles selber erlebt hat, ist eigentlich egal. Viel wichtiger ist, dass er schreiben kann.
Stilistisch erinnern mich die kurzen Geschichten an eine Mischung aus der Erzählkunst von Alex Capus und der versteckten Bissigkeit von Martin Suter. Von Schirach beschreibt die Motivationen und Gedankengänge der (teilweise vermeintlichen) Kriminellen zwar sehr neutral, aber zwischen den Zeilen entdeckte ich immer wieder Hinweise darauf, dass er durchaus eine Meinung zum Treiben seiner Kundschaft hat. Ich dachte beim Lesen öfter, dass es fast ein Wunder ist, dass von Schirach im Umgang mit einigen der beschriebenen Menschen nicht zum Zyniker wurde oder den Beruf gewechselt hat.
Stattdessen scheint er immer noch ein engagierter Anwalt zu sein, der seinen Beruf ernst nimmt. Das zeigt sich auch darin, dass er sich nicht darauf beschränkt, nur ein paar süffige Geschichten zum Besten zu geben. An den passenden Stellen fügt er auch immer wieder kurze Exkurse über den Sinn und Zweck des Strafrechts ein. Gerade deshalb wünsche ich diesem Buch noch viel mehr Leser, als es bisher schon hatte. Dann würde dem einen oder anderen Stammtischbruder klar, dass man als Aussenstehender nicht vorschnell über vermeintlich milde Gerichtsurteile schimpfen muss. Denn erstens kennt man als Nicht-Beteiligter nie alle Fakten und zweitens dient ein Urteil der Strafe des Täters und nicht der Sühne des Opfers. (Ein gängiger Denkfehler, wie man den Leserbriefspalten jeder Zeitung entnehmen kann. Stichworte: «Kuscheljustiz» und «lebenslanges Leiden des Opfers». Letzteres ist zwar manchmal wahr, würde aber durch die lebenslange Wegschliessung des Täters auch nichts ändern.)
Trotzdem stehen die Mechanismen in der Justiz nicht im Vordergrund, sondern die Porträtierten und ihre Erlebnisse. Das Leben hat diese Geschichten geschrieben und mit Ferdinand von Schirach war glücklicherweise ein Chronist in der Nähe, der sie mit Sorgfalt und einer Prise Humor aufgezeichnet hat, ohne etwas zu beschönigen oder jemanden zu verurteilen.
Fazit:Ein in mehrfacher Hinsicht wertvolles Buch, das erst noch sehr unterhaltsam (und ein bisschen erschreckend) ist. Empfehlenswert.
9 von 10 Punkten