Meine MeinungLange habe ich – und wie viele andere Fans - auf den neuesten Roman von Rebecca Gablé gewartet und diesen Monat war es endlich soweit, „Hiobs Brüder“ erschien. Ich habe in der Wartezeit ganz bewusst keine Leseprobe des Romans angerührt und habe somit ganz unbedarft das Lesen begonnen. Das einzige was ich über das Buch wusste, es solle mehr die Sozialgeschichte Englands beleuchten und im 12. Jahrhundert angesiedelt sein.
Bereits nach den ersten Sätzen war klar, dass mich zumindest stilistisch und sprachlich keine Überraschungen erwarten würden. Vom Schreibstil her ist „Hiobs Brüder“ vom ersten Moment an ein typischer Gablé. Man taucht unmittelbar in die Handlung ein, erfreut sich an der Sprache und dem Aufbau des Romans. Es ist und bleibt einfach ein Genuss Rebecca Gablés „Stimme“ zu lauschen und in ihre Welt einzudringen, sich fallen zu lassen und sich ganz der Geschichte hinzugeben.
„Hiobs Brüder“ unterscheidet sich gerade in der ersten Hälfte von den übrigen historischen Romanen Rebecca Gablés. Die Geschichte ist nicht so eng an die Geschicke der historischen Persönlichkeiten geknüpft, wie man es von der Autorin gewohnt ist und damit beschreitet sie durchaus neue Wege. Wege, die mich hundertprozentig überzeugt haben. Der Fokus liegt auf den Gefährten, der Gemeinschaft. Den Männer, die von der Inselfestung fliehen können und sich auf den Weg durch ein vom Bürgerkrieg zerrüttetes England machen, um sich selbst und ein sicheres, lebenswertes Leben zu finden. Gerade diese Handlung hat mich unglaublich fasziniert und mitgenommen. Mich in einen Strudel der Gefühle gezogen, mich nicht mehr losgelassen und viel zum Nachdenken gebracht. Es war sowohl aufregend als auch erschreckend, mehr über das Leben im mittelalterlichen England zu lesen. Darüber, wozu Menschen in ihrer Angst und Unwissenheit fähig sind, zu welchen Grausamkeiten aber auch zu welcher Güte. Besonders gefreut hat mich, dass die Autorin dabei nicht nur Christen, sondern auch Juden einbezogen hat. Ungefähr ab der Hälfte des Romans wandelt sich die Handlung und Rebecca Gablé scheint auf altbewährte Weg zurück zu kehren. Die Geschichte ist enger mit dem historischen Hintergrund verwoben und die Figuren geraten in die gefährlichen Abgründe der Politik, erleben den Bürgerkrieg am eigenen Leib, treffen auf historische Persönlichkeiten. Fiese Ränke und Intrigen selbstverständlich inbegriffen. Rebecca Gablés Geschichte ist komplex, in ihrer historischen Bedeutung ebenso wie in ihrer zwischenmenschlichen. Der historische Hintergrund ist, wie nicht anders zu erwarten war, perfekt recherchiert und ebenso akribisch wie gekonnt in die Handlung eingeflochten. Ich konnte den historischen Begebenheiten problemlos folgen und habe einen interessanten Einblick in einen weiteren Teil englischer Geschichte erhaschen können.
Spannend und unentrinnbar, humorvoll und ernst, fröhlich und deprimierend, schön und schrecklich webt die Autorin ihre Handlung. Man bleibt darin hängen wie eine Fliege im Spinnennetz. Es ist nicht möglich sich aus der Geschichte, um Selbstfindung, Freundschaft, Krieg und Leben zu befreien. Vergeblich sucht man des Nachts nach eine Stelle, an der man das Buch ruhigen Gewissens auf den Nachttisch legen kann, um wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Hier ist Selbstdisziplin gefragt, denn Rebecca Gablé entlässt ihre Leserschaft nicht einen Moment aus ihren schriftstellerisch so talentierten Fängen.
Die Figuren haben mich umgehauen, in erster Linie die Insel-Gefährten. Und dabei sind die Figuren auf den ersten Blick keineswegs die strahlenden Helden, sondern bedauernswerte, gedemütigte, furchtsame, von Selbstzweifeln und Ängsten gequälte Männer, die von der Welt ausgestoßen und isoliert um ihr Überleben kämpfen. Mit viel Liebe zum Detail hat Rebecca Gablé ihre Charaktere geschaffen und ich habe zu den Männern dieser Gemeinschaft eine sehr tiefe, emotionale Bindung aufgebaut. Es sind unglaublich originelle, realistische, lebendige und facettenreiche Persönlichkeiten, die der Leser auf ihrem Weg begleiten darf. Selbst zum bösartigen Regy hatte ich einen Draht, der mir manchmal selbst unheimlich war. Regy ist wohl eine der faszinierendsten, wenn auch nicht sympathischsten Figuren dieses Romans. Alle Gefährten haben in mir etwas zum Klingen gebracht und ich konnte mit ihnen leiden, hoffen und lieben.
Allerdings wandelt sich im Laufe der Handlung einer der Protagonisten von einem facettenreichen, interessanten und undurchschaubaren Charakter zu einer eher vorhersehbaren und „typischen“ Helden-Figur. Ich muss zugeben, das gefiel mir nicht und daraufhin verlor diese Figur an Anziehungskraft und leider auch an Originalität.
Die Nebenfiguren konnten mir nicht alle nah kommen, stehen sie doch deutlich im Schatten der Gefährten und es ist häufig spürbar, dass sie nur Randerscheinungen der Geschichte sind, wichtig, aber nicht übermäßig bedeutend.
Die historischen Persönlichkeiten hat Rebecca Gablé gekonnt in die Geschichte eingeflochten und aus ihnen glaubwürdige, lebendige Figuren geschaffen, über die ich unheimlich gerne gelesen habe, gleich ob gut oder böse. Es war faszinierend König Stephen und Kaiserin Maud zu begegnen, Thomas Becket bei einem Schwätzchen zu lauschen und Henry Plantagenets Vitalität zu spüren.
Wie nicht anders zu erwarten war, hat sich der Verlag wieder unheimlich viel Mühe mit der Gestaltung des Romans gegeben. Die Illustrationen passen perfekt zur Handlung, das Nachwort ist ausführlich und hat all die Fragen beantwortet, die ich mir beim Lesen gestellt habe. Im Einband des Buches befindet sich eine Karte, ein Personenverzeichnis der historischen Persönlichkeiten sucht man ebenfalls nicht vergeblich. Die Umschlaggestaltung finde ich zwar wunderschön, aber ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich es sehr schade finde, dass der Buchrücken nicht zu den anderen Romanen der Autorin passt.
Fazit
„Hiobs Brüder“ ist ein wundervoller, ergreifender Roman, über Menschen, die zeigen wie viel wert sie sind, obwohl sie in den Augen ihrer Mitmenschen derart wertlos sind, dass sie eingesperrt und ausgegrenzt gehören. Es ist eine Geschichte über Freundschaft vor dem historischen Hintergrund des Bürgerkrieges zwischen König Stephen und Kaiserin Maud, die mich unheimlich berührt hat. Spannend, humorvoll und glaubwürdig erzählt, mit faszinierenden, außergewöhnlichen Figuren. Ich habe die Gefährten - Simon, Losian, Godric, Wulfric, King Edmund, Regy und Luke - unheimlich gerne auf ihrem Weg begleitet und ich bin mir sicher, sie werden mir noch lange Zeit im Gedächtnis bleiben.
BewertungDamit tue ich mich dieses Mal unheimlich schwer. Mein Bauch sagt, volle Punktzahl, meine Kritik sagt 4 von 5. Also irgendwo zwischen 4 und 5 wird es wohl liegen.
