auch: Erinnerungen an Petersburg


Brodsky nimmt den Leser mit in seine Jugend nach Leningrad, heute wieder Petersburg, und das auf recht charmante Weise, obwohl die geschilderten Umstände in mancher Hinsicht recht trostlos sind. Ob das die anderthalb Zimmer sind, auf denen er sich mit seinen Eltern arrangieren muß oder die unfähigen Lehrer, die ihn zur Rebellion und zum Verlassen der Schule treiben. Daneben stehen die positiven Bilder der Eltern, vor allem des Vaters, der als Jude die Marine verlassen mußte. Die familiären Einblicke wechseln immer wieder mit kleinen Beobachtungen am Rande, die es Brodsky aber erlauben, das „große Ganze“ zu betrachten, z. B. bei den immer gleich gebauten, grün gestrichenen Zäunen, die den Uniformismus in allen Lebensbereichen sehr anschaulich machen. Aber Brodsky begnügt sich nicht mit seinen Erinnerungen, die er sowieso für fragwürdig hält. Immer wieder reflektiert er sein persönliches Spannungverhältnis zwischen Russisch und Englisch. Daß es einen Unterschied macht, in welcher Sprache er sich erinnert und schreibt, ist für ihn keine Frage. So sinnt er darüber nach, wie sich dieser Unterschied bemerkbar macht und auswirkt, was ich wirklich interessant fand, da ich manches von meiner Motivation fürs Fremdsprachenlernen darin wiedergefunden habe, aber auch einige Aspekte, die für mich (bislang zumindest) keine Rolle gespielt haben, weil ich meinen heimischen Sprachraum noch nie für längere Zeit verlassen habe. Insgesamt war dies eine der lohnenderen Nobelpreisträgerlektüren, schade, daß es so dünn war, davon hätte ich auch mehr lesen können.

Schönen Gruß,
Aldawen